Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 49 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 49 letzte Abschnitt der Thora verlesen und mit der 'Verlesung des -ersten Abschnittes der Thora begonnen wurde, wurde überhaupt in der Gemeinde als ein Tag der innigsten und aufrichtigsten .Freude gefeiert. „Kowan hatora“, die Verherrlichung der Thora, war eine allgemeine; man freute sich herzlichst, Gelegenheit gefunden zu haben, der Thora, die man für das kostbarste Kleinod, -das Israel für die Menschheit erhalten, „Li lekach tamo nosatti lockern“, betrachtete, Ehre erweisen zn können. Besondere Ovationen wurden an diesem Tage in den meisten Gemeinden dem 'Rabbiner als „Chatan Thora“, als eigentlichem Träger der Thora, dargebracht.*) Nach Beendigung des Mussafgottesdienstes verfügte sich der -Gabbai ans das Gemeindehaus. Ihm folgte der Gemeindediener .mit einem Sack voll Nüssen und einem Korbe voll Äpfeln. Vordem Gemeindehanse versammelten sich alle Kinder aus der „Gasse", um die ihtien vom Fenster herabgeworfenen Nüsse und Äpfel aufzusangen. Es war ein wahres Gaitdtttm, mitanzttsehen, wie -sich da die muntere Jugend mit Ungestüm auf die herabgeworfenen Schätze himvarf und einer den anderen zn verdrängen suchte, um -eine größere Beute nachhause bringen zn können. Das Chaitukafest wurde ebenfalls in würdiger Weise gefeiert. Da gab es kein einziges Haus, keine einzige Hütte in der „Gasse", in dem nicht an diesem Feste jeden Abend die „Chanukalichtlein" angezündel und das bekannte Channkalied. „Moaus zur jeschuosi“, gesungen worden wäre. Die Kinder, die diesem Akte, der ihnen in der Tat viel Freude verursachte, auwohnen mußten, damit sie an die Heldentaten der «söhne des frommen, gottbegeisterten Mathatias erinnert wurden, suchten sich die Channkaabende, wo sie vom Schulbesuche dispensierk wurden, durch das „Trenderlspiel" zu verkürzen.**) Auf dem ans Blei gegossenen Trenderl standen die Buchstaben Nun, Gimmel, He und Schien ,,Nun" bedeutete „nichts", das Gimmel ..ganz", das He „halb" tind das Schien „stell' ein!"***) Die Erwachsenen hingegen, mit Ausnahme der Gelehrten, die sich auch in der Festzeit mit dem Studium der Thora beschäftigten, verkürzten sich die Zeit zu Ehren des Chanuka durch Kartenspiel. Eine besonders laute Festfreude herrschte bei den Juden in den österreichischen Ländern am Plirimfeste. Ja, man kann sagen, daß au diesem Tage ein geivisser Kommunismns in den Jitdengemeinden herrschte, denn überall fand man eine einladende, mit den köstlichsten Speiseit und Delikatessen geschmückte Freitafel. Es kam auch nicht selten vor — da jedermann freien Eintritt hatte —, daß sich so manche Gäste Unarten erlaubten, die man zn jeder anderen Zeit durchaus nicht geduldet haben würde. Es galt allgemein das Sprichlvort: „Purim ist alles frei, nach Purim weiß man doch, wer ein anständiger Mensch ist!" Zur Erhöhung dieser Festfreude trugen die Maskenwie die sogenannten „Purimspiele" wesentlich bei. Letztere wurden meist von den Bachnrim in den Ieschibot arrangiert. Der Vorlesung der ,,MegiÜah" in der Synagoge mußte Alles, Männer, Frauen und Kinder, auwohnen, weil dieselbe die Geschichte Achaschweresch's und Haman's enthält und uns mitteilt, daß durch Haman's gefährliche Ratschläge das Damoklesschwert der Vernichtung über ganz Israel schwebte. So oft der Name ..Haman" während der Vorlesung der Megillah genannt wurde, wurde mit Hämmern und Klöppeln aus die Pulte und Bänke der Synagoge*) geschlagen, als wollten sie den Haman *) Der Mussafgottesdienst dauerte an diesem Tage gewöhnlich bis;12 Uhr mittags, weil da ausnahmsweise sämtliche anwesenden Mitglieder zur Thora gerufen wurden. Auch den kleinen Knaben, obwohl sie noch nicht „Bar Mizwa" waren, wurde an diesem Feste die Ehre erwiesen, zur Thora, und zwar mit einem würdigen Gemeindemirgliede, gerufen zu werden. Man nannte diesen Akt „Im kol haneorim“. **) Dukes sagt: Das „Treuderl", dessen sich viele Leser noch aus ihren Kinderjahren erinnern werden, ist auch in England bekannt und heißt „Tretotum“. (23- Ch. 7. Jahrg. S. 738.) ***) Die eigentliche Abbreviatur dieser Buchstaben bedeutet: „Nes «Gadol hja Schorn", d. h.:,, Eiu großes Wunder geschah dort!" Selbst das Spiel also hatte eine historische Bedeutung und erinnerte die Jugend an idie Heldentaten der Makkabäer. x) Wie es zuweilen in der modernen Zeit im Abgeordnetenhause worzukommen pflegt; nur gilt es da nicht, irgend einen Haman, einen Judeu- .fresser an denen es wohl auch in der Zeit des Fortschrittes, der Auf- Ilärung und der Kultur nicht mangelt —, sondern zumeist einen nationalen zertrümmern. Die muntere Jugend, der dieses Schauspiel in der Synagoge eine wahre Herzensfrende verursachte, wollte vom ..Hamäuklopfen" oft gar nicht ablassen. Den Armen in der Gemeinde wurde an diesem Tage Geld gespendet, ebenso erhielten die Kltltusbeamten verschiedenartlge Geschenke, „Mschlanach monau“. Auch die „Baale batim“ sendeten sich gegenseitig „Isch lereehu Schoch monaus. (Fortsetzung folgt.) Uerschiedcnr Nachrichten. Wien. (Israelitische K u l t n s g e in e i n d e.) Sonntag, den 19. Dezember 1909, 10 Uhr vormittags, findet im Sitznngssaale der israel. Kultusgemeinde, I., Seiteustettengasse 4. eine öffentliche Plenarsitzung des Borstandes der Israel. Knltusgemeinde Wien statt. Gegenstand: Festsetzung der Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der israelitischen Knltusgemeinde Wien, sowie sämtlicher unter der Verwaltung der Knltusgemeinde stehender Fonds und Anstalten für ba* Jahr 1910. Wien. (R > ch r i g st e l l u n g.) Der für D o n n e r st a g. den 16. Dezember 1909 auberaumce Vorcrag des Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwald findet — statt wie irrtümlich angegeben wurde um ^26 Uhr — u m 1I2S Uhr im Fesisaale des Ingenieur- und Architekten- Vereines, I., Escheubachgasse 9. statt. Wien. (Vortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und K n l t n r.) Donnerstag, den 23. Dezember 1909, präzise 8 Uhr abends findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten- Vereines. I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Schriftstellers Dr. Adolph K 0 h it c aus Berlin statt. Thema : „Immanuel Kant in seinen Beziehungen zn Inden und Judentum." Einlrirr frei, ohne Karren. Wien. (Indisches Musen m.) Daselbst sind neu ausgestellt: Porträt des Präsideuten Dr. Alfred Stern, gemalt von Frau Aunie Strauß-Goldberger. Ferner drei Porträts der Präsidenten des jüdischen Museums: Baurat S r i a ß n y, Adolf von Sonne nt h a l. Hofrar Posessor Politzer, gemalt von Fräulein Emma L ö w e n st a m m. Schülerin des Meisters David K 0 h n. Das Museum, 11., Praterstraße 28, ist jeden Sonntag von 11 — 1 Uhr geöfinet. Wien. (B e c - H a m i d r a i ch T a l m n d - T h 0 r a Malzg a s s e 16.) Freitag den 17. Dezember 1909. abends halb 8 Uhr. findet ein Vortrag des Herrn Oberlehrer der Tatmnd-Thoraschnle Jakob Kohn statt. Thema Vorbehalten. „Vortragszyklus ü b e r j ü d 1 s ch e Geschichte und L i t e r a t n r". Vorlrag II, Einleitung in der Moralphilosophie Luzatcos. Beginn Samstag nachmittags 3 Uhr. Wien. Für die große Akademie in den Sofiensälen am 5. Jänner, welche zn gunsten des Fondes für den Bau des Kaiser Franz Josef Jubiläums-Tempels veranstaltet wird, gibt sich allerseits lebhaftes Jnreresie kund. Ihre Mitwirkung bei dieser Veranstaltung haben zugesagr: Frau F r a n c i l l 0 - K a u f m a n n. k. k. Hofopernsängerin, Fräulein L i a Rosen und Herr Arnold K 0 r s f vom k. k. Hofburgtheater, Frl. Gisella Marion, Herr Prof. Josef Sülze r, Herr Prof. Richard P a h i e n und Herr Rudolf O e st e r r e i ch e r. Die noch vorrätigen Karten find erhältlich in den Karrenbureaux Gutrmann, I., k. k. Hofover. Kehleudorfer, 1., Krugerstraße 3. Spitzer, I.. Morziuplatz, ferner bei den Komiteedamen Frau Karoline Hofmann, VI.. Worelstraße 3 1. Stock, Frau Alice Fischer, V.. Strobachgasse 8, (Telephon 833/VIII) und bei Herrn Alfred Meißner. IX.. Porzellangasse 14, (Telephon 21173). Wieu. Bei der am 12. d. M. stattgehabteu Geueralversammlung des Vereines „Die Szeniczer in Wien" wurden neuerdings die Herren Oberkantor I. Baue r. Obmann; Josef Back, Odmaun-Srellvertreter: Max Schulmann, Kassier; Alois Mandler, I. Schriftführer; Max Stärk. II. Schriftführer; Ausichußmirglieder: Josef Birnbaum, Josef Bellak. Max Rotholz. Isidor Breuer. Beruh. Pasknsz und Joief Jellmek einstimmig gewählt. Der verdienstvolle Kassier, Herr Max Schulmann wurde zum Ehrenmirgliebe ernannt und ferner wurde beschlossen, eine große Akademie mit Kränzchen zn veranstalten. Wien. (C h a n u k a f e i e r in der israelitischen B e r >' 0 r g u n g s a n st a l t.) Unter zahlreicher Beteiligung geladener Gäste fand am 11. d. M. im Betsaale der israelitischen Bersorgungsaustalt für die Psteglingc eine Chanukaseier starr. Erschienen waren: Der Präsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern, der Referent der Anstalt Herr k. k. Hofrat Dr. B. R a p p a p 0 r r, die Präsidentin des Ehrendameukomitees Frau Jda Diamant mir den Ehrendamen Frau Dr. David. Frau Dr. E i s e n s ch ü tz, Frau Dr. G r ü u f e l d, Frau Dr. F e u ch t w a n g, Frau Hermiue K a d i i ch. Frau Direktor K 0 l m, Frau Dr. T e l e k y, Frau Kommerzialrat Wiener, ferner die Damen Therese G e > s e n h a m m e r, Frau Hermiue K 0 l i s ch. Frau Dr. P a s s a u e r, Frau Aenny M 0 r d 0 - D i a m a n r, ferner die Herren Adolf Singer, Magister R 0 ch m i ß, Kassier Josef P e t e r s e l k a, Amtsleiter Rudolf Kraus, Armenrat Isidor T r e b i t s ch. Leopold Klein, Joief S i l b e r m a r k. Matrikelamtsbeamter R 0 s e n f e l d u. a. Der Festgotresdienst wurde von Herrn Oberkantor Bela G n t t m a n n, begleitet von dem Leopoldstätter Chor, versehen. Herr Oberkanror Guttmann erfreute die Gäste und Pfleglinge mit feinem glänzenden Vortrage und seiner herrlichen Stimme. Herr Gegner niederzuringen. niederzustimmen. — Das „Hamanklopfeu" in beit Synagogen war nicht bloß in den österreichischen Ländern, sondern auchin anderen von Juden bewohnten Staaten üblich.