Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Lette h. Die Wahrheit Dienste zu widmen, und leiteten nach dieser Richtung hin auch ' fortan seine Erziehung. Eigentümlicher Weise zeigte sich auch im Knaben schon die Richtung, die er als Mann mit so entschiedenem Erfolge einschlug. Denn wenn der kleine Salomon mit seinen Genossen spielte, so bildete er mit denselben immer eine kleine Gemeinde, in welcher er sich selbst zum Vorsteher und zugleich zum Vorbeter ernannte. 1817 war die Stelle des israelitischen Kantors in Hohenems erledigt. Obwohl der Sohn erst 13 Jahre zählte, drang die fromme Mutter nichtsdestoweniger allen Ernstes daraus, daß er sich um den Posten bewerbe. Der wiederholte Einwand, daß der Sohn noch zu jung sei, war vergeblich; sie bestand auf der Bewerbung, und dies um so mehr, als sie aus das zurückgelegte dreizehnte Lebensjahr hinwies und geltend machte, der jüdische Jüngling werde in diesem Jahre reif erklärt und als Mann in die Gemeinde ausgenommen. Ungeachtet dessen stellte sich doch dieser Bewerbung ein Teil der Gemeinde entgegen, so daß die Besetzung der Kantorstelle nicht vom Vorstande erledigt werden konnte, sondern die Verhandlungen über diese Angelegenheit nach Wien zur Entscheidung geschickt werden mußten. Und da ein gesetzliches Hindernis sich nicht erbringen ließ, wurde der 13jährige Salomon Sulzer von Kaiser Franz als Kantor der Gemeinde Hohenems bestätigt, ihm jedoch zugleich ein Zeitraum von drei Jahren gegönnt, in welchem er sich für das ihm verliehene Amt ausbilden sollte. In dieser Zeit widmete der mit musikalischem Talente reichbegabte Jüngling der Musik sein ganzes Sinnen und Streben. Er ging zu diesem Zwecke 1817 zunächst in die Schweiz, wo er bei Lippmann, einem der berühmtesten Kantoren jener Zeit. Unterricht nahm. Nach einjährigem Studium machte er mit. seinem Lehrer eine Reise durch einen großen Teil von Frankreich, und zwar zog der 14jährige Salomon mit seinem Meister gleichsam als fahrender Schüler daselbst von Ort zu Ort, überall Gesangsproduktionen gebend, und er hatte dabei Gelegenheit, bie Improvisation seines Gesangstalentes auszubilden, welches allerdings auf diesen Fahrten und in den Vorstellungen, welche sein Lehrer gab, eine ganz eigentümliche Verwendung fand. Aus Frankreich heimgekehrt, trat er noch immer nicht seine Stelle an. Selbstsühlend, lute so manches für seinen Beruf'ihm noch mangle, verließ er wieder das Elternhaus und begab sich nach Karlsruhe, wo er ein ganzes Jahr mit allem Eifer seinen Musikstudien oblag. Endlich von Grund aus geschult und seinem Dienste völlig gewachsen, übernahm der 16jährige Künstler das Hohenemser Kantoramt und verwaltete es durch fünf Jahre, selbst kleine Opfer nicht scheuend, zur vollen Zufriedenheit der Gemeinde. Er organisierte alsbald einen gut geschulten Chor, sowie ein kleines Orchester für Streichinstrumente, in welchem alle Mitglieder Israeliten waren. Da sein Gehalt nur 100 st. Neichswährung betrug, er überdies einen Bassisten aus eigener Tasche zahlte und den Sopranisten in gänzliche Verpflegung nahm, so können wir uns diese sonst unbegreiflichen Dinge nur durch den Umstand erklären, daß er bei seinen vermögenden Eltern eine ausgiebige Unterstützung fand. Sein Ruf als Kantor ging bald über die Grenzen seines Geburtsortes hinaus, und schon 1825 erhielt Sulzer eine Einladung nach Wien, wo ihn auch sofort die israelitische Kultusgemeinde als Kantor anstellte. Die Wiener Gemeinde war eben im Begriffe, sich recht zu entfallen, sie hatte einen stattlichen Tempel erbaut, in Mannheimer einen geistvollen und trefflichen Redner gewonnen und nun zu diesem den unvergleichlichen Sänger gestellt, der dem Gottesdienste eine neue Weihe verleihen sollte. Die Ausgabe aber, welche Sulzer übernommen hatte, war keine geringe. Es mußte mit dem fest eingerosteten Schlendrian gebrochen werden. Es galt, an die Stelle des seelenlosen Singsanges einen ästhetischen, erhebenden Gesang zu setzen. Es fehlte aber an allen Elementen dazu. Während er nun mit seiner eigenen Fortbildung sich emsig befaßte und bei Ritter von Seyfried Unterricht in der Komposition nahm, komponierte er vorläufig selbst die notwendigsten Gesänge für den Tempel. Aber wollte er Glicht immer dasselbe bringen, so mußte er die Zahl der Gesänge vermehren, mib diese alle selbst in Musik setzen, dazu hatte er nicht die nötige Zeit. Er sah sich also nach entsprechenden Kräften um. Und waren auch dieie gefunden, so galt es wieder einen anderen Kamps zu bestehen. Es gab eine mächtige Partei, welche starr am Alten hing und allen Neuerungen, teils aus Orthodoxie, teils aus Vorliebe für den altgewohnten Schlendrian prinzipiell entgegenstaud. Diese nach und nach für seine resormawrischen Tendenzen zu gewinnen, war seine nächste Ausgabe. Ging er auch in den Reformen nicht so weit, wie mehrere jüdische Gemeinden in Deutschland, welche die hebräische Sprache in den Gesängen durch die deutsche ersetzten, so stellte sich ihm durch Beibehalt des Hebräischen doch ein nicht geringes Hindernis in der durch die Musik erforderlich gewordenen veränderten Betonung der hebräischen Wörter entgegen. Es ist nicht unsere Ausgabe, in diesen rein theorettschen Vorgang, wobei Sulzer zunächst darauf Bedacht nehmen mußte, dem Wohllaute Rechnung zu tragen, des Näheren einzugehen. Wir müssen uns mit der Andeutung der Tatsache begnügen. Eine nicht minder wichtige Ausgabe war es ferner für ihn, seine neuen Gesänge den vorhandenen alten Synagogenmelodien anzupassen, da er sonst überhaupt nicht daran denken durste, zu reformieren. Er mußte daher diese alten, mit den Gebeten sozusagen verwachsenen Melodien künstlerisch behandeln, d. h. rhythmisieren und endlich noch harmonisieren. Nur der des jüdischen Kultus und der Musik Kundige kann sich eine Vorstellung von der Ausgabe machen, welche zu bewältigen Sulzer auf sich genommen. Erst nach fünfzehnjähriger angestrengter Tätigkeit gelang es ihm, aus seinen Gesängen ein Ganzes zusammenzustellen, welches die Grundlage zunächst des jüdischen Gottesdienstes in Wien bildete, bald aber so praktisch sich erwies, daß es in allen Synagogen Eingang fand. (Fortsetzung folgt.) Ans der Woche. Im deutschen Reichstag wurde kürzlich anläßlich der Militär-Debatte die Frage der Gleichberechtigung der Konfessionen beim Militärdienst zur Sprache gebracht. Ter freisinnige Abgeordnete Dr Eickhof führte aus, daß trotz der gesetzlich festgelegten Gleichberechtigung, die Juden zu den meisten Verwaltungen nicht zugelasfen werden, und was den Militärdienst betrifft, so werden die Juden in Preußen bei der Beförderung nicht nur in Ausnahmsfällen, sondern konfeguent immer zurückgesetzt. Der Kriegsminister antwortete erst nach einigen Tagen. Er erwiderte ausweichend und mit augenscheinlicher Verlegenheit, daß im Sinne der Gesetze und der Verwaltungsbestimmungen dem Eintritte jüdischer Offiziere und Unteroffiziere in die Armee auch in Preußen kein Hindernis im Wege stehe. Würde ein Jude aus die Frage, warum in einem bestimmten Falle das Gesetz mißachtet wird, damit antworten, daß nach dem Gesetz kein Hindernis vorhanden sei — dem Gesetze zu entsprechen, so wäre man rasch bei der Hand, von talmudifcher Rabulistik zu sprechen. Der deutsche Kriegsminister wird sich daher wohl gefallen lassen müssen, daß man seine Antwort einfach rabulistisch nennt. Auffallend bleibt es nur, daß er zu dieser Antwort mehrere Tage Bedenkzeit benötigte, wenn man nicht wüßte, daß man viel schneller eine gerade, als eine krumme Antwort findet. Einen interessanten Beitrag zu dieser nicht allein die Juden in Deutschland interessierenden Frage veröffentlicht die ..Breslauer Zeitung". Sie reproduziert die Immediateingabe, welche der Justizrat Feige im Oktober v. I. an den Kaiser gerichtet, in welcher es u. A. heißt: „Mein ältester Sohn, m EL