Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 49 (10.12.1901)
- Date
- 1901-12-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 49. was Redner für besser halte, nicht besuchte Tempel zu erbauen, oder für dieses Geld das Rothschild-Spital oder das Siechenhaus mit fünfzig Plätzen mehr zu belegen, werde er sich immer für das letztere entscheiden. Cultusvorsteher Gewitsch erklärt, man brauche nicht prunkvolle Gotteshäuser, sondern einfache, aber würdige große Volkstempel, um den breitesten Volksschichten die Befriedigung der religiösen Bcdürfniße zu ermöglichen. Durch Erweiterung des Wahlrechtes und Einführung der obligatorischen Fünf- Gulden-Steuer würden auch die Mittel für Errichtung derartiger Andachtsstätten aufgebracht werden. Kaiserl. Rath Wilhelm Pollak: Die neu eingetretenen Vorsteher aus der Eurie der Höherbesteuerten haben manche der Alten in der Arbeitsfreudigkeit weitaus überflügelt. Das Experiment dieser Wahlreform der Hochbesteuerten-Curie ist daher von diesem Standpunkte aus nur zu begrüßen. Aber ich bin einmal ein Schwärmer für die Fünf-Gulden-Männer And glaube, dass deren Einbeziehung in den Gemeinde-Haushalt großen Nutzen brächte. Man verweise nicht auf die spärlichen Anmeldungen für die freiwillige Fünf-Gulden- Steuer, die wird niemand leisten; keiner zahlt freiwillig gerne Steuer. Wenn sie aber diesen Kreisen obligatorisch vorgeschrieben wird, werden die Eingänge mcht ausbleiben. Dadurch wird verhütet, dass ganze Kreise aus dem Gemeindeleben indifferent ausgeschaltet und zu Juden zweiter Kategorie gestempelt werden. Das Interesse für den Glauben und die Institutionen desselben, das Interesse für das Gemeindeleben erkaltet in den äußeren Bezirken, und der Tempelbesuch leidet dadurch. Dass die Zusammensetzung des Cultusvorstandes durch den Wahlmodus der 5 fl.-Männer nachtheilig beeinflusst werden könnte, fürchte ich nicht; die Juden sind bezüglich ihrer Candidaten in der Cultusgemeinde eine nicht so leicht zu befriedigende, sehr genau abwägende Wählerschaft. Cultusvorsteher Salo Cohn constatirt, dass bei jeder Revision von Steuer-Quittungen unzählige als uneinbringlich zurückgelegt werden müssen, und darum erwarte er von der Einführung einer 5 fl.-Steuer keinen Erfolg. Auf die Bemerkung der Herren Eltbogen und kaiserl. Rath Pollak, dass die neuen Vorstandsmitglieder besser arbeiten, als die alten, müsse er erwidern, dass es wohl ein Vergnügen sei, die Herren, welche die ersten und letzten bei den Berathungen sind, bei der Arbeit zu sehen, aber man dürfe derartige Bemerkungen über die Arbeitsleistungen nicht generalisiren. I. Vicepräsident Dr. A. Stern wendet sich gegen die Behauptung, dass unsere Tempel leer bleiben. Das entspreche nicht den Thatsachen, da die Gotteshäuser, besonders am Freitag Abend, in allen Bezirken gut besucht sind. Es wurde auch gesagt, man möge, statt Tempel zu bauen, die Wohlthätigkeits-Jnstitutionen der Gemeinde erweitern. Redner ist wohl der Ansicht, dass die Wohlthätigkeit in möglichst weit umfassender Weise geübt werde, aber trotzdem müsse er betoneu, dass die Cultusgemeinde kein Wohlthätigkeits-Verein, sondern eine Cultusanstalt sei. Demgemäß wird in den Statuten die Befriedigung der religiösen Bcdürfniße imperativ aufgetragen, während es dort betreffs der Wohlthätigkeit heißt, dass dieselbe nur nach Maßgabe der vorhandenen Mittel geübt werden soll. Cultusvoi sicher Dr. Berger weist den Berechnungen des Herrn Eltbogen, betreffs Heranziehung neuer Steuerkreise, einen mathematischen Jrrthum nach. Der ausgewiesene Percentsatz der Gratisleichen spreche absolut dagegen, dass eine so große Anzahl von Steuerträgern, wie sie Herr Eltbogen angegeben, zur Steuerleistung herangezogen werden könne. Vorsitzender kais. Rath Kling er: Die Eingangsworte Ln den Ausführungen des Herrn Ellbogen haben sich so angehört, als ob sie in einer Wählerversammlung gesprochen worden wären und dürfen nicht widerspruchslos hingenommen werden. Ich erinnere daran, dass z. B. dem XX. Bezirke größere Betrage und zuletzt im Laufe des Jahres direct K. 30.000.— und überdiens seitens eines Vorstehers noch K. 20.000.— gewährt wurden, und wenn man in den anderen Bezirken Umschau hält, wird man zur Ueberzeugung gelangen, dass auch für diese große Opfer seitens der Cultusgemeinde gebracht wurden. Aus diesem Grunde musste auch der so oft laut gewordene Wunsch nach dem Bau eines Tempos in der Innern Stadt zurückgestellt werden. Was den erhobenen Vorwurf an belangt, dass der Cultusvorstand seine Thätigkeit zu wenig den religiösen Einrichtungen und zu sehr der Ausübung der Wohlthätigkeit zuwendet, so ist es ja bekannt, dass er, der Präsident, die Traditionen des Judenthums und des Gemeindelebens Hochhalte, allein er müsse das oft Bemerkte wiederholen, dass den wohlthätigen Leistungen einzelner Mitglieder gewiss kein Abbruch geschehen solle, dass wir jedoch, wenn nicht der Vorstand in den letzten Jahren die Initiative ergriffen hätte, noch heute kein Versorgungs- und kein Siechenhaus hätten, segensreiche Institutionen, die der Wiener Cultusgemeinde zum Ruhme gereichen. Es ist eiye Mizwah ersten Ranges, dass mehrere Hunderte hilflose Greise und Greisinnen sich eines vortrefflich geleiteten Heims erfreuen. Seit Jahren stehe ferner für die Errichtung eines jüdischen Kinderspitales — gewiss ein hervorragendes Bedürfnis in der Gemeinde — aus der Emilie Singer'schen Stiftung und aus einer ihm, dem Präsidenten, übergebenen anonymen Spende, wie aus dem Ausweise der Fonde und Stiftungen zu ersehen ist, ein Stiftungscapital von (inclusive der Zinsen) circa 260 000 Kronen zur Verfügung, allein er sei überzeugt, dass nachdem dazu ein großer Betrag erforderlich wäre, es zur Errichtung eines solchen Kinderspitales nicht kommen werde, wenn nicht der Vorstand selbst in gegebener Zeit zu dieser segensreichen Maßnahme die Initiative ergreifen werde. Der Vorstand sei nach Ansicht des Präsidenten berufen, derartige Anregungen zu geben, welche ja schon oft dem Wohlthäligkeitssinne einzelner Mitglieder entgegen gekommen sind.! Die neue Wahlordnung habe, was er nicht anerkennend genug hervorheben könne, den Eintritt besonders eifriger und gewissenhafter Mitglieder des Vorstandes bewirkt, und er müsse wiederholt der Ueberzeugung Ausdruck geben, dass diese Neu-Organisation als ein segensreiches Moment in der Geschichte der Wiener Cultusgemeinde sich darstellt. Es sei gewiss von der Loyalität des College» Eltbogen zu erwarten, dass er, wenn er Gelegenheit habe, in seine Wählerkreise hinauszutreten, nur objective Mittheilungen machen und die Wirksamkeit und Thätigkeit des Vorstandes den Thatsachen entsprechend zur Darstellung bringen werde. Cultusvorsteher E l t b o g e n erwidert, dass seine Ausführungen vom Präsidenten falsch aufgefasst wurden. Es lag ihm ferne, den Vorstand auzugreifen, dessen Fleiß er voll und ganz anerkannt habe. Er wollte nur für intensivere Befriedigung der religiösen Bedürfniße plaidiren. In diesem Sinne habe er gesprochen und wünsche auch, so verstanden zu werden. Nachdem der Vorsitzende diese Aufklärung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen hatte, wurde über Post 6 abgestimmt und dieselbe angenommen. .Die Posten D, E, F werden ohne Debatte, und nach einem Schlussworte des Herrn kais. Rath Hirsch die Voranschläge in ihrer Gesammtheit genehmigt. Ueber Antrag drs Präsidenten wird dem Obmann der Finanzcommission, Herrn kais. Rath Hirsch, für seine eifrige und mühevolle Thätigkeit bei der Aufstellung des Budgets der Dank des Vorstandes und dem Bureau Anerkennung votirt. Nach einem Referate des I. Vicepräsidenten Dr. Stern werden als Curatoren der Josephine Königswarter-Stiftung, der Wolfschen Krankenstiftung und der Theobald Uffenheimerschen Studenstiftung die Cultusvorsteher Auspitz, Dr. Katzau und Moriz Edler v. Kuffner bestellt, und hierauf wird die Sitzung geschlossen/ .