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Die Wahrheit · 1900-06-08 · Heft 20 (8.6.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 20 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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L?eile 8. Die lvahrheit. Nr. 20. wohnen und allen Pflichten der übrigen Bürger, namentlich dem Militärdienste, unterworfen sind. Wir haben gesehen, wie mörderische Gesetze ihnen ihr bescheidenes Stück Brot wegnehmen, ihnen gewisse Geschäfte verbieten, ihnen den Aufenthalt auf dem Lande und in den Dörfern, sowie den Besitz von Ländereien versagen; endlich, um das Maß voll zu machen, schließt ein neues Gesetz die israelitischen Kinder aus von den öffentlichen Schulen aller Grade. Die rumänischen Israeliten i haben alle Ungleichheiten, alle Demüthigungen ertragen, aber! der Schmerz, ihre Kinder zur Unwissenheit verdammt zu sehen, > hat sie zur Verzweiflung gebracht. Zudem hat die sehr scharfe! wirtschaftliche Krise, die gegenwärtig auf Rumänien lastet, ihr Elend auf einen unglaublichen Grad gesteigert. Die ganze! Moldau, welche fast 200,600 Juden zähtt, ist durch die! Hungersnoth verwüstet, und hier irren auch Tau'ende unglückj licher Israeliten umher, um Arbeit oder ein Stück Brot! Litteratur. „Wiener Zlkustrirte Arauen-Zeitung," Familien- und Mode Journal. Verlag M. Breitenstein, Wien, IX., Wäbringerstraße 5. Preis vierteljährig 90 kr. Einzelne Hefte 15 kr. — Probenummer gratis vorräthig in allen Buchhandlungen. Inhalt aus Heft 17 : Moderne Schirme. — Sommervergnügungen. — Noch aus des Lebens Höh'n! Von Jeanette Bramer. - Etwas über die Seife. (Schluss.) — Etagen-Dampftopf. — Lehrcurse zur Aus- und Fortbildung in Hauswirthschaft und Handarbeit- — Nützliche Winke. — Launen. Von Annie. — Frühlingslied. — Wie es kam, dass sie einsam blieb. Von A. H. Brix. (Forstetzung.) — Beschreibung des bunten Bildes. — Räthsel-Auflösung. — Uom Umsetzen der Zimmerpflanzen. — Zur Rosenzeit. (Polterabendgedicht.) — Rücksichtnahme. Von Frieda Stende. — Neuartige Stickereien. — Menu. — Verschiedenes. — Modetheil, enthaltend über 70 Illustrationen und ein colorirtes Modebild. — Inserate. zu suchen. ' In Galizien endlich, wo man ungefähr 600,000 j Israeliten zählt, hat das hundertjährige Elend, welches die l jüdische Bevölkerung drückt, durch antisemitische Hetzereien herj vorgerufen, gewaltig -ugenommen; Tausende voit Arbeitern feiern aus Mangel an Arbeit, Hunderte von Bergleuten, welche j ihr Brot in industriellen Werken verdienlen, sehen sich infolge i gewisser wirtschaftlicher Umwandlungen auf die Straße gesetzt, * ohne Hilfsquellen und ohne Hoffnung, anderswo Arbeit zu ' finden. Eine große Pflicht erwächst hier für die abendländischett , Israeliten; sie können sich ihrer nicht entziehen, ohne das : Judenthum zu entehren. Sie sehen, theuere Glaubensgenossen, die Ausgabe, welche ' sich uns darbietet, ist unermesslich, aber der israelitische Wohl-! thätigkeitssinn wird uns die Kraft und die Mittel gewähren, ' sie zu lösen. Das abendländische Judenthum, trotz seiner eigenen! Sorgen und Lasten, schuldet cs sich selbst, alle möglichen Opfer | zu bringen, um unheilbarem Unglück vorzub ngen.! Wir haben bedeutende Unterstützungen nöthig, um Tausende i von leidenden menschlichen Wesen mit Arbeit zu versehen, um; Brot den Frauen und Kindern und das Nölhige den Kranken > zu reichen. In ernsten Verhältnissen hat das Judenlhnm immer i feine Pflicht erfüllt; wir haben die Ueberzengung, dass es den großen Traditionen seiner Vergangenheit nicht untren werden wird! Hochachtung voll Der Ehrenpräsident: Für das Central Cornitö:; Zadoc Kahn, N. Leven, Oberrabbiner. Präsident.! Oeschräntmug der Indenrechte in Russland. Tie allgemeine Senatsversammlung in Petersburg hat dieser Tage eine wichtige, die Judenfrage betreffende Entscheidung gefällt. Nach dem Gesetze ist es denjenigen Juden, die als Kaufleute zur ersten Gilde steuern, gestattet, allenthalben in den Reichsgrenzen sich niederzulaffen. Sie sind in keiner Weise den gewöhnlichen Einschränkungen unterworfen. Nun hat es sich allmälig herausgebildet, dass Juden, die während der Dauer von 10 Jahren zur ersten Gilde gezahlt, und darnach das kaufmännische Gewerbe ausgegeben hatten, die während dieser Zeit besessenen Vergünstigungen für Lebenszeit behielten. Es war mithin eine Geldfrage geworden, ob ein Jude sich frei in Russland bewegen durfte, oder aber an bestimmte Provinzen gebunden sein sollte. Der zehnjährige Be, tvag der Steuer erster Gilde macht etwa 6000 bis 10.000 Rubel aus. Die Behörden haben sich wiederholt mit dieser Angelegenheit beschäftigt, konnten aber nicht zur Einigung gelangen. Man wendete sich vom Senate aus ausschließlich ans Justiz-Ministerium, welches ein Gutachten über die Frage ausgearbeitet und dem Senate zur Entscheidung zugestellt hat. Auf Grund dieses Gutachtens hat nun die allgemeine Versammlung folgenden Beschluss gefasst: „Juden, welche 10 Jahre lang die Gebühren zur ersten Gilde gezahlt, erhalten nur insofern eine größere Bewegungsfreiheit, als sie bisher in der Stadt, in der sie als Kaufleute lebten, sich niederlaffen dürfen. Die übrigen, für Juden gesperrten Reichstheile bleiben ihnen nach wie vor geschlossen." Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (30. Fortsetzung.) Wie konnte er seiner Schwester ins Auge schauen, ihr, die ihn gewarnt, die ihn ermahnt, die ihn zurückhalten gewollt mit aller Macht, die sie über ihn besaß, und von der er sich so gewaltsam losgerissen, so schnöde und so schonungslos getrennt! Und verlangte der Vater denn auch nach ihm? würde er in dem Falle nicht nach ihm begehren, nach ihm schicken? Nein er durste das nicht wagen, und so mußte der Vater in die Grube fahren, ohne dass der Sohn ihm die Augen zugedrückt und der Sohn musste die Nachricht von dem Tode des Vaters erfahren, als ob da ein Mensch ans der Welt gegangen wäre, dem er in seinem Leben nicht näher gestanden, dessen Herz er fremd gewesen sein würde. Das that weh, sehr weh. llub nun, nachdem der Vater gestorben, konnte er nicht einmal hingehen seine Mutter und Schwester zu trösten! Welchen Trost bdtie er ihnen auch bringen sollen! Er, der diesen Tod verschuldet hatte; er, dem dieser Tod Qualen des Gewissens bereitete, er, der selber des Trostes nur zu sehr bedürftig war l Was hätte er der betrübten Mutter, was der verwaisten Schwester sagen sollen, er, ein Sohn, der dem verstorbenen Vater kein „Kaddisch" nachfagt! Was ihn aber am tiefsten schmerzte, das >var, dass er sein Weh in seinem Innern verhüllen, dass er es geheim mit sich herumtragen musste, als ob es ein Verbrechen wäre. Wie gerne hätte er sich ans die Erde niedergeworfen, um den geliebten Vater zu betrauern, wie gerne hatte er sein Kleid zerrissen, sich Asche aus das Haupt gestreut und welchen Trost hätte er darin gesunden, wär es ihm vergönnt gewesin, nur einmal hingehen zu dürfen an den Ort, den er von Kindheit auf für heilig gehalten und dort in der Synagoge für dasSeelenheil des Vaters den „Kaddisch" zu sagen! Ach, das waren ja alles lauter Phantasiebilder, Träume, denen er keine Wirklichkeit verleihen konnte! Ja wie durste er diese geheimsten Regungen seiner Seele auch nur durch einen Laut verrathen! War es denn nichts als ein Possenspiel, das er da aufgesührt? war er denn nicht Christ geworden? konnte er sich vor aller Welt dem Gespülte Preis geben? 'ja durste er es wagen, den Frieden in seinem eigenen Hause zu stören? was würde Marie, was ihr Vater sagen, wenn er jetzt,, ein Christ, nicht auch als Christ leben wollte, wenn er mit der Taufe seinen früheren Glauben nicht ein für allemal abgelegt? war er denn ein Kind? war er nicht ein Mann mir eigenem Gedanken und Entschließungen? hatte man ihn zur Taufe denn, gezwungen? ja hat man ihn dazu auch nur überredet? Nein, er durfte nichts äußern, er durfte nichts merken lassen, von dem was ihm die Brust erfüllte. Die große Unruhe war wieder in sein Herz eingekehrt und er musste sie darin verschlossen herumlragen ohne Hoffnung auf Linderung, ohne Anspruch auf Mitgefühl. (Fortsetzung folgt.)

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