Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10. Die Wahrheit Lette 5. Wien ein erhöhtes Interesse sür die Tätigkeit der „Union1' bemerkbar mache, welches in einem Zuwachs von 270 Mitgliedern seit 1. Jänner d. I. seinen Ausdruck finde, wurde mit lebhafter Befriedigung ausgenommen. Der Vorsitzende erteilte sodann Herrn Dr. Hugo Ganz zu dessen Vortrage das Wort. Mit lebhaftem Applaus begrüßt, knüpfte derselbe an die beiden vom Sekretär mitgeteilten Rechtsschutzfälle mit folgenden Worten an: Ich habe geglaubt. Ihnen Gräßliches und Unerhörtes berichten zu müssen, aber was wir soeben gehört haben, erinnern uns wieder daran, daß Rußland weit über seine geographischen Grenzen hinausreicht. Wenn derartige Dinge sich in Oesterreich ereignen, wie können wir uns über die Lage der Juden in Rußland und Rumänien verwundern, wo ja noch überdies die kulturellen Verschiedenheiten in Betracht zu ziehen sind. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen dem, was in unseren Ländern geschehen kann, und dem, was in Rußland und Rumänien ans der Tagesordnung steht. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich angesichts der gegenwärtigen Ereignisse in Rußland bei Allen das Gefühl voraussetze, daß unser alter Gott noch lebe, und daß das Strafgericht nicht ganz ohne Zusammenhang stünde mit den Schandtaten, die an den Juden vollzogen wurden. Ich brauche nur das Wort Kischenew zu nennen, und Sie werden verstehen, was ich meine. Diese Voraussetzung zwischen Ursache und Wirkung ist allerdings Sache des Glaubens und wissenschaftlich nicht zu begründen. Die Geschichte des jüdischen Volkes beweist leider seit zweitausend Jahren, daß zwischen Schuld und Sühne nicht immer ein so enger Zusammenhang besteht, wie er sich jetzt vor unseren Augen zu zeigen scheint. Was in Rußland jetzt den Anstoß zur Katastrophe gegeben hat, das ist das ganze System, unter dem nicht nur die Juden zu leiden haben. Redner schildert nun auf Grund der persönlichen Erfahrungen, die er im Vorjahre auf einer Reise durch Rußland im Verkehre mit Staatsmännern, Gelehrten, Schriftstellern u. s. w. gesammelt hat. die ungeheuerliche Korruption, welche den ganzen russischen Staatskörper durchtränkt und bis an die Kabinettstüre des Zaren reicht. Er zeigt, wie der Wucher eine autochthone russische Institution ist und selbst von den Popen üppig betrieben wird und wie der Haß gegen die Juden eigentlich nur der Verzweiflungskampf des christlichen russischen Wuchers gegen seinen vermeintlichen jüdischen! Konkurrenten sei. Die gleichen Verhältnisse herrschen in Rumänien, wo eine kleine herrschende Partei den Juden jedes Staatsbürgerrecht genommen hat, weil sie fürchtete, ihre Herrschaft mit der jüdischen Intelligenz teilen zu müssen. Der Vortragende illustriert seine Ausführungen durch interessante und drastische Episoden und schildert sodann die Lage der Juden in Galizien, wo zwar nicht die Gesetze, wohl aber deren Handhabung durch die Schlachta gegen die Juden ähnliche Zustände geschaffen hat wie in Rußland und Rumänien. Aber außer den politischen und wirtschaftlichen Ursachen müssen wir die Schuld für das Judenelend in Galizien auch dem sogenannten ..innern Ghetto" zuschreiben. Das ist die ängstliche und systematische Abschließung der orthodoxen Juden von ihren andersgläubigen Mitbürgern, deren Sprache und Kultur. Diese Abschließung geschieht im geschäftlichen Interesse Einzelner, insbesondere der Wunderrabbiner, von denen zwar einzelne persönlich klug und rechtlich seien, jedoch das Volk ganz in Unwissenheit erhalten und daher ein kulturfeindliches Element sind. Als Mittel zur Verbesserung der Lage der östlichen Juden bezeichnet Redner die Erziehung zum Ackerbau durch Errichtung von Ackerbauschulen und die ländliche Siedelung nicht einzelner Juden, die ja von den Bauern nicht geduldet würden, sondern ganzer Gruppen jüdischer Familien. Redner schließt seine wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochenen Ausführungen mit folgenden Worten: „Aus dem Gesagten geht mit logischer Konsequenz hervor, daß unsere Pflicht die unbedingte Unterstützung aller kulturellen Bestrebungen, der Anschluß an jene Parteien ist, die den Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben. In Rußland sind es heute jene Leute, welche unter eigener Lebensgefahr den Mut haben, den Kampf gegen das herrschende Regime mit allen Mitteln aufzunehmen. Jedes Land hat seine Art der Fortschrittes, es darf uns keine Sentimentalität, keine internationale Courtoisie und keine publizistische Heuchelei abhalten, die Juden, die in Rußland Truppen zur Revolution stellen, als Helden zu bezeichnen. Wenn das russische System in Bälde zusammenbricht und die Glaubensfreiheit verkündet wird, erscheint durch die Eröffnung des riesigen russischen Reiches die Judenfrage in bester Weise gelöst." An den Vortrag schloß sich eine sehr anregende Debatte, an welcher sich die Herren Rabbiner Dr. David, Dr. F e u chtwang, Sekretär Fleischer, Dr. Zins^Dr. Kahn, Doktor W e i s e n g r ü n, Bezirksrat Brill. Dr. L ch a l i t, Redakteur Kraus, Richard Tewel es, Mütter und der Vortragende beteiligten. _ Witzblatt-Antisemitisrnirs. Noch verheerender als der Theater-Antisemitismus wirkt der Witzblatt-Antisemitismus. Denn Freude an Humor und Satire beschränkt sich nicht wie Theaterdarbietungen auf ein immerhin begrenztes Publikum; sie reichen von der steilsten Höhe der oberen Gesellschaft bis in die äußersten Enden der um Lohn arbeitenden Klassen hinein, und das behagliche Lächeln, das im teppichbelegten, irisdustenden Frauenboudoir der „Simplizissimus" auslöst, findet sich bei dem stellungslosen Kommis oder Arbeiter wieder, der in der Freude an den Titelbildern der in den Zeitungskiosken aushängenden „Fliegenden Blätter" seinen Hunger zu vergessen sucht. Nichts ist allen Menschen, die an Leib und Seele gesund sind, so gemeinsam wie die Freude an der Freude, ein guter Witz überspringt mit dem Rechte der Narrenpritsche gesellschaftliche Vorurteile und bindet alle Welt, mag sie sonst noch so geschieden sein, in menscheneinigendem, göttlichem Lachen. Umso stärker und mächtiger muß der Witz, das Allgemeingut der Nation, wirken, wenn er sich in den Dienst einer Tendenz oder Agitation stellt, und die Manier, in der die „Jugend" dem Klerikalismus zu Leibe zieht, ist wirksamer als mancher geistreiche Leitartikel, als jede philosophische Betrachtung. Man könnte sagen: die höchsten Errungenschaften unserer Erdenweisheit schlagen sich im billigsten Witzwort nieder und kommen durch dessen Vermittlung in den Mund und in den Sinn der Vielen und Allen. Der Grad ihres Geistes wird die jeweilige Geschicklichkeit bestimmen, mit der die Witzliteratur zu den Problemen des menschlichen Lebens Stellung nimmt: Gegen Kunstbanausentum, gegen Ordenssegen und Titelsucht, gegen geistliche Verdummungspolitik, gegen Duell und Dressur des Geistes und gegen — die Juden, in dieser Weise haben sich unsere humoristischen und sattrischen Blätter ihren Weg meistens vorgezeichnet. Gegen die Juden! Wer haut heute nicht alles auf die Juden los? Presse, Parteien, Parlamente, Zeloten und Uebelgesinnte, und nun noch die Witzblätter! Und dann: wie kläglich, wie armselig kläglich, immer wieder dieselben Mätzchen, die den Leser zum Lachen über die unglückliche Figur des Juden bringen sollen. Uns ist das nicht zum Lachen! Wir sind nicht jene feilschende, schachernde, hausierende Menge, die man als unser Ebenbild ausgibt. Auch wir streben hohen Idealen nach, wir sind für unfern Teil bemüht, zum Volksganzen zu leisten, was wir können, obwohl man uns den guten Willen oft zur Bitterkeit macht. Wir sind nicht jene hasenherzige, ewig furchtsame, stets sich duckende Gesellschaft, die man als Juden verschreit. Geht auf unsere Hochschulen und fragt, was man dort von jüdischem Mut und jüdischen Fäusten hält, und der wütendste Antisemit wird euch sagen müssen: es sind Juden, aber Männer. Wir suchen nicht einander zu betrügen und jeden Christen zu übertölpen; in uns hat die Geschichte im Drange der Not eine gewisse Geschäftstüchtigkeit großgezogen, derentwegen wir zu beneiden, nicht zu verspotten sind, und jüdischer Handelsgeist ist es beträchtlichen Teils, der Deutschland sich seine Weltstellung