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Die Stimme · 1937-04-20 · Heft 637 (20.4.1937) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 637 (20.4.1937)
Date
1937-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit» 2 Oll STIMMI Nr. 637. Wien, Dienstag, 20. April 1937. WER WAR JOffEF VON SONNENFELS? Da« Burgtheater hat, so möchte man meinen, keine Veranlassung, dem Antisemitismus auf seiner Bühne das Wort zu erteilen. Die Juden haben ihm nie Böses getan. Sie waren immer seine treuen und begeisterten Anhänger, sie stellten einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums, vom Orchester und den Logen hinauf zu den Studentenplätzen. Juden haben aber — wir nennen nur Adolf v. Sonnenthal — auch auf der Bühne des Burgtheaters durch ihre Kunst aktiv beigetragen zur Begründung und Mehrung des Weltruhms, dessen sich die klassische Bühne Österreichs erfreut. Aber das Burgtheater dürfte, so möchte man weiter meinen, auch im eigenen Interesse, im Interesse seiner hohen kulturellen Mission, eine aus der geistigen Verwirrung der Zeit geborene, von' der Straße gekommene Strömung nicht in seine Pforten lassen. Es muß gegenüber dem Ungeist jeder Zeit exterritorial bleiben. Wir mußten vor kurzem Protest erheben, weil in dem Stück „8. November 1918“ in der Person eines jüdischen Regimentsarztes die Juden Österreichs auf der Bühne des österreichischen Staatstheaters förmlich ausgebürgert werden. Schon das nächste Stück, Rudolf Henz’ „Kaiser Joseph H.“ gibt neuen Anlaß zur Klage. Hier ist es die Figur Josef von Sonne n f e 1 s’, in deren Zeichnung und Darstellung sich eine Tendenz kundgibt, die aus dem Burgtheater strengstens verbannt bleiben müßte. Josef von Sonnenfels war, das hat bisher niemand bestritten, eine der markantesten Figuren der kulturellen und geistigen Bestrebungen der Zeit Maria Theresia« und Kaiser Josephs. Er war Professor an der Wiener Universität, er war Präsident der Akademie der Wissenschaften und er gehörte zu den Ratgebern sowohl Maria Theresias wie Josephs. Kaiserin und Kaiser 3ohätzen ihn so hoch, daß sie nur solche Menschen in Staatsdienst nahmen, die Josef von Sonnenfels’ Vorlesungen gehört und eich an den Lehren dieses Mannes für den Dienst an der Gemeinschaft vorbereitet hatten. Unter Kaiser Joseph bekam Sonnenfels die Funktion eines Redakteurs der Gesetze und Verordnungen, denen er den letzten stilistischen Schliff zu geben hatte. Es ist selbstverständlich, daß eine solche Funktion auch ihre Auswirkungen auf den materiellen Inhalt der Gesetze und Verordnungen hatte, eo daß sich Josef von Sonnenfel3 schließlich zu dem Mann entwickelte, von dessen Zustimmung die Herausgabe von Gesetzen und Verordnungen abbing. Unter den besonderen Taten, die die Gestalt Sonnenfels’ zu einem Bestandteil der österreichischen Geschichte gemacht haben, ist sein erfolgreicher Kamp! gegen die Tortur und — weil gerade vom Burgtheater die Rede ist —- sein ebenso erfolgreicher Kampf um die Verdrängung des Hanswurst, der bis dahin die Bühne beherrscht hatte, und die Erhebung de« Theaters zu einer literarischen und künstlerischen Anstalt zu erwähnen. Sonnenfels kann als Mitsohöpfer des Burgtbeaters gelten. Das ist der wahre Sonnenfels, das war die Entwicklung des Nikolsburger Rabbinerssohne, nachdem er in Wien die Taufe genommen hatte. Wie aber sieht dieser selbe Sonnenfels heute auf der Bühne des Burgtheaters au«? Er ist teils ein läppischer Salonplapperer, teils aber ein — Schieber. Sonst nichts. Ein ganz gewöhnlicher Schieber, der die Ölbeleuchtung ln Wien eingefübrt hat, damit sein Bruder dann das öl liefere und eich an diesen Lieferungen maßlos bereichere. Wir wollen hier die Szene, in der Sonnenfels auf der Bühne des Burgtbeaters vorgestellt wird, wörtlich zitieren. Er hat sich spät abend« bei Kaiser Joseph anmelden lassen, dieser wollte ihn zuerst nicht empfangen, Sonnenfels aber bleibt hartnäckig und drängt sich (sic!) schließlich doch bi« ins Arbeitszimmer des Monarchen vor. Nun entspinnt sich folgender Dialog: Sonnenfels: Ich bitte um Nachsicht, Majestät, nicht für mich, sondern für meine Botschaft. Joseph: Für sein Geständnis hätte er auch morgen Zeit gehabt! Sonnenfels: Was für ein Geständnis, Majestät? Joseph: Daß sein feiner Herr Bruder über jedes erlaubte Mqß verdient, wem er das Öl für die Straßenbeleuchtung liefert, die Er (nämlich Josef von Sonnenfels) vor zwei Jahren eingeführt hat. Ist das eine Schweinerei oder nicht? Verdient der Herr Bruder den Profanen oder nicht?, Sonnenfels. Verzeihung, Majestät, ich hätte nie gedacht, daß die Lieferung vorzüglich brennenden Öles ein Verbrechen sei. Man kann doch einen Kaufmann nicht für seine Tüchtig feeit strafen! Joseph: Der eine Bruder macht halt seine Geschäfte mit dem Brennöl und der andere mit der neuen Philosophie. Sonnenfels: Majestät! Hier betritt Fürst Wenzel Kaunitz das Arbeitszimmer, womit die unerquickliche Szene ihr jähes Ende findet Jetzt stellt sich heraus, daß Sonnenfels im Auftrag des Fürsten gekommen ist, um dem Kaiser den vom Kardinal Hrzan aus Rom eingelangten Brief mit der An kündigung des Paipstbesuchee ln Wien zu Uberbringen. Zum zweitenmal begegnen wir Sonnenfels dann nooh in einem Salon, wo er einige ärgerliche Belanglosigkeiten hersagt. So bekommt das Wien des Jahres 1987 auf einer Bühne, die authentisch sein müßte, Sonnenfete zu sehen. Der Kenner der Geschichte jener Zeit weiß sich vor Erstaunen nicht zu fassen. Nie ^at er von derartigen Machlnatio nen der Gebrüder Sonnenfels auoh nur eine Andeutung gehört oder gelesen und immer hat er geglaubt, daß Kaiser Joseph in Dingen der Korruption von brutaler Strenge war, er versteht also nicht, wie der Kaiser mit dem Mann, der solches angerichtet hatte, sein ganzes Leben lang vertrauensvoll und freundschaftlich Zusammenarbeiten konnte. Woher hat Rudolf Henz seine Enthüllungen genommen? Man fragt bei Spezialkennem jener Epoche nach, niemand weiß Bescheid, niemand hat eine Ahnung von der ölgeschiohte. Alle sind erstaunt, verblüfft, empört. Ich will aber ganz sioher sein, ich rufe den Autor, Rudolf Henz, persönlich an. Ich frage ihn nach der Quelle, au« der er die ölgeschiohte hat. Ja, sagt er, er habe davon gelesen. Die Quelle allerdings könne er mir heute nicht mehr nennen. Ich bin erstaunt, glaube falsch gehört zu haben, wiederhole die Frage, bekomme dieselbe Antwort. Der Autor des Joseph-Dramas kann heute nicht mehr die Quelle angeben, aus der er diese schwere Beschuldigung gegen Sonnenfels geschöpft hat. Aber die Angelegenheit hat nooh eine merkwürdige Seite. In der Aufführung des Burgtheaters sagt jetzt nämlich (was nicht im gedrucken, bei Paul Zsolnay herausgegebenen Text des Dramas steht), Kaiser Joseph auoh nooh, Sonnenfete' Bruder habe das öl unter falschem Namen geliefert. Ich frage Herrn Henz, wie denn dieser falsche Name lautete. Er weiß auch das nicht mehr. Ich frage weiter, warum denn im gedruckten Text nicht« von einem falschen Namen stehe. Er meint, ich «ei im Irrtum, es stehe darin. Dr. Rudolf Henz hat ein sehr schlechtes Erinnerungsvermögen. Er erinnert sloh nicht an seine Quellen, er erinnert eich nicht an Namen, er erinnert sich aber auch daran nioht, was er selbst geschrieben hat. Letzteres könnte er jedenfalls bei Zsolnay noch immer feststellen. Wir aber müssen feststellen, daß der Nachweis für ölsohiebungen Josef von Sonnenfels’ nicht zu erbringen ist. Und wir müssen noch folgendes hinzufügen: Selbst wenn es im Leben Sonnenfels’ einen peinlichen Schatten gäbe und ein dramatischer Autor sich bemüßigt fühlte, die historische Wahrheit auch im Negativen auszusoböpfeu, dürfte er Josef von Sonnenfels doch nicht n u r als öteobleber auf die Bühne stellen. Auoh dann wäre es unzulässige Tendenz, auoh solche — Halbheit wäre unwürdig de« Burgtheaters. Eine historische Figur stellt man ganz auf die Bühne, auch wenn e« sich um den Sohn eine« Rabbiners handelt. Aber Josef von Sonnenfels war gar kein ölßchieber. Rudolf Henz und das Burgtheater haben einen halben Sonnenfels auf die Bühne gestellt, der gar nioht existiert hat, während sie den Sonnenfels, der wirklich gewesen ist, einfach ganz verschweigen. Aus der Geschichte ausradieren können «ie Ihn allerdings dooh nicht. Das Burgtheater selbst, seine Existenz und seine bisherigen Leistungen «ind eines der beredtesten Zeugnisse für den Sonnenfels, den da« Burgtheater jetzt nicht wabrhaben will, Bruno Heilig. Jahrestag des Ausbruchs der Unruhen 19. April: Trauer- und Gedenktag Jerusalem, 19. April. Die jüdische Bevölkerung begeht den 19. April, den Jahrestag des Ausbruches der Unruhen, durch Abhaltung von Gedenkgofctesdiensten für die Opfer der Unruhen. Die arabische Zeitung „Al Islamia“ regt an, daß der Tag als arabischer Nationalfeiertag proklamiert werden solle. 15.000 Arbeiterzertifikate gefordert Paris, 16. April. (JTA.) Die Agence | Jahr April Ws Oktober 1937 von der Palä- Havas berichtet aus Jerusalem, daß die j stinaregierung 15.000 Arbeitereinwande- Exekutive der Jewish Agency für das Halb-1 rungszertiflkate angefordert habe. Sechseinhalb Millionen Verwaltunss-Uberschuß der PaEdstina-Resleruns Jerusalem, 18. Aprü. (JTA.) In der „Palestine Gazette“ wird amtlich bekanntgegeben, daß der Verwaltungs-Überschuß der Palästinaregierung Ende Februar 1937 6A Mülionen Pfund betrug. Das Rechnungsjahr 1936/37 der Stadtver- Polizeiinspektor von Haifa erschossen Jerusalem, 15. April. (Palcor.) Der Polizeiinspektor von Haifa, der 49jährige Halim Basta, wurde in Haifa beim Verlassen seines Hauses von drei Arabern erschossen. Ein ihn begleitender Polizist wurde ebenfalls tödlich getroffen, während ein In der Nähe stehender Araberjunge von einer Kugel leicht verletzt wurde. Halim Basta, ein gebürtiger Ägypter, war ein besonders aktiver Verfolger der Terroristenbanden. Während der Unruhen im vergangenen Sommer wurde er verwundet und war erst seit kurzem wiederhergestellt. Sämtliche arabischen Viertel Haifas sind von der Polizei abgesperrt worden und werden systematisch durcnsucht. 1 Schwede In Haifa ermordet Jerusalem, 13. Aprü. Im Haifaer Hafen ißt eiin schwedischer Matrose ermordet aufgefunden worden. Eine Untersuchung ist im Gange. Arabischer Mörder verhaftet Jerusalem, 18. April. (JTA.) Fünf Monate nach dem Mord an dem jüdischen Arbeiter Jizchak Käscher in Kfar-WJtkln wurde ein Araber unter dem Verdacht, diesen Mord begangen zu haben, verhaftet. Er wurde bei der Konfrontation durch drei jüdische Arbeiter, die Zeugen des Mordes gewesen waren, erkannt. Mehrere Araber, die der gleichen Terroristenbande wie der Mörder angehören, wurden verhaftet. Organ der Muftl-Partel verboten Die arabische Zeitung „AUiwa“, da« Orogan dter Mufti-Parted, ist für zehn Tage verboten worden. waltung Haifa erbrachte einen Verwaltungs- Überschuß in Höhe von 18.632 Pfund. Der Stadtrat beschloß, 10.000 Pfund zur Verwendung für öffentliche Arbeiten in den neuen Voranschlag einzusetzem. Handels-Delegation aus Palästina nach England Tel-Aviv, 18. April. (JTA.) Auf Grund einer Anregung der Jewish Agency und de® Vorbandes jüdischer Industrieller ißt eine Wirtschafteabo r dnung au« Palästina nach England abgefahren. Sie wird dort Verhandlungen über den Einkauf englischer Rohstoffe führen und Kredite für die jüdische Industrie in Palästina au erlangen suchen. Mit Hilfe des englischen Handelsministeriums wird die Delegation in England miit verschiedenen Handelskammern, Wirtschaftsorganisationen und Exporteuren Fühlung nehmen. Es wird vor allem angestrobt, den Einkauf englischer Rohstoffe und Halbfertigwaren au vergrößern. Wieder neue Siedlung Jerusalem, 12. April. Heute, am 30. Tage seit der Ermordung der drei Siedler aus Javniel, wurde die Siedlung Mischmar Haßchloscha, der neunte seit den Unruhen gegründete Siedflungspainkt, feierlich eingeweiht. Die Eltern der Opfer sowie zahlreiche Gäste beteiligten sich an der Feier, die an der Stelle abgeh alten wurde, wo die Drei gefallen sänd. Der Einweihung ging ein Gottesdienst voran, der alle Anwesenden tief ergriff. Die neue Siedlung liegt auf Pica-Boden. Sowjet-Generalsekretär In Biro-Bldschan enthoben Moskau, 18. April (JTA.) M. Chawklu, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und der Sowjets ln Blro-Bldschan, wurde als Trotzkist, Verräter am Kommunismus und als Saboteur aus seinem Amte entfernt. Brfinner Deutsches Theater wird nicht entjudet Brünn, 18. April. (JTA.) Der Vorstand des Deutschen Theaterveremes hat die Anträge der Sudetendeutßohen Partei und des Bundes der Deutschen, die auf eine Ausschaltung jüdischer Autoren und Schauspieler von der Mitarbeit am Brünner Deutschen Theater abzielten, abgclchnt. Die Antragsteller“ forderten: „Daß Repertoire soll dem Empfinden der völkischen Deutschen angeipaöt werden, da« Ensemble müsse so zusammengesetzt werden, daß e« seelisch imstande sei, in den Geist volksnaher Dichtungen einzudringen. Nach Ablehnung dieser Anträge wird aus Kreisen der Hcnlein- Partei und de« Bunde« der Deutschen erklärt, daß die „nationale Bevölkerung“ nunmehr am Theater völlig desinteressiert «ei und keine Abonnement« mehr nehmen werde. Von den 210 Angestellten des Brünnor Deutschen Theaters sind nur etwa 80 bis 40 Juden. HecQalusc HaKlal Zlont, /., Marc Aurelstraße 3 Dienstag, den 20, Aprü 1937, 8 l/fir abends ÄSÄ, „PaJäsllnarelse 1936" - Ein Kulturbericht Karten tum Pretaa von S und 90 ff tm Zionistischen Linidtjsuorband (U 22-2-11), Im Btadtkttu», //., Ruapfigatsa s (H 49-l-Sd B), tin Zpnttnihetm, //.. tfomragam 20, prhMtlloh. Das Helnerlrä'inis filefit zur Oänze dem „Fonds sur Frrlrhtung von Werkstätten“ zu Revisionisten randalieren: Litauens Regierung beschränkt zionistische Betätigung Kaunas, 18. April. (JTA.) Die litauische, Sicherung von öffentlicher Ruhe und Ord- Reglerung hat angeordnet, daß Ausländer nung. Da® Verbot wurde erlassen im Ansien in Litauen zionistisch nicht betätigen Schluß an eine Störung einer Keren Hajes¬ und in öffentlichen Versammlungen als Red- [ aod-Kundgebung durch Revisionisten und ner nicht auftreten dürfen. Betroffen sind Mitglieder de® Brit Trumpeldor. zunächst der Direktor de« Weltbureaus de« Am 12, April fand in Kowuo eine Kund- Keren Hajeesod in Jerusalem, Leib Jaffe gebung des litauischen Keren Hajossod und diio WIZO-Bevollmäohtigtc Frau Dokstatt. Al« Leib Jaffe zu sprechen anfing, tor Karol, die gegenwärtig ln Litauen unterbrach ihn der Führer de« litauischen weilen. Die litauischen Behörden motivieren Botar und verlangte, daß man ihm das Wort Verbot mit der Notwendigkeit der zur Darlegung der Frage der Betar-Zertiflicate erteile. Es entstand ein großer Tumult, der in Schlägereien ausartete, so daß der anwesende Polizeikommissär die Versammlung schließen mußte. Draußen hinderten die Revisionisten Leib Jaffe, in sein Auto zu steigen. Er mußte zu Fuß ins Hotel gehen, wobei ihn «eine Gegner in einem großen Demonstrationszug durch die Hauptstraße zu Kaunas zum Hotel Metropol begleiteten.

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