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Die Wahrheit · 1903-05-01 · Heft 17 (1.5.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 17 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 17 h VtU i ~**t ff Ij " i. , kj" % s/l dessen Flugsemr die Dächer ihrer eigenen Häuser ergreift. Eine politische Corporation innerhalb der österreichischen Judenschast kann daher nach wie vor nichts anderes thun, als sich strenge aus der Grenzlinie der Defensive zu Hallen und auf dem iui* anlastbaren Boden der verfassungsmäßigen Rechte ruhig abzuwarten, bis aus dem Chaos unserer inneren Wirrnisse sich naturnotwendig neue Parteigruppen wahrhaft freisinnigen Charakters herausbildeu. Wann der Zeitpunkt solcher Neubildungen eintreten wird, läßt sich heute kaum noch voraus - sehcn; aber er wird so gewiß -kommen, als die Erhaltung Oesterreichs im Lebensiirteresse all seiner Völker gelegen ist. Die .Ocsterrcichisch-Jsraelitische Union" hat denn auch im verflossenen Jahre die active Antheilnahme an politischen Kämpfen strenge vermieden und sich fast ausschlüßlich auf die Pflege des Rechtsschutzes und ans die Stärkung des Gcmeinsinnes unter der österreichischen Judenschast bcschänkt. Rur ein ciuzigesmal sind wir aus dieser Reserve gelcgenilich der Landtagswahlen durch Veranstaltung einer Wähl-rversammlung her- Vorgetretcn, weil es sich dabei um eine Coalition aller fortschrittlichen Elenrcntc gegen den cffenen Antisemitismus handelte. Der seit Jahren nachdrücklich geübten Vcrlheidigung der Ehre und der Rechte unserer Glaubensgenossen haben wir durch eine Statutenänderung, nach welcher der Verein berufen ist, die „allgemeinen und politischen Rechte der Inden zu wahren und den Angehörigen der jüdischen Confessionen zu diesen Rechten , zu verhelfen", eine rechtlich gesicherte Grundlage geschaffen. Die Ausnahme dieser Beslimmung war nothwendig, weil von gegnerischer Seite wiederholt der Versuch gemacht worden ist, die Berechtigung der „Oesterreichisch-Jsraelilischen Union" zur Gewährung von Rechtshilfe in Frage zu ziehen. Gestützt aus das neue Statut können wir nunmehr unbekümmert um die gehässigen Anfeindungen unserer Gegner unserer gemeinnützigen Wirksamkeit obliegen. Rastlos und unermüdlich haben wir diese Thätigkeit geübt, und kein Glaubensgenosse, der wegen dieser seiner Eigenschaft in seinen Rechten gekrankt, in seiner Ehre verletzt, in seiner Existenz geschädigt wurde, hat vergeblich au unsere Thür gepocht. Der Effect dieser Arbeit ist ein erfreulicher nach zwei Richtungen h n: Auf der einen Seite haben wir vielfach bewiesen, daß es doch noch gesetzliche Schranken für Bosheit gibt, auf der anderen Seite haben uir den Muth und das Gefühl der Rechtssicherheit in unseren eigenen Reihen gekräftigt. Nicht nur in den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes, sondern auch außerhalb seiner Grcnpzsahle, ja selbst jenseits des Occans — wir erinnern nur an die Affaire Schulim Schnur — weiß man bereits, daß die „Oestcrreichisch-Jsraelitische Union" ein Hort des Rechtes, ein Schutz der Schwacher: und Hilflosen ist. In unserer Monatsschrift haben wir über die wichtigsten Fälle aus unserem Rccktsschutzbureau fortlaufend berichtet, und wir halten es deshalb auch diesmal für übeiflüssig, Ihnen einen gesonderten Bericht dieses Bureaux vorzulegen. Wir be- ' werken nur noch, daß die Zunahme unserer Agenden und insbesondere die Ausdehung unserer Heimatsrecht-Actiou uns bestimmt hat, die Stelle eines ständigen Rechtsconsulenten zu creiren, die Herr Dr. Oscar Hein, der aus diesem Gebiete über besondere Erfahrungen verfügt, in bewährter Weise versieht. Neben dieser Vertheidigungsarbeit war es unsere wichtigste Aufgabe, die Organisation unseres Vereines immer weiter auszudehnen und auch in den kleinsten Cultusgemeinden des Reiches durch das lebendige Wort die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Anschlusses aller Glaubensgenossen an unsere Corporarionen zu verkünden. Unser Bureauleiter hat im abgelansenen Jahre weiieie 39 Wandervorträge abgehalten. Einer Anregung in der vorjährigen Generalversammlung Folge leistend, haben wir die Agitationen auch in Galizien und der Bukowina begonnen, wo Secrelär Fleischer in Krakau, Lemberg, Czernowitz, ^Tarnow, Rzcszow, Przemysl, Jaioslau, Stanislau, Kolomea, Brody, Drohobycz, Stryj, Neusandez, Zloczow, Tarnopol, und Jaslo Wanderversammlungen mit sehr erfreulichem Erfolge abhielt, durch welche die Zahl unserer Mitglieder eine erheblich.: Vermehrung erfuhr. Wir hoffen daß die so gewonnenen Freunde im Osten der »Ocsterreichisch-Jsraelitischen Union" auch weiterhin treu bleiben werden. Wandervorträge wurden ferner abgehalten in Mährisch-Ostrau. Eibenschitz, . Ianitz, Teltsch, Sobieslau, Wittingan, Beueschau, Wlaschim, UHer-Kralowitz, Lobositz, Platzau, Radnitz, Reugedein, KlattattI Kassejowitz, Blatna, Aussig, Celoan, Jechnitz, Lubeuz, Chiesch, Melnik und im 16. Wiener Bezirke (Ottakring Hernals), Das erfreuliche Wachsthum des Vereines veranschaulichen die nachfolgenden Ziffern: Bei der vorjährigen ^deutlichen Generalversammlung ihatteu wir einen Stand von 5H90 Mitgliedern, von denen 4l5 infolge Ablebens, Austrittes rc. abgeschrieben werden mußten. Es verblieben demnach 5275 Mitglieder. Am 31. Dezember 1902 erreichte unser Mitgliederstaud die Ziffer von 6328 und am 15. April 1903 die Ziffer 6842 Mitglieder. Wir haben sonach seit der vorjährigen- Generalversammlung einen Zuwachs von 1122 Mitgliedern und innerhalb drei Jahren einen Zuwachs von 5700 Mitglieder zu verzeichnen Unsere Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen sind von K. 5400 im Jahre 1899 auf K. 25.300 im 7 Jahre 1902 gestiegen. In unserem vorjährigen Berichte konnten wir feststellen, daß die Zahl der Cultusgemeinden und Ortschaften, in denen wir vertreten waren, sich auf 313 belief. Diese Ziffer hat sich bis 15. April 1903 auf 371 erhöht. Wir zählen gegenwärtig in Wien 2553, .in der Provinz 4359 Mitglieder. Das . Mißverhältniß, welches wir in unserem vorjährigen. Berichte zwischen der Mitgliederzahl aus Wien und jener aus der Provinz constatirten, hat sich allerdings eini-ermaßen zu.Gunsten der Wiener Judenschast verschoben, die Theilnahme und das Interesse unserer Glaubensgenossen in der Rnchshaupsstadt stehen jedoch noch lange nicht auf der wünschenswerthen Höhe, und wir betrachten es auch nach wie vor als unsere . Aufgabe, durch Agitation in Wort und Schrift unausgesetzt dieses Interesse zu beleben. Wir erfüllen eine angenehme Pflicht, indem wir au dieser Stelle den V.rtretungen aller oben genannten Cultusgemeinden, in denen unser Delegirter eine ehrenvolle und herzliche Ausnahme erfuhr, nuferen innigsten Dank abstatten. Unter den Provinzstädten stehen derzeit Bndweis mit 119, Graz mit 113, Prag mit 106, Pilsen mit 136, und Teplitz mit 164 Mitgliedern an erster Stelle. Wir hatten im Berichtsjahre einen Einlauf von 973 Geschäftsstücken zu verzeichnen, wogegen 1024 ausgingen. Anläßlich unser Wanderversammlung haben wir 931 und für die Kaleudereditionen 6683, somit im Ganzen 8639 Briefe versendet. Die laufenden Vereinsagenden wurden, in 12 Vorstandsuud in 18 Präsidialsitzungeu erledigt. Unsere statutarische Aufgabe, den Sinn für die jüdische Wissenschaft und für die Angelegenheiten des Judeuthums zu heben, haben wir auch im abgelaufeneu Jahre durch eine Reihe von Vorträgen erfüllt. Es sprachen: Am 8. November 1902 und am 5. Februar 1903 Herr Vicepräsident Sigmund Mayer über: „Die ökonomische Entstehung und Entwicklung der Wiener Judenschaft", am 17. Jänner 1903 Herr Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin über: „Der Slaatentod im Alterthume und die jüdischen Nation", am 11. März 1903 Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald ans Hamburg über: „Die moderne Frauensrage und das Judenthum". Alle diese Vorträge erfreuten sich eines regelt Besuches. Ueberdies fand am 18. October 1902 aus Anlaß der Lantagswahlen eine von uns veranstaltete Wahlerversammlnng statt, an welcher mehr als 4000 Personen theilnahmeu. In der am 5. Februar 1903 zum Zwecke der Statutenänderung abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung wurde eine freie Discussion über actuelle -jüdische Angelegenheiten eröffnet, bei welcher insbesondere der Gedanke einer Vereinigung aller jüdischen Kräfte zur Förderung der wirtschaftlich bedrängten Schichten des Jndenthums lebhafte Zustimmung fand. Die erwähnten Vorträge wurden durch unsere Monatsschrift auch dem weiten Kreise unserer Provinzmitglieder vermittelt. Der Vorstand hat der Fortentwicklung des Vereinsorgaus, welches ein werhvolles Bindemittel zwischen der Vereins-

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