Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 2 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.- Ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 2. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Indem wir die geehrten Herren Cantoren und Cultasbeamten zur Erneuerung des Abonnements einladen, ersuchen wir um Einsendnng des Pränumerationsbetrages mittel st P o st - C h e ck, resp. P o st a n w e i s u n g. Gleichzeitig bitten wir die geehrten Herrn Eantoren und Cultusbeamten, für unser Blatt, das jederzeit auch die I n t e r e ff e n dcrjlidischen Eultusbea m ten w ar m v e rt r e t e n hat, in den Kreisen ihrer Gemeindemitglieder thätig zu sein und A b o n n e n t e n s ü r dasselbe zu g e w i nnen. Are Aedaction. Das jüdische Cantorat von der Mitte des achtzehnte» bis Mi Leginn des )wan;igsten Iahrhundertes. Von Obercantor I. Singer in Wien. Die bedeutungsvolle Epoche, in welcher zwei Jahrhunderte sich berühren, verauiasst die Vertreter der urauniIsachsteu Kunst- und Wissenschaftsgebiete zu vergleichenden Studien von Einst und Jetzt, und so erwächst auch uns jüdischen Cantoren die Verpflichtlnig, den Entwickelungsgang des jüdischen Cantorates von Beginn bis ans Ende des eben abgelausenen Jahrhundertes in Erwägung zu ziehen und gewissenhaft zu verzeichnen. Uns liegt es ob, hauptsächlich die österreichisch-delltschen Synagogengesangsverhältnisse, die, obgleich auch durch Sondereinrichrnngen (Ninhag-im) scheinbar getrennt, dennoch sehr viele, zumeist musikalische Nerührnngspnnkle anfweisen, wesentlich zu behandeln, ohne jedoch die einschlägigen Erscheinungen anderer Länder ganz ans dem Auge zu verlieren. Wir erinnern nur beiläufig an die allbekannte Glanzperiode des jernsalemitischen Tempelgesanges, erwähnen weiters, dass die im einstigen freiheitlichen Spanien lebenden Inden nicht allein herrlichen Synagogengesang pflegten, sondern sich auch, wie die Namen Salomo den Jehuda, Jehnda Halewi, Moies Mainronides rc. sattsam bestätigen, um Kunst und Wissenschaft hervorragender Verdienste ersrenten, um das erschütternde Bekenntnis zu verzeichnen, dass all die umfassendsten und redlichsten Bestrebungen unserer Glaubensbrüder im Lause der vielen Jahrhunderte ihnen gar nicht angerechnet wllrden, vielmehr Mißgunst, Neid und Bosheit des Mittelalters, trotz der gewaltigsten Anstrengungen und der in der Geschichte der Menschheit einzig dastehenden Opferfreudigkeit, das Judenthnm endlich zu Boden gerungen hatte. Welcher Art die Gesänge solcher Menschen waren, denen jedwede freiheitliche Regung geraubt, alle Lebensfreude versagt war, können wir an den Texten all der Selichot-Elegien jener Periode, wie nicht minder in den Memmorbüchern von Nürnberg, Mainz und Prag genügend erfahren. Die charakteristische kleine Sekunde, die ans jenen düstern Tagen stammend, noch in unseren heutigen Synagogenrecitationen als musikalisches Prototyp der Klage und der Wehmuth vorfindlich, beweisen es uns mächtig und eindringlich, dass es nicht Jubel- und Frendenklänge waren, welche die mittelalterlichen Juden in ihren finstern und weltabgeschiedenen Gotteshäusern anstimmten. Finstere, eisigkalte Nacht lagerte auf Israel, und unsere harten Mitmenschen sorgten dafür, dass diese Nacht möglichst lange andauere. Doch auch die finsterste und längste Nacht mußte endlich dem herandämmernden Freiheitsmorgen weichen und der allererste Sonnenstrahl weckte das Judenthum zu neuer Arbeit und tüchtigem Streben. Auch auf synagogal-gesanglichem Gebiete sind nicht minder bedeutsame, vou längst entschwundenen Tagen bis in die Gegenwart hineinreichende Errungenschaften zu verzeichnen, welche die allgemein geltende Anschauung vollkommen widerlegen, dass das ältere Judenthnm an musikalischen und gesanglichen Fortschritten sich nicht betheiligte. Wohl hatten nufere damaligen Glanbensbrüder inmitten des ans ihnen lastenden Druckes das Singen verlernt und die Synagoge glich einer Ställe musikali schgeistiger Verödung, in welcher selbst die freudeathmenden Simchat- Thora-Gesairgstexte thränennmslorten Blickes gesungen wurden; allein auch hier in der Kunst, wie dort in der Wissenschaft rafften sich unsere Altvordern bei dem ersten Lockrufe der Freiheit auf, um Musik und Gesang zu studieren und deren Segnungen auch für die Synagoge dienstbar zu machen. Können auch Salomon Rosst und Leon di Modena l E"de des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts) nicht zu den ausschließlich synagogalen Componisteu gezählt werden, da sie zumeist weltliche Musik, wie Sonaten und Madrigale rc. schrieben, so überlieferte namentlich der Erstere uns doch auch einzelne sehr interessante mehrstimmige Vocalwerke mit hebräischem Text und erbrachte hiemit beu besten Nachweis, dass die mittelalterlichen Juden gute Musik pstegten und dieselbe zu schätzen verstanden. Eine überaus bemerkenswerthe Hochschätzung der Musik für den Synagogengesang seitens der frommsten und orthodoxesten Cantoren des 18. Jahrhunderts finden wir in dem im Jahre 1748 durch den berühmten Cantor Sch'lomo Chasen Lipschitz*) in Metz veröffentlichten Büchlein „Todas Schlomo.“ Wir fühlen uns verpflichtet, zwei dieser überaus wichtigen, die Musik betreffenden Kundgebungen wörtlich anzuführen. S. 10b heißt es i Xi hamusika towu b’ene elohim weodom, und S. 22: uwewadaj mi schemnagen blo jedias hamusika ketefillah belo kewono, und weiter unten: Ki hamnagen bejdias hamusika mamschich hanigun al hatevvo — awol hamnagen schelo bejdias hamusika eno mamschich hanigun al hatewos. Der Antor geht in seinem Plaidoyer für die Musik sogar soweit, die Musik für die richtige Wortdeclamation verantwortlich zu machen. Eine Lichtgestalt jüdischer Cantoren des 18. Jahrhunderts war auch der im Jahre 1738 geborene Canior der Berliner Gemeinde Aaron Beer; er war im Besitze einer glänzenden und vorzüglich geschulten Tenorstimme und erregte gegen 1768 das größte Aussehen selbst nichtjüdischer Kreise. Ein Bild des jungen Beer mit dem Motto: „Immer besing' ich des Ewigen Huld" Ps. 80, wird in der königlichen Bibliothek in Berlin gezeigt. Zu seineu synagogalen ^Zorträgen erschienen auch uichljüdische Musikfreunde; er starb im Jahre 1821 uach einer 50jährigen rühmlichen cantoralen Thätigkeit. Was das aus dem mittelalterlichen Drucke sich emporgerungene Judenthnm seit der Mitte des 18. Jahrhuudertes für die Wissenschaft geleistet, dürste am Besten, nebst vielem Andern, durch die Namen Moses Meudelsohu und seine beiden Schüler- David Friedländer und Leopold Zun;, Moses Montesiore, Adolf Cremieux, Zacharias Frankel, Salomon Munk, Saiuuel Holdheim, Jost, Gabriel Rieffer, Samson Raphael Hirsch, Auerbach, Geiger, Mannheimer, Löw, Kompert, Philippsohu, Kämpf, L. A. Frankel, Ad. Jellinek rc. zum Ausdrucke gebracht sein. Diese Namen der allesammt Heimgegangenen, weltbekannten jüdischen Männer der Wissenschaft bilden die goldene Brücke, welche das *) Sch'lomo Chasen Lipschitz' war der Sohn des berühmten und gelehrten Fürther Chasen R. Mosche Lipschitz, dieser der Sohn des gesangsgewaltigen und frommen Chasen R. Salmen Lipschitz, und dieser der Schwiegersohn des hochgelehrten und frommen R. Schmuel Feibesch in Wien.