Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 2 Die Wahrheit. Mächtige Gemeindevorstehung vor Herrn Stern zittert. Warum? Doch nicht, weil die Herren an den Diebstählen theilgenommen haben nein, gewiss nicht, sondern weil der Bruder des-Stern ein höherer Ministerialbeamter ist. Das ist das Geheimnis der niedergeschlagenen Untersuchung, das Geheimnis, weshalb man im.ij'rael, Spital mit höherer Lizenz, mit Erlaubnis der Gemeindevorstehung stehlen kann. Im Nachfolgendem veröffentlichen wir ein interessantes Schreiben, dessen Verfasserin, wenn wir ihr auch nicht in Allem zustimmen, die traurigen Zustände im Spitale gut zu kennen scheint. Das Schreiben lautet: Löbliche Redaction! Motto: Geben ist Pflicht, Schenken ein Vergnügen, Wohlthun eine Kunst. Album für Kindervolksküchen. Berlin, 1896. Zn jüngster Zeit winden im Rahmen dieses Blattes Unzukömmlichkeiten gerügt,welche in einer confessionellen Heilanstalt in Budapest vorgekommen sein sollen. Zm gerügten Falle handelt es sich darum, dass ein mit 600, sage sechshundert Gulden ZahreSgehalr dotirter Mensch, dem das geringste Maß an socialer Bildung abgeht und der nur über die Qualitäten eines simplen Hausoieners — jedoch über hohe Protection — verfügt, auf dem Wege der Ehrlichkeit gestrauchelt, als ihm das Znspertorat über eine Anstalt anvertraut wurde, die mit einem jährlichen Ausgabsetat von 150.000 Kronen arbeitet. Wenn wir der Sache auf den Grund gehen und erwägen, dass man diesem Menschen den Genuss der unter seiner Leitung erzeugten Speisen versagte und ihm keine Gelegenheit bot, für seine Kinder ausgiebig zu sorgen, so ist das Räthsel so ziemlich gelöst. (Das geringe Einkommen kann nicht als Entschuldigungsgrund für Malversationen gelten. Anm. d. Red.) Die gleiche Lösung ergibt sich, wenn wir bedenken, dass die Wirthschafterin, welche vier theils unmündige, theils arbeitsscheue Kinder und mittellose Eltern zu unterstützen hat (Was geht dieser Umstand bas Spital an? Anm. d. Red.) und ihrer vermeintlichen höheren socialen Stellung entsprechend über elegante Toiletten verfügen muss, auf eine Monatsgage von 25, sage' sünfunzwanzig Gulden angewiesen war. Man dürfte nicht außer Acht lassen, dass ein Krankenhaus kein Warenlager und das Krankenbett nicht der Stand einer Höckerin ist/ bei welchem das ewige Schachern und Feilschen am Platze wäre: Wohl mag es den edlen Wohlthätern, deren Namen theils auf den Marmorlaseln der beiden Krankenhäuser der betreffenden Gemeinde, theils in dem Speudenverzeichuis dieser Anstalten verewigt sind, vorgeschwebt sein, den hilfsbedürftigen Kranken eine selbstlose, aufopferungsvolle Pflege angedeihen zu lassen und auch den Töchtern ihrer Confessiön die Gelegenheit zu bieten, den Wettbewerb mit ihren Schwestern, den Diaconisseu und Pflegerinnen anderer Bekenntnisse, auf dem edelsten Gebiete der weiblichen Thätigkeit, der Krankenpflege auszunehmen, doch ist dies edle Bestreben gescheitert an den Priucipien, welche dem auf Aeußer- Uchkeiten hiuarbeitenden modernen Krämergeist entlehnt wurden. Das leitende Priucip ist, mit „wohlseilen" Kräften zu arbeiten. Wärterinnen aus der Hefe der Gesellschaft, welche die Kunst verstehen, von 9 fl. Monatsgehalt ihre unzulängliche Kost aufi zubessern, eine Helferin mit 4—5 fl. zu entlohnen, sich Leibwäsche, elegante Kleidung und Beschuhung anzuschaffen, noblen Passionen zu stöhnen und bei alldem noch jährlich 1000 fl. zu ersparen, sind die gewünschte Garde des Erwähnten Prinzips. Diese Geschöpfe kennen nur zwei Dinge: Hündische Unterwürfigkeit und blinden Gehorsam den Spitalsgewaltigen, und eine unersättliche Geldgier den Kranken und ihren Besuchern gegenüber. Wie ganz anders steht es da in der Nachbahrschaft, in der „Bethesda" aus! Welch' selbstlose, hingebu rgsvolle und verständnisinnige Pflege, welch' rationelle Sparsamkeit und welche physische und moralische Reinlichkei: kennzeichnen diese ebenfalls confessionelle Anstalt. Und wie viel mehr wird da mit Viel geringeren Mitteln geleistet J Und doch liegt die Lösung dieses Räthsels weder oben im Himmel noch auf dem tiefsten Gründe des Meeres, sondern ganz einfach darin, dass man den Pächtern der. betreffenden Confession die Gelegenheit bietet, ihre Nächstenliebe ihren Gef fühlen entsprechend bethäthigen zu können, und Waisenmädchen, denen in der Großstadt der sichere Verfall bevorstände, den Prinzipien der selbstlosen Wohlthätigkeit gemäß, zu tüchtigen Pflegerinnen zu erziehen und ihnen dadurch eine geachtete Stellung, einen edlen Beruf und eine sichere Zukunft zü chteten. E Ei'neJüdin. Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. (Die % u r fei an d der Zion ism u s.) Pie kürzlich signalistrte Verfügung der Pforte, welcher zufolge .sich die, sei es zu Handelszwecken oder als Pilger nach Palästina. begebenden Israeliten daselbst nicht langer als drei Monate aufhalten dürfen, bildet, wie man der „Pol. Corr." aus Constantinopel berichtet, die Fortsetzung einer seit Jahren eingeleiteteu Action, die auf die Verhinderung der dauernden Niederlassung ausländischer Juden in der bezeichneten Provinz abzielt. Diese Momente erfuhren jeooch, wie man in unterrichteter Constantinopeler Kreisen betont, eine beträchliche Verstärkung durch die Eindrücke, die man von der zionistischen Bewegung empfing - Seit dem Anwachsen dieser Strömung ist von gewissen türikschen Persönlichkeiten an maßgebenden Stellen wiederholt die Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden, dass der Zionismus politische Ziele verfolge, die au den ehemaligen Bestand des Reiches Judäa anknüpfen, somit den türkischen Staatslenkern keines- . wegs gleichgiltig sein können. Der hiedurch im Hinblick auf die zionistische Bewegung genährte Argwohn konnte die Pforte in der auf die Verhinderung einer größeren Judeneinwandernug gerichteten Tendenz selbstverständlich nur bestärken, was sich in dem Umstand deutlich genug ausspreche, dass es mit allen erwähnten Maßregeln speciell auf die Fernhalinng der Israeliten von Palästina abgesehen ist. Wien. Die XXVII. ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für die beiden Gemeindebezirke Mariahilf und Neubau fand am 27. December 1900 im Saale des Restaurant Löbl in der Schmalzhofgasse statt und erfreute sich einer besonders lebhaften Theilnahme seitens der Vereinsmitglieder und deren Damen, die Heller zum erstenmale in dieser Versammlung erschienen sind. Der Vorsitzende konnte bei Begrüßung der Versammlung die Anwesenheit von 63 Vereinsmitgliedern und 20 Ehrengästen conitatiren. Als Vertreter der Cultusgemeinde fuugirte Herr Salo Cohn. Nach Verificirung des Protocolles der XXVI. ordentlichen Generalversammlung erstattete der Präsident, Herr Architekt Max F l e i s ch er, den. Jahresbericht. In diesem Berichte wird in ausführlicher Weise der Action der Tempel-Renovirung gedacht, die die Thätigkeit des Vorstandes! in intensiver Weise in Anspruch nahm. Auch die Bedeckung der i Kosten dieser großen Action war eine schwierige, und war es! nur dem Zusammenwirken zwischen Vorstand und Vereins Mitgliedern, die sich durch opferwillige Spenden in glänzender Weise manisestirten, zu verdanken, dass die Tempel-Renovirung keine wesentliche Alterirung des Vereinshaushaltes zur Folge hatte. Es wurde von mehreren Seiten angeregt und in Oiscusston gezogen, ob nicht anlässlich der Tempel-Renovirung welche dem Vereine so große Kosten verursacht, an die Cultusgemeinde um einen Beitrag herangetreten werden sollte. Dem gegenüber wurde andererseits darauf aufmerksam gemacht, dass die Verhältnisse der Cultusgemeinde trotz der sehr hoch bemessenen Cultussteuer noch immer nicht derart sind, dass die Cultusgemeinde leicht Mittel entbehren könnte, welche sie namentlich für die täglich sich mehrenden großen Anforderungen für humanitäre Zwecke benöthigt. Nachdem der Vorstand des Vereines sich stets voll, bewusst war, dass seine Leistungen, sowie die des Vereines überhaupt lediglich eine wesentliche Unterstützung der Pflichterfüllung der Cultusgemeinde bedeute und dass namentlich durch, die außergewöhnliche und nicht genug zu rühmende Qpserwilligkeit