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Die Wahrheit · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 12. Dle Wahrherr Leite 5. komitee hatte nun Gouverneur Dix eingeladeu, bei der Einweihung als Hauptredner zu fungieren. Eröffnet wurde die Feierlichkeit mit einem von Rev. Dr. Josef Silver m a n n vorgetragenen Einleitnugsgebet. Hierauf erteilte. Rev. Doktor S ch u l m a n n den Segen. Unter brausenden Hochrufen betrat nun Gouverneur Dix das Podinw. Vor allein dankte er dem : Komitee für die Einladung. Er erachte es als eine große^ Ä u s z e i ch n u n g f ü r i d n, d i e f e r F e i e r l i ch k e i t beiwohnen zu dürfen. Gouverneur Dix nahm nun die Geb.äude namens des Staates New Jork entgegen und wünschte den Gründern des Instituts den vestmöglichen Erfolg bei ihrem humanitären Werke. Er bezeichnete es als, eine gute : Vorbedeutung für das Institut, daß dessen Einweihung am Geburtstage Washingtons, des Vaters des Vaterlandes, stcutfindet. Sodann sprach er über die große, einigende Macht des Patriotismus, die sich jedoch mit dem Gefühl der Menschenliebe vereinigen müsse, auf daß der Bürger es lerne, nicht bloß für die Ehre und den Bestand des angeborenen oder des adoptierten Vaterlandes auf dem Schlachtfelde zu kämpfen und zu sterben,; sondern auch für seine Mitbürger zu leben und. wenn nötig, in den Tod zu gehen. „Die.se Lehre", schloß Gouverneur Dix feine inhaltsreiche Rede, „deren allgemeine Befolgung die Menschheit zum Weltfrieden führen muß. ist nun durch die Errichtung des neuen Gebäudes in die Praxis übersetzt worden. Ich h a b e i m m e r die beiden hervorragenden E i g e n s ch a f t e ri d e s j ü d i s ch e n V o l k e s, Patriotismus u n d W o h l t ä t i g k e i t s s i n n, zu schätzen g e-w u ß t und k a n n I h n e n n u r v e r s i ch e r n. daß es mir eine Freude bereitet, in Ihrer Mitte zu verweile n." Dieser für uns Juden so bedeutungsvolle Ausspruch des Gouverneurs wurde nun von mehreren New Imker Zeitungen unterschlagen. Doch wollen wir gegen diese Unterschlagung nichts eiuwenden, mögen sie den ehrenvollen Ausspruch des Gouverneurs Dix für sich behalten und ans ihm für die Zukunft eine Lehre ziehen. Augenblicklich betrauert die hiesige Judenschnst eines der schönsten Gotteshäuser New Jorks. Die bereits vor fünf Jahren völlig niedergebrannte Synagoge der N e s ch k i u Israel A n s ch e i G u w a l k - G e m e i u d e Nr. 56 Christi- Street wurde gestern in. den frühen Morgenstunden abermals ein Raub der Flammen. Entsetzen packte die Frommen, die an Stelle des Gotteshauses einen Trümmerhaufen antrafen. Händeringend warfen sie sich nieder und baten den Allmächtigen um Verzeihung ihrer Sünden. Merkwürdig klingt nun die Erzählung eines alten Inden, daß in dem Hans, das vorher den Platz der Synagoge eingenommen hatte, eine alte Witwe jahrelang gewohnt haben soll und infolge der Erbauung des Tempels trotz ihres Protestes aus dem Hause gewieseil worden sei. Wie dem auch immer sei, die zweimalige durch Feuer verursachte gänzliche Zerstörung des Gotteshauses gibt zu denken Anlaß. Während nun an den Stufet! des Gotteshauses >die Frommen ihre Klagegebete zum Himmel sandten, wurde nicht weit von dem Brandplatze am East-Broadwey, der Hauptstraße des Judenviertels, ein Sefer-Thvra unter Jubeln und Jauchzen seiner Bestimmung zugeführl. Weißgekleidete Kinder streuten Blumen, eine Musikkapelle ließ jüdische Weisen hören. Und dann kam der Seser-Tbvra unter einem herrlichen Plüsch- Baldachin. Kinder Israels singend und tanzend beschloßen den Zug. Als ich nun das farbenreiche Bild an mir vorbeizieheu ließ, da siel mir Jakob Gordous Bezeichnung für East-New Jork ein: Klein Jerusalem! Mit bestem Gruß S. P. I u st u s. Der Fall Hilsner — ein europäisches Instizverbrechen*) So betitelt sich ein soeben bei A. W. Hayn's Erben in Berlin anonym erschienenes Schriftchen, das in gedrängter Kürze *)' Der Fall Hilsner — ein europäisches Justizverbrechen. Preis 50 Pf. alle in diesem seltsamen, vor mehr als 11 Jahren stattgefundeuen Ritnalmord-Prozeß begcrugenen Fehler anfzählt und die Begleitumstände kritisch beleuchtet. Bekanntlich ursprünglich auf dem rein religiösen Boden stehend, mußte, als das Unsinnige des Ritualmordes, beziehungsweise der Blntentziehung für Zwecke des jüdischen Qpferfestes, absolut sicher nachgewiesen war. die Anklage in der über Revision erfolgten zweiten Verhandlung zu Pisek sich dazu bequemen, dieses mittelalterliche Hirngespinst auszuschalten und die Motive für den 1899 im Walde bei Polua vorgekvmmeuen Mädchenmord anderswo zu suchen. Augenscheinlich als Ersatz hierfür fügte die Anklagebehörde sofort einen neuen, dreiviertel Jahre etwa vorher, ebenfalls in der Nähe verübten Mädcheumvrd ein — von dem es übrigens keineswegs feststeht, ob es wirklich Mord und nicht Selbstmord war — und stützte sich hierbei lediglich ans einige Aehnlichkeiten rücksichtlich des Versteckens der Leichen, beziehungsweise des Skelettes im zweitgenanuteu Falle. Weitere Anhaltspunkte gab es keine. Allein auch bezüglich des ersten, Hilsner zur Last gelegten Mordes stellen die „Beweise" alles andere vor als Indizien, es sind dies nämlich eine Hose, von der es nicht sicher ist, daß sie der Beschuldigte am — nicht festgestellten — Tage der Tat am Leibe trug, zwei „Blut"fleckchen. von welchen es nicht bewiesen werden konnte, ob sie wirklich Blut waren, überdies Blut von der Ermordeten — die außerdem auf der Rückseite der Hose sich vorfandeu — und daun gesellte sich noch die nach mehr als vier Monaten abgegebene Aussage eines nicht ganz einwandfreien freiwilligen Zengen hinzu, welcher Hilsner am Tatorte, der auch nicht genau bekannt ist. zur kritischen Stunde, die ebenfalls nur auf bloßen Annahmen beruht, herumstreichend, überdies ans der Entfernung von nahezu 700 Metern, erkannt haben will. Eingehende Versuche unter wissenschaftlicher Kontrolle haben das Unhaltbare dieser Behauptung erwiesen. Außerdem versagte der Angeber selbst bei einer von Amts wegen mit ihm vorgeuommenen Sehprobe, bei der es überdies insofern nicht mit rechten Dingen zuging, als ihm das Publikum „einsagre". Noch fadenscheiniger war das „Beweis"-Materia! für den zweiten Fall, indem da nicht einmal festgestellt werden konnte, ob die seit 17. Juli 1898 verschwundene Marie Klima wirklich au jenem Kirchweihfeste teilgeuvmmen hatte, von dem die Anklage ausgehl. Für beide — angenommenen — Stunden, in welchen die Verbrechen voifielen, konnte Hilsner ziemlich gut sein Alibi Nachweisen, insbesonders im zweiten Falle. Bei keinem der beiden Fälle konnten die eigentlichen Täter und demgemäß auch nicht ihr Zusammenhang mit Hilsner eruiert werden. Dennoch fand die Verurteilung ivegen Mithilfe am Morde, n. zw. zum Tode für beide Fälle statt! Daß dieses Verdikt nur zufolge der nngeheuren vorausgegangenen Aufstachelung der wildefterr Leidenschaften, nicht nnr des religiösen, sondern auch des politischen Fanatismus zustande kam —Hilsner spricht wie alle Inden Böhmens auch Deutsch — liegt auf der Haud. Es hätten sonst die Mädchenmorde, die gerade in jener Gegend vor- und nachher vvrkamen, in gleicher Weise behandelt, weit mehr aufgebauscht werden müssen. Das Schriftchen weist daher auch ganz richtig ans die schon bei der Voruntersuchung begangenen schweren Fehler und Unterlassungssünden hin, welche alle auf den suggestiven Einfluß einer grenzenlosen terroristischen Agitation im antisemitischen Sinne zurückzuführen sind und wodurch die Verfolgung der richtigen Spuren verabsäumt wurde. Wiewohl die Ritualmordfrage wie erwähnt offiziell bei der zweiten Hanptverhandlung beseitigt war, erfolgte dennoch das Plaidoyer des Vertreters der Privatbeteiligten, d. i. der Angehörigen der Ermordeten, vollständig im Zeichen des Ritnalmordes, und zweifellos fällten die Geschworenen unter diesem bequemen Titel, der nicht das mindeste Kopfzerbrechen verursacht, ihren Schuldsprnch. Die zum zweiten Male dagegen eingelegte Revision erweist sich aus formalen Gründen angeblich undurchführbar. Daher schließt das lebendig geschriebene Büchlein mit dem Appell an die Generalprokuratur über den Formelkram sich hinwegzusetzen und eine neuerliche Revision anzuordnen — selbstverständlich nicht in einem national so erhitzten Revier wie bisher — um diese einzig dastehende Schmach endlich zu tilgen.

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