Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-08-21 · Heft 27 (21.8.1899) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 27 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3063000--00402-3066907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 27. stabenmystik tritt häufig so bestrickend hervor, dass es selbst dem stärksten Geiste nicht leicht fällt, sich dabei unbefangen zu behaupten. Je nachdem in den andern nachfolgenden kabbalistischen Werken die eine oder andere dieser Richtungen vorherrscht, ist auch Werth und Charakter derselben zu beurtheilen. Wir dürfen aber auch nicht anstehen, zu bekennen, dass die Kabbalah vollkommen ihr angestrebtes Ziel erreichte. Sie eroberte thatsächlich das gesammte Jndenthum: Nachmani, Ben Adereth und alle sonstigen leuchtenden Gestirne der nachfolgenden Zeiten. Fortan gab es wohl noch immer Freunde der Philosophie, aber kaum mehr einen Gegner der Kabbalah. Die Behauptung, dass die Kabbalah talmudfeindlich sei, ist geradezu absurd. Es konnte nur vielleicht ihrerseits behauptet worden sein, sie sei so umfassend, dass sie den Talmud schon in sich enthalte, dass die Kenntnis derselben schon Talmudkenntnis einschließe. Der Volksmund hatte auch bis hart in unsere Tage hinein für Rabbiner und Schriftgelehrte, welche durch Kenntnisse, Heiligkeit, Güte und Wirksamkeit Ehrfurcht einflößen, keinen besseren Ausdruck als „Bal mekubel". Noda Bijehuda, Nathan Adler, Akiba Eger, Chatham Sofer, David Deutsch, Mordechai Panet, chassidische Größen sind dabei gar nicht angeführt. In neuester Zeit macht wieder Markus Aron aus Podgorze in Galizien, ein staunenerregender Gelehrter auf den verschiedensten Gebieten der alten und modernen Wissenschaften, eifrigst Propaganda für den Werth der Kabbalah. War aber einmal die Kabbalah so hoch im Ansehen, da musste sich namentlich Denen, die mehr schwärmten als verstanden und begriffen, eine eigene Erwägung aufdrängen. Wie, sollte diese das Himmelreich erschließende Kabbalah, welche so bestimmt zu sagen weiß, wie Gott auf die Welt wirkt, und wie das religiöse Leben auf Gott und die Engel zurückwirkt, es nicht auch an die Hand geben, durch Tikunim, Schemot (Buchstaben-Combinationen) das Himmelsreich zu beeinflussen und durch dieses mittelbar auf das Erdenleben einzuwirkend Sollte man mit der Kabbalah nicht auch Wunder wirken, Herr der Natur und der Völker werden könnend Wir singen nur und die Engel tanzen! So dachten Sabbathi Zewi und seine Anhänger. Wenn nun wirklich mit der Kabbalah etwas auszurichten ist, waS liegt dann dem Juden näher am Herzen als die Geulah d Geulah, Erlösung von diesem tausendjährigen, bittern, qualvollen, erniedrigenden, hemmenden und doch nicht vernichtenden Goluth! Von dieser ununterbrochenen Verfolgung der Völker! So entstand über Nacht zur allgemeinen Erregung und Verwunderung das neue jüdische Königreich, zwar ohne Land, aber mit einem Messiaskönig, Sabbathi Zewi! Indessen kann es nicht schwer fallen, sich zu der Einsicht zu bekennen, dass sich selbst mit Hilfe der Kabbalah nicht ein Königreich so einfach um die Hand herüber aufrichten, und dass sich Gott, Israels einziger Erlösungshort, überhaupt von nichts in der Welt in feinem sichern Welt-Erlösungsschritte durch die Geschichte der Menschheit beirren lässt. Aus der verheißenen Erlösung wurde demnach nichts. Aber der Erlöser Sabbathi Zewi war nun einmal da, und weil dieser denn doch durchaus erlösen musste, wurde alsbald von ihm und seinem Generalstabe eine neue Erlösungs-Parole ausgegeben: Erlösung von den Schranken des Gesetzes, von den bindenden Gottesgeboten, von Zucht und Sittlichkeit. Unglaubliche Gräuel sollen seither nach den vorliegenden Berichten in jenen Sabbathianerkreisen vorgekommen sein. Schließlich ist dieser Messias Sabbathi Zewi sogar vom Judenthume gänzlich abgefallen, war dann gestorben und verdorben. Sein Generalstab war jedoch geblieben, und ein solcher dankt so leicht nicht ab. Die Sabbathianer beflissen sich, das Pseudoreich aufrecht zu halten, und es glückte ihnen auch, da und dort einen Messiasnachfolger aufzubringen. Sie trieben zum Schrecken aller Frommen ihr Unwesen und wirbelten Staub auf in der Türkei, in Italien, Polen, Ungarn, Mähren, Böhmen, Deutschland, Holland und England. Was führte nun den herrlichen Jonathan Eibenschitz in die gefährliche Gesellschaft der Sabbathianer, und welches Interesse hatten diese, sich an Jenen heranzudrängen? Wir haben Eibenschitz bereits in seinem Alles überwindenden Wissensdrang und Forschungseifer kennen gelernt. Von den Sabbathianer» hatte er bis jetzt so beiläufig etwas vernommen, sie als eine Gefahr für's Judenthum bezeichnen gehört. Sollte er sich nicht auch ein eigenes Urtheil über diese Secte bilden dürfen? Und diese war ja gerade wieder auf der Suche nach einem neuen Messiasnachfolger. Wer konnte ihnen geeigneter als dieser Jonathan Eibenschitz erscheinend Seine Schönheit, sein Ruf, sein immenses Können, seine Beredtsamkeitl Und war es ihnen nicht vorher schon gelungen, eine solche Eiche zu füllen, für sich zu gewinnen? Der edle Dichter Moses Chaim Luzzato aus Padua, der mit Jehuda Halevi um die Palme der Dichtkunst zu ringen vermochte, war ja auch ihr Messias gewesen. Ihre Bewerbung um Eibenschitz konnte keineswegs als aussichtslos erachtet werden. Sie hatten ja nichts Geringeres als ein Königreich anzubieten. Es wurde auch nachmals bei Eibenschitz ein Brief gefunden, in welchem ihm der Sabbathianer Löbele Proßnitz die Königskrone anbietet. Zu dem verkappten Sabbathianer Chajon mochte ihn der Drang geführt haben, kabbalistische Kenntnisse zu erwerben, da diese ja nicht öffenlich gelehrt wurden. (Fortsetzung folgt.) Zum jüdischen Synagogen-und Gemeindeleben im Mittelalter. Bon Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) Eine eigene Gemeindeverwaltung, ohne äußere Einflüsse konnten die mittelalterlichen Juden nicht haben, so gerne sie es auch mochten. Schon die Steuern ließen das nicht zu, die die Regierungen bestimmten und durch die sie in dauernder Beziehung zu den Juden standen. In jedem Ort und in jeder Zeit finden wir die Gemeinden von den Abgaben gewaltig belastet, so dass die Steuerverhältnisse in der jüdischen Geschichte ein überaus großes Capitel bilden. Meistentheils war die Steuer dreifach. Kopf- und Gemeindesteuer und' noch Privatsteuer, die "Jeder für besondere Privilegien zahlte) und alle diese Steuern sind seitens der Krone größtentheils von der Gemeinde mit einem Male eingezogen worden, während den Vorstehern oblag, die Beiträge von den Einzelnen nach Verhältnis einzuziehen. Es sind häufig auch christliche Steuereinnehmer bestellt, und die reichen Juden mussten für die gesammte Summe, die sehr hoch war, garantiren. In England, wo die Juden verschwindend wenig waren, haben sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.