Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 17 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 5. Nr. 17 Die Dahrhett. leitung und den einzelnen Mitgliedern darstellt, sein besonderes Augenmerk gewidmet, und wir dürfen mit Befriedigung constätiren, daß die Monatsschrift den durch sie angestrebten Zweck, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und das Interesse für die allgemeinen jüdischen Fragen zu stärken, in wachsendem Maße erfüllt. Der „Unionkalender" ist im letzten Jahrgange in wesentlich verbesserter Form erschienen. Der schematische Theil ist vollständig umgearbeitet und durch eine Reihe neuer wichtiger. Daten bereichert worden.. Obwohl uns hiedurch eine Mehrausgabe von K 974 erwuchs, so haben wir doch ein Reinerträgniß von K 2344.55, somit nur K. 306.13 weniger als im Vorjahre erzielt. Allerdings sind auch diesmal mehr als 1000 Exemplare von den Empfängern weder zurückgeschickt noch bezahlt worden. Der Tod hat uns auch im abgelausenen Jahre zahlreiche treue Mitglieder entrissen. Wir beklagen den Heimgang der Herren: Rabbiner D. Löwy, Philipp Bondi, Moriz Karpeles, Salomon Feldmann, Josef Beck, Dr. Carl Fuchs, David Fröhlich, Jacob Picker, Jacob Weich, Max Kaufmann, Jacob Kohn, Max Böhm, Sigmund Ritter v. Bauer, Sigmund Blatt, Josef Alberti, Simon Rosenberg, Anton Schwarz, I. L. Deiner, Alois Reich, Moses Staschnow, Joachim Bandler, Oberstabsarzt Dr. Jacob Treulich, Sigmund Weiner, Salomon Schwarz, Ignaz Eisler, Dr. Schwär zmann, Moritz Friedmann, Dr. Heinrich Bloch, Bernhard Duschnitz. Moriz Freyberger, Moriz Schur, Emil Schwarz, Sam. Franz Singer, Adolf Spitzer in Wien, ferner: Anton Fürst in Bisenz, Bernhard Neubauer. Aron Bermann und Nathann Steiner in Tachau, Filipp Färber in Prerau, Adolf Ehrlich in Rokitnitz, Dr. Josef Schwarz und Daniel Leituer in Baden. Die geehrte Versammlung hat bereits durch Erheben von den Sitzen das Andenken der Verstorbenen geehrt und wir erbitten uns die Ermächtigung, diese Trauerkundgebnng dem Protokolle einverleiben zu dürfen. Es sei uns ferner gestattet, hiemit öffentlich allen Mitarbeitern an unserem gemeinnützigen ^Werke, namentlich jenen Herren, die in den öffentlichen Vertretungskörpern, ferner als Anwälte, Beiräthe und Vertrauensmänner, unsere Rechtsschuharbeit wirksam unterstützt haben, unseren innigsten Dank auszusprechen. Dem gleichen Dank zollen wir der jüdischen Presse, insbesondere der „Oesterreichischm Wochenschrift", der „Neuzeit" und der „Wahrheit" für die Förderung unserer Bestrebungen. Geehrte Herren! Die Erfolge, welche^die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" bisher erzielt hat, haben uns nicht blind gemacht für die Mängel der Organisation der österreichischen Judenschaft. Wir sind uns bewußt, daß wir nur eine suppletorische, vorbereitende Arbeit für eine legale Organisation leisten, die früher oder später, im Wege einer sämmtliche österreichische Cultusgemeinden umfassenden gemeinsamen Verfassung geschaffen werden muß. Eine nach oben und unten mit autoritativen Befugnissen ausgestattete Repräsentanz der ganzen österreichischen Judenschast — das ist das Ziel, welchem wir unablässig zustreben. Nur auf diesem Wege alleil. kann jene Zusammenfqssung aller verfügbaren Kräfte unter unseren österreichischen Glaubensgenossen durchgesetzt werden, die erforderlich ist, um unseren Anspruch auf volle Gleichberechtigung zur Geltung zu bringen und jeden wie immer gearteten Angriff auf unsere Stellung als freie Staatsbürger erfolgreich znrückzuweisen. Die vielberufene Solidarität der Juden existirt leider nur im Munde unserer Feinde, sie ist noch lange nicht zur Wahrheit geworden. Es muß offen ausgesprochen werden, daß die politische Schulung und Reife unserer Glaubensgenossen noch vielfach gehemmt wird durch eine beklagenswerthe Engherzigkeit und Gleichgiltigkeit hi unseren eigenen Reihen. Dieses innere Hemmniß einer Einigung durch unermüdliche Aufklärung zu beseitigen, ist unsere vornehmste, wenn auch schwierigste Aufgabe. Noch müssen Tausende und Abertausende, die abseits stehen, für unsere Bestrebungen gewonnen werden, und jeder Einzelne, der sich uns bereits angeschlossen hat^. muß selbst wieder zum Apostel werden und in seinem engeren Kreise immer wieder mit uugeschwächter Begeisterung den Gedanken verkünden: „Kämpfen wir für unsere Rechte, damit wir sie ungeschmälert unseren Kindern und Kindeskindern überliefern können." Dem Cassaberichte, den Herr Albert W i n t e r b e r g erstattete, entnehmen wir, daß die Einnahmen im Jahre 1902 Kr. 41.33156 und die Ausgaben Kr. 39.304 79 betrugen. An die Verlesung des Rechenschaftsberichtes knüpfte sich eine kurze Discnssion, an welcher sich die Herren Schick, Rosenzweig Ehrlich, Dr. Bloch, Dr. Zins und Salomon Beer betheiligten. In derselben wurde eine Reihe wertvoller Anregungen für die Ausgestaltung der Vereinsorganisation gegeben. Aus eine Anfrage Dr. Bloch's erklärte Sekretär Fleischer, daß das Rechtsschutzbureau sich mit den Judenplünderungen in Uhnow bereits befasse. Ueber Antrag des Herrn Schick wurde dem Vereinsvorstande für seine ersprießliche Wirksamkeit die einstimmige Anerkennung votirt und der Jahresbericht'zur,Kenntnis genommen. Nachdem der Präsident den zurücktretenden Vorstandsmitgliedern, Dr. Meitner, Rosenbaum und Winterberg unter allgemeinem Beifalle seinen wärmsten Dank ausgesprochen hatte, erfolgte die Neuwahl des Vorstandes. Wiedergewählt wurden die Herren: kais. Rath Wilhelm Anninger, Prof. Dr. S. Ehrmann, Julius Granichstädten, Jakob Jeiteles, B. Kanitz, Sigmund Mayer und Maximilian Paul-Schiff. — Neugewählt die Herren : Emauuel Kanders, Dr. Heinrich Schreiber und Richard Teweles. Herr Salomon Beer, welcher eine ansehnliche Minorität auf sich vereinigte, wurde ersucht, als Beirath zu fungieren. Zu Revisoren wurden die Herren Winterberg und Fuchs bestellt. Der Jahresbeitrag pro 1904 wurde mit Kr. 4.— fixiert. Wie erzieht der Jude sein Lind zum Iudenihum? ii. Die lange Zeit eines Vierteljahrhunderts hat uns Inden gelehrt, daß der Geist des Jnterconfeffionalismus der Schule im eigentlichen Sinne gar niemals gewaltet hat. Die ganze >Lchnlverwaltung ging und geht immer von einem christlichconseffionellen Lehr- und Lernsystem aus. Diese Schule, an der alles Christlichreligiöse gelehrt und geübt wird, hat für das Judeuthum keinen Platz. Unseren Assimilatoren schmeichelte es wohl, wenn nur recht viel vom Christenthum und recht wenig vom Judenthum zur Geltung kam, aber das Resultat dieser intercoufessionell sein sollenden Erziehungsanstalten sind die überhand nehmenden Taufen, während früher die vielgeschmähteu Chedarim treue Anhänglichkeit an unsere alterwürdige Religion und unbezwingliche Charaktere erzeugten. Dank dieser unleugbaren Thatsache und der unter unseren Augen betriebenen schulmäßigen „Los von Juda-Bewegung", sind wir nun an einem Wendepunkt angelangt. Wir Juden haben uns selbst über die Erziehungspolirik Rechenschaft zu legen, und da gibt es nur zwei Wege. Der eine Meilenzeiger weist unsere Kinder in die bestehenden christlichen Schulen und gleichzeitig! auf den Weg nach Rom, oder wir begreifen unsere Situation; vollständig, folgen dem Zuge unseres jüdischen Herzens und > streben nach dem Wiederaufbau unserer unsterblichen nationaljüdischen Schule, mit der Devise „Los von Rom"! und „Los ans Inda" i" Dieser Gedanke bricht sich erfreulicher Weise selbst in einer so großen und eminent fortschrittlichen jüdischen Gemeinde wie Budapest Bahn, von den Musterschnlen in Frankfurt a. M. und anderwärts gar nicht zu sprechen. Gerade stehen uns die Erziehungsresultate beider Richtungen vor Augen.; Man nehme z. B. die jüngeren, in jüdischen Schulen erzogenen! Gemeinden und vergleiche sie mit Gemeinden, wie Frankfurt a. M.,! Amsterdam und anderen. Aber auch diese jüdischen Schulen haben! nur eine halbe Leistung aufzuweisen, da ihr Schulplan von dem! Standpunkte ausgeht, die Heranwachsende Generation dem 1 religiösen Judenthum zu erziehen' Man har dann wohl gläubige,! gottvertrauende, aber nicht vom Judenthum innig durchdrungene; Juden. Und das ist eben die ganze Triebkraft, welche uns aneifert moderne jüdischnationale Schulen zu errichten. -