Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 14 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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' Nr. 14 .'. Tle Wahrhell Lette 7. -Mgiäglich mehretemals äbgeleitrtja einem klappernden Mnhl-! -rW' ähnlich klang die Audachtsübnng,' welche Seele und' Herz cheM 'Gotte Israels entgegentragen i sollte." Diese ewige, tlnuntevbrochene Wiederholung profanierte die heilig-erhabenen Stufen- > gesängeund setzte sie tiefer herab, als abgedroschene Gassenhauer. Ln schnödem Lippenwerk ward jedes Gebet und jeder Bibelabschnitt verderbt, und so, darf es nns nicht Wunder nehmen. - daß auch der Gottesdienst ohne Äiidacht und ohne Wurde verlief. Die Hanptleitllng der religiösen Angelegenheiten lag nunmlehr fast ausschließlich in den Händen polnischer „Melamdim" und ihnen ward auch der Unterricht und die Erziehung der .Kinder, namentlich der Knaben anvertrant, die unter dem Einstnß eines häßlichen und verderbten Sprachjargons und unter dem Geislesdruck eines bis zum äußersten Uebermaß verfrühten und überspannten Talmndstndiums standen, während man sich um die Erziehung der Mädchen nicht viel kümmerte. Diese Melamdim weideten nun ihre Herde oft mit eisernem Stabe, denn ihre Strafen waren zumeist' ungerecht und derart barbarisch, daß nicht selten Mißhandlungen vorfielen, durch welche Gesundheit und Leben der Kinder gefährdet wurde. Naturgemäß mußte den Kindern die Schule zur Folterkammer und ihr Schulmeister zum wahren. gransenerregenden Tyrannen werden, dessen strenge Züchtigungen sie sich mit List und Gewalt zu entziehen bemüht waren. Wo ward nun dem armen Knaben wohl und kindlich zu Mute? In der Schule ge- -ättgstigt von der gefürchteten Barbarei eine» rohen Lehrers, draußen verhöhnt und verfolgt von der feindseligen Dorsjngeud, verblieb ihm kaum ein Spielplatz, seine wenigen freien Mußestunden dahinzutändeln. Der Grund zum Hasse gegen den Zngendbildner war demnach in seiner ganzen Fülle vorhanden und nichts war natürlicher, als daß dieser Haß und dieser Widerwillen. auch auf das. was gelehrt wurde, übertragen werden mußte. Die Anzahl von Gebeten, die, bevor dem Knaben das 'Frühstück verabreicht ward, verrichtet werden mußten, wurden mit Mißmut und unter Tränen, und so hastig als es sich nur tun ließ, mit Wittdesschnelle abgeleiert, oft wurde absichtlich ein Blatt mehr, als heimlicher Gewinn, nmgeschlagen. Dieses nach der Elle gemessene Morgengebet, das als Tribut dem Höchsten dargebracht wurde, widerstand begreiflicherweise dem kindlichen Sinne, lind so wuchs der jüdische Knabe, frühzeitig gewöhnt an Unterdrückung, ohne Rettnngsmittel. als sklavische Unterwürfigkeit oder List und Lüge — und diesen moralischen Defekt chatte die Erziehungsmethode der Rohheit und des Knechtsinns gezeitigt. Aber unter so traurigen Verhältnissen von innen mußten nicht allein alle Gefühle für Menschenadel und Geistesfreiheit -erstickt werden, auch die bessere Einsicht und das wahre Verständnis jener Lehre, die in den Zeiten der Not und des Drangsals von außen unseren Vorfahren Freude und Trost gewesen, mußte nach und nach schwinden. Kommentare ans .Kommentare häuften sich; jeder meinte, die zngespitzten Spitzen der Väter wiederum noch mehr znspitzen zu müssen, und so entstand eine Menge von scharfsinnigen „Winzigkeiten", die den Text dergestalt umgaben, daß dieser ganz unsichtbar in einer Flut von erklärenden Noten schwamm. Wie von Unkraut überwuchert lag der Altar des Herrn in tiefer Verborgenheit. Es waren nur noch Noten da zum Texte, deren Studium ein -ganzes Leben ansfüllte. Und wie dieser Reichtum an Kommentaren'zunahm, verarmte Israel an wahrer Gotteserkenntnis und Gottesfurcht. Jene polnischen Schulhalter hatten vermöge ihrer errungeneil Autorität jedwede andere Bildungsquelle abznschneiden gewußt und als gotteslästerlich dem gläubigen Gemüte dargestellt. Von Lektüre blieb nichts als einige alte Sagen- und Ritterbücher aris dem Jahrhundert der Meistersäuger, die in immer neuen Ausgaben in jüdisch-deutscher Sprache abgefaßt, dem Volke geboten wurden. Den' Frauen gar ward eine Bibel in die Hand gegeben, die nur Kommentar war und kaum.eine Spur vom Texte mehr enthielt, deren plumpe Holzschnitte und Initialen ßedoch den Kindern jener Zeit viel Vergnügen gewährt haben mochten. . -■ So stark war die Verödung und Verknöcherung in den geistigen Gebieten des -höchsten'Menschentums unter den rohen Händen einer . knechtischen Masse ausgeprägt, so stand es mit einem. Worte in Israel, als Gott ihm den dritten Moses sandte, dem es Vorbehalten war, dieGeistessesseln seiner Glaubeusbrüder zu lösen und durch eine wort- und sinngetreue Bibelübersetzung seinem Volke das unverfälschte Wort Gottes lvieder zm ückzngeben — Moses Mendelssohn. Rabbiner Dr. Joses Hoff. Bisenz. Israels nabeftegbare Lebenskraft. Mein sel. Rabbi, der mir frühzeitig die Pforten der religiösen Wissellschasten erschlossen und mich für den reinen geläuterten Gottesglauben erwärmt und begeistert halte, verdiente seiner tiesinnigen Frömmigkeit, wie seiner asketischen Lebensweise wegen den hochsrommen Rabbineu des siebzehnten und achtehnten Jahrhunderts würdig au die Seite gesetzt zu werden. Selbst sein großer Lehrer, der berühmte Rabbi Moses Sofer s. A., bei dem er lange Jahre sieißig gelernt, hatte ihm — wie mir vor ungefähr fünfzig Jahren sein Kollege, der scharfsinnige Oberrabbiner Jsak Aron Landesberg s. A. in Großwardein erzählte — oft über seine übertriebene Frömmigkeit ttnd das allznviele Fasten Vorwürfe gemacht. Nichtsdestoweniger hat er oft Aenßerungen getan, die von einer milden toleranten Denkungsart zeugen. Als man ihm. nachdem die Morgenröte der Freiheit auch in unserem Vaterlande zu dämmern begann und die alten Pharaonischen Ansitahmsgesetze, die das Judentum Jahrhunderte lang tief zu Boden drückten, in das Reich der Nichtigkeit gedrängt wurden, erzählte, daß die Inden in den großen Städten Samstag ihre Geschäfte wie an Werktagen betrieben, daß sie tu nichtjüdischen Restaurationen speisen und sich überhaupt über die lvichtigsten Satzungen der Thora leichten Herzens hinwegsetzen, so daß zu befürchten sei, daß schon Pie nächsten Generationen dem Jndentume nicht mehr angehören werden, psiegte er zu sagen: „Mir macht das wenig Sorgen, denn ich habe nur für mich zu sorgen, damit ich ja gewissenhaft meine Pflichten als Jehudi mit als Mensch erfülle, für Gott aber brauche ich nicht zu sorgen. Wenn der liebe Gott wird wollen Juden haben, so ivird er sich sie schon zu verschaffen wissen." Ich war damals noch ein junges Kind — dürfte 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein — und vermochte selbstverständlich diese Thesis nicht recht zu erfassen. Spüler jedoch habe ich erst den tiefen Gedanken, der dieser, so sonderbar erscheinenden Aenßernng zu Grunde lag. heransgefnnden. „Ja, wenn Gott Jitden habeit will, so weiß er attch sie sich zit verschaffen." Bor der Offenbarrmg am Sinai sah es sehr traurig in der Welt aus, die Menschen waren verroht, vertiert, entsittlicht und demoralisiert, die Herzen bildeten den Sitz wilder zügelloser Begierden. Nächstenliebe, Menschenfreundlichkeit, brüderliche Teilnahme, tiefes Mitgefühl, echte Humanität waren für die damaligen Menschen fremde unfaßbare Begriffe, daher es auch keine wahre, innige Lebensfreude gegebetk. Ein Chaos drohte hereinznbrechen und die sittliche moralische Welt vollständig zu vernichten. Da aber der Allgülige sein schönes, prachtvolles, imposantes Weltgebände nicht zit dem Zwecke ins Dasein gerufen hat, damit es von den Menschen — um derentwillen es erbaut wurde — zerstört, sondern verschönert, verherrlicht und für alle Zeilen erhalten werde, so entschloß Er sich der in Gefahr schwebenden Welt eine Verfassung zu geben, die als mächtige, kräftige Säule nttd Stütze des erschütterrett Gebäudes für alle Zeiten dienen möge. Diese Verfassitug, „die Thora", war daher von Beginn an bestimmt Gemeingut der Gesa m r m e n s chheit zu werden; sie wurde niemandem ansgedrängt und kein einziges Volk wurde bei dieser Gelegenheit bevorzugt. Thora nifcna bemokom hefker sagen unsere Weisen. Die Offenbarung fand in der Wüste, die iticht Eigentum eitles Einzelnen, sondern Gemeingut aller, die in ihr weilen ist, statt, daher jeder, der nur wollte, die Thora bekennetl konnte. Es wurden, wie der Midrasch die sittliche Verkommenheit der damaligen Völker schildert, außer Israel, vorerst die anderen Nationen befragt, ob sie geneigt wären die Thora anzunehmen. Als man den Söhnen Israels diesen Antrag stellte, fragten sie : Was steht