Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 650 (11.6.1937)
- Date
- 1937-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 650. — Wien, Freitag, 11. Jun! 1937. Olt STIMMI 6«lt« 5 Der Anker, Allgemeine Verskheiungs- Aktfengesellsdiaft, Wien ln der am 7. Juni d. J. unter dem Vor- «itze des Herrn Präsidenten Dr. Martin Ritter von Kink abgehajtenen Generalversammlung wurden die Schlußrechnungen für das Jahr 1936 genehmigt. Die Einnahmen an Prämien, Gebühren und Zinsen betragen S 26,090.622‘34. Die Gewälirleietungsmittel werden mit S 124,675.446* *59 ausgowiesen. Der nach Dotierung der Sicherheitsreserve verbleibende Reingewinn von S 122.848*3^: wird auf neue Rechnung vorgetragen. <iiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiminiiiniiuimimiiiiiiiiiimiimiiiiiiiHiiiiiiiiimmiiimiiii!iininiiiitim die HuhsI, a+ideccH da* Jkfat zu ucc&äUcu Von Z)r. Javoslav Sik (Zagreb) Unser unvergeßlicher Heinrich York-Steiner, einer der ersten und treuesten Mitarbeiter Dr. Theodor Herzls, veröffentlichte ein Buch „Die Kunst, als Jude zu leben. Minderheit verpflichtet“. Ich hatte das große Glück, als ich im Jahre 1931 in Reichenball weilte, fast täglich mit York-Steiner zusammenzukommen. . Bei den ausgedehnten Vormittagespaziergängen meinte er einmal, man müßte ein eigenes Buch schreiben, wie in der Judenheit — und sicherlich nirgends so wie gerade bei den Juden — man immer Gelegenheit findet, den anderen das Leben zu verbittern, aus einer anfänglich ganz kleinen und harmlosen Episode Zwistigkeiten, Affären und Ztöammenstöße zu gestalten. Nachher will niemand den eigentlichen Anstoß dazu gegeben haben, bat keiner den betreffenden Vorschlag gemacht und niemand konnte die Folgen ahnen. L Als Mordechai Meisl gemeinsam mit seiner Frau Eva. in Prag mit einem Kostenaufwand von mindestens zehntausend Taler die berühmte Synagoge, die seinen Namen trägt, erbaute, erteilte ihm Kaiser Rudolf ü. das Recht, in diesem Tempel die Fahnen Davids zu tragen. Seine jüdischen Mitbürger verweigerten ihm .;anläßlich der Einweihung der Synagoge den ■ Zutritt, weil er keinen Sitz gekauft habe. Also konnten alle Prager Juden der Einweihung des Tempels beiwohnen — nur der nicht, auf wessen Kosten sie erbaut wurde. So erzählt der Wiener Oberrabbiner Doktor Max Grunwald in seinem Werke über „Jüdische Volkskunde“. H. Heinrich Graetz ist nicht nur ein Name, sondern der Begriff des jüdischen Geschichtsforschers. Nach ihm haben viele über jüdische Geschichte geschrieben: Dubnow und Hof gastein früher Westend, jetzt Gaststätte Anderka 3 Minuten vom Kurhaus I Streng rituell u. A. d. Schiffschul Wien, la Wiener Küche, günstige Pensionsarrangements In Zimmern und Thermalbädern mit jedem Komfort, fließendes Wasser usw. Müßige Preise. Gefl. Anfragen an Georg Wolfff, Haus Anctorka, Hofgastein Phillipson, Kastein und Prinz, Elbogen und Auerbach und viele andere. Graetz hat jedoch die jüdische Geschichte nicht nur geschrieben, er bat sie auch erlebt, aus vollem Herzen, mit seinem ganzen Wesen. Als aber die deutschen Israeliten im Jahre 1885 eine „Historische Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland“ gründeten, haben sie nicht Graetz zu deren Präsidenten — ja nicht einmal zu deren Mitglied erwählt. Präsident wurde ein Universitätsprofessor Dr. Harry Breßlau und er und seine Freunde meinten, daß die älteren Gelehrten, wie Graetz, Berliner, Steinschneider, Cassel, nioht die moderne spezielle Fachbildung besüßon. Man sagt ganz leicht in solchen Fällen, daß ein vornehmer und großer Geist sich so etwas nicht zu Herzen nimmt und daß er auch woiter arbeiten kann. Graetz hat aber die perfiden und unsauberen Absichten dieser verschiedenen Mittelmäßigkeiten nie verwunden. HI. Wenn es einen Namen gibt, der allen Juden — nicht nur Zionisten und allen Freunden Zions — bekannt ist, wenn wir um das Leben jtfttes Judefi unserer Tage ' wissen, der uns allen zum Ruhm und der Jugend zum hehren Beispiel gereichen kann, so war dies Dr. Zwi Perez Chajes, Oberrabbiner in Wien. Sein ganzes Leben, seine Arbeit und Tätigkeit, war der jüdischen Renaissance und der Rückkehr der Juden nach Palästina gewidmet. Zionistische Tätigkeit war sein Lebensglück, wie das so schön sein Biograph Professor Moritz Rosenfold in Wien sagt. Und trotzdem —- am XIV. Zionistenkongreß geschah es, daß man ihn nicht mehr zum Präsidenten des Aktionskomitees wählte, und auch als es zur Wahl der Exekutive kam, war keine Rede mehr von seiner Wahl. IV. Dr. Theodor Herzl schrieb einmal an David Wolfsobn, welcher ihm, wie bekannt, in der Führung der Zionistischen Weltorganisation folgte: „Sollte es aber dazu kommen, daß Zionisten mich bekämpfen, dann werfe ich die ganze Sache weg.“ Wer die Tagebücher Dr. Theodor Herzls liest, wer genau seine Biographie verfolgt, der kann sich der Tränen darüber nicht erwehren, was ihm die besten Freunde, «eine eifrigsten Anhänger, diesem edlen großen Menschen alles angetan haben. Ich will nicht von seiner Frau Julie Naschauer sprechen, die ihn absolut nicht verstanden bat. Diejenigen, die nach der Idee, nach den Lebensanschauungen, nach ihren Zielen ihm hätten die nächsten sein müssen, sie haben ihm sehr oft da« Leben verbittert Ln übrigen sagt David Wolfsohn selbst: „Dankbarkeit kann man bei Juden nur sehr selten finden und dies ausschließlich nur nach dem Tode.“ Die Chevra Radischa in Budapest, dem Geburtsorte Herzls, in welche ihn im zehnten BAD ISCHL ■wa Hotel-Pension Neue Welt pnnört je pnno? Unter Aufsicht eines eigenen pens. Schächters der „Wiener Kultusgemeinde", stehende streng rituelle Pension Voll« Pension von I 6"— aufw. Auskunft IX., Porzellangasse 40 (Schuhrep.). und ' n., Novaragasee 34 (Tel. R 51-1.12 und A 18-608) Lebensjahre sein Vater Jakob als Mitglied einführte, hatte später Dr. Theodor Herzl aus ihren Reiben gelöscht, und zwar zu einem Zeitpunkte, wo er ails Schriftsteller schon Weltruhm genoß und Initiator des Zionistenkongresses war. Den verbreitetsten jüdischen Schriftsteller seiner Zeit, den Führer eines großen Teiles des jüdischen Volkes!- weil er den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlt hatte! Mit anderen Worten: es genügt nioht, daß Dr. Theodor Herzl sein Wiseen, seine Fähigkeiten, sein ganzes Leben, sein ganzes Vermögen seinem Judentum gewidmet hat —- er hätte sieh erinnern müssen und aus Paris und Wilna, aus London und Konstantinopel, aue Rom und aus Wien, aus Jaffa und Jerusalem, pünktlich vierteljährlich seine Mitgliedsgebühr überweisen sollen! V. Wenn ich so über große Männer spreche, kann ich auch über alltägliche Ereignisse berichten. Bei allen Wahlen, bei allen Kongressen befällt uns Juden, die wir überall und Immer auf der weiten Welt die Minoritäten bilden, die wir also das Prinzip der freien Überzeugung würdigen müßten, befällt jeden einzel- . R. Bad Luhafovlce c. s_ AallaMSM Katarrh» <J. Atmungaorgan». H»riu- MSinnia Gefäßerkrankungen. Magen-, Darm-, nwaiaaiaea stoffw»eha*i-, Frauenkrankheiten Saison: April —Oktober. Billig» Pauschalkuren AuakUnfte: CEDOK, Reiaebureau, Wien, I., Kärntner- Straße 33 Telephon R 23-4-88 nen von uns aus einmal eine Art Majorisierungstaumel. Niemand kommt auf den Gedanken, daß man für eine Anzahl mehr oder minder gleicher Kompetenten Beschäftigung finden könnte. Alte Freunde, Mitkämpfer, vergessen, was dieser Mann alle« getan — man muß ihm beweisen, womöglich in geheimer Abstimmung, wie unfähig und ungeeignet er ist. Eine andere, bei uns Juden «ehr oft praktizierte Eigenheit Ist es, daß dies alles in der schlimmsten und beleidigendsten Form geschieht. Wir haben erlebt, daß ein in allen Versammlungen prädestinierter Kandidat ganz zufällig einige Minuten vor der Wahl erfährt, JÜDISCHES KINDER-FERIENHEIM „A T I D“ Sftiiäl (990 m) Inhaber u. pldagog. Laitan A, Taglicht Modems! - Rituell » Erstrangig Glänzende Erholungserfolgei - Ständige ärztliche Kontrolle! - Arztereferenzen. I«kreterl«t: Wien, IX., Miwnrz- •nenlerstreOe U. T*l. A IM<7J daß man ihn eliminiert hat. Selten erfährt er dann auch, wer von seinen sogenannten „Freunden“ ihn gestürzt hat. Die Hauptsache ist, man hat ihm sein Leben verbittert! Hiebei muß man bedenken, daß es bei uns Juden ein große« Arbeitsfeld gibt und so wenig wirkliche Arbeiter, daß es nie zuviel Kandidaten für einzelne Gebiete geben kann. Niemand denkt daran, dem Betreffenden die Tätigkeit einzuschränkenl Man hätte die Sache sicher so sohön ordnen können, wenn man eben diese verschiedenen Wahlen nach einer freundschaftlichen Besprechung durchgeführt hätte, wenn alle diese „Barmherzigen und Söhne von Barmherzigen“, wie wir Juden uns gerne nennen, sich geeinigt hätten. Niemand dachte vorher daran. Niemand rechnete damit, daß sich der betreffende Mann verbitterten Herzen«, gestört in seinem Arbeitswillen, zurückziehen wird-und später wundern wir uns, wie wenige aktiv geblieben sind, wie ein großer Teil nichts mehr wissen will von irgend einer Mitwirkung in jüdischer kultureller und religiöser Arbeit. VI. Rosch-Hascbanah und Jom Kippur sind vorüber. Haben wir uns mit unseren jüdischen Mitmenschen versöhnt? Versöhnung kann nicht nur zwischen uns und Gott sein, sie muß auch zwischen Menschen ßtattfinden. Und wie glücklich wären wir Juden, wenn wir durch ein Jahr das Prinzip durchführen könnten, dem anderen nicht das Leben zu verbittern, sondern es ihm zu verschönern, ihn nicht zu stören, sondern ihn anzmeifem in seiner Tätigkeit! Das Denkmal eines österreichischen Zionisten Von M. Karger, Delegierten des K. K. L. (derzeit Warschau). Wenn man aj« Delegierter des Keren Kajemeth von Land zu Land und von Stadt zu Stadt wandert, um die Juden an ihre Pflicht gegenüber dem Aufbauwerk in Palästina zu mahnen, trifft man oft in kleinen polnischen Orten, wo zehn jüdische Familien wohnen, ebensoviele politische jüdische Schattierungen, angefangen vom Bund und der Agudah über alle zionistischen Gruppen der Weltorganisation bis zu den Revisionisten. So ist es für einen zionistischen Wanderer und Maggid eine Befriedigung sondergleichen, wenn man einmal in einen Ort kommt, von dem man sagen kann: Das ist eine zionistische Stadt. Neben den 800 Städten und Städtchen Kongreßpolens, in denen Juden wohnen, gilbt es wenige solche Orte. Einer davon ist das Städtchen Opoczno. Das ist ein Städtchen, in dem ungefähr* 600 jüdische Familien wohnen, verarmt und gedrückt wie überall, dem polnischen Boykott ausgeeetzt und in einer ausweglosen Situation. Was aber Opoczno von allen anderen jüdischen Städten Polens unterscheidet ist der vorbildliche zionistische Geist, der dort herrscht. Schon auf der Straße hört man Kinder im Alter von 6 bis 7 Jahren ein schönes Hebräisch sprechen und kommt man in die Häuser, so sprechen die Eltern mit den Kindern ebenfalls hebräisch. Die Juden von Opoczno unterhalten unter ungeheuren materiellen Opfern die Tarbuth-Schule, den größten Stolz der jüdischen Einwohner. Nicht nur die Art und Weise, wie der profane Unterricht an dieser Schule gelehrt wird, ist erhebend, auch die Neßchafim, die Unterhaltungsabende der Schuljugend stehen auf einer vorbildlichen Höhe. Man atmet dort buchstäblich das Milieu Erez Israels. Ist die Tarbuth-Schule das geistige Zentrum, so ist der Makkabi, der unter Leitung des Gesinnungsgenossen Rubinek steht, hiezu die kongeniale Ergänzung auf sportlichem Geibiet, Der Makkabi hat einen großen Turnsaal, der auch der Versammlungssaal der Juden ist. Dort konzentriert sich auch die ganze zionistische Jugend und dort befindet sich auch die Lord-Melohett-Bibliothek des Makkabi, von wo aus die jüdische Bevölkerung mit Literatur in jiddischer, hebräischer und polnischer Sprache versorgt wird. Die Tätigkeit für die Fonds ist, wenn man die große Armut der Juden von Opoczno bedenkt, geradezu bewundernswert. Die Schuljugend hat in sechs Monaten für 160 Zloty K. K. L.-Marken verkauft, woran sich die Jugend in anderen polnischen Städten und außerhalb Polens ein Beispiel nehmen kann. Die Durchführung der Galil-Aktion war in Opoczno ein Feiertag. Wie beim Bau des Heiligtums in Jerusalem kamen die Juden um ihre Spende, die erste Rate zum Fünf jahrplan der Galil-Aktion, darzubringen. Als ich beim Abschiedsabend fragte, woher es komme, daß gerade in Opoczno eine so wunderbare Begeisterung für die zionistische Sache und solche Einigkeit herrsche, bekam ich die Antwort: „Das ist nicht unser Verdienst, unsere Stadt wäre vielleicht so indifferent oder so bundistlsch verseucht wie so viele Städte in Polen, wenn nicht unter uns einmal ein Mann gewirkt hätte, den wir für Immerwährende Zeiten als leuchtendes Vorbild für zionistische Treue und Ergebenheit verehren, Dieser Mann lebte im Krieg unter uns, als die ganze Menschheit von Zerstörungswut erfüllt war. Er hat auch damals den Zionismus nicht vergessen. Er hat uns Tag und Nacht Zionismus gepredigt, die zionistische Organisation in Opoczno gegründet und so einen unerschütterlichen Grundstein für unsere heutige Arbeit gelegt. Dieser Mann heißt Doktor Egon Michael Zweig. Er kam aus Wien und lebt jetzt in Erez Israel.“ Nie werde ich an diese Worte vergessen. Lieber Chawer Dr. Zweig, du hast das seltene Glück gehabt, einen so schönen zionistischen Erfolg zu erzielen. Das Denkmal, das dir die Juden von Opoczno gesetzt haben ist dauernder als ein Denkmal aus Erz oder Stein, fragen Sie Obren Strjt: •Bei«««; nnb ’JtfßDUUH’t ff}*Qf£ttfeit)£tt SMiaäntim ZIONISTISCHES VOKABULAR (Schluß.) Trumpeldor, Josef Jüdischer Arbeiterführer, Gründer des Hechaluz, gefallen bei den Unruhen 1921 in Tel Ohaj Waad ss Komitee Waad Leumi =» Exekutive de« jüdischen Nationalstes in Palästina, gewählt von der Aseefat Haniwcharim Waad poel Exekutive der .Arbeitergewerkschaft Waadah Kommission Wadi ausgetrocknetes Fiußtal Wadi Chawanth =5 neues zionistisches Siedlungsgebiet südlich von Haifa (auch Emek Chefer benannt) Weltverband der Allgemeinen Zionisten Organisation der Mitte, vertritt den Primat des Volkes vor allen Interessen von Klassen und Ständen Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten durch Abspaltung vom Weltverband entstandene Organisation, in der Praxis den Arbeiterorganisationen Palästina«, nahestehend WIZO (Abkürzung von Women’s international zionist. Organisation) Zionistische Frauenorganisat-ion Zofe Pfadfinder Zofiut Skauting Zrif Baracke Was für eine Ehre kann das sein, wenn die Wahrheit nicht dabei ist. (Philo, Dekalog) * Reue und gute Werke sind ein Schild gegen die Strafe. (Sprüche der Väter) * Das Gesetz will denen, die Ohren in den Seelen haben, laut verkünden, daß man einem, der einem anderen Volke angehört, kein Unrecht zufügen darf, wenn man ihm nichts anderes vorzuwerfen hat als seine Abstammung. (Philo, de virbutibu«) Die Welt besteht nur durch den Hauch des Mundes der Kinder des Lehrhauses. (Talmud, Saibbabh 119 b) * Eine Stadt, die keine Schule hat, verdient zerstört zu werden. (Talmud, Sabbath 119 b)