Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-urtgar. Acentoren-Ieitung. Ir. 2. Berlage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Synagoge und Cantor vor und nach Suher. Von Obercantor P. M i « k o WZLy, Odessa. (Fortsetzung.) Die Rabbinen, die nur der Noth gehorchend, aus ihren Theil verzichteten, ließen daher im Laufe der Geschichte keine einzige Gelegetcheit vorübergehen, ohne den Chasan, den Volksliebling, wie auch seinen Verehrer, das Volk, ihren Stachel fühlen zu lasien. Der Chasan sah sich dadurch noch mehr genöthigt, sein Heil in der Gunst des Volkes zu suchen. Und was musste er sich nicht gefallen lasien bon dem Pöbel, von dem er so ganz und gar abhängig und guasi geliebt war? Und was für Stellung nahm er ein im Vergleich zu dem ehemaligen Priester und gegenwärtigen Rabbi? Anstatt des königlichen Schmuckes und der luxuriösen Ausstattung, des bei der Elite der Gesellschaft verhätschelten Priesters, kam ein verkrüppeltes, herumirrendes Geschöpf zur Welt, das dem Priester ähnlich, seinen Namen immer behalten hat, seine Aemter aber wie Wäsche nach Verlangen der Gemeinde wechselte. Im Gegensätze zum Priester, der aus ein Pulpet heraussteigend und seine Hände emporhebend seine Function vollführte, musste sein Nachfolger heruntersinkend und kniebeugend sein Amt verrichten. Ohne Heim, ohne Fürsorge, von den Rabbinen verachtet, von der Elite der Gemeinde ignorirt, sich selbst überlassen, musste er stets um die Gunst des gemeinen Volkes buhlen. Contrastirten schon die Missioneu des Rabbiners und Chasan an und für sich, so spielte der heterogene Charakter der Kreise, in welchen Beide wirkten, eine sehr bedeutende Rolle in der verschiedenen Entwickelung derselben. Nach dem Untergange des großen jerusalemischen Tempels, der — obwohl Centrum der Religion, der Politik, der Liturgie und des Gerichtes, dennoch "rnvn bei seiner Einweihung genannt wurde, mussten zwei separate Hauser dessen Functionen übernehmen: für die Besseren der Gemeinde mit dem Rabbiner an der Spitze, das "tmtn rra,, (Jeschibah), für den Plebs mit dem Chasan an der Spitze, das "nwsn n'2„. Das erste Haus als Quelle der Lehre, Religion und Ethik (nvlvl min), und das andere für Andacht, Gebet und Aesthetik (nWn nn). Auf seinem Throne, wie ein König, saß der akademisch gebildete Rabbiner, umringt von seinen Schülern und den Angesehensten der Gemeinde, die aus jeden Hauch ans seinem Munde wie auf eine Verkündigung Gottes lauschten und zu ihm wie zu einem Engel Gottes emporblickten. In eine Tiefe neben der Lade der Synagoge, stieg hinunter der arme Träger der Andacht und Aesthetik, auf allen Seiten belagert von einer ungezogenen Menge, die die Synagoge als Volkshaus betrachtete, worin alle profanen Geschäfte ungenirt erledigt werden können, und hier und da die jammernden, oder ergötzenden Schnörkeleien des meistentheils ignorirten ^Chasan hörte. Charakteristisch ist schon die Titulatur, die sich die Beiden im Lause der Zeit aneigneten. Neben dem Rabbiner, der sich immer als "n:in„ (er rufet, oder wenn ich mich musikalisch ausdrücken darf, als „Fermate") titulirte, wagte der Chasan sich höchstens als "“Qiy„ (er wandert, ein xerpetuurn mobile tut vollsten Sinne des Wortes) zu bezeichnen. Er führte ein vagantes Leben und suchte seine Existenz durch allerhand Servilität innerhalb und außerhalb der Synagoge zu erhalten, und bei alledem wurde er so gering geschätzt, dass ihm officiell die infame Erlaubnis, dem Plebs zu schmeicheln, ertheilt wurde. Ein solches Gesetz wird kaum seines Gleichen finden in irgend einem Codex der Welt, geschweige der Judeti. Wie konnte er so nun eine Jd^e haben, als Tutor der heiligen Kunst aufzutreten, während er vielotehr sein ganzes Streben dazu anwenden musste, die Approbation des Volkes — welches einzig und allein für ihn als Maturationszeugnis galt — zu gewinnen. Wie konnte überhaupt eine heilige Kunst in der Synagoge blühen und gedeihen, wenn das Publikum, welches in der Kunst -nicht mehr als rnr Empfänglichkeit berechtigt ist, seinen Abgeschmack gar als Muster aufbürdete. Das natürliche Resultat war, dass während die jüdische Ethik, die Production des vilvn n'2, die Bewunderung, unserer Freunde und den Neid unserer Feinde sich errang, die Synagoge durch ihren vermummten und geschmacklosen Gottesdienst das Bedauern unserer Gönner und noch mehr den Spott unserer Misgönner sich erwarb. Sein Debüt machte der Chasan im Dienste der Priesterzu Hause bei Gerichtsverhandlungen, beim Gottesdienste inr jerusalemischen Tempel, wie auch in der alexandrinischen Synagoge als Flaggenman, um mit seiner Flagge den Anfang und Abschluss der 18 Eulogien und auch der anderen Segenssprüche des Vorbeters dem Volke zu signalisiren. Er avancirte in seiner- Stellung in den babylonischen Synagogen, nicht nur als- Aufseher der synagogalen Ordnung (eine Art Presbyter), sondern auch als Religionslehrer der kleinen Kinder und Vorleser der Sidra und Hafthora mit den zur Thora aufgerusenen Mitgliedern. Nachher finden wir ihn als Dolmetsch (föjnnö), der die leisen Sabbathvorträge des Chachams mit seiner starken Stimme dem Volke laut übergab, wodurch er sich einerseits das Wohlwollen des Volkes und andererseits die Ironie des Chachams zugezogen hat. Wir finden ihn auch manchesmal als substituirenden Redner in Abwesenheit des Chachams. Ob er bei solchen. Gelegenheiten den Chacham selbstständig vertreten hat, oder ob .er blos die Drösche des abwesenden Chachuns verdolmetschte, können wir nicht genau Nachweisen; es genügt uns aber das. Factum, dass einige Chasonim auch den Titel „Darschanim" geführt haben. Späterhin finden wir ihn als eifrigen Mitarbeiterder peitanischen Litteratur, mehreremal als selbstständigen Peitan^ immer aber als Componisten der Gesänge wirkend. Manche Vorbeter machten es sich zum Gebrauch, selbst Verfasstes dem Vortrage der Gebetstücke anzufügen. Sie wollten damit frischen Impuls in die Tesillah bringen, und zwar abermals mehr zuri Zufriedenheit des Publikums als der Rabbiner, weil der Vortrag des Chachams durch die Verzögerung des Piuts und dessen. Gesang aus dem Gottesdienste ausgeschlossen werden musste* *).. Die hervorragendsten Gründer dieser synagogalen Litteratur waren: der berühmte R. Elasar ben Jakob Kalir, der um die Zeit 970 als Vorbeter in der Stadt Bari in Italien fungirte*) und der berühmte R. Meier ben Isaak ben Samuel,.Vorbeter in Worms (um 1060), der vorzugsweise den Titel "maif vihü„ , oder "foiw iiL„ führte. Er hat auch in Mainz sungirt, war Raschi persönlich bekannt und wurde auch „Neherai" genannt). Nach deren Tod wurden alle ihre Pintim durch die Vorbeter in die Synagogen Italiens, Frankreichs und Deutschlands verpflanzt- Auch mindere Geister, wie Joseph ben Nathan, Vorbeter in Würzburg 4), Joseph ben Jakob Kalai, Vorbeter in Sieilien^),. Mordechai ben Sabatai Longo („Hooruch" genannt), Vorbeter und Schreiber in Italien oder Griechenland 6), Abraham ben. Isaak ben Mose („Chasun" genannt), der ein Dichter von vieler Gewandtheit war 7), trugen sehr viel zur Bereicherung der syna.-- gogalen Litteratur bei. (Fortsetzung folgt.) i) Siehe „Pijutim" in „Ontlines of jewish History“, p. 183; by lady Magnus. Philadelphia 1890. *) Die gottesdienstlichen Vorträge, Cap. 21, S. 383 und 382, von. Zunz. Zur Geschichte der jüdischen Poesie, S. 50, von Franz Delitzsch. s) Die synagogale Poesie des Mittelalters, S. 187, von Zunz. W , 4) Dort S. 257. 5) Dort S. 293. «) Dort S. 296.?) Dort S. 311-.