Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 30. denen mich Mitleid und Entrüstung packten. Stunden, in denen bitteres Wehgefühl und berechtigter Zorn mein Inneres erfüllten. Männer und Frauen versuchten, mit fadenscheinigen, unhaltbaren und unwahren Gründen ihre Abtrünnigkeit zu rechtfertigen; Männer und Frauen wandten zuweilen Dialektik und Scharfsinn auf, um das Unentschuldbare zu entschuldigen. Auch der Renegat will nicht als Heuchler erscheinen und benutzt daher untaugliche Mittel, um den Verdacht einer ehrlosen Gesinnung von sich abzuschütteln. In der Praxis habe ich das bestätigt gefunden, was wir alle in der Theorie wissen. Weil so viele Täuflinge rein vor den Augen der Mitmenschen scheinen wollen, ist es geboten, die innersten Beweggründe der Judeutaufen in ihrem wahren Lichte zu zeigen. Sittliche Werte werden umgeprägt, sittliche Anschauungen werden verdunkelt, Worte werden verändert, um Unrecht in Recht zu verwandeln. Was oft geschieht, wird zur Gewohnheit; solche Gewohnheit trübt dann den Blick und kann leicht dem schnöden Unrecht den verwundenden Stachel nehmen. Weil die Zahl der Judentaufen zunimmt, gewöhnt sich der Durchschnittsmensch leicht an solche Erscheinungen und kann so den Gradmesser für eine gerechte Beurteilung verlieren. Mau erschrickt geradezu, wenn man hört, wie von sonst beachtenswerter Seite das, was wir verdammen, oft als verzeihliche Nachgiebigkeit beurteilt, entschuldigt und sogar zuweilen gebilligt wird . . . In Preußen sind es besonders zwei Perioden, die ein trauriges Blatt in der jüdischen Geschichte bilden. Die erste dauerte etwa von dem Ende des 18. Jahrhunderts bis 1840; die zweite begann ungefähr 1880 mit dem Emporwuchern der antisemitischen Bewegung und wirkt leider noch bis znm heutigen Tage fort. In der ersten Periode war das Zusammenstößen des Ghettojndentums mit der modernen Weltanschauung häufig die Ursache für den Abfall von Geistern, die diesem Kampfe nicht gewachsen waren. Oft hatten Schwächlinge sowohl das antike Judentum wie die moderne Kultur nur von der Oberfläche aus betrachtet; wären sie in das innerste Wesen eingedrungen, dann hätten sie erkennen müssen, daß echte Religion und echte Bildung nicht Gegensätze sind, die sich ausschließen, sondern Geistesmächte, die sich harmonisch ergänzen. Ein anderer Grund für die Masseutanfen in der damaligen Periode war die kränkende Zurücksetzung der Inden, welche die Gemüter tief verletzte; man ging znm Gegner über, von dem man gedemütigt worden war. Brennende Scham erfüllt uns, wenn wir an solche Verirrungen denken. In Berliit waren die meisten Taufen zu verzeichnen, sowohl relativ als auch absolut. Es ist leicht erklärlich, daß in großen Zentren die Zahl der Judentaufen unverhältnismäßig anwächst; da ist die Reibungsfläche eine weit größere; in dem mächtig treibenden, großstädtischen Leben sind die Konflikte und Versuchungen stärker. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts konnte manchem um die Lebenskraft der jüdischen Gemeinde Berlin bange werden. Selbst wenn manche Berichte den Stempel der Uebertreibung an sich tragen, so ist die Wirklichkeit noch traurig genug. Im Jahre 1840 sollen von 8000 Juden in Berlin ungefähr 1000 getauft gewesen sein. So lautet ein Bericht, der allerdings angezweifelt wird. Wie dem auch sei, der Abfall war damals besorgniserregend. Als allmählich die Gegensätze zwischen Religion und Wissenschaft ihre Schärfe verloren und die Emanzipation weitere Fortschritte gemacht hatte, da wurde es besser in unserer Mitte; die Taufe nahm ab. Vor etwa 30 Jahren erwachte in Deutschland die judenfeindliche Bewegung von neuem aus ihrem Scheintode, von neuem erhoben sich Rassen- und Masseuhaß. In dieser schweren Zeit scharten sich die Edlen mit Innigkeit um die alte Fahne, die Feigen ergriffen die Flucht. Das Verhängnis hatte seine Gnade. Eine Gnade war es, daß in dieser sturmbewegten Zeit die Starken stärker, die Guten besser und die Gläubigen frömmer wurden; eine Gnade war es, daß damals so viele, die dem Judentum entfremdet waren, sich auf dasselbe wiederum besannen. Ein Verhängnis war es, daß die Schwachen noch schwächer und viele Träge ganz müde wurden. Viele Blätter sind damals vom Stamme des Judentums abgefalleu; aber es waren nur kraft- und saftlose Blätter, die fo leicht abfallen. Für die beiden erwähnten Taufperioden wird als Durchschnittszahl der getauften Juden sieben, resp. fünf von zehntausend angegeben. Wenn diese Zahl richtig wäre, fo würde sie zu Befürchtungen keinen genügenden Anlaß geben, obwohl sie au sich auch noch beschämend ist. Die Berliner jüdische Gemeinde zählt jetzt über 120.000 Seelen; es würde hienach der durchschnittliche jährliche Taufertrag, wenn ich dieses drastische Wort gebrauchen darf, ungefähr 60 betragen. Aber die Zahl der in Berlin Getauften ist in Wirklichkeit viel größer; in Großgemeinden ist der Prozentsatz der Täuflinge ans den bereits angeführten Gründen unverhältnismäßig hoch. Hiezu kommt noch, daß die Taufen, die jüdische Eltern an ihren Kindern gleich nach der Geburt vornehmen lassen, auch in Großgemeinden am hänsigsten Vorkommen und nicht mitgezählt werden können, da genaue statistische Angaben hierüber fehlen. Diese Kindertaufen sind am schwersten zu verurteilen. Die Eltern wollen nicht Christen werden, weil sie einen Uebertritt für verwerflich halten; aber die unmündigen Kinder führen sie einer Religion zu, der sie im Innern fremd gegenüberstehen. Das ist der bitterste Tropfen in dem Wermutskelch, der uns heute gereicht wird. Was bedeutet die Taufe? Dem gläubigen Christen ist sie ein heiliges Mysterium, in dem er Frieden sucht . . .Der Jude, der freiwillig in das Christentum eintritt, m acht sich der Lüge schuldig, wenn er nicht ein gläubiger Christ im Innersten der Seele geworden ist. Der Jude, der bisher davon durchdrungen war, daß die Seele des Menschen ihrer Natur nach rein und lauter ist, glaubt jetzt, daß diese durch die Erbsünde sündbeladen das Licht der Welt erblickt; der Jude, der bisher in die Worte einstimmte: ..Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" glaubt nunmehr die Trinität; der Jude, der bisher die rein geistige Gottheit angebetet hat, glaubt nunmehr: „Gott ist Mensch geworden!" der Jude, der bisher dem Grundsatz huldigte, daß durch eigene sittliche Kraft Gnade vom Himmel errungen werden kann, glaubt nunmehr an die sühnende Macht des Mittlers zwischen Gott und Menschen; der Jude, der bisher von seinen Weisen gehört hat, daß alle edlen Menschen ohne Unterschied der Religion selig werden, glaubt nunmehr an die allein seligmachende Kraft eines bestimmten Glaubens; der Jude, der bisher die prophetischen Worte für wahr gehalten, daß die msssianische Zeit des ewigen Friedens, der allgemeinen Glückseligkeit, des von der gesamten Menschheit anerkannten reinen Gottesglaubens in herrlicher Zukunft eintreten wird und daß wir alle an der Erfüllung dieser Verheißungen Mitarbeiten sollen, er glaubt nunmehr: „Messias ist bereits gekommen"; er glaubt es, obwohl die Völker noch in Waffen starren, obwohl das Heidentum noch Millionen und abermals Millionen Menschenseelen umfaßt. All das muß er im Gegensatz zu seinen Vätern bekennen und glauben ... Eine Zeit, ähnlich der unserigen, in welcher der äußere Feind unser Recht bedroht und der innere Feind unsere Ehre befleckt, ist schon einmal gewesen. Das war die denkwürdige Periode, in der syrische Heere unsere Ahnen vernichten wollten und treulose Inden unseren Glauben verhöhnten. Damals streckte Mathathias, der nicht länger ein duldender Märtyrer bleiben wollte, zuerst seine starke Hand gegen den verräterischen Inden aus; dann zückten die heldenhaften Söhne des heldenhaften Vaters das Schwert gegen die machtvoll vordriugenden Syrer. Wir wollen in den Spuren unserer ruhmreichen Väter wandeln; auf znm Kampf gegen die Abtrünnigkeit unserer Brüder und gegen die Gehässigkeit unserer Feinde! Das Leben und Wieben der Inden in Oesterreich in vorntärftiche» Zeiten. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Als Verkünder und Erklärer der jüdischen Gesetze und Ordner des ganzen religiösen Lebens, war der Wirkungskreis der ehemaligen Rabbiner ein viel ausgedehnterer, als der gute Lei sich träumen ließ.