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Die Wahrheit · 1900-01-11 · Heft 2 (11.1.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 2 (11.1.1900)
Date
1900-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Pie Wahrheit. Nr. 2. gangenen jüdischen Gelehrten. Diesem Nachruf schloß sich j würdig an ein Vortrag des Herrn I. Goldberger über j „D avid Kaufmann' s Leben u n d Werke". Sodann | folgte die Declamation einer Ode von H. I. Silberfeld, eine hochinteressante Vorlesung des Herrn Bernhard Edelstein über! „David Kansmann's literarische Thätigkeit",! «in Vortrag des Herrn Michael Gntmann in classischem! Hebräisch über „David K a u f m a n n's hebräisch! literarische Thätigkeit". Ten Schluß der imposanten I Feier bildete ein Vortrag des- Herrn K. Schönwald über! David Kansmann's Verhältnis zur antijüdischen Bewegung. Sämmtliche Vorträge werden im Verlage des Rabbinersemiuars in ei: er Sammlung erscheinen. 0. Gr. Szenicz Am 31. December v. I. veranstaltete die hierortige Talmud-Vereinigung (rren D'tr), welche zu den ältesten ähnlichen Vereinen gezählt werden kann, da sie laut alten Auszeichnungen schon über 150 Jahre besieht, eine Szijum-Feier, verbunden mit einem Festmahle. An derselben betheiligten sich außer den hierortigen Talmudgelehrten auch zahlreiche Mitglieder der Gemeinde, um auch in dieser Weise ihr warmes Interesse sür das Thorastudium zu bekunden. Das Mahl wurde mit einer außerordentlich gelungenen Rede von Se. Ehrwürden dem Herrn Rabbiner M a r m o r st e i n eingeleitet, und in kurzen Intervallen sprachen auch die übrigen Talmudgelehrten, so Herr Rabbinats-Assessor Feuer, Herr D. Langer u. A. Schöne Gelegenheitsreden hielten noch die Herren Max Schlesinger, der Vertreter der Cultusgemeinde, Vicepräses Dr. Grünseld, und Schulpräses Lazar Mayer. Mit Bedauern wurde der Gemeindepräses Herr Schönmann Mär vermisst, der krankheitshalber der Feier fern blieb. Bei der erfolgten Neuwahl wurden die Herren Schlesinger Mär und Grünfeld Bernät zu Vorständen gewählt. Allgemeines Lob erhielt das abdicierende Vorstandsmitglied Herr Frey M., der sich um das Gelingen des Festes besonders bemühte. Den gesanglichen Theil der Feier besorgte Cantor Reis in vorzüglicher Weise. Drei Uhr nach Mitternacht war das schöne Fest zu Ende. Ll. v. Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (22. Fortsetzung.) Das da ist die Mutter von Deinem Geliebten! — sagte Niederhuber — sie verlangt ihren Sohn von Dir zurück! Du siehst, Du zerstörst das Gluck und den Frieden einer Familie, wenn Du ihn nicht herausgibst; bedenk, dass Du meine Tochter bist, und handle wie es sein must! Herausgeben soll ich ihn? — fragte Marie — Hab ich ihn denn unter Schloß und Niegel gesetzt? Versteh mich recht! — fuhr der Vater fort — herausgeben sollst Du ihn, das heißt: heransreisten! heransreißen aus Deinem Herzen, da wo er drinnen sitzt. Entsagen sollst Du; zeigen sollst Du einer Mutter, dass die Pflicht Dir höher steht, als die Liebe. Nichts steht mir höher als die Liebe und aus meinem Herzen kann ich ihn nicht heransreißen; er wird ewig darin bleiben, und kein Anderer wird seine Stelle einnehmen; aber entsagen will ich ihm. Ich will mich nicht drängen zwischen Mutter und Sohn, und —- Das mein ich - sagte der alte Niederhnber — das ist mir genug, mehr brauchst Du nicht zu reden, jetzt gilt es zu handeln. Marie schaute den Vater fragend an. Du wirst jetzt zeigen Marie! — sagte der alte Niederhuber — dass das, was Du hier gesprochen hast, nicht nur in die leere Lust hinein geredt ist, dass Du es ernsthaft und aufrichtig so meinst! Aufrichtig Vater! — sagte Marie. Gut, ich weiß es, mir brauchst es nicht zu sagen; aber dieser Frau da, der Mutter Deines Geliebten zeig es, dass Du's meinst, wie Du sprichst! Du wirst mit ihr nach Brünn fahren und wirst sie selber zu ihrem Sohn führen, und wirst ihm zuredeu, dass.er mit seiner Mutter heimkehren soll, wie es sich gebührt, und wenn er nicht will, so- Er wird wollen Vater, er wird es — sagte Marie — ich kenne sein Herz, und was es ihm auch kosten wird, er wird das Opfer bringen, ich steh gut dafür. Jittesch umarmte die Tochter des alten Niederhuber mit Zärtlichkeit. Ja — sagte sie — er wird es thun! er wird es thnn, wenn Du, mein Kind, es ihm befehlen wirst. Und Wunder, nimmt es mich nicht, dass er seine Eltern Dir hat opfern wollen. Ach, wenn nur etwas in der Welt anders wär, ich möcht Dich ja gern als meine Tochter annehmen, ich möcht Dir ihn gern geben; aber was können wir dafür? Wir haben die Welt nicht gemacht und wir müssen sie nehmen, wie sie ist! j Ihr meint — sagte der alte Niederhuber lächelnd — es I ist schad, dass meine Marie kein Judenmädchen ist? ich Hab i ebenso oft genug bedauert, dass Euer Jossef nicht als Christ; geboren worden ist.! Lassen wir jeden bleiben, was er ist, — sagte Jittesch — j und wollen wir es nicht ändern! Gott hat es einmal so ge-! macht, und er weiß am besten was er thut!! Marie machte sich reisefertig, und nach einer kurzen Stunde i befanden sich die beiden Frauen auf der Fahrt nach der Landeshauptstadt.! Die alte Jittesch und die schöne Marie saßen im Wagen; neben einander und hatten auf der Reise durch die Gespräche, j die sie mit einander führten, genugsam Gelegenheit, sich gegeuj seitig kennen zu lernen. Und dies Gute hatte das Zusammensein ] der zwei Frauen jedenfalls, dass die Scheidewand, welche zwischen ihnen aufgerichtet stand, und ivelche aufrecht zu erhalten das einzige Ziel ihrer Reise war, von beiden Seiten wenigstens mit Bedauern, ja mit Herzleid angesehen wurde; denn mit einer solchen Schwiegertochter, wie Marie, wäre sie eine Jüdin gewesen, hätte sich die alte Jittesch schon zufrieden gegeben; und auch gegen eine Schwiegermutter wie diese würde Marie nichts einzuwenden gefunden haben, wäre sie nicht gekommen, ihr den Geliebten ihrer Seele zu entreißen. Sie kamen nach Brünn; das Haus, wo Jossef sich j befinden mußte, war bald gefunden; sie begehrten Einlass und! traten ein — zu spät; denn derjenige, den sie suchten, befand! sich in der Kirche, wo an ihm eben der Akt der Taufe bej gangen wurde.! Die Mutter siel in Ohnmacht, da sie die Nachricht ver-! nahm. Märie und die Wirthschafterin des Geistlichen, welche : die Auskunft ertheilt hatte, bemühten sich, die Ohnmächtige zu laben und ins Bewusstsein zurückzurufen. Nachdem die Frau sich erholt hatte, stand sie auf und! sprach: Es ist alles gut! Gott hat es nicht anders gewollt.; Er ist jetzt nicht mehr mein Sohn, ich habe kein Recht mehr; au ihn. Er gehört jetzt Dir, ich kann ihn Dir nicht mehr : nehmen. Ich aber kann ihn nicht wieder sehen! Ich muß fort, j fort vou hier, weg, weit weg von hier. Die alte Frau verließ die Stube, das Haus; sie ging I hinaus auf die Kröna und suchte die jüdische Garküche. Sie! fand sie nach einigem Suchen, ließ sich hier ein Zimmer an-! weisen, wo sie den Sabbath über bleiben konnte. Sie verlebte! den bittersten Tag ihres Lebens in der Fremde in trauriger! Einsamkeit, und als der Sabbath vorüber gegangen war, fuhr > sie heim zu ihrem Gatten und ihrer Tochter. Du bist jetzt mein einziges Kind, Finkel-Leben! — sagte sie — wir haben unfern Jossef verloren. Es ist so gut, als wie wenn er gestorben wär!! Vater und Tochter verstanden gar wohl, was das! bedeuten solle, und setzten sich mit der Mutter auf die Erde, | um den Sohn und Bruder wie einen Abgeschiedenen acht Tage i laug zu betrauern.! Jossef aber war Christ geworden und fuhr mit seiner Marie, die ihm niemand mehr streitig machen konnte, hinaus in das Dorf, zu ihrem Vater, in seine Heimat. (Fortsetzung folgt.)

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