Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. i>.e LBahrheN. Nr. 2. Scho» such, kaum dass wir es merkte», zwei Stunden verstrichen. Der „RabBonim-Schiür" ist beendet. Sie begeben sich an die Tagesarbeit. Den Oberrabbiner sehen wir ins Seminar zur Vorlesung eilen. Wir besichtigen noch die schöne Beth Hamidrasch- Synagoge, woselbst allabendlich eine Derüschah gehalten wird. Müde vom Hören betreten wir die geräuschvolle Straße und begeben uns in die benachbarte „Bewaarschol" (Bewahrschule) für arme, kleine Kinderchen von 2 bis 6 Jahren. Hier boffen wir erfreuliche Zerstreuung und Erholung zu finden, Schönes, Interessantes aus dem Munde der „Lallenden" zu hören, ,,auf die der Herr seine Macht gegründet hat". Es sind gerade einige der „Regenten en Regentesseu (Vorsteher und Vorsteherinnen) im Berathungssaal anwesend. Die Berathungssäle sind in allen jüdischen Anstalten mit gewissem vornehmen Luxus eingerichtet. Den Berathenden merkt man deutlich an, dass ihnen ihre Sache am Herzen liege. Nicht um gesehen zu werden, kommkn die Damen, sondern um zu sehen. 700 Kinde'' waren zur Zeit in der Anstalt. In einem mächtigen, luftigen, freundlichen Saale spielten die niedlichen Knäblein und Mägdlein; im auderen hörten wir sie wunderlieb von Gott und der Schöpfung erzählen; im dritten die Segenssprüche über Wasser und Brot, Baum- und Erdfrucht, Kuchen und Mehlspeisen heri'agen und sahen sie auch praktisch bethätigen. Wie kräftig bissen die spitzen Zähnchen in die Aepfel und Brötchen und Küchelchen! Im vierten Saale vernahmen wir die Erzählungen von Abraham und Sarah, das heilige „Schema". Segenssprüche über Schausäden, Donner und Blitz und Regenbogen, Chanukalichtlein, Tisch- und Nachtgebet. So werden die zarten Kinderknöspchen in das jüdische Leben eingeweiht, die Würzelchen in das geweihte Erdreich der Religion der Väter gesetzt, damit sie später zu Bäumchen und Stämmen emporgedeihen. Welche Wohlthat, welche Wnsheit! Nur der Kluge baut vor. Man versteht es nicht überall, die Häkchen zu krümmen. Nicht umsonst preisen die Alten „das Lernen der Jugendzeit". Die Räume der Bewahrschule sind sämmtlich musterhaft reinlich. Die vielgcrühmte, sprichwörtliche holländische Reinlichkeit zeigt sich überall. Im Ghetto freilich denkt man manchmal an den „lueus a non Inoenäo". Es mangelt nicht absolut an historischer Verwahrlosung. Arniuth macht unrein. Viele der Kinder sind augenleidend. Diese werden in abgesonderten Räumen gehalten; eine Wahrnehmung, die tvir in allen jüdischen Schulen gemacht haben. Das machen die oft erbärmlich schlechten Behausungen, die jämmerliche Ernährung. Die kranken Aeuglein der Kinder sehen vielleicht ihr Elend nicht so deutlich, wie die gesunden. Aegyptische Augenkrankheir kommt öfter vor. Die Erinnerung an unser Leidensland wird solcherweise frühzeitig geweckt und erhalten. Arme Märtyrer! Zum Abschied singen die Kinder der obersten Abtheilung liebfreundliche Liedchen. Sie klingen uns noch auf der Straße nach. Es ist inzwischen dunkel geworden. Jetzt ist es an der Zeit, zum Diner zu gehen. In Holland findet nämlich die Hauptmahlzeit gegen 5 Uhr Nachmittags statt. Um die Mittagsstunde ist Lunch; da isst man Butterbrode, Käse, Fische. Häringe und andere Seefische aller Art werden in den Straßen zu Spottpreisen verkauft. Uitd in welch' melodischen Tönen werden sie seilgeboten! Man riecht die Verkausswägelchen schon von der Ferne. Und sie duften nicht gerade nach Ambra. Beim Diner lernen wir die jüdisch-holländische Küche kennen. Die etwas umständliche Einleitung bildet die „Groente-Soup." (Grünzeug-Suppe.) Man kann allerlei Kräuter in ihr entdecken; auch bittere. Die Riesengesäße, in denen sie ausgelragen wird, übersteigen alle gewohnten Maße mittelellropäischer Terineu. Das Wasser scheint in den Riederlanve» sehr billig zu sein. — Dafür aber entschädigen die Fleischspeisen reichlich. Schweres, massives Kalb- und Rindfleisch und auch „Gevogelte" (Geflügel), wie es Possirlich heißt, werden servirt, Hühner und Eendvoogel (Ente). Dazu wird „Brod des Elends" gegessen; denn das Brvd ist nach unsren Begriffen schlecht. Eine große Rolle spielen die vorzügliche» Gemüse. Die Mehlspeise erregt gerade nicht unser Entzücken; „ihres Geistes" haben sie „kaum einen Hauch verspürt". Getrunken wird schweres, englisches Bier. Nach der Mahlzeit wird — natürlich gebentscht. Nun ist's Zeit zum Abendgebet. Zn diesem begeben wir uns in die Portugiesische Synagoge. „Mit frommem Schauder" wie jener Sänger in „Poseidons Fichtenhein" treten wir in den Vorhos ei"- Z" geisterhaftem Reigen umkreisen uns die Seelen der Marrannen, die hier zum Judenthume zurückgekehrt, im heimatlichen Hafen elngelausen sind. Hier hat vielleicht Rabbi Jakob Sasportas gelustwändelt, Spinoza tiefen Gedanken nachgehangen. Wir überschreiten die Schwelle des großen Thores. Hat auf dieser Uriel da Coftas, dieses „exemplar vitae humanae“ gequälter Leib nach dem Widerruf gelegen, damit der Fuß derjenigen, die ihn verstießen, über ihn schreite? Halbdunkel umfängt uns zunächst. Wir fühlen das Nahen des Geistes der Geschichte. Bald aber sehen wir deutlich. Ein imposanter Raum. Kein Gemäuer ist sichtbar. Alle Wände sind holzgetäfelt mit gelbbraunem Cypressenholz bekleidet; ebenso die Decke. „Unsres Hauses Balken sind Cedern, unser Getäfel Cypressen". Glatte Steinfliescn bedecken den Boden. Die mächtige Bimah ist nicht ganz central, sondern in den Hintergrund gerückt. Ihr wendet sich Alles zu, wenn aus der Thorah gelesen wird. Dunkelbraune Bänke und Betstühle erfüllen die Seitenschiffe. Das Vorderschiff nehmen die Sitze der Vornehmen und Chachamim ein. Mächtige, glatte, mit Capitälen gezierte Holzfäulen tragen die Gallerien. Ein Adyton schließt sich für die Aschkanasim ab; nur gutemgesührte Talmide Chachomim dürfen in seinen Bannkreis treten. Die heilige Lade nimmt die ganze Breite der Ostwand ein. Ein köstliches Kunstwerk, ganz aus Cedernholz. Tafeln und Säulen wechseln ab. Stylvolle Kandelaber und Hängelampen zieren Decke und Wände. „Nie sieht man eine Spinne an diesem harten Getäfel, wie einst im Heiligthnm nie eine Fliege zu sehen ward", meint der Synagogendiener, der in spanischer Tracht stolziert; Schnallenschuhe, Seidenstrümpfe, Mäntelchen und Dreimaster. Das Gebet hat begonnen. Die wundersam murmelnd-summende Vortragsweise, die so sehr an das Gebet der Araber gemahnt; man meint Koranverse in einer Moschee zu vernehmen. — — Arabiens Einfluss ist ja in dem Nachlebenden Geschlecht der spanisch-portugiesischen Inden untrüglich zu erkennen; auch der Singsang ist solch' ein Rest alter Herrlichkeit. Bevor man die Synagoge verlässt, reicht der Diener das Fremdenbuch. Tausende Namen stehen darin. Fürsten, Kaiser und Könige. Ob sie daran dachten, dass mancher Vorfahr mitgeholsen hat, dieses Haus zu bauen? (Fortsetzung folgt.) verschiedene Nachrichten. ZSien. (O österreichisch - Israelitische Unio Samstag den 11. Jänner 1902 präcise halb 8 Uhr Abends findet im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereins, I. Eschenbachgasse 11, eine Vereinsversammlung statt, in welcher Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald aus Hamburg einen Vortrag über das Thema „Der jüdische Kaufmann und^ die kaufmännische Ehre" halten wird. — Durch Mitglieder eingeführte Gäste haben Zutritt. Damen willkommen. Wien. Der Synagogen-Chorverband „Sulzerbund" hat sich bereits constituirt und sind Anmeldungen zum Beitritt in denselben an den Präsidenten, Herrn Profeffor Josef Sulzer, Wien I. Führichgasse 6, zu richten. (Die geehrten Herren Cantoren werden ersucht, die angestellten Chordirigenten und Tempelsänger vom Bestände dieses Vereins sreundlichst in Kenntnis setzen zu wollen. Die Redaction.) Zvieu. (Excursion des Vereines zur Hebung der Gewerbe.) Mit Bewilligung der k. k. Centraldirection wird der Verein unter Führung seines Präsidenten Brod am Mittwoch den 15 d. um 2 Uhr Rächmittagsdäs neuerbaute k. k. Versatz-, Verwaltüngs- und Versteigerüngsämt, I. Dorotheergaffe 17, besuchen. Zusammenkäfift halb 2 Uhr im Hause selbst. Nur Mitglieder und deren Äämen, eistrre nnt Abzeichen versehen, können an der Occasion gegen Vorweis der Ein- 1 4 l