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Die Wahrheit · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 10. Seite 6. Die Wahrheit schaffen läßt, der seine Staatsmänner neue Handelsbeziehungen anknüpfen heißt und Schiffe in 'die Welt, übers Meer sendet. Wir tragen keine langen Locken und keinen schmierigen Kaftan, wir sind nicht stets unsauber und unreinlich; mit seltenem Geschick haben wir uns den Kultursorderungen unserer Zeit und dieses Deutschlands, das wir so sehr lieben, angepaßt, und wenn unsere Glaubensgenossen in russischer Barbarei noch im alten traditionellen Gewände leben und' beten, so kann nur der darüber witzeln, dem jeder Sinn für geschichtliche Entwicklung fehlt. Kurzum: Die Juden sind nicht jene betrügerische, schmutzige, feige, protzige Masse voller Sophismen und voll Parvenüdünkels, als die sie von den gesamten Witzblättern dargestellt werden. Wir wollen zum Besten der Mehrzahl dieser Zeitschriften annehmen: ohne böse Absicht. Die Zeit und die Gewohnheit haben den Spott über die Juden so hergebracht, daß man ihn mitmachte, dem Publikum zuliebe, das sich darüber freute, aus Mangel an neuen Geistesblitzen, und weil die Judenwitze so billig waren, ohne aber je zu bedenken, welche Wunden solcher Spott gebildeten Juden schlagen müßte; wie einem blutrot die Lohe der Scham ins Gesicht schlug, wie entmutigt alles Streben durch diese bornierte Methode der Lächerlichkeit werden mußte. Und keines unserer Witzblätter, höheren und niederen Ranges — nur die „Jugend" nehme ich aus — ist von dieser Tendenz frei, jede Nummer der „Fliegenden", der ..Meggendorfer", der „Humoristischen Blätter", und wie sie sonst heißen mögen, bringt erfahrungsgemäß zwei, drei solcher Witze, und uns allen ist die Figur des dickleibigen, krummbeinigen Emporkömmlings mit den brillantbesäten, gestikulierenden Händen oder die des hakennäsigen, langgelockten Hausierers im Kaftan schon unangenehm aus Bildern vertraut, obwohl wir vielleicht im Leben eine derartige Figur nie gesehen haben. Selbst Blätter von der Bedeutung des „Simplizissismus", den ich außerordentlich hoch schätze und den ich für das geistreichste Satirblatt überhaupt halte, wissen sich von dieser antisemitischen Tendenz durchaus nicht frei, und ich erinnere mich noch heute der direkt niederschmetternden Wirkung, die ein Scherz auf mich ausübte, der die jüdischen' Soldaten, die in Ostasien unter Rußlands Fahne dienen, in das Licht einer Feigheit und Drückebergerei vom Kriege rückte, die doppelt empörend wirkte, wenn man hörte, wie wacker diese Judeu sich für ihr Vaterland, das sie wie Hunde mißhandelt hat, schlagen. Es ist nur das eine Beispiel, das mir im Gedächtnis haften blieb, aber jedes Exemplar des „Simplizissismus", besonders die Rubrik „Lieber Simplizissimus" bringt Belege. Dem müßte sich aber doch abhelfen lassen. Vielleicht hat der eine oder der andere Leser Beziehungen zu Witzblattredaktionen. Ein ernstes, vernünftig auftlärendes Wort würde sehr viel helfen. Jedenfalls ist der Kampf gegen diese Auswüchse energisch zu betreiben. Denn sie schaden unendlich; sie vergiften die ganze Bevölkerung mit Vorstellungen von unehrlichen, unsauberen Juden (die es natürlich so gut wie die gleichwertigen Christen gibt) und stellen die Juden als alle miteinander von dieser Beschaffenheit dar, und sie rufen in uns selber eine Bitterkeit, eine Beschämung wach, die vielleicht nicht gewollt, aber bei einigermaßen zart empfindenden Juden erreicht wird. Nicht unerwähnt dürfen dabei die unzähligen jüdischen Anekdoten bleiben, die häufig gerade durch Juden von Mund zu Mund getragen werden, und die sicher keinesfalls hervorragend geeignet sind, endlich einmal das Bild unserer Juden richtig gezeichnet ins Volksbewußtsein zu bringen. Straßburg i. E. Bruno Weil. Morft Hoftmamr. Im Hause seines Sohnes, des Schriftstellers und Amanuensis an der Wiener Universitäts-Bibliothek, Herrn Dr. Michael Holzmann, verschied am 14. Februar nach mehrtägigem Krankenlager rat 75. Lebensjahre der Privatier Herr Moriz (Moses Jehuda) Holzmann, der väterlicherseits einer alten Rabbinerfamilie entstammte. Der Bruder seines Großvaters Moses Jehuda Rosenfeld, (von den drei Brüdern erhielt nämlich der eine den Namen Holzmann, der andere Rosenfeld und der dritte Appelfeld) war em Jugendfreund und Kollege des berühmten Rabbi Moses Schreiber, Schwiegersohns des Rabbi Akiba Eger. Rosenfeld wurde als bester Bocher nach Proßnitz beschrieben und mit der Thora und — der Hand der dortigen reichsten und vornehmsten Braut Back beglückt. Stolz lehnte er jedes Rabbinat ab, lebte seinen Privatstudien, bis er aus Not Groß-Meseritsch akzeptierte. Von dort kam er nach Ung.-Brod, wo er zum zweitenmale heiratete. Dessen Neffe und Schüler Michael Holzmann war der Vater des Verblichenen. Er hatte die doppelte Morenu von Wolf Lasch-Trentschin und Aron Chorin in Arad. Durch den plötzlichen Tod seines Vaters wurde er zu seinem größten Schmerz genötigt, das .ihm offerierte Rabbinat in Kopenhagen abzulehnen und Geschäftsmann zu werden, um seine der Familie Pereira-Arnstein entsprossene Mutter zu unterstützen. Sein einziger Bruder Selig Holzmann starb als Rabbiner in Damboritz beim Brande in der Judengasse. Michael Holzmann erwarb sich als sogenannter Faktor des Klerus und hohen Adels im Zwettler Kreise, wo er die ganze Woche weilte, hohes Ansehen, insbesondere im Praemonstratenser Stifte Zwettl. Er war ein Jugend- und Du- Freund des Prälaten Steininger und saß bei der Installation als einziger orthodoxer Jude mit langem Barte bei der Tafel. Vertraute Freundschaft verband ihn mit dem Hofrate und späteren Reichsratsabgeordneten Leopold Edler v. Mende, dem Vorgänger Schönerers, Josef Nasz, Finanzrat, Bürgermeister in Altensteig, Probst Dr. Beck in Eisgarn, Dechant Schaden in Viüs, dem Erzherzoglichem Güterdirektor Kasparek in Teschen, Ober-Amtmann Haroldt v. Apfelthaler, deren Freundschaft auf den Sohn bis zu seinem Tode überging. Moriz Holzmann, der im 11. Jahre die Mutter durch einen Brand verlor und mittellos wurde, studierte an den Jeschiboth der Rabbiner I. Frankfurter-Triesch, Chaj. Jos. Pollak- Trebitsch, Simon Sofer, Preßburg, woselbst er gleichzeitig den Gymnasialstudien bei dem Direktor desevangelischen Lyceums, Tobias Schwer oblag, und zuletzt 2^ Jahre bei dem von ihm sehr verehrten Salomon Quetsch in Leipnik. Von hier kam er nach Wien, wo er an der Technik bei Professor Salomon und Heller studierte, jedoch durch eine längere Krankheit gezwungen wurde, seine Studien aufzugeben. Er lebte dann gemeinschaftlich mit seinem Vater in Zwettl im Waldviertel, hierauf als Oekonom in Slavaten, wo er seine Gattin Johanna, Tochter des Fabrikanten und Großgrundbesitzers Jakob Spitz, heimführte, mit der ihn eine 35jährige glückliche Ehe verband. Bei zunehmender Kränklichkeit übersiedelte er nach Krems, wo er vertrauten Umgang genoß mit dem Reichsratsabgeordneten Doktor- Ferdinand .Dinstl, Bürgermeister Zeno Gögl, Dr. Moriz Weitlof, Realschuldirektor Dr. Georg Ritter v. Ullrich, später Hofrat im Unterrichts-Ministerium. Auch in Waidhofen a. d. Thaya, wo er mehrere Jahre weilte war er wegen seines bescheidenen und konzilianten Charakters bei Hoch und Nieder, beliebt. Bezirkshauptmann Krueg, Bürgermeister I. Liebl, L. Hammernik (Bruder des Prager Kliniker), Reichstagsabgeordneter und Notar Theodor Dobler (jetzt Gmunden), Gymnasialdirektor Ferdinand Kesseldorfer waren seine besten Freunde und tägliche Genossen. Ueberall hatte er sich wegen seiner Bürgertugenden und wegen seines ausgesprochenen Bieder- und Wohltätigkeitssinnes ■ großer und rückhaltsloser Wertschätzung zu erfteuen. Moriz Holzmann, der ein gediegener Kenner des jüdischen Schrifttums war, zählte zu jenen typischen Persönlichkeiten, die trotz ihres realen Geschäftsberufes Idealisten sind, und die sich für die Zeitfragen überhaupt, insbesondere für die Entwicklungsphasen des Judentums, einen offenen Sinn und ein warmes Interesse zu bewahren wissen. Dieser Charakterzug war es vornehmlich, der ihm auch in Wien, wo er seit einer Reihe von Jahren bei seinem Sohne Dr. Michael Holzmann domizilierte, zahlreiche Freunde gewann, unter denen in erster Reihe Hofrat Sigmund Taussig und die Familie des Landesschulinspektors Karl Werner genannt werden müssen. Bei seinem Hinscheiden versäumten sie alle nicht, ihre warme Anteilnahme seinen schwer

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