Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 80. Die Wahrheit Leite 7 Die Wirkungssphäre und die Funktionen der Rabbiner chatten eine dreifache Bestimmung: 1. Sie überwachten und handhabten das religiöse, rituelle, wie liturgische Gebühren ihrer -Gemeinde. 2. Schlichteten sie alle innerhalb ihrer Gemeinde vorkommenden Streitigkeiten nach streng-rabbinischen Vorschriften. Zum Behnfe der vollen Rechtsgiltigkeit der so eben angeführten Funktionen waren dem Rabbiner noch zwei talmndisch gelehrte Assessoren beigegeben. 3. War es jedes Rabbiners teils religiöse Pflicht und teils ein Ehrenpnnkt sein talmndisches Wissen ans andere zu übertragen, und zwar entweder dadurch, daß er Rabbinatskandidaten unentgeltlich unterrichtete und zn ihrem Berufe heranbildete, oder daß er in der Synagoge zuweilen öffentliche belehrende Vorträge hielt, was indessen auch jedem dazu befähigten Laien ans Aufforderung des Synagogenvorstehers gestattet war (Orient I. 6.) oder endlich dadurch, daß er die von auswärts an ihn gerichteten rituellen Fragen schriftlich beanttvorteie. Auf diese Art entstanden die sogenannten Gutachten, deren Ungarn bloß von vier rabbinischeu Autoritäten aufzuweisen hat, von Ephraim Kohu 1666, Meir Eiseustadt 1715—40, Abraham Zwi 1712 und Moses Sofer 1801 bis 1839. Derlei Gutachten behielten gewöhnlich einen bleioeuben gesetzlichen Wert. Jeder Rabbiner war in seinem Wirkllngskreise vollkommen unabhängig von jeder anderweitigen rabbinischen Autoritär und war berechtigt, nach vorher unternommener strenger Prüfung, auf eigene Hand jedem Rabbinatskandidaten ein vollgiltiges Befähignngsdiplom zu erteilen. Wenn nun 1684 der Wiener .Rabbiner Samson Wertheimer und 1749 der Nikolsbnrger Rabbiner Bernsch Eskeles den Titel L a n d e s r a b b i n e r von Ungarn führten, so war dies bloß ein leerer Ehrentitel, da sie in Ungarn durchaus keinerlei oberhirtlichen Einfluß üben konnten." VII. Die Synagoge. Die Synagoge, diese der Andacht und Gottesverehrung geweihte Jnstittttion ist so alt wie das Jlldentum. Als die Söhne Israels bald nach der Offenbarung am Sinai sich von dem beim Auszuge ans Aegypten sich ihnen angeschlossenen Troß, „Erew raw“ genannt, verleiten ließen, ihre heiligsten und edelsten Güter, ihre erhabensten Ideale zn verleugnen, dem krassen Materialismus zu huldigen und voll Begeisterung auszurufen: „Dieses sind deine Gottheiten, Israel, die dich ans Aegypten geführt," wurde auf Befehl Gottes ein Heiligtum „Stiftshütte" errichtet, um durch dasselbe die Aitfmerksamkeit der Israeliten von dem heidnischen Kulms der Tiere vergötternden und Menschen bedrückenden Aegypter abzuwenden und auf das Göttliche, Erhabene und wahrhaft Ideale hinznlenken. „Und sie sollen mir ein Heiligtum errichten, und ich werde in ihrer Mitte wohnen." (2 M. 25.) Das Gotteshaus soll nicht nur die Andacht erwecken, sondern den Eintretenden lebhaft erinnern, daß er der Sohn des Einig Einzigen sei, der der Vater aller Menschen, der Leuker aller Geschicke ist, daher hier alle gleich seien, die Armen wie die Reichen, die Glückbegünstigten, wie die Schwergeprüften. Jeder Mensch, in dessen Herzen der Glaube an das Wort Gottes feste Wurzel gefaßt, darf hier erscheinen, um seine Herzenswünsche dem großen, edlen Menschenvater vorzntragen. „O Gott, wer darf wohnen in deinem Zelte, wer sich ergehen' ans dem heiligen Berge? Derjenige, dessen Lebenswandel rein ist, und der die Tugend hochhält; wer Wahrheit im Herzen trägt, mit seiner Zunge nie verleumdet, nie seinem Nächstes Böses zufügt, nicht Schande häuft auf seinen Nebenmenschen; wer das Verächtliche verachtet und nur diejenigen ehrt, die wahrhaft gottesfürchlig sind; wer sich zum Nachteil schwört, oder fein Geld nicht auf Zinsen gibt, der unbestechlich für die Unschuld kämpft, wer solches übt, der wankt auf ewig nicht." (Psalm 15.) Nicht nur der Jsraelite, sondern überhaupt jeder Mensch, möge er welcher, Nation oder Konfession immer angehören, sindet nach der Lehre des Judentums im israelitischen Gotteshause, wenn er daselbst sein Herz in inbrünstigen Gebeten ausschüttet, Erhörung und Gewährung. Als Salomo den vor Gott zu Ehren erbauten prachtvollen Tempel eingeweiht hatte, rief er in seinem erhebenden Weihgebete aus: „Auch der Fremde, der Heide, der aus fernem Lande kommen würde, um in diesem Gotteshause zu beten, möge Erhörung finden." Mit Recht ruft daher der gottbegnadete Prophet Jefaias im Namen Gottes aus: „Auch die Fremden, die Heiden, die zum Ewigen sich gesellen usw. führe ich einst zu meinem heiligen Berge, ersrene sie in meinem Bethause, nehme ihre Opfer wohlgefällig an, denn .mein Haus soll das Hans der Andacht aller Völker genannt werden. (Jes. 56.) Das Gotteshaus, diese dem Gebete geweihte Stätte, war und ist die mächtigste Säule des Judentums. Selbst im babylonischen Exil, wo es weder einen „Tempel", noch einen Opferkultus gegeben, haben „Versammlungen", welche man „Bej Kheniscbta“ oder „Bet hakenesesu nannte, behnfs Abhaltung des Gottesdienstes stattgefnnden. *) Und nach der Zerstörung des zweiten Tempels trat das Gotteshaus. Synagoge, an die Stelle des dem Opserkultns geweihten „Bet hamikdosck“, Tempels, und bildete bis auf die Gegenwart den Mittelpunkt des religiösen Lebens Israels. Was wäre ans Israel geworden in den finstern Zeiten des Druckes, in jenen trüben verhängnisvollen Tagen, wo Jnquisitionstribuuate florierten. Scheiterhaufen „zur Ehre Gottes" angezündet wurden und fromme Priester sich am Anblicke brennender Ketzer ergötzten und dabei Psalmen sangen; wenn nicht das Gotteshaus, die Synagoge, die einzige Zusinchksstätle gebildet hätte? Mochte da draußen im Geräusche der Welt der Feind noch so gewaltig toben und alle Hebel in Bewegung setzen, die geistige und physische Existenz des Judentums in Frage zu stellen. Israel blieb unerschütterlich, es flüchtete sich in seine Gotteshäuser und rief mit dem Psalmisten aus.- „Wenn ich dich anrufe, erhöre mich Gött in meiner Unschuld. In meiner Not verschaffst du mir Raum und erhörst mein Gebet." Hier im Gotteshanse fanden die Gläubigen stets Trost, Beruhigitng itud Ermutigttng, wenn ihnen draußen von ihren blutgierigen, unversöhnlichen Feinden tausend Leiden und Qualen bereitet wurden. Die göttlichen Verheißungen: „Ihr werdet dann deit Ewigen einen Gott suchen und auch wieder finden, wenn ihr nämlich von ganzem Herzen und von ganzer Seele verlangen werdet; wenn du in der Not sein wirst und dich alles dieses betroffen haben wird; am Ende der Tage wirst du endlich zu dem Ewigen, deinem Gotte zurückkehren und seiner Stimme gehorchen, denn der Ewige, dein Gott, ist ein barmherziger Gott, er wird dir seine Hand nicht entziehen, dich nicht zugrunde gehen lassen" usw. (5. M. 4. 29—32) sind tatsächlich in Erfüllung gegangen. So oft sich die Feinde Israels gegenseitig zuriefen: „Kommt, laßt uns fest znsammenhalteu, damit es uns gelinge, dieses uns so verhaßte Volk zu vernichten, auf daß der Name Israel auf dem ganzen großen Erdenreiche nicht mehr vernommen werde", eilten die schwer bedrückten Söhne Judas in ihre Gotteshäuser, lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit den lehrreichen Trost gewährende^ Vorträgen ihrer Lehrer und beteten mit wahrer Andacht und voll Inbrunst zu Gott, dem himmlischen Vater, der sie stets erhörte und die gefährlichen Pläne ihrer Peiniger vereitelte. Mit Recht rief Israel zn allen Zeiten in seinen Gotteshäusern mit dem Psalmisten aus: „Der Ewige ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Ewige ist meines Lebens Schutzwehr, vor wem soll ich zagen?" Und weil das Gotteshaus stets die einzige Zufluchtsstätte unserer Väter war, daher haben unsere Weisen die Synagoge als die schönste und wichtigste Institution des Judentums gepriesen. Die Worte: „Und ich werde ihnen sein zum kleinen Heiligtum" (Ezech. 11. 16) haben nach der Behauptung des N. Jizchak (Meg. 29) Bezug auf die Synagogen und Lehrhänser in Babylonien. Ebenso wird das Wort des Psalmisten: „Eine Zuflnchr warst du uns von Geschlecht zn Geschlecht *) Während des zweiten Staatslebens war ein Tempel zu Jerusalem, und zwar in der Gnadenhalle „Lischcaat hagosis“ eine Synagoge, in der täglich gebetet und gelehrt wurde. Der Hauptfunktionär derselben hieß Chasari hakeneset und das Oberhaupt Rösch hakeneset (Tosifta Succa 4. Joma 1, 1. Sota 7, 8.) 'f & A V