Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 49 (10.12.1901)
- Date
- 1901-12-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Sie Wahrheit. Seite 9. Reisebriefe aus Holland. Von Jan van Düren. III. Helles Licht; nicht von Kerzen, sondern Gaslicht. Nur um die Bimah (Almemor), zu beiden Seiten der heiligen Lade und des Vorbeterpultes brennen Kerzenkandelaber. — Schon hat der Oberrabbiner auf seinem mächtigen Lehnstuhle zur Rechten der Bundeslade Platz genommen. Eine weitfaltige, reiche, seidene Toga umhüllt den offenbar zarten Körper des greisen Rabbi. Das edle Haupt bedeckt ein seidenes Barett. Das erhaben durchgeistigte Antlitz ist von einem dichten, weißen Bart umrahmt. Die ganze Erscheinung, soweit man sie aus ziemlicher Entfernung erkennt, macht einen ehrfuchtgebietenden, bedeutenden Eindruck. Tiefer Ernst liegt in den edlen Zügen; ein kräftiger Mund, ein blitzendes, brillenbewaffnetes Auge verrathen Entschlossenheit und Scharfsinn. Doch davon später. Vs Opper- Yoorzanger (Obercantor) hat seinen Sitz auf der Bimah (Almemor), die hier wie in allen holländischen Synagogen in der Mitte sich erhebt, eingenommen. Warum hat man im übrigen Europa fast allenthalben den Mittelpunkt des Gotteshauses verrückt? Man weiß, welche Kämpfe sich, an diese, ja nicht gerade das Wesentlichste treffende Neuerung geknüpft haben. Ihren guten Grund hatte die Gegnerschaft ja doch. Rabbi Moses Sofer, der hochgerühmte Rabbi von Pressburg, hat seine gewichtige Stimme laut genug dagegen erhoben und Rabbi Mordechai Benet nicht minder. Das jüdische Rituale erfordert theilweise die alte Lage des Almemor. Offenbar hat die Anbringung des Chores Schuld an der Dislocierung. In Holland nun stehen die Chorsänger zwischen Vorbetstuhl und Bimah. Der Obercantor, er heißt Isaak Heymann, erfreut sich eines großen Rufes und macht trotz seines hohen Alters den Eindruck eines Maunes in besten Jahren. Er trägt Barett, Bäffchen und wallenden, offenen, blühweißen Gebetmantel, der in dem Momente, wo er zu sungiren beginnt, über den Kopf gezogen wird. — In Holland ist die Sitte, goldbeborkete, gefaltete Gebetmäntel zu tragen, beinahe unbekannt. Alles betet, umhüllt vom wallenden Gebetkleide; ein prächtiger Anblick. Aus der festlich gekleideten Menge blinken Helme hoher Officiere, betresste Kappen gewöhnlicher Soldaten, Matrosenmützen hervor; Alle tragen ein langes Tallith und schämen sich nicht, als Gleiche unter Brüdern zu stehen. Hohe und niedere Staatsbeamte erscheinen allsabbathlich. — Wir sahen einen hervorragenden Gymnasialprofessor als varuss — horribile dictu! — beim Sefer stehen. Wehmüthig gedenken wir der Heimat, wo der Jude schon beim Elementarlehrer und Comptoiriften aufhört. Nun ist die Synagoge gefüllt — und wir haben uns überzeugt und uns erzählen lassen, dass sämmtliche große und kleine Bethäuser in gleicher Weise besetzt sind. Nun beginnt das Gebet. Sofort klingt uns die peinliche Correctheit der Aussprache des Hebräischen wohlthuend in die Ohren. Klare, deutliche, mustergiltige Betonung! Das Minchagebet ist beendet. Ein kräftiger, vorzüglich geschulter Männerchor begleitet den Gesang des Obercantors ergreifend schön. Und die Stimme desselben ist trotz seiner Jahre hell, wohlklingend, und vor Allem: tiefste Andacht beherrscht, erfüllt den frommen Sänger. Seine Haltung ist einzig, tadellos, kein Glied bewegt sich; er steht wie eine Säule; man sieht die Andacht von ihm auf die Gemeinde überströmen, und Alles, Alles betet, betet mit sichtlicher Inbrunst. Auffallend ist, dass gerade Stücke, die sonst allenthalben vom Chor gesungen werden, hier nur von der Gemeinde gebetet werden. Und wiederum natürlich. Es sind die Stücke, welche nach dem Religionsgesetze die Gemeinde . respondiereu muß. Dasselbe beim Morgen- und Mussaphgottesdienste. Die Oppasssro (Aufpasser) gehen leisen Trittes umher, um etwaige Ruhestörer zu ermahnen. Es herrscht aber allerwärts Stille; auch in der Frauengallerie, die hier, wie in allen holländischen Synagogen, durch ein geschmackvolles Gitterwerk abgeschlossen ist. Außerordentlich schön wirkt der Gemeindegesang. Gewiffe Stücke, wie beispielsweise Lednsetrad, Nogen aboth, enkelohenu, singt die ganze Gemeinde. Das wirkt mächtig. Das Ausnehmen und Einheben der Thorarollen ist von unbeschreiblicher Feierlichkeit. Und wie wird die Thora gelesen! Da fehlt auch kein Tüpfelchen, kein Härchen, kein Strichlein. Die karnaosina sitzen in der vor der Bimah angebrachten varaassim-Bank. Der Oberrabbiner steht während der Thoravorlesung auf dem Almemor und zeigt dem Leser. Niemand verlässt vor Schluss des Dienstes das Gotteshaus, niemand legt vor Olenn sein Tallith. ab. — Es herrscht, Alles in Allem, höchste Ordnung. Und das schärfste Auge könnte trotzdem keinerlei Abweichen von uralter traditioneller Sitte entdecken. Nun aber hinaus in die sabbathlichen Judenquartiere! Heute gibt es kein Lärmen, kein Schreien. Der Markt ist, wie ausgekehrt. Heute gibt es keine schmierigen, weißen Hauben; heute ist Sabbath. Und wie wird von den Hunderten die köstliche Ruhe genützt? Es eilen Jünglinge und Männer in Vereine, wo das Gotteswort eifrig gelehrt wird; in hellen Schaaren strömen sie hin; die Einen, um geistreiche Erzählungen über den Abschnitt der Woche zu hören, die Anderen, um Talmud, Midrasch, Mischnah zu lernen. Und es gibt tausend Gelegenheiten dazu. Reich und Arm, Vornehm und Gering, Gelehrte und Ungelehrte, Kausleute, Arbeiter, Krämer, Advocaten, Aerzte und Künstler sehen wir eifrig beim Studium des Gesetzes. Das ist herzerhebend, trostreich. Wir streifen durch das Ghetto. Braut Sabbath hat überall Einzug gehatten. Allerdings außerhalb der Jnvenquartiere nehmen wir wahr, dass viele Glaubensbrüder auch in Neu-Jerusalem- Ainsterdam dem Geiste und Drucke der Zeit den schönen Ruhetag zum Opfer gebracht haben. Doch auch in den elegantesten Straßen merkt man deutlich die Sabbatthruhe. Große Fabriken feiern. Die Groote Synagoge bildet die Ecke der Amstelstraat und des Jouas-Daniel-Meyer-Platzes. Hart an die erstere ist die Nieuwe Synagoge (Reue Synagoge) gebaut. Der Name des erwähnten Platzes — was würde der Wiener Bürgermeister zu dem ursemetischen Dreiklang sagen? — weckt bedeutende Erinnerungen. Joses Daniel Meyer war ein Wohlthäter Amsterdams. In Arnhem am 15. September 1780 geboren, ward er von dürftigen Eltern vorzüglich erzogen. Glänzende Anlagen verschafften ihm frühzeitig den Ruf eines Wunderknaben. Um 1792 sprachen die Zeitschriften von der Gelehrsamkeit des Elfjährigen. Noch nicht 17 Jahre alt, wurde er in der altehrwürdigen Universität Leyden zum Doctor gnris promovirt. Er wurde Advocat; vielleicht der erste jüdische Advocat in der ganzell Welt. Er löste Preisfrage» der Akademien zu Berlin und Nimes. 1811 wurde er Jnstructionsrichter und bald Departementsrath. Als nach Sturz der französischen Fremdherrschaft (1813) das erlauchte Haus Oranien wieder zur Herrschaft gelangte, trat er in die Leitung der Hauptstadt ein und wurde von König Wilhelm zum Mitglied der Commission für das Grundgesetz eingesetzt; er war Redacteur des Staats-Courant. 1815 wurde er Mitglied der Commission zur Schaffung eines allgemeinen Gesetzbuches für die Niederlande und erhielt den Löweu-Orven, die höchste bürgerliche Auszeichnung, die überdies zahlreiche hervorragende Juden, darunter die jetzigen Oberrabbiner von Amsterdam und Rotterdam, erhalten haben. Europäischen Ruf verschaffte ihm sein großes Werk: „Esprit origine et pregres des institutiones judiciaires“. Als Präses des jüdischen Consistoriums — Holland hat Consistorial-Verfassung — arbeitete er mit Carl Affer, dessen Nachkommen auch heute hervorragende Juristen sind und von denen einer (Professor Affer) Mitglied der Haager Friedensconferenz war und zum internationalen Friedensrath gehört, zum Heil und Segen der Jude» der Niederlande. Er regelte das Armen- und lluterrichtswesen.und arbeitete unablässig für die sociale Stellung feiner Glanbensbrüder, denen er bis an sein Ende (1850) treu blieb. (Fortsetzung folgt.)