Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 263 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kf. 2«3 — 19. Jänner 1933 DTE STIMME Seff#- S KUNST UND WISSEN Bella«« der „stimme" Der Messias und der Esel Von Bernhard Fachs s. A. Nachstehend bringen wir aus der Feder des jüngst verstorbenen Vorstandstellvertreters des Bundespressediensles Ministerialrates L)r. Bernhard Fuchs als ein Zeichen der großen Anhänglichkeit des Verstorbenen an Herzl und die Anfänge des Zionismus, eine Novelle, deren Erstabdruclc wir bereits in einer der ersten Makkabäernummern der cWelN finden. D e Red. Ich will euch eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte, wie ich hinzufügen muß, weil ja doch heutzutage die meisten gescheiten Menschen schon wissen, daß die Geschichten dieser Herren Schriftsteller erfunden sind. Diese Schriftsteller haben das Publikum mißtrauisch gemacht. Sie denken sich einen Mann — und sie denken sich ein Mädchen und sie denken sich, daß die zwei heiraten: Ist das nicht ein Unfug? Was ich euch aber erzähle, das habe ich nicht aus dem kleinen Finger gesogen, das ist die leibhaftige Wahrheit; und wer daran nicht glauben mag, mit dem habe ich mir vorgenommen, allen Verkehr abzubrechen. Also die Dinge, die ich euch erzählen will, ereigneten sich in einer großen Stadt, die ich nicht nenne. Ich habe meine Gründe für dieses Schweigen. Wäre ich zum Beispiel in Berlin oder Paris oder London, so würde ich den Namen dieser Stadt ohne Zögern preisgeben. Hier in Wien mag ich’s nicht. Ebenso zurückhaltend muß ich in bezug auf die Zeit sein, in der sich die folgenden Ereignisse abgespielt haben. Aber wenn ich zum Beispiel hundert Jahre weiter in meinem Leben hielte, so würde ich mich wen'ger geireren und ganz ruhig sagen: Vor hundert Jahren und so weiter. In dieser großen Stadt also, die ich nicht nenne, und zu der Zeit, die ich nicht angebe, lebte ein großer Gelehrter, ein Talmudist von reinstem Wasser, und sein Name war Reb Jissroel Isserlheimer. Schon sein ater und sein Großvater waren gelehrte Männer gewesen, in Gottes Lehre viel heimischer als auf den Pfaden dieser Welt, und sein Vater hatte sogar einige Jahre hindurch den Rabbinatsstuhl in einer altmährischen Gemeinde geziert, bis er sich rechtzeitig r*n aen Satz unserer Weisen erinnerte, daß die Lehre keine hacjce sei, mit der man graben dürfe. Er stieg von seinem höhen Platze wieder in das gewöhnliche Leben hinab und half seiner Frau in dem Fellgeschäfre, das sie ihm in die Ehe mirgebracht hatte. Und diese Art, das Leben zu treiben, wurde von da ab vorbildlich für das Geschlecht der Isserlheimer. Auch der Isserlheimer, von dem ich erzähle, war Fe> händler und Talmudist zugleich. Seine Frau Chawe war im Geschäft sehr tüchlig und in allen Unternehmungen so energisch und umsichtig, daß Reb Jissroel Isserlheimer den größten Teil des Tages dem Studium der heiligen Lehre widmen durfte. Er verwendete auch die Nächte zu demselben Zwecke und m der ganzen Nachbarschaft war es bekannt, daß Reb Jissroel nur einmal in der Woche, nämlich in d- Freitag- Nacht, sich seiner Kleider entledigte und wie ein gewönnlicher Mensch zu Bette begab. Die übrigen sechs Tage aber stand Reb Jissroel gleich nach dem Nachtessen auf und setzte sich mit einer frischgestopften und angezündeten Pfeife zu seinen Büchern. Seine Frau, die in der Kammer nenen«n ihr Bett hatte, war es schon so gewohnt, von dem Singsang ihres gelehrten Mannes in den Schlaf gelullt zu werden, dao Jesaja und Jeremia Ein kurzer Essay Beide sind Sterne allerersten Ranges am Himmel der Prophetie. Einander ähnlich in allen jenen Zügen, die das innerste Wesen des Propheten, des gottbegeisterten Sehers ausmachen. Vor allem: in der unermeßlichen Liebe zu Volk und Heimat, wie in dem t'efstcn Erfassen der Bedeutung des Gesetzes Mosis für die Menschheit. Ihnen beiden ist das Gesetz — das Leben! — des einzelnen wie der Gesamtheit! Ein Abwenden von ihm — der zeitliche und ewige Tod beider! Ihnen beiden ist der prophetische Beruf eine ernste, heilige Lebensaufgabe. Schier übermenschliche Voraussicht, ein intuitives Eindringen in die Folgen der Geschehnisse und demgemäß: unerträgliche Prophezeiungen zeichnen beide in gleicher 'Veise aus. Mit einem Worte: die psychisch-sittliche Persönlichkeit «beider steht auf gleicher Höhe. Dagegen bietet ihre geistige Individualität sowie die Kutlur ihres Wesens äußerst interessante Verschiedenheiten. Wenn man ihrem Ursprung, als einer der Quellen Ihres Wesens, nachgeht, zeigt sich bereits der große Unterschied: lesaja stammt — wenn auch keinerlei be? stimmten Daten vorliegen — höchstwahrscheinlich aus einer angesehenen Familie oder hat jedenfalls schon in jungen Jahren Eingang in die vornehmen Kreise Judäas gefunden. Darauf deutet die genaue Kenntnis der gesell- Icbaftkcijej) Sitten und Unsitten sowie des Frauensie sicher schlaflose Nächte verbracht hätte, wenn es Reb Jissroel eingefallen wäre, in der verruchten Weise der westeuropäischen Rabbiner zu lernen, ohne zu singen. Reb Jissroel ward aber von Jahr zu Jahr gelehrter uno Schass und P o s s k i m*) (dazu noch hundert andere schwerfaßlxhe Bücher) lagen wohlgeordnet in seinem wunderbaren Hirn. Sein Ruf war weit verbreitet und viele ungarische und mährische Gemeinden, in denen die Farbe eine* Weschet2) noch nicht zu einer gleichgültigen Sacne geworden, wandten sich mit den ütigen Anfragen an Reb Jissroel Isserlheimer, den sie die Leuchte des Exils, die Lampe der Welt oder ein ewiges Gebirge nannten. In der Stadt selber, in der diese Geschichte spielt, war Reb Jissroel Isserlheimer (natürlich in seinen Kreisen) eine anerkannte Größe. Daß die Reformer weniger von ihm hielten, wird einstens im Gan Eden3) ihre ohnehin geringen Aussichten nicht gerade verbessern. Auf diese Weise lebte Reb Jissroel Isserlheimer viele Jahre, bis er alt und grau geworden war und seine Bekannten schon an den Tag dachten, an dem man Reb Jissroels Leiche nach Preßburg überführen würde. Auf diese Weise haben schon viele Juden gelebt, so sind sie gestorben umi so begraben worden. Reb Jissroel aber war einer von den wenigen Glücklichen, die einmal in ihrem Leben Gelegenheit bekommen, sich auszuzeichnen und für alle Zeit berühmt zu werden. Und wie das gekommen ist, soll nun erzählt werden. Eines Abends näherten sich zwei Männer der Grenze der Stadt gerade von jener Seite, wo Reb Jissroel sein Haus hatte. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, daß Reb jissroel weit draußen an der Grenze der Stadt wohnte, und zwsi mit Rücksicht auf die Felle, die zu hunderten in seinen Magazinen aufgestapelt waren, und deren Geruch unlitblich in die Nasen seiner Nachbarn stieg. Reb Jissroel Isserlheimer pflegte deshalb oft mit feiner Ironie zu seinem Weibe zu sägen: Siehst du, Chawe, wir leben doppelt im Golus! Jene beiden Männer aber, die müde und staubbedeckt auf der Landstraße hinschlichen, verrieten schon durch ihr Aeußeres, daß sie Fremde waren. Der ältere von beiden war ein hagerer Mann mit einem strengen Gesicht, aus dem zwe» große schwarze Augen befehlshaberisch in die Welt schauten. Der Mann ging traff und aufrecht wie ein Offizier, und man erkannte gleich, daß er, aus sehr gutem Hause, gewo-lmt war, zu kommandieren. Er hatte etwas sehr Vornehmes an sich, ein altgediegenes Wesen, wie man es bei den Juden unserer vom Hasse verbitterten Zeiten gar nicht mehr zu sehen bekommt. Der andere, offenbar der Diener, war nicht so prächtig gekleidet wie sein Herr, der eine violette Schubeze trug, ein Purpur-Stra jI auf dem Haupte und eine Goldschnur um die Mitte seines Leibes. Als die beiden zu der Straße kamen, die sich von der *) Der Talmud und die Decisoren. 3) Weschet Speiseröhre (einer Gans usw.)t von deren Beschaffenheit das Religionsgesetz die Genußtauglichkeit abhängig macht. 3) P?rnd:es. Putzes und -«Schmutzes», der Fehler und Gebrechen des jehudäischen Adels beiderlei Geschlechtes. Diese Kenntnis besitzt der von bescheidenen, wenn auch anscheinend nicht ganz armen Eltern stammende Jeremia nicht. Und als würde dieser Unterschied der sozialen Abkunft ihren Wirkungskreis bestimmen, sehen wir Jesaja vornehmlich sich an den kleinen Kreis von G ebi 1 de en wenden, während leremia seine Wort« an die Masse richtet. Und ebenso wie das Auditorium verschieden ist, unterscheidet sich auch die Form der prophetischen Reden bei beiden. Ohne Zweifel: Auch die innere Begabung der beiden Seher ist grundverschieden. Aber ebenso sicher ist, daß jeder von ihnen seine Worte (nur diese nicht aber deren Sinn) gemäß den Zuhörern wählte. Ich sagte: Ihre Begabung sei eine ganz verschiedene: Jesaja iet ein Dichter und Formkünstler ersten Ranges und zugleich ein geistsprühender Prediger. Wer seine flammenden Reden liest, versinkt in Bewunderung ob der Fülle der Gedanken, der Anmut des poetischen Ausdrucks sowie der Feinheit der b ldlichen Gleichnisse. Jeremia ist das, was wir heute einen gewaltigen Volksred ne r nennen würden. Knapp, präziß, zuweilen bs zur Nüchternheit einfach sind die donnernden und «verdonnernden* Reden dieses Propheten. Während Jesaja — ähnlich wie die älteren Propheten — sein Volk moralisierend, an dieganzeMenschheit denkt, die er auf den rechten Weg bringen und durch das lebendige Beispiel seines gottgefälligen Volkes bessern und beglücken möchte — im Gegensatz zu dem noch kosmopolitischen Jesaja — sehen wir in Jeremia den rcin jüdiache.a Patriotin». Stadtgrenze unübersehbar einwärts zieht, bemerkten sie gleich Reb Jissroel Isserlheimers Haus, und ihn selber sahen sie sich zum Fenster hinauslehnen, ein dickes Buch dreiviertel geöffnet im leichtgekrümmten linken Arm, und in seinem nach rechts verzogenen Mundwinkel war die Pfeife eingeklemmt, die mächtig lang zum Fenster hinaushing, uer Mann unten auf der Straße hielt kurze Zwiesprache mit »ca nem Diener, dann machte er ein teichtverständliches Zetcnen zu Reb Jissroel hinaus, und Reb Jissroel verstand, daß dieser da ein Orach4) sei und ging eilends hinab, nachdem er die Pfeife ins Buch gelegt hatte, um die aufgeschlagene SteUe nicht zu verlieren. Dann führte er den Fremden in sein beste» Zimmer hinauf, hieß ihn sich setzen und fragte ihn mit der Neugier, die alle Menschen haben und manchmal auch Talmudisten, um Namen, Stand, Herkunft und Reiseziel. Der Fremde ließ alle diese Fragen ruhig über sich ergehen, und dann —• dann ereignete sich etwas, was sich bis dahin niemals in der Welt ereignet hat, und es erscholl eine Antwort, die noch keinem Juden auf seine Fragen zuteil geworden, und Reb Jissroel Isserlheimers Haus erlebte eine Ehre wie noch kein jüdisches Haus bis auf jenen Tag. Denn der Fremde öffnete seinen Mund und sagte laut und deutlich: «tch bin der Messias, Sohn Davids!» Reb Jissroel erschrak tödlich. Vor vielen Jahren war er von seinen Eltern nach Preßburg geschickt worden. Er war damals ein kleiner Junge, schüchtern und zag, und wie er an einem der ersten Tage seines Aufenthaltes unbekannt und verlassen durch die Straßen lief, sprach ihn ein alter Mann an und benahm sich so liebreich gegen ihn, daß der kleine Jissroel seine Scheu überwand und sich nach dem Namen seines Beschützers erkundigte. «Ich bin der Chasam Sofer»5) war damals die Antwort, und auch damals erschrak Jissroel gewaltig. Was aber war dnr Chasam Sofer gegen den Messias, Sohn Davids? Der Chasam Sofer selber wäre erschrocken in der Situation, in der sich Reb Jissroel jetzt befand. Und wie groß mußte erst der Schrecken des Reb Jissroel Isserlheimer sein, der doch schon vor dem Chasam Sofer erschrak? Er erstarrte förmlich. Seine Pfeife glitt zwischen aea zitternden Lippen zu Boden und sein graues Haupt schien entwurzelt zu sein — so sehr wackelte es. Ja, das ganze Zimmer (wahrhaftig, ich lüge nicht und übertreibe nur wenig) begann die Aufregung, des armen Reb Jissroel zu teilen und alle seine Gegenstände bebten von ihrer Stelle auf, als wollten sie sich losreißen und dem Messias zu Füßen legen. Die Talmudbände selber (das ist nicht Übertrieben, das war ganz deutlich zu sehen) neigten sich von ihrem Regale gegen den hohen Gast, und vor dem Hause erhob sich, obwohl es,milde Jahreszeit war, ein gewaltiger Sturm, der die verklingenden Töne eines triumphierenden Liedes von einem unsichtbare» Orte in die Stube wehte. Inmitten dieses Aufruhrs der belebten und unbelebten Natur saß der Gast ruhig, unheimlich ruhig und gelassen, seine Hände stützten sich, wie man es bei den Statuen von Herrschern und Dichtern oft sieht, gewichtig auf die Armlehnen des Sessels und sein königliches Auge blickte unverwandt und durchdringend auf das aufgeregt-zerwühlte Antlitz seines Wirtes. Endlich faßte sich Reb Jissroel IssetHiei- 4) Zugereister. *) Der Verfasser des gleichnamigen Werkes: R. Moses Sofer. Rabbiner in Preßburg (gest. 1830). Um das Volk Juda und sein Land, um Jerusalem und den Tempel allein kreist sein Denken und Fürchten, sein Bestreben und sein Vorbeugen. Nicht, gleich den frühern Propheten und Jesaja, droht er mit fernen Strafen und verspricht im Falle der Besserung Gnade und neues Glück, sondern er erkennt und verkündet das rasch und unerbittlich heranziehende Verhängnis, der Tragödie furchtbaren Schluß: die Vemichtungl lesajas trübste Prophezeiungen schließen noch mit einem heiteren Ausblick. Nie verzweifelt er an dern Bestand des Reiches. Daran erkennen wir den Dichter mit kühner und heiterer Phantasie, die nicht Verderben sehen mag dort, wo sie so unendlich liebt. Anders der Realpolitiker leremias. Sein staatsmännischer Scharfblick läßt es nicht za, daß er hoffe, was er so sehnlich wünscht! Bei Jesaja Überwiegen Gefühl und poetische Einbildungskraft und beeinflußen, ihm selber unbewußt, die Gedanken und Worte. Daher das Improvisatorische seiner Reden, die auch heute noch, den spätgeborenen Leser mit der Gewalt des Unmittelbaren erfassen und bezaubern. Bei Jeremia haben wir es mit reiflich erwogenen und lange überlegten Gedanken zu tun, die kein Kompromiß kennen und in Worten wie schwere Keulenschläge auf die schuldigen Häupter niedersausen. Jesaja — macht Schule wie dies zu allen Zeiten bei großen Dichtern und impulsiven Geistern der Fall ist Das Wesen solcher Männer übt eine magische Anziehungskraft aus — besonders auf die btgeisterungsfähige Jugend. Zahlreich sind denn auch seine Jünger, die sich «Sanftmütige» oder eDulder» nennen. Sie wurden die Fackelträger der lehre, nachdem das große Ucht des Meisters es*