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Die Wahrheit · 1902-01-10 · Heft 2 (10.1.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2 Die Wahrheit. Seite 9. ladung theilnehmen. Für die Bereinsleitüng: der Präsident S. Brod, der Schriftführer Alfred Kisch. Wien. Die am 4. d. im großen Musikvereinssaale vom Frauen- Wohlthätigkeitsverein im 8. Bez.. veranstaltete Akademie, die durchwegs von ersten Künstlern bestritten wurde,brachte einen großartigen künstlerischen und hoffentlich auch einen bedeutenden Caffenertrag. Sämmtliche Darbietungen fanden vsllverdienten Beifall, und die Protectorin des Festes, Fruu Gräfin Anastasia Kielmannsegg, die in Begleitung ihres Sohnes und! der Gräfin Boos-Waldeck der Akademie beiwohnte, sprach den Künstlern und dem Comitv wiederholt ihre Anerkennung aus. Die rührige Präsidentin, Frau Amalie Beck, sowie die Damen und Herren des Vorstandes und Comites dürfen mit dem Erfolge vollauf zufrieden sein. Wien. Im litrer. Geselligkeits-Verein jüd. Mädchen „Moria" fand Montag den 6. d. eine Plenarversammlung statt. Nach Erstattung des Berichtes über die Vereinsthätigkeit im verflossene»«» Jahre wurde zu den Neuwahlen geschritten, die folgendes Ergebnis hatten: Fräulein Berta Herrmann Präsidentin, Frl. Frieda Wagner, Vice-Präsidentin, Frl. Adele Poppenschaller, Cassierin, Frl. Henriette Sternberg, 1. Schriftführerin, Frl. Anny Deutsch, 2. Schriftführerin, Frl. Camilla Wagner, Bibliothekarin,. Frl. Malvine Schütz, ohne Mandat, Frl. Regine Kannen und Frl. Lotte Rand, Ersatzmitglieder. Die Correspondenzen in Vereinsangelegenheiten sind nur an die Präsidentin Berta Herrmann, VIII. Josefstädterstraße 9, zu richten. Wie«. Sonntag den ö. d. M. fand im Stadttempel die Trauung des Frl. Seraphine Schramek, Tochter des bekannten Großindustruellen und Obmanns des Tempelvereines, II., Fugbachgasse, Herrn Adolf Schramek, mit Herrn Karl Ehrenzweig statt. Dem Trauungsacte, den Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Singer vollzogen, wohnten mehrere Culusvorsteher, der Vorstand und die Funktionäre des Fugbachtcmpels und zahlreiche Vertreter verschiedener Vereine bei. Wien. Dieser Tage fand hier die Verlobung des Frl. Laura Rubin mit Herrn Bernhard Stöffel statt. Die Braut ist eine Tochter des Componisten und Chordirigenten am neuen Tempel in Prag, Herrn Musikdirektor David Rubin. Hö.-Kollavrunn. Samstag den 28. Dccember 1901 fand im hiesigen Tempel die Barmizwah-Feier des Sohnes unseres allverehrten Cantors und Religionslehrers, Herrn Sigm. Jellinek und seiner Gattin Berta, statt, aus welchem Anlaffe fast die ganze Gemeinde dem Gottesdienste anwohnte. Der Confirmand Hugo Jellinek, Schüler der Hl. Claffe am k. k. Staatsgymnasium in Oberhollabrunn, las die Haftorah in ausdrucksvollster Weise vor. Hierauf hielt Religionslehrer Jellinek, als Vater und Priester zugleich, eine der Feier angepasste, ergreifende Rede, die nicht nur auf den Confirmanden, sondern auch auf alle übrigen Tempelsucher, unter welchen auch auch Beamte der k. k. Bezirkshauptmannschast zu bemerken waren, den tiefsten Eindruck machte. Nachmittags 3 Uhr fanden sich von Oberhollabrunn und Umgebung die Gemeindemitglieder sammt ihren Frauen zur Gratulation ein, bei welchem Anlaffe der Confirmand einen formvollendeten Confirmations-Vortrag hielt. Der! Familie Jellinek sind aus den weitesten Gesellschaftskreisen die herzlichsten! Glückwünsche zugekommen. i Kastl. Der langjährige verdienstvolle Cultusvorsteher, Herr! Baruch K o h n, Großgrundbesitzer, wurde bei der am 5. d. M. statt-! gehabten Vorstandswahl einstimmig wiedergewahlt, worüber in der j Gemeinde allgemeine Befriedigung herrscht. Als Stellvertreter wurde j Herr Adolf Weigl gewählt, als Beiräthe die Herren David Spitz j wieder- und Josef P e t e r s i l k a neugewählt. Wrag. Die „Israelitische Gemeindezeitunz" in Prag hat nach 30jährigem Bestände ihr Erscheinen eingestellt. Die Leitung des Blattes hatte seit dem Bestehen der Gründer, Herr Buchhändler, Jakob B. B r a n d e i s. Warieuöad Der neugewählte Eultnsvorsteher der hiesigen Cultusgcmeinde ist der bekannte und beliebte Hotelier Emil Baruch. Samstag, den 28. December hielt He» r Redacteur Kohn einen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über H eine, worauf Opernsänger Stingl einige Arien aus Aida mit seiner prächtigen Stimme vortrug.-Fr au Cantor Gvldenberg, welche als Pianistin einen guten Ruf genießt, spielte einige Fragmente aus dem Oratoriam „Tod Moses" von Rev. Hast in London und erzielte stürmischen Beifall. Mudapest. Se. Majestät der König, hat Herrn Sigm. Kornfeld zum Magnatenhausmitglied ernannt. Er ist nun der dritte Jude, welcher im ungarischen Herrenhause Sitz und Stimme hat. Generaldirector Sigmund Kornfeld ist der erste Vertreter des Handels, welcher in die erste Kammer berufen wurde. Sein umfaffender Blick, sein scharfer Verstand, seine universelle Bildung und seine weitausgreifende, stets das Jntereffe des Vaterlandes vor Augen haltende Thätigkeit haben ihn längst für diese Auszeichnung prädestinirt. Zkeufahs. Am 31. December veranstaltete der unter Leitung des Mufiklehrers Herrn I. Scheinberger und des hiesigen Obercantors, Herrn Krauß Fülöp, neugegründete jüdische Musik- und Gesangsverein in Anwesenheit eines zahlreichen Publikums sein erstes Concert zum wohlthätigen Zwecke. Die Eröffnungsnunnner hatte der Männerchor mit dem Abfingen eines Begrüßungskiedes, worauf Beethoven's Grand Septour folgte, das die Herren I. Scheinberger und A. Herczka virtuos zu Gehör brachten. — Das von Frl. Agnes Scheinberger mit dramatischer Kraft vorgetragene Melodrama „Szep Jlonka" fand beim Publicum stürmischen Applaus, ebenso zwei von Herrn Obercantor Krauß gesungene Lieder. Den letzten Punkt des Proqrammes bildete der Gefangsvortrag des Damen- und Männerchores. Nach dem Concerte folgte ein sehr amüsantes Tanzkränzchen, das bis in die Morgenstunden hinein dauerte. Das Laddischgedet. Bon Bernhard Loewenthal. (16. Fortsetzung.) Er glaubte, dieses wäre unbemerkt geschehen, doch Else hatte sein schnelles Verschwinden wohl empfunden. Ein Gefühl halb verletzten Stolzes, dass es jemand wagte, an ihrem Siegswagen nicht mitznziehen, halb eines nicht sofort zu erklärenden bitteren Schmerzes beschlich ihr Herz, und öfter, als sie es selbst wollte, blickte sie zum Thürpfosten hinieber, und begegnete so den Blicken des jungen Künstlers. Leo» stand am Büffet, als gerade ein flotter Rheinländer getanzt wurde, und und. leerte in einem Zuge ein Glas Sherry. Als der Tanz zn Ende war, strömte Alles in den Ersrischungsranm und auch Else Munk am Arme Dr. Ulbrichs trat ans Büffet. Ohne auszublicken, als ob er ihre Nähe fühlte, wusste Leon, dass sie neben ihm stand. Eine Blntwelle schoss ihm ins Gesicht, doch im nächsten Augenblick hatte er sich gefasst und sagte mit scheinbar gleichgiltig ruhiger Stimme zu Ullbrich gewandt: „Es ist Tanzpause, nicht wahr?" Und ohne die Antwort des Doetors abzuwaiten, bemerkte er zu Elfe, dieselbe mit seinen rehbraunen Augen saust audlickend: „Sie sind so erhitzt meine Gnädige, Sie sollten nicht so rasend viel tanzen." Die'Sängerin blickte erstaunt ans, es schien ihr, als ob in der Stimme des jungen Künstlers so etwas wie Theilnahme, ja, wie Mitleid zitterte. Sie wollte ihm eine leicht abweisende Antwort geben, doch vor seinem innig sanften Blick schlug sie die Augen nieder und in ganz anderem Ton, als sie eigentlich gewollt hatte, und nur zögernd kam es von Ihren Lippen: Es wird mir nichts anrhun — das Tanzen —" bann erhob sie den Blick zu ihm, „doch Sie huldigen der Kunst Terpsichorens ja gar nicht?!" Eben inkonirle die Musik einen Strauß'schen Walzer, Dr. Ullbrich war anderweit beschäftigt. „Dürste ich bitten?" Er reichte ihr mit einer leichten Verbeugung den Arm, und sie, fast willenlos bewegte sie leise zustimmend das schöne Haupt. Als er mit ihr, leicht bewegt von den fügen einschmeichelnden Tönen des großen Meisters aus dem glatten Parqnett so dahinschwebte, da schien der großen Else Munk eilte andere Welt auszugehen. Es war ihr, als ob sie träumte. — Zn ihrem Herzen regte sich ein Gefühl, so selten—seltsam — so fremd und doch so wolbekannt. Ihr schien es, als ob ihr ganzes bisheriges Leben ein Nichts wäre, kaum ein Atom — als ob es in ihr jetzt erst beginnen sollte zu leben, zu grünen und zu blühe». Es schien ihr, als ob ein neuer Frühling einziehen wollte in ihr Herz. , Eine Ahnung hatte sie, als ob es in ihrer Seele noch rinmal so stürmen würde, sowie damals, als ste zum ersten Mal — zu lieben glaubte. Der Gedanke an ihre betrogene Jugend, an den Berralh ihrer unschuldigen Liebe — damals, als sie fast noch ein Kind rvar — der Wonneschauer, der ihre Brust erfüllte, jetzt in den Armen Leon Wilds zn ruhen, diese gemischten Gefühle von herbem Schmerz und hoher, nicht zu erklärender Glückseligkeit, triebet» ihr mitten im Festesjubel die Thranen in die Angen. (Fortsetzung folgt.)

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