Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-04-17 · Heft 122 (17.4.1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

14 entity mentions

Nr. 122 DIE STIMME Seite 7 Die größte jüdische Autographen- und Porträtsammlung der Welt Von Dr. Abraham Schwadron, Jerusalem. Während das systematische Autographen-Sammeln"l*lm allgemeinen bereits auf ein Alter von beinahe drei Jahrhunderten zurückblicken kann und in allen Kulturzentren private und öffentliche Spezialsammlungen von Autographen verschiedener kultureller oder nationaler Kategorien vorhanden sind, gab es bis jetzt eine spezifisch jüdische, systematische und umfassende Autographen-Sammlung nicht. Wie ich auf den Gedanken der Sammlung gekommen bin, •wie sie aus nichts entstanden und im Verlauf von zweiunddreißig Jahren sehr mühevoller und in vielen Beziehungen sehr opferreicher Arbeit gewachsen ist, welchen Umfang und RaJhmen sie jetzt besitzt und schließlich, was ihr allgemeingeistiges und national-kulturelles Wesen ausmacht, das möge jetzt, da sie durch meine Schenkung in den Besitz des jüdischen Volkes übergegangen ist, hier in möglichster Kürze erzählt sein.*) Als ich sechzehn Jahre alt war, las ich die «Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden» von Güdemann. Eine Stelle eines alten hebräischen Dokuments konnte der Verfasser nur mit Mühe deuten und fügte der Deutung ein Fragezeichen bei. Ich fand eine andere, passendere Deutung, teilte sie dem Autor mit und erhielt von ihm die Antwort, daß meine Auffassung richtig sei und des Fragezeichens nicht bedürfe. Das war der Anfang meiner Sammlung von Autographen, die heute über 3000 Stücke zählt. Aus sachlichen Motiven schrieb ich um dieselbe Zeit auch an einige andere hervorragende Männer, deren Namen‘mir aus ihren Werken bekannt waren, und erhielt auch von diesen Antworten. Diese Briefe waren mein sorgsam gehüteter Schatz. Bald interessierte es mich begreiflicherweise auch, w i e sie schrieben: wie große Menschen schreiben! Und kam mir einmal ein Porträt der von mir mit ferner Liebe Bewunderten vor Augen, so bohrten sich meine forschenden Gedanken in das Gesicht: wo da die Größe ruhen mag? Und ich kaufte mir hie und da ein solches Porträt. Das war der Anfang meiner Porträtsammlung, die heute über 2000 Stücke umfaßt. Zwei bis drei Jahre später begegnete ich in der Lektüre dem Begriff des Autographen: daß die Pariser Staatsbibliothek und das Britische Museum Autographensammlungen besitzen, das Germanische Museum in Nürnberg Briefe berühmter Deutschen sammle usw. Und als ich schließlich mit neunzehn Jahren im Lemberger nationalpolnischen Ossolinski-Museum Briefe und Porträts berühmter Polen ausgestellt sah, da kam mir der Gedanke: Du mußt Aehnliches für das jüdische Volk anlegen! Mit heißer, fanatischer Energie ging ich an die Arbeit. Tastend, ohne Erfahrung und Führung. Zunächst wandte ich mich an verschiedene jüdische Größen mit der Bitte um eine Unterschrift «für mein Album». Wieviel Mühe kostete es, bis ich die Adressen fand! Und fand ich sie, so war der Ertrag ganz kärglich. Und gerade bei den wirklichen Großen erst recht. Bald las ich in der Zeitung von Autographen-Auktionen und Autographen-Händlern, begann mit Eifer Kataloge zu beziehen und für mein sehr karges Taschengeld einzukaufen. Ich mußte mich darauf beschränken, die Autographen der Kleinsten und Kleinen einzuhandeln. Die Briefe von Lord Beaconsfleld und Rahel von Varnhagen zu je einem engl. Pfund waren zu jener Zeit meine teuersten, meine Aüsnahmestücke. An ganz teueren, wie Heinrich Heine, Moses Mendelssohn und dergleichen, mußte damals in den Katalogen mein Blick mit sehnsüchtiger Wehmut vorbeiziehen. , Gleichzeitig begann aas dauernde Suchen und Fragen: Welche von den Trägern der unzähligen Namen in den Katalogen sind jüdischer Abstammung und welche sind bedeutend genug, um in die Sammlung aufgenommen zu werden? Dabei war ich fern von jeder Bibliothek, fern von Wissenden und nur mit wenigen, primitiven Nachschiagebüchern versehen. * Die Sammlung war bereits auf etwa 200 Stücke angewachsen, als im Jahre 1900 etwas Schreckliches geschah: unser Haus verbrannte und mit ihm die ganze Sammlung, die ich mit der Erfahrung des grünen Jungen natürlich auf dem Dachboden aufbewahrt hatte. Das war ein großer Schlag. *) Der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem von mir als Geschenk übergeben. FUSSLEIDENDE! Individuelle Beratung: kostenlos. Bew&hrto Heilbehelfe bei Müdigkeit, Schmerzen in Bist und Höhlung, Frostballen, harter Haut, Sohlenbrennen, Hühneraugen usw. usw. Institut Bständig, I., Teinfaltstraßc? (Straßenbahnhaltestelle Burgtheater.) Warmes Wetter bringt FuBschmerzenl Von Fußexperte Paul Bständig. Sobald der Frühling mit einigen schönen Tagen den Beginn der warmen Jahreszeit ankündigt, macht der Arzt und der Orthopfide die Beobachtung, daß viele Leute, die bisher gut zu Fuß waren, über Müdigkeit in den Beinen und verschiedenartigen Schmerzen in den Füßen klagen; Ristschmerzen, Knöchelseliwellungen, Schmerzen in der Fußliöhlung oder vorderen Querhöhlung, an den Zehen, Gelenken (Frostballen), Brennen an der Sohle, Hühneraugen, harte Haut usw., sind die in der Sprechstunde am hftufigsten wiederkebronden Worte. Fußleiden, welche während des Winters keine oder minimale Schmerzen verursachen, werden durch den Wocbsel der Jahreszeit wieder akut und Äußern sich, außer durch die vorerwähnten Schmerzerscheiuungcn oft auch durch solche in Knie und Wado, Hüfte und Kreuz. Alle dieso Leidon und deren Folgeschmerzen können aber durch entsprechende Hellbehelfo und deren richtige Anwendung behobon werden. Natürlich kann nur der Fachmann auf diesem Gebiet entscheiden, welcher Heilbehelf für den einzelnen Fall anzuwendon Ist, und einen solchen wird man eben hei derartigen Beschwerden zu Rate ziehen müssen. Aber ich gab’s nicht auf. Begann von neuem und mit verzehnfachtem Eifer, hatte bald den Verlust eingebracht und kam noch darüber weit hinaus, wenn auch vereinzelte Stücke bis heute noch nicht ersetzt werden konnten. Die neue Sammlung hatte bereits die Zahl von etwa »600 Nummern erreicht, da geschah wieder etwas Schreckliches: Der Weltkrieg brach aus. Die Russen drangen gleich in unser, unweit der Grenze gelegenes Dorf, das ganze Innere unseres Hauses wurde zerstört — nur meine Sammlung hatte ich drei Tage vor der Invasion meiner flüchtenden Schwester nach Wien mitgegeben. * Bisher hatte ich in meiner Sammlung Schriftstücke von fast nur w e s tl i c h e n, d. h. literarischen, wissenschaftlichen, künstlerischen Größen, nicht aber von östlichen, die naturgemäß überwiegend zur Kategorie der Rabbiner, Zaddikim, Talmudgelehrten oder der hebräischen und jiddischen Dichter, Forscher und dergleichen gehören. Jene Westlichen nun konnte ich durch Kauf bei Händlern erreichen oder, einen kleinen Teil der Lebenden zumindest, durch direkte Bitten. Anders die Oestlichen. Die sind im Autographenhandel nicht vorhanden. Und ein Rabbiner oder dergleichen dieser Sphäre wird eine Bitte «für das Album» nicht verstehen. Da war ich ganz auf das Suchen sozusagen von Haus zu Haus angewiesen und auf vages Hörensagen. Damit habe ich eigentlich erst nach dem Kriege begonnen. Briefe von großen Persönlichkeiten des Ostens sind recht selten. Empfänger von Zuschriften Cremieux oder Börnes wohnten in Paris, Berlin oder'in einem anderen Orte des zivilisierten, sichern Westens und ließen diese Zuschriften in Ruhe Sohn und Enkel zurück. Anders die Empfänger der Briefe vom Wilnaer Gaon oder Rabbi Akiba Eger. Wie vielen Pogromen, Ueberfällen, verheerenden Feuersbrünsten und Kriegsereignissen waren in den letzten 100 Jahren die Besitzer dieser Briefe ausgesetzt! '* . Außerdem wüßte die Familie, an die beispielsweise Mendelssohn-Bartholdy oder Meyerbeer schrieb, der praktischen Aufbewahrung dieser Briefe entsprechende Sorgfalt zu widmen. Die Sitte aber des Adressaten eines Briefes von Rabbi Meirl Primischlaner z. B. ließ ihn das Schreiben zwischen den Blättern eines Talmudtraktates, als ein Heiliges zwischen Heiligen, aufheben, von wo es ein Kind — wie ich es von zwei Fällen tatsächlich weiß — hinausschaffte und zerriß oder dergleichen. Oder es waren z. B. die Väter des Sozialismus Libermann und Dr. Jizchak Kammer, ihren Zeitgenossen nicht bedeutend genug, daß sie deren Briefe auf bewahrt hätten; sie in der hebräischen und jiddischen Literatur, Arop Freemannmußten wohl auch aus Furcht vor der Polizei vernichtet werden. Und gerade wegen ihrer Seltenheit gehören die Briefe dieser beiden, auch an sich nicht kleinen Menschen, zu den wertvollsten der Sammlung. Dazu kommt, daß der Brief des Gaon oder Zaddik von seinem heutigen Besitzer als «Schmirah», als Schutz gegen alles Böse, angesehen urtd darum meist um keinen Preis herausgegeben wird. Und da, wie gesagt, der östliche Teil meiner Sammlung fast ganz aus den letzten acht Jahren stammt, so ist er auch darum, abgesehen von den angeführten objektiven Gründen, beträchtlich lückenhafter als der westliche, der ja naturgemäß auch noch weit ist von jedem Grade der Vollständigkeit. Im allgemeinen habe ich konstatiert, daß ich durcli hundert diverse Bemühungen ein bis zwei Stücke erhielt. Vielleicht auch darum, weil mir fast stets nur bescheidene Mittel zur Verfügung gestanden sind. — Im ganzen sind von mir während der dreißig Jahre über 65.000 Briefe, Suchlisten, Prospekte und dergleichen zu Zwecken der Sammlung versandt worden. * Ueber das essentielle Wesen meiner Schriftstücke-Sammlung kann im allgemeinen das gesagt werden, was von jeder wissenschaftlich-systematischen Autographensammlung gesagt werden muß. Die Wirkung der lebendigen Schrift in Verbindung mit dem Bildnis ist eine ganz andere als es die eines Verzeichnisses, einer biographischen Zusammenstellung wäre, die all die Namen der Sammlung enthielte und noch viele mehr. Es wären doch nur «Worte, nichts als Worte». Hier aber ist Anschauungsunterricht. Hier sind die Urzeichen des Schicksals der Schreiber, hier sprechen die Persönlichkeiten selber. So befindet sich zum Beispiel in der Sammlung ein langer Brief Heinrich Heines vom 9. Jänner 1826 an seinen Freund Moser, in welchem er u. a. schreibt: «Ich lebe ganz isoliert... Ich bin jetzt bey Christ und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft habe; ich sehe noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sey, im Gegenteil... Ist es nicht närrisch, kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrien». Weiter ein Brief Moses Mendelssohns an Herder vom 20. Juni 1780: «... Auch ich habe Kinder, die ich erziehen soll. Zu welcher Bestimmung? Ob im Sachsengothaischen bei jeder Durchreise ihren jüdischen Kopf mit einem Würfelspiel zu verzollen oder irgend einem kleinen Satrapen das Märchen von den drei nicht zu unterscheidenden Ringen zu erzählen, weiß nur der uns alle unsere Pfade vorgemessen. Meine Pflicht ist, sie so zu erziehen, daß sie in jeder Situation sich von ihrer Seite keine Schande zuziehen und die ihnen ihre Nebenmenschen unverdient zuweisen mit Resignation ertragen...» Oder wie sind t. B. die soliden, reinlichen, prätensionslosen Schriftzüge Schmuei David Luzzattos, eines der Väter der jüdischen Wissenschaft, das Abbild seines Charakters, und wie spiegelt sich der Anteil der Juden am Schicksal der Völker in dem bei mir befindlichen Gedicht von Erich Mühsam an Fritz Adler, Wien, nachdem dieser im Jahre 1917 den österreichischen Minister Grafen Stürgkh erschossen hatte! Das Gedicht ist betitelt «Lob der Tat» und beginnt: «Jammern und um Hilfe schreien Schafft nicht Heil noch Rat. Eines nur kann die Welt befreien, Eines nur: die Tat!» Endet aber mit dem vom Jahre 1919 (da Mühsam Kommunist war, während Fritz Adler die von seinem Vater, Viktor, gebildete Koalitionsregierung unterstützte und die Kommunisten bekämpfte): «Ach der Adler stieg hernieder Aus des Ruhmes Höh’n, Im bewunderten Gefieder Jagt er jetzt nach Fiöh’n.» Wenn wir so aus der Sammlung dieses Gedicht, weiter einen wundervollen Brief, den Kurt Eisner aus dem Gefängnis Plötzensee an den Philosophen HermannCohen, richtete,, einen Brief RosaLuxemburgs und einen Brief Gustav Landauers vor uns ausbreiten und dazu noch einen Brief vom «anderen Lager», von Walter Rathenau und Albert B a 11 i n — weht daraus nicht in eins Judenschicksal und Völkergeschick mit tragischem Ewigkeitshauch uns an? # Der folgende kurze Namensauszug aus dem Katalog der Autographenabteilung möge eine Vorstellung vom Gebietsumfang und dem Maße der Sammlung vermitteln: Rabbi Josef Caro (der Autor des «Schulchan Aruch»), R. Jonathan Eibenschütz, R. Jecheskiel Landau, R. Jehuda Ibn Atar, R. Elijahu Gaon von Wilna, R. Chaim Hacohen Rapaport, R. Chaim J. D. Azulai, R. Jacob von Lissa, R. Moses Safer und seine zwei Söhne, R. Levi Jizchak von Berditschew, R. Schneur Za man voi Lady, David Sintzh'im (Präsident des Synhedrions von Napoleon), Moses Chaim und Schmuei David l.uzzattu, Nachmann Krochmal. Zunz, S. J. L. Rapaport, 1. S. Reggio, Steinschneider, Steinthal, Grätz, Lord Beaconsfield und dessen Vater, Isaac Disraeli, Heinrich Heine, dessen Mutter Betty, dessen Schwester Charlotte Embden, dessen Bruder Max und dessen Onkel Salomon, Börne, Henriette und Marcus Herz, Eduard Gans, Rahel von Varnhagen, Mo- 1B S I AND l"ö> Uriel da Costa Von Dr. Robert Sonnenwald (Graz) Nur zu oft war das Schicksal des jüdischen Volkes Gradmesser für das Weltgeschehen: auch der Sieg des katholischen Spanien über ^die Ungläubigen manifestierte sich mit fürchterlicher Konsequenz in den Ausweisungsedikten der Jahre 1492 und 1497, die die hochstehende und begabte Judenheit der Halbinsel nach Jahrhunderte langer Seßhaftigkeit und schöpferischer Mitarbeit an einer glanzvollen Kultur plötzlich ins Eiend und zuni Wanderstabe trieben. Aber auch für jene, die mit versagenden Kräften in den Schoß der Kirche flüchteten, um Leben und Existenz zu retten und sich die Heimat zu erhalten, wären furchtbare Qualen und Demütigungen bestimmt, der Makel ihrer Herkunft und ewiger Verdacht haftete an ihnen und bis in das 18. Jahrhundert lohten die Feuerbrände der heiligen Inquisition. Es mutet darum wie ein Wunder an, daß diese Ueberläufer es allen gräßlichen Verfolgungen zum .Trotz verstanden, das Essentielle ihres jüdischen .Wesens und Gefühles in aller Heimlichkeit von Generation zu Generation bis auf den heutigen Tag so weiter, zu geben, daß eben Jetzt vor unseren Augen die Marranen Portugals zu ihrem Volke zurückkehren. Welche Summe von Leid und Qual, welch tränenvolle Tragik des EinzelschicksalsI Aus der erschütternden Masse anonym gewordenen Leides sei das Schicksal des Uriel da Costa*) geschildert, weil es den ganz *) Uriel da Costas Werk und Leben sind wissenschaftlich einwandfrei erschlossen und vorbildlich dargestellt in Carl Gebhardt: «Die Schriften des Uriel da Costa», Heidelberg, 1922. besonderen und singulären Seelenkonflikt beinhaltet, wie ihn gerade nur ein jüdischer Mensch erleiden konnte. Gabriel, als Jude Uriel da Costa, entstammt nach seiner Selbstbiiographie «Beispiel eines menschlichen Lebens», die nur in lateinischer Uebersetzung des portugiesischen Originals vorliegt, einer adeligen MarranenfamiUe, in welcher die jüdische Tradition schon im dritten Geschlechte'vollständig erloschen war. 1585 in Porto geboren erscheint Uriel als glänzender junger Mensch, hochbegabt, geistig und körperlich zum Kavalier erzogen; 1604 bezieht er die berühmte Jesuitenuniversität Coimbra, um kanonisches Recht zu studieren und im Kreise der Kirche, dem Brennpunkte aller geistigen Kräfte von Ort und Zeit, seine Lebensbahn zu suchen, 1610 ist er Schatzmeister an einer Stiftskirche seiner Vaterstadt, offenbar versehen mit den niederen Priesterweihen. Voll Ernst versenkt sich Uriel in seine theologischen Studien, folgt mit dem grüblerischen Geiste des Juden der blühenden Spekulation der barocken Kirche, um schließlich an der Erlösungsfrage zu scheitern; er will diese Frage evölutionistisch lösen, geht darum auf die jüdischen Grundlagen der kirchlichen Lehre, durchforscht Thora und Propheten und findet endlich hier die Klärung der quälenden Fragen, hier die religiöse Anschauung, die Ihn befriedet. Da besinnt er sich seiner jüdischen Abkunft, will zu seinem Volke, zu der Ihm durch Abstammung und nun auch durch Wahl bestimmten Religion zurück. Er weiß Mutter und Brüder zu überreden und trotz Gefahr der Todesstrafe flüchtet die Familie um 1612 nach Amsterdam, wo sich die der Inquisition entkommene Judenschaft Spaniens und Portugals sammelt, Atem schöpft, neues Gemeinschaftsj leben begründet, hier hofft auch Uriel jenseits von allen Konflikten bei den Menschen seines Blutes und in der ihm adäquaten Weltanschauung ein Leben der Freiheit führen zu können. Wie furchtbar aber mußte die Ueberraschung sein, das ersehnte, erhoffte Judentum nicht vorzufinden: sein Judentum war wie seine Studien bei den klassischen Schriften stehen geblieben, das lebendige Judentum aber hatte sich darüber noch 2000 Jahre hinaus entwickelt, in fortwirkender Kraft entwickeln müssen, hatte sich neuen Zeiten, Anschauungen und Verhältnissen, insbesondere aber dem einzig dastehenden Phänomen eines Volkes anpassen müssen, das im Exil über die Welt zerstreut lebte; darum Talmud, darum das heiße Bemühen der folgenden Lehrer, das einfache, oft für primitive Verhältnisse geschaffene Gesetz auszulegen und zu erhalten für die späteren, ach so komplizierten Zeiten! Uriel begab sich bald in die Hamburger Niederlassung der Familie, wo sich der Zwiespalt seiner Seele 1616 in einer Streitschrift gegen die Tradition Luft macht, es handelt sich zunächst nur um einige Fragen des Ritus, von prinzipieller Bedeutung aber ist der Hinweis darauf, daß nur die schriftliche Thora von Gott stamme, während die mündliche Ueberlieferung Menschenwerk sei und darum die Gefahr bestehe, daß das göttliche Gesetz durch die menschlichen Erläuterungen abgeschwächt werde, wenn auch «in der praktischen Ausübung die Möglichkeit eines Gewohnheitsrechtes für den Fall zugegeben werden müsse, als es mit den Satzungen der Thora übereinstimme». Die an die sephardisohe Gemeinde in Venedig gerichtete Schrift rief eine Gegenschrift des dortigen Rabbiners Leo da Modena hervor, der sich gleichzeitig an die Hamburger Gemeinde wendete tmd den Leugner der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.