Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 17 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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In den Anfangsjahren j ein bescheidener Verein, der sich kaum über das Niveau der i Wiener Gemeinde- und Cultusfragen erheben konnte, und heute > eine achtunggebietende, einen großen Theil der österreichischen > Glaubensgenossen umfassende Organisation, die auf dem besten! Wege ist, die Anerkennung als offizielle Vertretung der öfter- \ reichischen Judenheit zu erringen. Diesen Fortschritt hat die! „Union" der zielbewußten, nach einer bestimmten Richtung streng j begrenzten Thätigkeit der leitenden Persönlichkeiten seines Vorstandes und der unermüdlichen Organisationsarbeit seines Sekretärs zu verdanken, und ihre fortschreitende Entwicklung sollte auch die übrigen jüdischen Organisationen darüber belehren, daß ein Gedeihen derselben nur dann möglich ist, wenn jede einzelne einer bestimmten Ausgabe sich zuwendet und nicht auf den verschiedensten Gebieten ihre Kräfte zersplittert. Ein erfreuliches Bild dessen, was die „Union" im abgelaufenen Jahre geleistet hat, bot die Samstag, den 25. April in Khuner's Restaurant unter dem Vorsitze des Präsidenten, Maximilian Paul-Schiff, abgehalteue und zahlreich besuchte 18. ordentliche Generalversammlung, über welche wir nachfolgend berichten: Zu Beginn derselben hielt der Präsident dem dahingeschirdenen Professor Moriz Lazarus folgenden Nachruf: - „G ee h r t e V e r s a m m l u n g! Am 14. April hat einer der glänzendsten Vertreter des! Judentums in der Wissenschaft, Moriz Lazarus, zu Meran hochbetagt die Augen geschlossen. Ich sage: des Jndeutuns in Wissenschaft, denn die Bedeutung der gewaltigen Lebensarbeit, die Moriz Lazarus vollbrachte, reicht weit hinaus über die Grenzen unserer consessionellen Gemeinschaft. Sein vielseitiger Geist hat fast alle Gebiete des menschlichen Wissens durchforscht und befruchtet. Der Völkerpsychologie, der vergleichenden Sprachwissenschaft hat er neue Bahnen gewiesen, Ethik und j Moral, Geschichte und Kunstg! schichte, Statistik und Social- I Wissenschaft danken ihm eine Fülle bedeutsamer Anregungen. I Gleich Mendelssohn und Zunz hat er' den Beweis erbracht,! daß jüdisches Denken und jüdische Weltanschäuung ihren nach- | haltigen Einstuß auf den Culturfortschritt der Menschheit geübt j haben und daß das Judentum stolz seinen Antheil an diesem Fortschritte reklamiren darf. Aber als höchsten Ruhm dürfen wir es ihm anrechnen, daß er auf der Höhe seiner Erfolge nie aufgehört hat, Jude zn sein, als Jude zn fühlen und für daL Judentum zn kämpfen. Oie Verfolgung seiner Glaubensgenossen reifte in ihm den Entschluß, den sittlichen Kern der jüdischen Lehre in seiner „Ethik des Judentums" darzustellen. Es erfüllt uns mit Stolz, daß dieses Standard-Work einer Anregung der Wiener israelitischen Cnltusgemeinde seine Entstehung verdankt. Leider war es Lazarus nicht beschieden, beu zweiten Theil seiner „Ethik" zn Ende zn bringen. Mitten in der Arbeit und kurz vor deren Vollendung nahm ihm der Tod die Feder ans der Hand. Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" hat seiner Trauer über den Heimgang des großen Denkers in einer telegraphischen Condolenz an die Witwe untreue Mitarbeiterin Lazarns's Ausdruck gegeben und ich bitte die geehrte Generalversammlung, auch ihrerseits das Andenken des Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen die verdiente Ehre erwei'en." (Oie Versammlung erhebt sich von den Sitzen) Sekretär Fleischer verlas sodann folgenden Rechenschaftsbericht : Geehrte G e n e r a l - V e r s a in m l n n g! Auch im abgelan^enen Jahre trug unser inuerpolitisches Leben dieselben Zeichen krankhaften Verfalles, die wir schon seit Jahren beobachten. Keine unserer bürgerlichen Parteien vermochte den Grundsätzen der Freiheit und Gleichberechtigung größeres Gewicht einznränmen, als den nationalen Forderungen. Ja, im Gegentheile, die nationalen Kampfe haben sich verschärft und ihren zerreibenden Einfluß auch auf solche Kreise geübt, die bisher wenigstens dem Worte nach confessionelle Unterschiede nicht kannten. Der Ausfall der letzten Landtagswahlen in Niederöfterreich und die Entsendung eines ravicale» Aulisemiten aus dem vornehmsten czechischen Wahlbezirke in den Reichsrath beweisen, daß der Antisemitismus seine werbende Kraft noch nicht eingebüßt hat. Da derselbe unbestritten ein Product der nationalen Kämpfe ist, so folgt ans der Verschärfung der nationalen Gegensätze naturgemäß noch immer eine Steigerung Judenhasses. Es folgt daraus auch die Erkentniß, daß nufere Glaubensgenossen alle Ursache hab.m, sich von nationalen Agitationen, auf welcher Seite immer, fern zn halten und nicht selbst noch jenem Brande Nahrung zuznführen.