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Die Wahrheit · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 Die Wahrheit Leite 7 daß es gelungen märe, auch nur eine Spur der Diebe zu entdecken. Wer weiß, wie lange diese Diebstähle noch fortgedanert hätten, wenn dieselben nicht durch ein Weibsbild aus dieser sauberen DiebsgeseÜschaft verraten worden wären. Was diese Lokalgeschichte, die nebenbei bemerkt, in ihren Details einen überaus interessanten Charakter trägt, die Leser eines Mischen Blattes interessiert? Nun, gerade die Geschichte des Verrates, den die Geliehte des Anführers dieser Bande geübt, erinnert hier lebhaft an die unselige Hülsner-Affaire, die so traurige Früchte gezeitigt hat. Der verratene Bandenführer, dessen Diebstätigkeit weit über die Gemarkung der hiesigen Stadt hinausreicht, ist nämlich jener ehrsame Schuhmacher, Edler von Arator, der seinerzeit wegen Ermordung seines Weibes mittelst einer Scheere acht Monate Kerker abbüßte und in der Voruntersuchung ein Mithästling Hülsners war. Dieser „Edle", im Böhmischen wird er „zlechtic z Aradora" genannt, war es, der dem Hülsner das Geständnis erpreßte, tatsächlich die A. H. ermordet zu haben, indem er (Arator) dem Schwachkopf ein- >. redete, daß ein Galgen für ihn (Hülsner) bereits fertig stehe, auf den man ihn jedoch nur dann knüpfen werde, falls er wie bisher die Mordtat beharrlich leugnen wolle. Der Erpressungsversuch wurde ja bekanntlich behördlicherseits entdeckt und Hülsner keinesfalls auf Grund der Aussagen dieses „Hochgeborenen' verurteilt. Arator sieht jetzt einer größeren Freiheitsstrafe entgegen und die hiesige Einwohnerschaft wird sich wohl eine zeitlang ohne diesen „edlen" Helden begehen müssen. Zur Charakteristik Spinozas. Die jüngste Erscheinungsform des Judentums ist das National-Judentum, das man richtiger das politische Judentum nennen sollte. Die Wortführer dieser neuen Richtung erhoffen durch Hebung und Pflege des nationalen Sinnes eine Regeneration des jüdischen Volkes, welche in der Begründung eines Judenstaates ihren Gipfelpunkt fände. Gewiß ein ideales Programm! Ein charakteristisches Zeichen dieser jüdischen Partei ist aber ihr religiöser Jndifferentismus. Das läßt sich leicht erklären. Eine neue Partei kann in unseren Tagen nur dann Anhänger finden, wenn sie radikal auftritt, und wenn wir von Rußland absehen, rekrutieren sich die Anhänger dieses neuen Judentums vielfach aus Elementen, welche vorher infolge ihres religiösen Jndifferentismus dem jüdischen Volke vollkommen fremd gegenüberstanden. Schon aus dem letzteren Grunde sollte man dieser Partei nicht allzu feindlich entgegentreten, denn besser National- Juden als gar keine Juden. Allerdings dürften die National- Juden nicht den Spott der Religionsjuden herausfordern! Und das hat meiner Ansicht nach jüngst ein moderner, jüdischer Schriftsteller getan, der über Spinoza u. a. Folgendes schrieb: „Gewaltiger und erhebender zugleich als die Denkkraft Spinozas wirkt auf uns seine Persönlichkeit. Da erhebt er sich zu monumentaler Größe. . . . Spinoza ist mehr als ein edler Mensch, der mit besonderem Scharfsinne begabt ist. Nie zuvor und nie nachher hat ein Mensch seine Individualität so ausgebildet, ohne eine einzige Schattenseite, die sonst starken Persönlichkeiten eigen ist, zu zeigen. . . . Spinoza war ein Mann, der belehrte, ohne zu eifern, er war innerlich bescheiden, trotz des stärksten Selbstbewußtseins, das nur ein so sicheres Denken zu geben vermag. . . . Spinoza ist der größte Jude gewesen. Nicht die Propheten, nicht der gewaltige und beredte Jesaias, nicht der weise Maimonides, nicht, um die Modernen zu erwähnen, Marx und Lassalle und Heine können in einem Atemzuge mit ihm genannt werden. Bei all diesen Persönlichkeiten, wie groß sie auch sonst sein mögen, kommt der tiefste Charakterzug des Judentums nicht in der Weise wie bei Spinoza zum Ausdrucke." Kann und darf ein National-Jude so über Spinoza reden? Als Denker steht Spinoza allerdings groß da. Fehlte ihm aber nicht der tiefste Charakterzug des Judentums — die Liebe zum jüdischen Volke? Man könnte mir einwenden, Spinoza wäre ein viel zu abstrakter Denker gewesen, um für nationale Dinge Sinn oder Interesse zu haben. Mit dieser Ausrede würde aber die ..nationale" Lücke im Charakter dieses größten Juden keineswegs verstopft werden. Liebe zur Nationalität ist, wenn sie mit der Humanität nicht im Widerspruche steht, eine der glänzendstell Charaktereigenschaften, und diese vermissen wir leider bei Spinoza. Sein nationaler Jndifferentismus wird gerade bei ihm zu einem moralischen Defekt, wenn wir berücksichtigen, unter welchen traurigen Verhältnissen seine Stammesgenossen lebten. Da war es ein Gebot der Humanität, für die verletzten Rechte einer kleinen Minorität einzutreten. Wie anders stünde Spinoza da, wenn er sich seiner armen, unglücklichen, verfolgten und verachteten Brüder angenommen hätte? An Gelegenheiten fehlte es ihm wahrlich nicht. 1634 wurden die Juden aus Zürich, 1655 aus Schaffhausen, 1670 aus den österreichischen Erblanden vertrieben. In England war ihnen der Aufenthalt bis 1655 überhaupt verwehrt. Unter Chmelnitzky (1648—61) waren sie in Polen, Podolieu, Wolhynien, Ukraine und Litauen entsetzlichen Verfolgungen ausgesetzt. Aus der pyrenäischen Halbinsel flackerten noch die Scheiterhaufen lichterloh. Und fast überall mußten sie sich ihr Aufenthaltsrecht durch hohe Steuern sichern. Auch an Blutbeschuldigungen fehlte es zu Lebzeiten Spinozas nicht. So wurde in Metz 1670 ein armer, unschuldiger Hausierer, namens Raphael Lewy. unter furchtbaren Folterqualen getötet, weil man ihn beschuldigte, das Kind eines Bauern getötet zu haben, um mit dessen Fleische Zauberei zu treiben. Aber Spinoza schweigt — und sein großer Zeitgenosse Menasse ben Israel tritt für seine schmachtenden Brüder in Wort und Schrift ein. Dieser Amsterdamer Buch dt uckereibesitzer, der sich der Freundschaft Hugo Grotius erfreute, ist der erste Jude der neueren Zeit, der im großen Stile für die verletzten Rechte seiner beleidigten und gemarterten Nation eintrat. Ihm ist es zuzuschreiben, daß den Juden im Jahre 1655 der Aufenthalt in England wieder gestattet wurde. Und dabei war Menasse ben Israel kein großer Geldmensch, sondern ein einfacher Buchdruckereibesitzer. Und nach ihm kam der „Buchhalter" Moses Mendelssohn, der das Befreiungswerk fortsetzte und in seinen humanen Bestrebungen von Dohm und Lessing gefördert wurde. Mit Ehren sei auch Henri Gregoire (1750—1831) l genannt, der sich durch seine Schrift „Essai snr la regeneration des jnifs" einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte gesichert hat. Darf also ein National-Jude Spinoza als den größten Juden bezeichnen, der nicht mit den Propheten, nicht mit Maimonides, nicht mit Marx, Lassalle und Heine in einem Atemzuge genannt werden darf? Und erscheint es nicht wie ein Hohn, wenn man Marx, Lassalle und Heine mit den Propheten überhaupt in einem Atemzuge nennt? Was Heine betrifft, so hätte er. der trotz seiner Taufe innerlich Jude geblieben war, gegen eine solche Rangierung gewiß mit Heinischem Spotte Stellung genommen. — Lassalle ist ja nur durch sein vorzeitiges Ende Jude geblieben, und wäre er nicht im Duell gefallen, so hätte ihn — das ist eine bekannte Tatsache — der Mainzer Bischof von Ketteler in den Schoß der römischen Kirche ausgenommen. Und Marx? Der schied ja schon als Kind aus dem Judentume und genoß eine Erziehung, die ihn seinen Stammesgenossen ganz entfremdete. An seinen gelegentlichen Aeußerungen über die Juden kann ja jeder Arier seine Freude haben. Dürfen also die genannten großen Männer mit den Propheten in einem Atemzuge genannt werden? Ich beantwortete diese Frage mit einer anderen Frage: Was oder wo wären überhaupt die Juden ohne die Propheten? Was sie durch die Propheten geworden sind, sagt Cornill kurz und bündig: „Durch die Propheten ist Israel der Prophet der Menschheit geworden." I. Robinsohn. iüi

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