Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 402 (20.11.1934)
- Date
- 1934-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 402 — 20. November 1034 PH STIMM! Sette 3 Mausehei in Bagdad Der Irak wurde — aus Englands Gnade — ein „selbständiger'* Staat. Seine Verfassung sieht die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor. Wie wir nun kürzlich berichteten, fanden die wenigen jüdischen Beamten, die es in den Ministerien des Irak noch aus der Zeit gibt, da Irak von England als Mandatar des Völkerbundes verwaltet wurde, als sie eines Tages in ihre Bureaus kamen, ihre Schreibtische mit Hakenkreuzen bemalt vor. Bald darauf wurden die jüdischen Beamten entlassen und die Einfuhr jüdischer Bücher und Zeitungen wurde verboten. Das Verbot richtet sich insbesondere gegen den Zionism u s. Das englische Außenministerium hat deswegen diplomatische Schritte eingeleitet, deren Erfolg aber noch aussteht. Nun kann man es zur Not noch verstehen, wenn die Araber in ihrer Presse and zionistische Propaganda betreiben. Daß ihnen aber Juden hiebei Schützenhilfe leisten, muß angeprangert werden, in der Bagdader arabischen Zeitung „A leka b“ schreibt ein jüdischer Journalist — sein Name soll der Nachwelt erhalten bleiben, er heißt Menasche Zerur — einen antizionistischen Uetzartikel. Er macht — wie rührend — seine jüdischen Mitbrüder im Irak auf die zionistische Gefahr aufmerksam. Es kommen auswärtige Besucher, die sich als Zionisten entpuppen. Es sei unbegreiflich, daß man Zionisten als Lehrer anstelle und so der Verbreitung „des revolutionären Geistes“ unter der Jugend Vorschub leiste. Die vergiftete Propaganda dieser Zionisten sei sogar so weit gegangen, daß in einem Briefe an „Manchester Guardian“ die Regierung des Irak — man denke! — kritisiert worden sei. Entrüstet schließt Zerur: „Ist es da nicht notwendig, daß die Juden des Irak energisch gegen die zionistische Aktivität im Irak kämpfen?“ Man muß gar nicht bis in den Irak gehen, um solche Lumpereien zu entdecken, wie sie dieser Menasche Zerur begangen hat. Wir Zionisten kennen diese besorgten Überpatrioten, für die der Zionismus solange „die Gefahr“ ist, bis sie sich zu ihm retten, wenn ihnen der Boden unter den Füßen brennt. Diesen Typus hat Th. Herzl so wunderbar in seinem Aufsatz „Mauschel“ geschidei't. Wer weiß übrigens, welche „ideelle“ Motive diesen Menasche Zerur dazu veranfaßten, seine Feder gegen den Zionismus in Schwung zu setzen. Vielleicht ist im irakischen Parlament ein Mandat zu besetzen, Eine jüdische Interessen Vertretung beim Völkerbund New York, 18. November. (2. T. A.) Das Administrative Committee des Ame rican Jewish Congress trat am 13. November in New York au einer Beratung zusammen, deren Ziel es war, eine Basis für Verband* Jungen mit dem American Jewish Committee, den Bne Brith und anderen Organisationen zwecks Schaffung eines gemeinsamen Aktionszentrums der amerikanischen Juden heit und der Weltjuden heit zu finden. Zunächst wurde beschlossen, daß die für April 1935 in Amerika angesetzten Wahlen von Delogierten zum Jüdischen Weltkongreß in Genf beschränkt werden sollen auf Wahlon von Delegierten zu einem erweiterten American Jewish Congrosä, der Delegierte zum Weltkongreß zu entsenden hätte. Die Wahlen sollten durch einen aus allen ame rik an i sch - j (i di s oben 0 rgan isation en gebildeten Ausschuß geleitet werden. Der Administrative Council of Jewish Delegation, der aus den Wahlen hervorzugöhon hätte, sollte Vertreter des American Jewish Committee, der Bne Brith und anderor Körperschaften einschließen und als eino internationale vertrotendo Körperschaft fungieren Am zweiten Vorhandlungstage änderte sieh das Bild: Der Gedanke des Jüdischen Weltkongresses wurde faktisch aufgegeben, und es wurde beschlossen, in Verhandlungen mit (lern American Jewish Committo und den Bne Brith einzutroten, deren Gegenstand die Bildung einer weltumspannenden jüdischen Organisation sein solle; die Organisation solle den Namen Rat Jüdischer Delegationen Sie essen von 30Groschen aufwärts vorzüglich Im GRABEN-KELIfR (Council of Jewish Delegations) tragen und die jüdischen Interessen beim Völkerbund vertreten. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, haben sieh das American Jewish Committee und die Leitung der Bne Brith zu Verhandlungen auf dieser Grundlage bereit erklärt, wobei sio fordern, daß die Besprechungen bis zum 1. Februar 1935 unter allen Umständen abgeschlossen sein müssen. Unbekanntes Kapitel des Hilsner-Prozesses Dr. Oskar Fischer, Professor. an der Prager Deutschen Universität, teilt in einem Prager Blatt das folgende mit: Hilsner wurde hauptsächlich deshalb als der Mörder der Agnes Hruza angesehen und verurteilt, weil der sogenannte „Kronzeuge* PeSäk behauptete, daß er kurz vor der Tat Hilsner aus dem Wald heraustreten und wieder zurücktreten gesehen habe, und zwar aus einer Entfernung von etwa 800 Metern Einen Menschen auf eine Entfernung von mehr als drei Viertel eines Kilometers zu erkennen und mit Sicherheit zu ideutifizie reu, ist etwas so Unglaubliches, daß man eine solche Zeugenaussage unter normalen Umständen kaum als Verdachts-, geschweige denn als Belastungsmoment hinnehmon würde. Trotzdem nun ein Versuch mit Pesäk am Tatorte bei gleicher Entfernung recht kläglich ausgefallen war, blieb Pesäks Aus sage unter der damaligen Psychose das Hauptbelastungsmoment, um so mehr, als Hilsners Alibi-Versuch mißlang. Hilsner behauptete nämlich, daß er am Spätnachmittag des Mordtags zu einer Zeit, die knapp der Zeit des Mordes voranging, mit seinen christlichen Kameraden Zelinger, Dvof ä ö e k und L e i x n e r in einem Straßen graben Karten gespielt hätte, und zwar an einem Ort, der von Polna in ganz entgegen gesetzter Richtung als die Mordstelle liegt. Hilsners Kameraden aber bestritten die Richtigkeit der Alibiaussage Hilsners. Als ich — erzählt Professor Fischer weiter — noch Assistent an der Psychiatrischen Klinik in Prag war, teilte mir eines Tages der Oberwärter mit, ein Patient erzähle, daß er wichtige Angaben über den Prozeß Hilsner machen könne, er wisse, daß Hilsner unschuldig ist, und wünsche, mit mir zu sprechen. Ich ließ ihn vorführen; es war einer der drei Kameraden Hilsners, auf die sich Hilsner berief. Dieser Patient — wir wollen ihn Zeuge A nennen, denn Namen sind beute belanglos — sagte mir, er wisse ganz positiv, daß Hilsner an dem Mordtage mit ihm und mit den zwei anderem Kameraden an dem von Hilser bezeichneten Platze war. Seine damaligen Aus sagen und die Aussagen der anderen zwei Kameraden bezeichnet« er als unwahr, denn sie alle standen gerade so wie ganz Polna unter einem mächtigen Druck der öffentlichen Meinung; ganz Polna war im Zeichen dos Aufruhrs gegen die Juden, alles war durch Agitation aufgestachelt; es waren auch Leute von Prag dagewesen, mehrere Redakteure (der als dor Bluthund von Polna bekannt gewordene Wiener Journalist Hans Arnold Schwer und der tschechish-katholische Abgeordnete M y s 1 i v e c, — Anm. der Red.) und die hätten sich bemüht, die Leute aufzustacheln, belastend gegen Hilsner auszusagen. Die drei Kameraden hätten, bevor sie zum Bezirksrichter gingen, beraten, was sie aussagen sollten, und trotzdem sich einer von ihnen dafür einsetzte, die Wahrheit zu sagen, blieb er in der Minderheit. Der Patient A betonte in mehreren weiteren Gesprächen immer wioder, daß das, was er jetzt ausgesagt habe, die reine Wahrheit sei. Ich machte Uber diese Aussage dem Verteidiger Hilsners, Dr. Aurednißok, Mitteilung. Dieser sah darin die Basis für eine Wiederaufnahme des Prozesses. Vor Gericht zitiert, schilderte ich als sachverständiger Zeuge die Umstände der Aussage des A. Kurze Zeit darauf bekam ich von Dr. Aufednlßek Bericht über die Recherchen nach den zwei anderen Zeugen. Der Bericht war überraschend: der eine war als Epileptiker in einem verblödeten Zustand gestorben; der andere befand sich 1 n einem verblödeten Zustande ln einer Irrenanstalt und war nicht vernehmungsfähig. Professor Fischer setzt auseinander, welcher Wert den Aussagen dieser drei Zeugen im Hilemer-Prozeß beizumessen gewesen wäre, falls ihre geistigen Veranlagungen dem Gericht damals bekannt gewesen wären, und schließt: „Längere Zeit hörte ich nichts mehr von der Angelegenheit; erat nach vielen Monaten teilte mir Dr. Auredniöck das überraschende Resultat seiner Bemühungen mit: er gelangte bei der Verfolgung der Wiederaufnahme des Prozesses bis zum Justizminister, der nach Vorlage des neuen Materials für die Wiederaufnahme gewesen sein soll. Es kam jedoch nicht dazu. ssoQy' Kaiser Franz Josef hat sich energisch gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen mit der Begründung, er habe schon genug von dem Prozeß, der die Gemüter nur beunruhigt habe, dem Hilsner gehe es in der Strafanstalt ganz gut, jedenfalls besser, als es ihm in der Freiheit gegangen ist.“ Ein Journalist, der soeben aus Lettland, wo er die Lage unter dem neuen Regime gründlich studiert hat, in Warschau eingetroffen ist, gibt der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgende Schilderung der gegenwärtigen Lage der Juden in Lettland. Die Lage der Juden In Lettland Es liegt an der Zurückhaltung der Juden, daß die breite jüdische Öffentlichkeit in der Welt so wenig über die wirklich tragische Lage des lettländischen Judentums unter dem neuen Diktaturregime informiert ist. Es ist in der demokratischen und in der jüdischen Welt bis jetzt der jüdischen Bevölkerung Methoden zur Anwendung bringt, die die unverkennbare Absicht verraten, die Juden aus dem gesamten öffentlichen Leben auszustoßen. Jeder Versuch einer Kritik an diesen Methoden des Regiertingssystems seitens jüdischer Kreise wird unterdrückt. Die Lage der Juden in Lettland ist in vielfacher Hinsicht tragischer und unerträglicher als die der übrigen Minderheiten und der demokratisch gesinnten Teile der lettländ&schen Bevölkerung. Nach Einführung des neuen Regimes am 15. Mai 1934 schritt man an die Entfernung der Juden aus allen städtischen Selbstverwaltungen, beute sind diese alle judenrein. In Riga, wo die Juden 11% bis 12% der Bevölkerung ausmaohen, sitzt kein einziger Jude in irgend einer städtischen Körperschaft. Überall in Lettland sind die Juden aus ihren früheren Ämtern verdrängt und durch Letten ersetzt worden. Während von den Letten nur die Linksgerichteten aus öffentlichen Ämtern entfernt wurden, machte man bei den Juden keinerlei Unterschied zwischen rechts und links: der Jude mußte hinaus. Hitler-Politik ohne die Methoden Hitlers und Goebbels! Während man freundliche Deklarationen gegenüber den Minderheiten abgibt und keine Sondergesetze gegen die Juden einführt, versteht man es, eine Ausschaltungspolitik gegenüber den Juden auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens auf praktischem Wege durchzuführen. Dazu werden zum Beispiel Gesetze über Verbesserung der Lage der Bauern und ähnliche mehr ausgenutzt. Handel und Industrie werden „lettisiert“ und der Einfluß der Juden auf diesen Gebieten auf Null herabgedrückt. Das neue Gesetz betreffend Import gibt die Handhabe, Letten beim Handel mit dem Ausland gegenüber den Juden zu bevorzugen. Bei der Bemessung dor Einfuhrkontingente und der Valutaausfuhr wird unverkennbar eine antijüdischo Politik verfolgt. Die Regierung hat eine ganze Reihe Wirtschaftszweige in eigene Bewirtschaftung genommen und die Juden, die sich früher in einem großen Maße in denselben betätigten, existenzlos gemacht. So zum Beispiel wurde der gesamte Eiseniimport einer der Regierung gehörenden Litauischen Eisenfirma übergeben. Nun geht die Regierung daran, den Steinkohlenhandel zu monopolisieren. Ein in Vorbereitung befindliches V ersieherungsgesetz soll die Juden aus der Versicherungsbranche verdrängen. Die gleiche Politik wird in den freien Berufen befolgt. Jüdische Ärzte werden massenhaft aus den Krankenkassen und öffentlichen Krankenanstalten entlassen und an ihre Stellen Letten gesetzt. Die Regierung bereitet ein Gesetz vor, durch welches jungen jüdischen Juriston jede Möglichkeit, in den Advokatenstand hineiuzukommen, genommen werden soll. Im Riohtenstand waren die Juden schon bisher nicht vertreten. Unter den einigen Tausend Beamten des lettländischen Ju6tizwesens gibt es keinen einzigen Juden. Die übergroße Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Lettlands — so schloß der Journalist — erlebt heute einen bisher nie dag* ewesenen wirtschaftlichen Niedergang. Die Jugend ist ohne Zukunft, jung und alt sieht den einzigen Ausweg in der Auswanderung nach Palästina; aber die Möglichkeiten für eine solche Auswanderung sind naturgemäß beschränkt. Es ist hoch an der Zeit, daß sich die jüdische Öffentlichkeit im Auslando um daß Schicksal der 100.000 Juden Lettlands als eines wichtigen Teils der Weltjudonheit kümmert. Mandatsverluste der Juden bei den Gemeindewahlen in Litauen• Kaunas, 18. November, (2. T. A.) Bei den Gomeindewahlen in Kaunas wurden fünf jüdische Stadtverordnete gewählt. Möglicherweise wird noch ein eschstes Mandat an die Juden fallen, ln len Gemeindevertretungen der Provinz haben die Juden 104 Mandate erlangt. Insgesamt haben die Juden gegenüber ihrem früheren Besitz 24 oder 25 Mandate verloren, davon 22 in der Provinz uik! zwei oder drei in Kaunas. Für neues patentiertes Butterveredlungs- und Konservierung^verfahren Bemiindung moderner Verkaufsorganisation Großhandel mit Molkerelorodukten und Kon« OsalScHtlSk werden Ml arbeite** serven in l^CllCldllJniO m tKapüa) g«*uchf> Nur SCttrlftl. Anfragen mit Angaben über Alter. Beruf mul Knpitalsbesitz an die österre'chisch'palästinenslsche Wirtschaffs» und Handelskammer, Wien, IX., Alserp atz 3,