Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Mahrkett. Seile 9. der Vereinsmitglieder, sowie der Tempelbesucher es ihm möglich geworden, diese Pflicht zu erfüllen , wurde der Beschluss gefasst, von einem solchen Ansuchen an die Cultusgemeinde abzusehen. Der renovirte Tempel wurde durch einen Festgottesdieust am 18. August anlässlich des 70jährigen Geburtsfestes Se. Majestät des Kaisers feierlich eröffnet und eine diesen Act beinhaltende. Gedenktafel in der Vorhalle des Tempels angebracht' Ein zweites wichtiges Vorkomnis im Laufe des Vereinsjahres war die Fertigstellung der Pläne für eventuelle Erweiterung des Tempels und den Umbau des dem '.Vereine gehörigen Hauses in der Hirschengasse. Diese Pläne wurden bis ins kleinste Detail vom Herrn Architekten Fleischer ausgearbeitet und dem Vereine als Spende gewidmet. Der Vorstand hatte diese Widmung mit Dank entgegengenommen und den einstimmigen Beschluss gefasst, wann immer au eine bauliche Veränderung unserer Realitäten oder des Tempels geschritten werden sollte, diese in das Eigenthum des Vereines übernommenen Pläne als Grundlage für den Umbau dienen sollen, damit auch in Zukunft im Sinne und Geiste des Schöpfers des Gotteshauses dieser eventuelle Umbau sich vollziehe. (Dieser Theil des Berichtes wurde in lebhaftester Lveise von der Versammlung acclamirt.) Zum Schlüsse gedenkt noch der Bericht des Verhälnisses des Vereines zur Cultusgemeinde und schließt mit zündendem Appell an die Mitglieder, „jederzeit die Ziele und Zwecke des "Vereines nicht aus dem Auge zu lassen und niemals geschehen zu lassen, dass das hervorragende Ansehen, das der Verein hier und anderwärts genießt, geschmälert werde." Der Berichl des Herrn Präsidenten wird mit ungetheiltem Beisalle ausgenommen und dankt die Versammlung für das uneigennützige Wirken des Präsidenten, der durch die Schenkung der Pläne von neuem wieder seine Anhänglichkeit an den Verein bekundete, über Antrag des Herrn kais. Rath Pollak durch Erheben von den Sitzen. Der nun folgende Cassabericht des Vorstandes bietet ein durchaus günstiges Bild von der financiellen Gebahrung des Vorstandes, nachdem es auch möglich geworden ist, den gesammten Gebahrungs-lleberschuss zur Abschreibung zu bringen. ' Dies wurde auch in dem daraus folgenden Berichte der Revisoren, welchen Herr Dr. Carl Löwy erstattete, anerkannt, indem beantragt wurde, dem Vorstande das Absolutotorium zu ertheilen, was auch einstimmig geschah. Zu Revisoren für Las Jahr 1901 wurden sodann gewählt: die Herren Ignatz Reschossky und Leopold Stowasser; als Ersatzrevisoren: die Herren Ignatz Klein und Dr. Carl Löwy. Nachdem noch der Vertreter der Cultusgemeinde, Herr Sglo Cohn, in warmen Worten der Verdienste des ausgezeichneten Präsidenten, sowie der gesammten Leitung des Vereines erwähnte und mit Genugthuung.hervorhob, dass es ihm eine sehr angenehme Gewohnheit geworden sei, in dieser Generalversammlung zu erscheinen und immer von neuem wieder sich von der erfreulichen Entwickelung des Vereines zu überzeugen, und mit den herzlichsten Glückwünsche^ für das weitere Blühen des Vereines geschlossen hatte, wird zum letzten Punkte der Tagesordnung : „Ergänzungswahlen in den. Vorstand" geschritten, wobei mit überwiegender Stimmenmehrheit als gewählt erscheinen die Herren: Dr. Herren Dr. Jacob Engel, kais. Rath Friedrich Pollak, Ernst Schüller, sowie als neu gewählt die Herren Wilhelm Bachrach und Max Eisenberger. Wie«. (Jüdisches Musen m.) Der 2. Vortrag im 4. Cyclus, welchen die Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums in dieser Saison veranstaltet, wird Samstag, den 12. d., 7% Uhr Abends präcise im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, stattfinden. Derselbe bringt einen Bortrag des Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwald aus Hamburg: „Ein Capitel aus der jüdischen Kunstgeschichte", unter gleichzeitiger Vorführung von Sitoptikonbildern. Aerli«. In einer Jmmediat-Eingabe au Kaiser Wilhelm hatte der Rabbiner Lion Wolfs in Berlin gebeten, einen irdischen Feldprediger mit nach China zu senden in Rüchsicht darauf, dass dem Expeditionscorps auch jüdische Freiwillige sich anschlossen. Der vom Kriegsmimsterium ertheilte Bescheid lautet: „Euer Wohlgeboreu an Seine Majestät den Kaiser gerichtetes Immediatgesuch, in dem Sie um Anstellung eines jüdischen Feld« Predigers beim ostasiatischen Expeditionscorps ersuchen, ist aus Allerhöchsten Befehl dem Kriegsministerium zur Prüfung und weiteren Veraulasiung zugewiesen worden. In Erledigung dieses Allerhöchsten Befehls wird Ihnen nach eingehender Prüfung eröffnet, dass das Kriegsministerium nicht in der Lage ist, diesem Wunsche eine weitere Folge zu geben." Der Nihilist. Ein Zeitroinan aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbek (Nachdruck verbot««.) (41. Fortsetzung.) Bei einer solchen Gelegeuheit äußerte er recht kurz und barsch: „Schwiegermütter bilden wohl nirgends das Glück, die Zierde des Hauses, und ich wüsste nicht, weshalb die meinige eine Ausnahme davon machen sollte. Vorhaltungen, wie Sie ja eben mir zu machen belieben, können darum schon von keinem Werthe sein, weit sie bei mir auch einen Charakter treffe", der nicht die geringste Empfänglichkeit dafür besitzt. Was ich meiner Frau zu sein und wie ich zu leben habe, laffe ich mir nur von meiner eigenen Erkenntnis als Mann und meiner Stellung als kaiserlicher Officier vorzeichnen und gestatte sonst Niemand, selbst Ihnen nicht. Frau Wandelowicz — ich muss Sie schon hier bei Ihrem Namen nennen — in meine Verhältnisse hineinzureden." „Aber Frieda ist mein Kind und Sie werden — ob Sie wollen oder nicht - der Mutier derselben schon gestatten müffen, über das Ergehen ihres Kindes zu wachen." ..Gut, wenn Sie solches still und ohne Einmischung thun wollen, so habe ich nichts dagegen; allein wenn Sie dabei zur Moralpredigerin gegen mich sich versteigern, so werde ich ein entschiedenes Veto dagegen einlegen und Sie ein für allemal darum bitten, mich mit dergleichen Ergüffen schwiegermütterlicher' Liebe zu verschonen." „Frieda mgte nlir, dass das Vermögen, das sie Ihnen eingebracht, beinahe schon zur Hälfte erschöpft, und wenn dieses in der kurzen Zeit - des Zusammenseins mit ihr geschehen, so frage ich, was denn später daraus werden wird, wenn auch der andere Theil ihres Vermögens , in dieser Weise verbraucht ist?" „Sie sprechen, liebe Schwiegermutter, wie Sie eben sprechen müffen. Sie sp echen wie eine Jüdin, wie eine von jenem Stamm, der für das Geld lebt und für das Geld stirbt. Allein, Sie irren, wenn Sie diese Gesinnung auf den Mann rein russischen Geblütes und christlicher Angehörigkeit, auf den Mann des höheren Berufes als Militär überzutragen gedenken. Ich lebe eben so, wie ich nach meinem Range und in meiner Stellung zu leben habe. Sie fragen, was daraus werden wird, wenn später unser Vermögen erschöpft sein wird? Pah, darüber hat sich noch niemals ein Vertreter der besseren Claffe Sorge gemacht. Einstweilen lebt man, lebt gut und dem Anstande gemäß." „'Allein, es handelt sich nicht blos um Sie, um Ihre Person sondern um unser Kind, unsere, Tochter." „Nun, da hätten Sie am allerwenigsten Ursache, unzufrieden zu sein, zu klagen. Sie und Ihr Herr Gemal haben mit Ihrer Tochter das erreicht, was Sie als Juden eben erreichen konnten. Sie haben sie in ganz vorzüglicher Weise an den Mann gebracht — sie ist die Gattin eines russischen Offiziers." „Gattin? — die Behandlung, die Sie ihr zukommen laffen, liegt weit ab von derjenigen, die sie als Gattin von Ihnen zu erwarten berechtigt ist. Von jeder sonstigen Zärtlichkeit abgesehen, erfüllen Sie, der Officier, nicht einmal die Pflicht des schlichten Bürgermannes, der bemüht ist, seiner Frau das Leben angenehm zu machen. Meine Tochter ist bei Ihnen wie im Gefängnis, sie kennt die Welt nicht, und die Welt weiß nichts von ihr; es scheint fast, als ob Sie sich scheuten, sie in die Gesellschaft einzuführen." „Nun, wenn das der Fall ist, so hat es eben auch sein Gutes. Frieda wäre schon ihrer jüdischen Herkunft wegen in der Gesellschaft der Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten mancherlei ausgesetzt; davon bleibt sie bewabrt. wenn sie das Hans nicht verlässt." Frau Wandelowicz bedeckte das Gesicht mit ihren Händen — dann sprach sie in heller Entrüstung: „Aber sie ist ja doch Christin geworden." „Das thut nichts, das Taufwasser hat chr das Raffenwesen nicht genommen". „Und das wussten Sie ja alles, mein lieber Herr —" „Ich wusste einen Theil davon." „Und Ihre eigene Vernachlässigung und geringschätzende Behandlung, die Sie Frieda zukommen laffen?" „Du. mein Gott - Sie selbst wissen ja, so gut wie ich, dass ffe keine Verius ist, die durch ihren bestrickenden Zauber einen Gatten an sich zu fesseln im Srande ist. Sie sollten sich Beide mit dem j begnügen, was ich biete, bieten kann." (Fortsetzung folgt.)