Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 49 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit -Nr. 49 als reproduzierender Künstler. Ihm galt die Musik wirklich noch als hehre Göttin, und mit tiefer Ehrfurcht und hohepriesterlicher Würde hat er ihr ein reiches Leben lang gedient. Man hat seine Darstellung.musikalischer Kunstwerke öfter objektiv genannt, sie war aber nichts weniger als das, sondern vielmehr im höchsten und besten Sinne subjektiv. Denn er versenkte sich zwar vollkommen selbstvergessen in das Werk, das er spielte, er hatte das feinste Gefühl-für den Stil und die Art jedes Meisters und jeder Periode, aber er gab alles nur kraft seines äußerst lebhaften und starken Musikgefühls wieder. So blieb sich denn, so oft er ein Stück spielen mochte, sei es als Solist oder als Führer eines Streichguarttets (zuletzt mit Halir Wirth und Hausmann) der Sinn und die Grundstimmung immer gleich, der Ansdruck im einzelnen wechselte aber beständig; seine Reproduktion vereinigte die höchste Treue gegenüber den Absichten des Komponisten mit der größten geistigen Freiheit, dem breitesten Ansströmen der persönlichen Empfindung. Ganz besonders ersprießlich war Joachims Lehrtätigkeit. Aus allen Ländern strömten ihm Hunderte von Schülern zu. die er mit unendlicher Geduld und Liebe in die Tiefen der Musik einführte. Was von einem genialischen Künstler erlernbar und erblich ist, das wird in Joachims Schülern weiter leben." Der Prager Orientalist I. P o! l a k entwirft eine Schilderung des ebenso großen Orientalisten als hervorragendsten Biographen und Kenner der mittelalterlichen, arabischen und arabisch hebräischen Literatur, Moriz Steinschneider: „Ein langes, überaus arbeits- und ertragreiches Gelehrtenleben fand mit dem Tode Steinschneiders seinen Abschluß. Unerschütterliche Liebe zur Wahrheit und unermüdlicher Fleiß, Verzicht auf ° äußere Erfolge und Zurückgezogenheil von allen Kämpfen des Tages und der Straße, vornehme Bescheidenheit Fremden und stete opferwillige Hilfsbereitschaft seinen Freunden und Schülern gegenüber waren die Hauptmerkmale dieses Lebens, das von der Zeit ab. in der ein kleines, aber ein sicheres Einkommen die Bedürfnisse des äußerst bescheideneit Haushaltes deckte, in fast mittelalterlichklösterlicher Ruhe und Beschaulichkeit — verschönt durch ein herzliches Familienleben und die Wertschätzung einer kleinen, aber auserwählten Freundesschar — dahinfloß." Ans der Wiener Kultnsgemeinde. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 8. Dezember 1909 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Eiitlanfe befinden sich: Dankschreiben der Frau Sidonie von T a n s f i g und der k. k. privilegierten allgemeinen österreichischen Bodeu-Credil-Anstalt für die anläßlich des Hiuscheidens des Herrn Gouverneurs Theodor Ritter von Tanffig bekundete Teilnahme des Knltusvorstandes. Dankschreiben der Familie Abraham M. Elias für die Kondolenz des Knltusvorstandes anläßlich des Hiuscheidens der Frau Pauline Elias. Dankschreiben der Frau Henriette H offmann für die Beileidskundgebung des Knltusvorstandes anläßlich des Hiuscheidens ihres Gatten, des Herrn Dr. Adolf Hoffmann. Dankschreiben der Frau Betty K o l m für die Berufung in das Ehrendamenkomitee der Verforgungsanstalt. An S p e n d e n: Vom Sekretär der Kultusgemeinde, Herrn Kais. Rat Dr. Theodor Lieben, X 400.— als Ergänzung der „Heinrich Klinger-Widmung zur Gründung eines Beamtenfondes"; von Herrn L. B. durch Herrn Kais. Rat Siegmuttd Kanders für die Schulküche in der Brigittenau X 120.—; von Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern (als Ergänzung eines von ihm als Äusstartungsbeitrag für ein armes Mädchen gewidmeten Betrages von X250.—) X 100.—; von Herrn Josef Vloral für russische Juden X 2.—; von Herrn Julius Baad anläßlich der Verheiratung seiner Tochter fe X 100.— : für die „Chewra Kadischal", für den „Franenverein VI—VII", für den Verein „Maskil el Dol", XV., Tnrnergasse, für den „Hietzinger Tempelverein", für den „Hietzinger Frauenwohltätigkeitsverein", zusammen X 500. Der Kustos der Gemeindebibliothek, Dr. Bernhard W a chstein, berichtet über verschiedene Restauriernngsarbeiten an den auf dem alten Friedhofe IX., Seegasse 9 befindlichen Grabmälern. Es wurden gebrochene Steine und diejenigen, bei denen in absehbarer Zeit ein Stürzen zu befürchten war, ferner die Deckennnd Seitenplatten einiger verfallener Grüfte einet eingehenden Reparatur unterzogen. Um einer Verwitterung namentlich der Sandsteine für die Folge zu begegnen, wurde nach dem Rate der k. k. Zentralkommission für Kunst- und historische Denkmale bei einer Anzahl in Verwitterung sich befindlicher Steine probeweise ein Verfahren angewandt, wodurch eine Verhärtung der Steine und eine Adhäsierung der Brnchflächen untereinander eintritt. Bei anderen Steinen wurde eine kunstgemäße Verkittung der Riffe vorgenonunen. Endlich wurden die seinerzeit aus Wr.- Nenstadr nach Wien gebrachten, aus dem XIII. und XIV. Jahrhunderte stammenden nnd ans dem Friedhöfe in der Seegasse ausgestellten Grabsteine, ferner die in Wieir und Niederösterreich gesnndenen alten Grabsteine in zweckentsprechender Weise nntergebracht. Dieser Bericht, sowie die Mitteilung, daß sich für den alten Friedhof auch in nichtjüdischen Kreisen ein lebhaftes Jnteresfe knndgibt, mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Dem Kustos Dr. Wachstein wird für die mühevolle sachkundige Leitung der erwähnten Arbeiten die Anerkennung ausgesprochen, desgleichen dem Verwalter der Versorgnngsanstalt, Samuel Brösle r, und dem Beamten des techilischen Amtes der Knltnsgemeinde, Engen Zöllner, für die Unterstützung des Herrn Dr. Wachstein bei verschiedenen Arbeiten. Das Vertreterkolleginm beantragt, den vor einiger Zeit ans Rußland zugereisten W. S. ausnahmsweise und provisorisch bis zu seiner anderweitigen Unterbringung in die Siechenabteilung der Versorgnngsanstalt unter gewissen Bedingnitgen anfzunehmen. Der Genannte, dem beide Beine amputiert wurden, war kurze Zeit in der Verforgungsanstalt in Lainz unlergebrncht und sollte von dort aus mittelst Schub nach Rußland zurücktrausportiert werden. Um dies zu vermeiden, wurde angesichts des bedauernswerten Zustandes des Genannten zunächst dessen Aufnahme in das Spital der Knltnsgemeinde veranlaßt und wird jetzt vom Vertreterkollegium unter Abstandnahme von den statutarischen Erfordernissen die provisorische Aufnahme des Genannten in die Siechenabteilung der Versorgungsanstalt beantragt. Der Antrag des Verlreterkollegiums wird angenommen. Nach Erledigung von Personalangelegenheiten wird die Sitzung um halb zwei Uhr uuttags geschlossen. Das Keven nnd Wirken der Inden in Oesterreich in normärstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedläuder. (Fortsetzung.) Der achte Tag dieses Festes, „Schemini Azeret" wurde, besonders nachmittags, ebenso wie die ersten zwei Sukkotage, als Freudenfest gefeiert. Nach dem Minchagottesdienste war es Usus, daß der Gabbai-Syuagogenvorsteher den im Tempelhofe versammelten Kindern aus der „Gasse" kleine Wachskerzen. „Lichtleiu", offerierte, die sie daun ihren Fahnen anklebten nnd abends bei dem feierlichen Umzüge, der in der Synagoge mir den Thorarollen unter allgemeinem Jubel zu Ehren des Festes der Gesetzessreude, „Simchas Thora", in Bewegung gesetzt wurde, anzündeten?) Am Morgen des Simchas Thora-Festes wurden ebenfalls in der Synagoge sieben von den Kindern mit ihren Fähnlein in der Hand begleitete Umzüge, „Hakafot", mit sämtlichen Thorarollen gehalten. Dieser Tag, an welchem der *) Vor Beendigung des Abendgottesdienstes wurde „Jajin Kiddusch". „Chipusch" und „Pesuke desimra" im Auktiousivege in der Synagoge veräußert. Derjenige, der „Jajin Kiddusch" kaufte, mar verpflichtet, das ganze Jahr hindurch der Synagoge den für „Kiddusch" und „Hawdala" nötigen Wein zu spenden. Unter „Chipusch" verstand man das Aufrollen der Thora, das jeden Sabbat und Feiertag beim Morgengottesdienst,^ „Schacharis", geschah, um dann beim Mussafgebet das Anffnchen des Wochenabschnittes vor der Thoravorlesung zu ersparen. — Wer „Pesuke desimra" erstand, der allein purste das ganze Jahr hindurch allsabbatlich „Pesuke desimra" — die Gebete von „Jigdal" bis „Schanchen ad" — in der Synagoge öffentlich vortragen. So war es in Ungarn.gebräuchlich. In Mähren jedoch war es im siebzehnten Jahrhundert nach Z 29 des „Schai Tekanol" üblich. „Chipusch" vierteljährlich zu verkaufen, während „Jajin Kiddnsch? halbjährlich — und zwar am Sabbat Bereschit und am ersten Sabbat, nach . Pesach —veräußert wurde. - -