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Die Wahrheit · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 12. Die Wahrheit i > Die Juden in der Technik, der Kunst» der Wissenschaft nnd als Forscher» Entdecker und Erfinder. (Fortsetzung.) Noch größer wohl als in dem glühenden Sonnenbrände Afrikas und in den Wüstensteppen und Felseinöden Asiens sind : die Gefahren und Strapazen» die dem Forscher in dem-ewigen Eise der Polargegenden drohen. Und auch hier haben eine ganze Anzahl von Juden» denen von amisemitischer Seile immer Feigheit vorgeworsen wird, ihr Leben eingesetzt, um der Wissenschaft zu nützen. Schon im 16. Jahrhllndert hatte, wie wir einer Spezialabhandlung von Dr. Max Grunwald entnehmen, der. holländische Jude Plancins die Theorie vom offenen Polarmeer ausgestellt, nnd hierdurch den theoretischen Grund zum Versuche der Nordost-Passage und der Fahrten zum Pol gelegt. 1596 schossen einige reiche jüdische Amsterdamer Kanfleute Geld zusammen nnd schickten Barentz mit sieben Schiffen, schwer mit Waren beladen in die Kara-See. An Bord befanden sich auch mehrere Inden» die als Dolmetscher'bei den sarazenischen Völkern dienen sollten, die man in Ostsibirien vermutete. Diese Expedition endete unglücklich. Spitzbergen wurde entdeckt, Novaja-Semlja umsegelt, aber die Schiffe wurden im Eise erdrückt, der Führer starb» lind nur zwölf Mann kehrten nach Europa zurück. Fast nn allen amerikanischen Nordpol-Expeditionen der Neuzeit haben Inden teilgenommen. Unter Elisa Kent Kanes Begleitern im Smith-Snnd 1853 befanden sich die Juden Gary und Becker: Dieser war einer der Teilnehmer jener verunglückten Schlittenpartie, die, bei — 85 Grad Reanmnr im Schnee begraben, geschwollen und verstört, unfähig zn sprechen, erstarrt und verhungert am 20. März liegengeblieben waren. Es wäre unmöglich gewesen, die Armen auszufinden, wenn nicht eine kleine Freimaurer-Flagge die Stelle bezeichnet hätte, an der die Leute unter dem Schnee lebendig begraben waren. August Sonntag» im Jahre 1858 zweiter Direktor auf der Dudley-Sternwarie in Albany. opferte seineangesehene Stellung» um sich dem Dr. Isaak Israel Hayes ans seiner Fahrt zum Nordpol 1860 anzuschließen: Ans einer Schlittenfahrt mit einem Eskimo fanb er im Dezember desselben Jvhres im Alter von 28 Jahren bei Sorsalik unterhalb Kap Alexander seinen Tod. Dr. Hayes ehrte das Andenken seines Gefährten in folgender Grabschrift: „In der traurigen Einsamkeit der arktischen Wüste schläft unser Kamerad den Schlaf, der in dieser geplagten Welt kein Erwachen kennt» hier, wo keine liebenden Hände Blumen ans sein Grab streuen nnd keine Aitgen von Trauersich trüben. Aber die sanften'Sterne» die er im Leben so liebte, werden über ihn ewiges Totenamt halten, die Winde werden über ihn jammern, und die Natur wird ihre gefrorenen Tränen ewig ans sein Grab fallen lassen/' Ob Isaak Israel Hayes selbst Jude war, läßt sich zurzeit nicht mit Bestimmtheit behaupten. Hier sei auch des Nachrufes gedacht, den Adolf Greely dem Astronomen der Lady-Franklin-Bay-Expedition (1881 bis 1884) Eduard Israel widmete. Diese Polarfahrt war eine der unglücklichsten, denn zwei Drittel der Teilnehmer sind bei Kap Sabine elend verhungert, darunter auch Eduard Israel. Ueber ihn schreibt Greely: „Israel war ein junger Mann von einigem Vermögen, graduiert an der Ann-Arbor-Universität, ein vielversprechender Astronom, der eine Zukunft vor sich hatte. Sein Tod ging mir sehr nahe, denn während der langen Monate, die er mein Schlasgenoffe war, hatten seine freundlichen Worte dazu beigetragen, mich zn ermutigen. Er hatte sich bei jedermann beliebt gemacht» nnd bei Sabine nannten wir ihn oft tinseren Benjamin. Seine Dienste waren sehr wertvoll für unsere wissenschastlichen Arbeiten und Forschungsreisen. Beim Lesen des Begräbnis-Formulares ließ ich alles weg, was seinen Religionsgenoffen anstößig sein konnte." Daß der Arzt der österreichisch-ungarischen Polarexpedition 1872 bis 1874 Dr. K e P e s ein Jude war, ist bekannt. Ueber seine wichtigen und erfolgreichen Dienste als Arzt nnd Zoologe hat sich Payer in seinem populären Buche äußerst lobend ausgesprochen. Auch Charles Francis Hall und Rares zählten Juden zn ihren Begleitern. Israel Bessels (geh. in Heidelberg am 2. Juni 1847, gestorben in Stuttgart am 30. März 1888) unternahm, durch Peterniann in Gotha ermutigt, 1869 die erste Reise in den arktischen Ozean, um den Einfluß des Golfstromes auf den Osten, von Spitzbergen zn studieren: 1870 betätigte er sich als Feldchirurg im deutsch- } französischen Kriege, wofür er vom Großherzog von Baden j öffentlich belobt würde. 1871 beteiligte er sich als Chirurg und? nnd Naturforscher an der Hall-Expedition auf der „Polaris"-, f wo er Hall in feiner schweren Krankheit behandelte. Seine! Forschungsergebnisse veröffentlichte er in den Publikationen der Smitlisonian Institution 1876. Auf einer ethnologischen Reise nach dem nordwestlichen Amerika scheiterte das Schiff. Für die Cook nnd Peary so förderliche Kenntnis der! Sprache und des Charakters des Eskimos hat'Dr. F. Boas,! Professor an der Clark-Universität in Worcester, Hervorrageni des geleistes. Der ans Berlin stammende Forscher sammelte sein Material drei Jahre lang, die er unter den Eskimostämmen des \ nördlichen Amerika und unter den Chinook-Indianern verlebt j hat. Als Erforscher Nordsibiriens wäre in diesem Zusammen-! hange'noch Waldemar Jochelson zn nennen, ferner L. I. Stern-! berg, der die Giljaken auf der Insel'Sachalin studiert» über die! man dem 1887 in Petersburg verstorbenen Iwan Semenowitsch j Poljakow ein auch ins Deutsche übersetzte Werk verdankt.! (Fortsetzung folgt.) l Verschiedene Nachrichten/ Vien. Freitag abends, den 24. März 1911, wird Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald im Leopoldstädter Tempel eine Predigt halten. BZieu. Samstag, den 16. d. M.» fand im Restaurant Herling er, II.» Zirkusgasse 3. eine gesellige Zusammenkunft der Wiener Kantoren statt. Es waren erschienen, Vizepräses Bauer, die Vorstandsmitglieder Sch leiser, L ö w i t, F r i e d l ä n d e r, R o s e n b e r g e r, die Kollegen Bajser, Weißma n u» K u h u e r, Meise l-Karlstadt. Ulrich- Nentitschein, G i b l i ch m a n n, K i r s ch n e r» Wolfenso h n, Dirigent H e i m a n n, Pros. Nascher. Die Sänger S t. r i f s, S ch w a g e r, D ü n m a u n, sowie zahlreiche Damen. Entschuldigt hatten sich Öberkantor F n ch s, S ch o r r und Dünn iii a n n. Oberkantor B a n e r begrüßte die erschienenen Kollegen, deren Frauen und Gäste, worauf in reicher Abwechslung gesangliche nnd musikalische Darbietungen mit kollegialer nnd geselliger Aussprache sich ablösten. Die Herren U r i ch nnd S tr iks trugen einige Arien unter reichem Applaus vor. Fräulein Mizi und Elsa Löw'ir» Schülerinnen der bekannten Gesangsineisterin Frau Funk-Frenud, saugen mit vieler Empfindung einige hübsche Lieder und ernteten vollen Beifall. Die Klavierbegleitung besorgte Frau Kantor K i r s ch u e r, die sich als tüchtige, fein gebildete Pianistin einführte. Prof. N a s ch e t las einige hübsche Gedichte vor nnd erfreute mit seinem unversiegbaren Humor die Gesellschaft. Wien. Mit Bezug ans die in unserer letzten Nummer erschienene Notiz betreffend die Ehrung des Oberkantors Don F u ch s anläßlich seiner zehnjährigen Amtstätigkeit wird uns seiiens des vorbereitenden Komitees mitgeteilt, daß diese Feier nicht, wie beabsichtigt war, am 8. sondern am 20. Styril (nos friniO stattfinden wird. Wien. Mit dem Vortrage des Herrn Rabbiners L. Goldsteiu fanden die Freitag-Abendvorträge im Bet H.i-Midrasch „Talmnd Thora", II., Malzgasse 16, ihren würdigen Abschluß. Drei Hamangestalten unserer Geschichte bildeten das Thema des sehr interessanten Vortrages. Außer den täglich nach dem Abendgebete stattfindenden hebräischen Vorträgen durch Herrn Vereinsrabbiner H. Schenk, letzterer auch an jedem Samstag von 11—12 Uhr und Sonntag von lj2\2—lj2l Uhr für junge Leute. Wien. Wohltätigkeits-Lotterie der Vereines „E i n h e i t". Die Lotterie-Verwaltung des jüdischen Vereines „Einheit" hat bereits mit der Ausgabe der Lose begonnen. Das große Interesse, welches dieser ausgesprochenen jüdischen Lotterie besonders in der Provinz entgegengebracht wird, beweist daß die Wichtigkeit der vom'Vereine in Wien, II.. Malzgasse 12 errichteten» jüdischen Volksspeisehalle in den weitesten Kreisen der österreichischen Jndenschaft anerkannt wird. Der Rnf dieser jüdischen Volksspeisehalle, in welcher täglich 1200 bis 1500 Mahlzeiten an unbemittelte Inden gegen ein mäßiges Entgeld verabreicht werden, ist von den Hunderten galizischen Schenkern, die anläßlich der Schenkerdeputation in Wien in der Boiksspeisehalle der „Einheit? in mustergültiger Weise verköstigt wurden, auch in die Provinzstädte des Reiches getragen worden. Die vom Vereine „E i n h e i t" ausgegebenen Lose präsentieren sich auch äußerlich in ihrer Form sehr einladend. Man sieht in 3 Abbildungen, die mit den modernsten Behelfen ansgestattete große Anstaltsküche, in der Mitte die große, säubere Speisehalle selbst, in welcher Juden jeden Alters vergnügt ihre Mahlzeit eiunehmen, rechts ist die Abbildung des separierten Saales sichtbar, den der Verein „E i n h e i t" den jüdischen Hochschülern als „IIensa aeademi'ea jxidaica4 zur Verfügung gestellt hat.

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