Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeile 6. Die Wahrheit Nr. 12. Student der Rechte, Ernst Feige, hat vor wenigen Tagen seinen Freiwilligendienst beendet. Die Beförderung zum Unteroffizier und die Befähigung zum Reserveoffizier ist von ihm nicht erreicht worden, obwohl seine Führung tadellos war und obwohl er seine Schuldigkeit in vollem Umfange getan hat, gleich seinen beförderten Kameraden. Aber er ist Jude. Ich empfinde diese Zurücksetzung um so schwerer, als ich selbst den Krieg gegen Frankreich mitgemacht, mir das eiserne Kreuz erworben habe und Offizier geworden bin. Der Stand, dem ich angehöre, und die Achtung, welche ich genieße, gestatten mir, meine Ehre derjenigen jedes anderen Vaters gleichzuachten, dessen Söhne der Aufnahme in den Offiziersstand für würdig erachtet werden. . . . Nur ein Wort Ew. Majestät - vermag diesen Zustand zu beseitigen oder zu erhalten, welcher eine ganze Bolksklasse mit der Schmach der Minderwertigkeit belastet. Als treuer Staatsbürger und alter Soldat, wage ich ntich an Ew. Majestät mit der Bitte, diese ebenso ehrenrührige, wie unverdiente Zurücksetzung zu beseitigen. Auf dieses Immediatgesuch ist ein Bescheid vom Generalkommando des IV. Armeekorps gekommen, in welcher als Grund der Nichtbeförderung angegeben wird, daß der Betreffende den an einen Vorgesetzten zu stellenden Anforderungen nicht genügt. In einer zweiten Eingabe stellte hierauf Justizrat Feige fest, daß s e i t I a h r z e h n t e n i n P r e u ß e n nicht ein einziger Jude zum Reserveoffizier befördert wurde. Die offene, männliche, mutige Sprache, die Justizrat Feige in der Eingabe an seinen Monarchen führte, ist vorläufig zumindest ohne Erfolg geblieben. Diese Eingabe wird dereinst den Wert eines bedeutsamen historischen Dokumentes besitzen. Man wird aus ihr ersehen, daß in den vornehmsten jüdischen Kreisen Deutschlands nicht die Meinung Platz gegriffen, daß man der Karriere zu Liebe, sofort dem Judentum den Rücken zu kehren habe und daß auch diese — Fahnenflucht eine schmachvolle ist. Vielleicht — die Hoffnung zu äußern ist gestaltet — wird aber auch ein zukünftiger Historiker die Tatsache verzeichnen können, daß Wilhelm H. als — König von Preußen sich denn doch — wenn auch nicht sofort — von den Momenten, die in dem Jmmediatberichte des Justizrates Feige zum Ausdrucke kommen, bewegen ließ, denselben Rechnung zu tragen. * * * 9tun ist auch ein katholischer Kirchenfürst als Opfer der christlich-sozialen Hetze gefallen. Fürsterzbischof Kohn hat mehr oder minder freiwillig auf seine hohe Würde verzichtet und wird nicht mehr den stolzen Fürstenstuhl in Olmütz einnehmen. Der Mann hatte sicherlich viele Fehler, aber kein Zweifel, diese bildeten nur den Vorwand für seine Verfolger, den von christlich-sozialem Geist beherrschten Priestern, die im Sinne der antisemitischen Presse die Hetze gegen ihren Oberhirten so lange betrieben, bis man auch in Rom den unliebsamen Mann fallen ließ. Der gewesene Fürsterzbischof von Olmütz hätte es samt seinen Fehlern zu noch höheren Würden, zu noch größerem Einfluß bringen können, wenn er nicht wegen seiner Abstammung zur Zielscheibe aller antisemitischer Angriffe auserkoren worden wäre. Angesichts der so erfolgreichen Hetze gegen einen Fürsterzbischof, der so unvorsichtig war, den Namen Kohn zu tragen, gewinnt ein Rede-Duell, welches jüngst im deutschen Reichstag zwischen Stöcker und Bebel ausgesuchten wurde, eine erhöhte Pikanterie. Bebel führte gegen Stöcker aus, daß die Judenfeinde kein Recht hätten, sich als Vertreter des Christentums zu gerieren, denn sie vergessen, „daß die Mutter Christi eine Jüdin und sein weltlicher'Vater ein Jude war, und bedenken nicht, daß das Christentum ohne das alte Testament nie entstanden wäre." Stöcker fand hierauf als Antwort zwar kein Argument, wohl aber eine hochmütige Phrase: „Er halte es unter seiner Würde, mit einem Bebel darüber zu diskutieren, wer Jesus war." Als ob nicht gerade Bebel ihm nicht soeben mitgeteilt hätte, wer Jesus war. Eine interessante Reminiszenz von dem geistvollen Prediger Dr. Adolf Jellinek brachte dieser Tage die „N. Fr. Pr." anläßlich eines Nachrufes, den sie dem verstorbenen Staatsrat Braun widmete. Da hieß es u. A.: „Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß gerade beim Kaiser zahlreiche Bittgesuche von galizischen Juden eingebracht werden, die in hebräischer Sprache abgefaßt sind. Solche Gesuche wurden, als der Prediger der jüdischen Gemeinde, Dr. Jellinek, noch lebte, diesem von Braun zur Begutachtung und Uebersetzung überwiesen. Baron Braun fragte eines Tages bei Dr. Jellinek an, „welche Spende nach seiner Ansicht dem Bittsteller zu bewilligen sei". Da erwiderte der Prediger: „Ich weiß wohl, Euer Exzellenz, wie viel ein armer Jude brauchen kann, wie viel aber ein Kaiser spenden soll, davon, Exzellenz, habe ich keine Ahnung". Zeitbilder. Von Moritz Maudl, Religionslehrer in Ledee (Böhmen.) Wie sehr sich hierzulande, besonders in den Dörfern und kleinen Städtchen, der künstlich erzeugte und von immerwährenden Lügen genährte Ritualmord-Aberglaube in den Gemütern des Volkes festgesetzt hat, beweist folgender Vorfall: Der hiesige Schammes, Herr Fremd, fuhr am verflossenen „Taanis Ester' mit der Bahn nach Chotsbor, um nach Abwicklung seiner Geschäfte abends zur Megilla wieder^ hier einzutreffen. Unterwegs stieg ein Mädchen ein, das von 6echtic nach Wien reiste. Als es nach einiger Zeit mit seinem Mitreisenden bekannt wurde, erzählte es in böhmischer Sprache folgende Geschichte: ..Ich diene schon einige Jahre in Wien, in einem sehr anständigen jüdischen Hause und erfreue mich dort der besten Behandlung. Von Zeit zu Zeit schreibe ich meinen Eltern nach öechtic. Ich weiß es selbst nicht, wie es kam, ich kann es eingestandenermaßen nur Schreibfaulheit nennen, daß ich das letzte ausführliche Schreiben meiner alten Eltern diesmal länger als gewöhnlich unbeantwortet ließ. Da erhielt ich vor einigen Tagen ein Telegramm, die Mutter wäre sterbenskrank, ich möge unverzüglich nachhause kommen. Zu Tode erschrocken nahm ich mir sofort einen mehrtägigen Urlaub, der mir auch bereitwilligst gewährt wurde, um meine sterbende Mutter wenigstens einmal noch sehen und sprechen zu können. Wie freudig überrascht ich jedoch war, als ich mein Mütterchen frisch und gesund mir entgegeneilen sah, kann sich kaum jemand denken. „Aber, lieber Vater," fragte ich voll Neugierde, ..was ist dir denn eingefallen, mich in solche Angst zu versetzen?" „Ja, liebes Kind," versetzte der Alte, ..ich habe mehr Aengsten durch dich ausgestanden; die Juden werden jetzt bald Ostern haben und brauchen zur Bereitung ihrer Osterbrote — Christenblut, und da fürchteten wir, weil du so lange nicht geschrieben hast, man hätte dir in Wien das Blut abgezapft und wir wären auf elende Weise um dich gekommen." . . . Mutet dies saubere Geschichtchen, das übrigens hierzulande nicht vereinzelt dasteht, nicht mittelalterlich an? Und doch ereignet sich solches im hellerleuchteten 20. Jahrhundert. Ein Glück nur, daß es die Kultur schon soweit gebracht hat, mit Hilfe der Elektrizität und des Dampfwagens solch arme, zu Tode geängstigte Ellern so rasch aus ihrer so schrecklichen Vermutung herausreißen zu können. . . . Und die Tochter? Daß diese sobald wieder auf ihren jüdischen Dienstposten zurückkehrte? Sollte sie etwa von der Menschlichkeit ihrer jüdischen Herrenleute überzeugt sein? Wie doch die Großstadt die leichtgläubigen Gemüter — abstumpft! * * * Die vorige Woche wurde hier eine ganze Diebsbande entdeckt, deren Verhaftung begreifliches Aufsehen erregte. Seit einer Reihe von Jahren wurden hier, am Sitze der Bezirksbehörden, trotz der Wachsamkeit der Gendarmerie und der anderen lokalen Aufsichtsorgane, Diebstähle ausgeführt, ohne