Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 8. Die Wahrheit. Nr. 1. es so allgemein zur Verwendung und Norm werden konnte. Es ist rein formal, wohl streng wissenschaftliche, aber ideenlose Materie, konnte darum kein Streitobjekt abgeben, weil sich nur Aber Ideen vortrefflich streiten läßt. Sobald ihm daher durch die Kommentarien die Seele später eingehaucht wurde, ging ihm auch schon die absolute Giltigkeit verloren. Und bis in unsere Zeit hinein zeigen die vielen Responsenbücher, allen voran Ehacham Sofer und Noda bijebuda, wie vielseitig zu diesem scheinbar so starren Schulchan Aruch Stellung genommen Werden kann! Es ist gar merkwürdig, wie sich hier die Rollen der Streitenden verwechselt zeigen. Wenn ein Gegner des Schulchan Aruch für das praktische Leben eine Frage zu erledigen hat, so bleibt sein Alpha und Omega immer nur der Schulchan Aruch, den er am Schluffe nach Geschmack gelten läßt oder in Selbstherrlichkeit ohne Skrupel über Einheitlichkeit des Judentums aus erkannter Reformbedürftigkeit einfach abrogiert. In den streng orthodoxen Responsenbüchern aber spielt faktisch der ganze Schulchan Aruch fast nur eine kaum maßgebliche Nebenrolle. Wenn beispielsweise vor R. Moses Sofer eine Frage auftaucht, so vertieft er sich sofort in Bibel und Talmud. Er dringt in das innerste Wesen der Sache ein, erörtert Gründe, Motive, Umstände, Bedürfnisse, Zeitverhältnisse und erzielt gar oft eine für seinen Standpunkt ganz überraschende Entscheidung. Während Joses Kolon den achtungswerten Nollegen Mose Kapsali leicht entschlossen des Rabbinerlitels verlustig erklärt, entscheidet Chatam Sofer, daß man trotz Mer vorgebrachten Anklagen dem Reformrabbiner Chorin nicht die rabbinischen Ehren entziehen dürfe. In solcher Handhabung der Halachah springen die unabweislichen Anforderungen der Zeit wie von selbst hervor und Änunen ohne jede Reform und Abrogierung zur Geltung. Die starren Nonnen bleiben alle abseits, umgangen, und ewig quillt des Lebens frischer Quell aus dem biblisch-talmudischen Born. Das Non possmmis des nakten Schulchan Aruch gibt es für das traditionelle Judentum durchaus nicht. Wie Springbrunnen qnMen da die ewigen, heiligen, sittlich hohen Prinzipien der jüdischen Lehre, die Grundgesetze des vernünftigen Denkens hoch über den Felsenbau der Normen hervor und machen sich die vielgestaltigen Kristalle der talmudischen Axiome geltend. Ich nenne nur die Axiome: Obasakab, die gebotene Voraussetzung, Lobb, die Giltigkeit des Gewöhnlichen, Sapbak, Zweifel und Doppelzweifel, die Uebermacht des Biblischen, Osoraibba und Vsrabanan. die ehernen Lebensbedingungen, Szekanoth Nepbascbotb, das Zart- und ästhetische Gefühl, Kebod habriotb, das Verbot des religiösen Protzentnms, Jebura, das Verbot, die Gottheit zu versuchen, Du somcbin al banes, die Notwendigkeit des Erleichterns, Koacb debetbera, den Grundsatz, daß edles Wirken von religiösen Normen nicht gehwlmt werden darf, Asseb docbeb lo tbasseb, baossek bemizwab pator min bamizwab. Ich wage es gar nicht auszudenken, wie sehr frei mit diesem Arsenal, welches tatsächüch in guten Responsenbüchern und auch reichlich im Leket joscber zur Anwendung gebracht wird, die Lebensbahn der gesetzestreuen, Schulchan Aruch-gläubigen Juden ohne Abrogierung gemacht werden kann. Im traditionellen Judentum, man wird es auch aus dem Dskot gosobsr zu großem Nutzen herauslesen, zeigt sich immer das Schweben und Bangen aller vornehmen und gottesfürchügen Menschen zwischen dem Eifer, die moralische Kraft, das Gesetz in seiner Vollgiltigkeit zu erhalten, und dem menschenfreundlichen Wohlgefallen an der vollen Entfaltung des Lebensstromes; beides getragen von der strahlenden Erkenntnis, daß die Lehre des Judentums im größten wie im kleinsten, in Theorie und Satzung, im Erhabenen wie im Kleinlichen höchst weise, die eherne Notwendigkeit aber voll verblüffender und doch unumgänglicher Torheit ist. Ich hätte wohl noch manches über das Anregende dieses Buches zu sagen, es würde aber zu weit führen und ich schließe mit dem Ausdrucke der Zuversicht, daß sich an diesem unserem geistigen Verkehre der schöne Prophetensatz erfüllen werde: „Die- Gottesfürchügen halten Unterredung mit einander, und es findet- Beachtung in den weitesten Kreisen." Der Geist der Kibel. Bon A. D. Sulzbach-Nosenfeld. (Fortsetzung.) Und doch ist und bleibt unsere Bibel, eben durch das eminent geistige und ethische Moment, das in ihr dominiert, sie durchweht, durchgeistigt, belebt, verjüngt: ,,Ez cbajim bi lamacbsikim bob w’somecbebo m’uscbor“, wie ein stets lebensvoller, nie wankender, nie welkender Baum, dessen Anblick erfrischend, erquickend, anregend, erleuchtend, erhebend und begeisternd für Alle, die sich mit ihr befassen, besonders aber für die, die sie erfassen. Während sich sonst Religion und Philosophie gegenseitig negieren, ist es gerade die mosaische, welche sich mit der Philosophie geradezu identifiziert. Ist doch die Philosophie eigentlich das Produkt aufmerksamster, eingehendster Betrachtung und Erforschung der Natur und der Erscheinungen in derselben, so wie des logisch richtigen Erfassens der geschichtlichen Begebenheiten und Erfahrungen. Ebenso sind all die Lehren, Satzungen, Erzählungen und Konklusionen der Lehre Moses der Natur, der Geschichte und den Erfahrungen abgelauscht und von Moses verwertet, um seine Brüder moralisch und geistig zu heben, sieden gar traurigen, schädlichen Folgen der langen Sklaverei zu entreißen und sie auf hygienischer, sozialer Basis zu einem physisch, moralisch und geistig kräftigst entwickelten, freien, edlen, mustergiltigen und friedliebenden, dabei unerschrockenen und tapferen Volke heranzubilden. Daher die vielen eindringlichem Lehren und Satzungen unserer Bibel zur Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und Gottvertrauen, zur strengsten Reinlichkeit, Mäßigkeit, Genügsamkeit und Enthaltsamkeit in allen Genüssen und Lagen des Lebens, die wiederholten Warnungen vor Sklaverei, Selbsterniedrigung, Verstümmelung und Verunstaltung, vor allem Unreinen, Gemeinen, Niederen, Verrohenden, Verwildernden, Grausamen und Lieblosen. In diesem Sinne ist als besonders charakteristisch hervorzuheben das so überaus strenge und so oft wiederholte Verbot des „Genusses jeglichen Blutes". Schon dem Noah wird, kaum er der Sintflut, eine Folge der allgemein überhandgenommenen Verderbtheit, entronnen, warnend nachdrücklichst eingeschärft (I, M. 6, 11—13), sich strengstens vor dem „Genüsse jeglichen Blutes" zu hüten, da solcher nur verrohend und verwildernd auf den Menschen einzuwirken geeignet ist, während es doch Aufgabe der Menschen bleibt, sich immer mehr über das Tier zu erheben und, wie Gott heilig, sich zu heiligen. „Und so haltet euch heilig, daß ihr heilig seiet, denn Ich bin der Ewige euer Gott; und haltet Meine Satzungen und tut sie, Ich bin der Ewige, der euch heiligt." (HI, M. 20, 7—8 u. a. m.) Nach Moses beruht die ganze Individualität eines jeden Geschöpfes höherer Ordnung in dessen Blute, dem Sitze jeglicher Willensäußerung. Nun konkludierte Moses ganz richtig, daß. beim Genüsse tierischen Blutes das tierisch Individuelle in den Organismus des Blutgenießenden naturgemäß übergehen müsse, ihn verrohe, verwildere. Daher, da im Blute das Leben, das ganze tierisch Individuelle repräsentiert ist, kommt es, daß schon der bloße Anblick des Blutes auf das unverdorbene Gemüt eine gewisse Scheu hervorruft. Es vermögen daher auch nur Personen abgestumpften Gemütes ohne Widerstreben sich mit der widerlichen Präparation des Blutes zu vulgär lüsternem Mahle zu befassen. Dieselbe Argumentation können wir bei den uns zum Genüsse erlaubten Tieren beobachten. Die meisten derselben erttähren sich von Pflanzen, unterscheiden sich durch eine große Leidenschaftslosigkeit und durch die Abwesenheit von Raubgier und Wildheit von anderen Tieren; dies in Verbindung mit dem Verbote des Genusses alles Blutes zeigt deut-