Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 14 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Die Wahrheit '; Nr. 14- und originell erfaßt uyd das Rettnngsmittel HMnsgefnudeil hab§N. Doch auch ganz abgesehen: von dem niateriellen Nutzen, welchen- Sette 6 Indem wir hier den Wortlaut des Aufrufes des böhmischen Wahlkotuitees wiedergeben, wollen, wir llöch eiue Tatsache hei^ vorheben, daß diesmal das tschechische Wahlkomitee sich keineswegs darauf beschränkt hat. in seinem böhmischen allgenieinen Wahlaufruf auch einen Appell an die jüdischen Wähler zu richten) sondern eineUmfangreiche eigene Gedenkschrift an die mosaischen Wähler, und zwar in deutscher Sprache versendet hat, die sich auch einer klaren, in ganz ruhigem, streng sachlichem Tone gehaltenen Sprechweise befleißigt, auf welche Gedenkschrift zurückzukonimen? wir uns Vorbehalten. Dr. E—n. ■ Der Wille der Gottesfürchtige» So alles auf Wahrheit beruht, was jüdische Blätter über den Plan der „guten Jüden" berichten — und diese „guten Juden" haben das Zeug dazu, Wunder zu wirken — stehen die galizischeu Juden vor dem Vollzüge einer eminenten, kulturjüdischen Großtat sondergleichen. Die frommen guten Jüden aus Sadagora, Czortkow rc. steigen vou dem hohen Piedestal des göttlichen Sekrerarius mit gefülltem klingenden Beutel zum jüdischen Volke herab, ,uiu jüdische Mittelschulen ins Leben zu rufen? Wahrlich eine an das Märchenhafte grenzende Tat dieser Frommen, welche, wenn sie vollzogen wird, ein nationales Retlnngswerk mit vollstem Rechte genannt werden darf. Bedenken wir einmal die Situation im galizischeu Israel. Seit vielleicht einem halben Jahrhundert besitzt das galizische Israel keine allgemein anerkannte Jeschiwa, obwohl es viele düstere, dumpfe Klausen gibt, welche dem einen oder dem anderen Rebben gehören. Aus all diesen Klausen geht kaum ein hervorragender Talmudist hervor, wohl aber mancher unglückliche Batlen und Geistschlürfer. jener bekannte Typus von Zanunergestalteist welche das jüdische Elend und die schrecklichste Not stabilisieren, ein Krebsschaden für das galizische Israel und ein Gegenstand des Hohnes und des Spottes der christlichen Umgebung — einer Umgebung, die im Schweiße ihres Angesichtes und mit unzähligen Schwieleuhäudeu ihr Brod selbst verdient, ohne Wnndertäterei, ohne den lieben Herrgott und menschliche Wohltäter um Hilfeleistung anzusprechen, eventuell anzubetteln. Nun soll ein wahres Wunder passieren. Das Volk, welches im Finstern wandelte, soll ein großes Licht geschaut haben?! Allein wozu müssiges Fragen? Gehören ja doch die Initiatoren einem eigenen Typ ihrer Brodgenossen an, welche m ihrer Führung königliche Pracht entfalten und profanes Wissen in reichem Maße sich aueignen! Daher halten wir die Gerüchts wornach dieselben eigene jüdische Mittelschulen gründen wollen, für diskutierbar. Wenn wir auch au die Möglichkeit der Bestreitung der Kosten nicht ohne weiters glauben, an der Notwendigkeit der Errichtung eigener jüdischer Lehranstalten kann kein ernstdenkender Jude mäkeln. Im Vereine Schomer Israel drängte sich uns schon vor 34 Jahren die Ueberzengung auf, daß es unbedingt notwendig sei, eine höhere jüdische Lehranstalt zu errichten, in welcher neben Thora und Talmud auch pro* fauch <Missen gelehrt werde. Uns stand dazumal die Summe von Million Gulden zur Verfügung, allein wer diesen Plan zerstört hat, das waren Wunderrabbis und Chassidim, die wohl Heute zum großen Teile nicht mehr zu den Lebenden zählen. Man darf die Institution des Schomer Israel, welche in rein jüdischem Interesse die jüdische Hochintelligenz zu kräftigen suchte, wohl nicht mit der nltrapolnischen Sternbachschen von anno 1910 identifizieren, welcher jeder denkende Jude als heimlichen Verrat am Judeutume zurückweisen wird. Man komme uns auch nicht mit dem feilen Spotte, diese Lehranstalten als Cadres.für jüdische Jesuitenorden zu stigmatisieren, was wohl dem jüdischen Geiste ganz fremd erschiene; eHer wären sie als moderne Zelte Sems aufzufasseu, in welchen das jüdische Geistesleben einen zeitgemäßen Doppelschliff erlangen wird. Wenn man neben der moralischen Bewertung derartiger jüdischer Lehranstalten auch , den materiellen Effekt richtig einschätzt — denn Geistesprodukte werden immerauch in materielle Güter umgesetzt —dann muß Man hen Rabbis freudig znstimmen, daß sie den Drang der Zeit und die Bedrängnis unseres Volkes richtig die Verbreitung - des Doppelwissens. untereiner größeren Bevölkerungsschichie, die bis zur Stunde demselben fremd geblieben, unbedingt nach sich zieht, bringt dieses Mehrwjssen mehr. Würde, mehr stolzes, jüdisches .Selbstbewußtsein und hebt' dadurch dep bisher niedergebeuglen Büigermnt. - - v:;.-r-:vh Wir erachteil die geplante Schöpfung, aber auch .als eine- Art Vorban gegen,.die einr'eißendeTanssenche. Wir galizischeu Juden besitzen im aÜgemeinen keine derartig feinfühlige Scheu vor Ueberbürdnttg unserer Kinder durch eine Erweiterung des. hebräischen Unterrichtesund bei uns besitzen selbst Mädchen den nationalen Ehrgeiz, unsere nationale Literatur zu studieren-und kaum daß derartige jüdische Mittelschulen zur Verfügung gestellt sind, erleben wir das in Wien so viel Schrecken erzeugende Wunder der Hebraisiernng, ähnlich wie e§ seinerzeit'mit der Polonisiernng geschah, welche alle anderen Sprachen, vom Kultus- und Halldetskammerpl äsidenten bis znm kleinen Handwerksmann, verdrängte. Schon jetzt, trotz der schwachen Organisation, kann man hebräisch konversierende Mädchen und Männer hören, die um keinen Preis der Welt in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche flüchten würden, wohin aber die Assimilationspolen ihre ekle Bettelznflucht genommen haben. Wir erwarten daher die Tat der Wunderrabi mit Ungeduld und werden ihre Realisierung mit lebhafter Sympathie begrüßen als eine rettende Wundertat „guter Jüden" zur Verhütung weiterer, fast unvermeidlicher Katastrophen. Dr.^ Rüben Biere r. Das Grzi«chu»gsrvesen bei de» dent- Icheu Inden in der vsrmendelssohnfchen Epoche. Die Wende des 17. Jahrhunderts bot den dentschen Jitden noch immer ein freudloses, düsteres Dasein, das den Drang jedes freien Lebensgenusses frühzeitig niederhielt und das Seelenilnd. Gemntsleben ausschließlich nach innenkehrte. Doch sticht allein von außen ward die jüdische Gemeinschäft durch dre mittelalterliche Barbarei eines bestehenden Gesetzes zu Kammerknechten der Kaiser und der Großen, sowie zu Straßenfegern freier Reichsstädte herabgewürdigi, auch von einem Sklävenjoche im Jmiern war sie tief gebeugt und hingegeben einem öden Bnchstabendieüst, einem endlos komplizierten, ans alle Fälle des Lebens bis ins- Kleinlichste eingehenden Formelwesen schien sie zu verknöchern. Die anfgezwungene Sklaverei von außen entsprach der freiwilligen Knechtschaft von innen, wie denn überall eine die ändere hervorzurnfen pflegt. War jedoch diese äußere Knechtschaft schmachvoll genug, war die innere noch viel schmählicher; denit die erstere ward wenigstens gemildert durch ein volles Gegengewicht, das den Volksgeist wieder hob und. trug, da waren als Kompensationen tiefe, fromme Herzensregüngen, heiße Wünsche und Hoffnungen ans Erfüllung der messianischen Verheißungen. Allein die innere freiwillige Knechtschaft hatte kein derartiges Aeqnivaleut; in ihr lag der damalige Jude in allen feinen' Richtungen gefesselst und der innere Verfall würde um so tiefer und erniedrigender, als die Menschenklasse, die jene Autorität besaß, eine gesunkene war. Diese zahllosen sogenannten Gelehrten waren es, die ihren großen Vorfahren und Mustern unähnlich, die Worte der heiligen Schrift, die sie interpretierten, auch zu ihrem Nutzen clusznbenten verstanden. Polnische Schnlhalter fanden damals überall Eingang in jüdische Häuser, um das Erziehnngswesen zu übernehmen, und diese tauschten mit Bereitwilligkeit für die Weisheit, die sie mitbrachten) vergängliche Güter ein. Das Religiy.nssystem komplizierte sich mit jedem neuen Lehrer, die Kasuistik ward grenzenlos und unerschöpflich, die Kommentare häuften sich mit jedem Tage und überwnchsen, Wucherpflanzen gleich, dem einfachen Baum des Lebens und erstickten ihn, seine Nahruugsfäfte in sich.saugend —- wie mochte er da gesunde Früchte trägen? . ...u: Aber auch alle Religionsübungeu versailken in dumpfe Mechanik; ohtie Verständnis--ward, die ^lnantität des Gebetes