Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 20 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungar. Kcrntoren-Ieitung. Ar. 20. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. I„t,rg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Die FLedaetion Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. (O e f f e n t l. P l e n ar s i tzu n g desCultus- Vorstandes vom 6. Inn i 1900, unter Vorsitz des Präsidenten k a i s. Rath Heinrich K t i n g e r. Beginn 5 Uhr A b e n d s.) Nach Bekanntgabe des Einlaufes lässt der Präsident das letzte Protokoll zur Verlesung bringen und constatirt vor Uebergang znr Tagesordnnug die Anwesenheit von 18 Vorstandsmitgliedern, woraus mit der Berathuug des Commissiousberichtes Äber die Reform des Cultusgemeiudestatutes fortgesahreu wird. Zur Abstimmung haben nachstehende Anträge zu gelangen: 1.) Antrag Rosner aus Anflheilung und Vornahme der Cultuswählen nach den Gemeindebezirken. 2.) Antrag Dr. Steiner aus Einschränkung des passiven Wahlrechtes in der Gruppe der Hochbesteuerten auf die Mitglieder dieser Gruppe. 3.) Antrag Dr. Spitzer: Sämmtliche Steuerträger der Cultusgemeiude iu zwei Wählergruppen zu zertheileu, die erste bis zu 200 Kr. Lie zweite über 200 Kronen. 4. Der Antrag der Commission in der von Dr. Grünfeld vorgeschlagenen Stilisiruug, wonach die Mitglieder der israel. Cultusgemeiude aus die Dauer von -6 Jahren 24 Vorsteher aus ihrer Mitte wählen, während alle Censiten, welche eine Steuer von 200 Kronen und darüber zahlen, 12 weitere Vorsteher bestellen. Letzter Antrag gelangt mit 15 gegen 3 Stimmen zur Annahme. Antrag Steiner lvird mit 6 gegen 12 Stimmen abgelehnt; desgleichen der Antrag Rosner mit allen gegen 2 Stimmen. Ueber die vorgelegten Vorschläge zur Reform der inneren Administration entwickelt sich eine eingehende Debatte, be.i welcher der Referent Obersinanzrath Dr. Rapaport, der Präsident kais. Rath Klinger, Vice-Präsident Dr. G. Kohn. Dr. Sieger, Architect Fleischer, Dr. Stein wiederholt das Wort ergriffen, mm die Resormvorschläge zu befürworten, während Baurath Ritter von Goldschmidt, Baurath Stiaßny, Reitlinger, insbesondere aber mit großem Nachdrucke Dr. Steiner für die Beibehaltung der Sectionen plaidirten. Letzterer legte dem Präsidenten nahe, die angeregte Reform der inneren Administration einer nochmaligen Prüfung und Vorberathung zuzuführeu. Director Simon stellt den Vermittlungsantrag, für bestimmte fachliche Angelegenheiten ständige Commissionen zu bestellen. Dr. Steger vertheidigt in beredten Worten die Anträge des Statutencomites. Ueber Antrag des Baurath Ritter von Goldschmidt wird zunächst die priucipielle Frage, ob die Einrichtung der Sectionen beiznbehalten sei, zur Abstimmung gebracht. Für die Beseitigung erheben sich blos 9 Mitglieder, 10 Stimmen sind für die Beibehaltung der Sectionen. Infolge dieser Abstimmung erklärt der Präsident der Anregung des Collegen Dr. Steiner Folge geben zu wollen und senen Theil des Reformplanes, welcher die innere Administration betrifft, für einen späteren Termin zurückznstellen. Obersinanzrath Dr. Rapaport referirt sodann über die neu zu creirenden Bezirkscommissionen. (Neu: § 28.) Aus den Bertranensmänuern (8 2 des Cultussteuer-Regulativs) werden Bezirkscommissionen gebildet. Dieselben haben auf Grund einer von der Cultusgemeiude zu erlassenden Geschäftsordnung Angelegenheiten ihres Wahlbezirkes zu berathen und diesfalls Anträge an die Cultusgemeiude zu stellen. Auch können ihnen Angelegenheiten der im Wahlbezirke gelegenen Gemeindebethänser, sowie das Armen-, Schul- und Leichenwesen des betreffenden Wahlbezirkes auf Grund und nach Maßgabe der Beschlüsse des Cnltusvorstandes zugewieseu werden. Der Referenten'Entwnrf wird mit einem Zusatzantrag Pollak-Rosner, wonach diese Commissionen mindestens dreimal jährlich zusammentreten müssen, zum Beschlüsse erhoben. Im § 93 beantragt die StatutenCommission die facnltative 5 fl.-Steuer. Baurath v. Goldschmidt spricht gegen diesen Antrag, Dr. Spitzer für die obligatorische Einführung der Füni- Gnlden-Steuer, kais. Rath Hirsch. Dr. Berger sprechen für die Anträge des Statuten-Comitäs. Nach einem Schlusswort des Referenten Obersinanzrath Dr. Rapaport wird der Antrag Spitzer mit 10 gegen 8 Stimmen abgelehnt, der Antrag des Comitös sodann einstimmig angenommen. Bei § 1 der Wahlordnung wird über Antrag des Präsidenten die erforderliche Dauer der Sesshaftigkeit von drei aut zwei Jahre herabgesetzt. Dr. Berger beantragt, Doctoren, Beamten, Lehrern, das Wahlrecht einzuräumen, allch wenn sie gar keine Cultnssteuer zahlen. Gegen diesen Antrag sprachen Dr. Grünfeld, Bauralh v. Goldschmidt, kaiserl. Rath Hirsch; für denselben Banrath Stiaßny. Dr. Spitzer, Oberingenieur Edler von Mises, welcher eventuell wenigstens für Staats, Landes- und Communal-Beamte, sowie für definitiv augestellte- Lehrer das Wahlrecht beantragt. Nach einem Schlußwort des Obersinanzrath Rapaport werden die Anträge abgelehnr. Endlich gelangt der Antrag, dass die 200 Vertrauensmänner zur Hälfte vom Vorstande ernannt, zur Hälfte von den Stenerzahlenden gewählt würden, ohne Debatte zur Annahme. Der Präsident kaiserl. Rath H. Klinger spricht dem Referenten Obersinanzrath Dr. Rapaport und dem Secretär kais. Rath Dr. Th. Lieben für ihre Mühewaltung den Dank ans und erklärt die Sitzung für geschlossen. Merlin Unter starker Betheiligung fand am 27. Mai hier die Generalversammlung des „V e r e i n e s zur Förderung der B o d e n c u l t n r in Deutschland" statt. Der Vorsitzende Oberamtmaun Cohn gab zuerst einen kurzen Rückblick über das versioffeue Vereiusjahr, aus dem er besonders die Anstellung des Generalseeretärs Dr. Ernst Tuch, von dessen Thätigkeit man sich sehr ersprießliche Erfolge für den Verein verspricht, hervorhob. Mühlenbesitzer Rosenthal von Johanuismühle bei Posen, führte in einem längeren Vortrag sowohl die allgemeinen, wie die nächsten Ziele des Vereines aus. Schon in den Vierziger Jahren unseres Jahrhunderts ist das große Problem der Sesshaftmachung deutscher Juden auf deutschem Boden in Angriff genommen worden, und zwar von dem sehr verdienten Rabbi Salomon Eger, dem Sohn des berühmten Rabbi Akiba Eger. Dieser für das Wohl der Judeuheit so entschieden eintretende Manu hatte die Absicht, Staatsdomänen anzukaufen und dort die Juden in geschlossenen Siedlungen anzusetzen. Er hatte für diesen Plan die Antheilnahme des Königs Friedrich Wilhelm IV. in hohem Grade erweckt, und wir hätten heute wahrscheinlich schon eine starke jüdische Bauernschaft in Deutschland, hätte nicht die Revolution des Jahres 1848 das junge, hoffnungsreiche Unternehmen im Keime erstickt. Auch für uns, führte Herr Rosenthal weiter aus, kommt nur eine Ansiedelung von Inden in geschloffenen Gemeinden in der Reihe großer Städte in Frage. Die Kosten für den Ankauf eines Gutes, die Art und Weise, wie es parzellirt, wie es bewirthfchaftet werden müsste, wurden angegeben, auf die Wichtigkeit verschiedener Ge-