Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 41 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 560 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 656 Kr* BEOCH'S iWaCBENSCBRIEaJ Nr. 41 Wir «i|ndheutelubjer jene ZeitenhinaujSj, da sich das eraachende ivvissienschafthehe Gewissen der Menschjhejt gegen die iOffenh^chiaden der griechischen Götterwelt auflehnte. Auch über jene Sturmiund1 Drangperiode, die in berechtigtem: Freiheitsdurst die Geistesklairimern des Kirchendogmas' abschütteln müßte, desIsen Anlhropomorphismen; Feuerbach mit den Worten geißelt: „Je mehr das! Sinnliche verneint wird, desto sinnlicher ist der Gott, dem man das1 Sinnhohe, opfert." Aus unserer Naturbetrachtung sind alle kultur- und sozialpolitischen Tendenzen ebenso auszuschalten, wie jede dogmatische Befangenheit^ und jeder Schleier schulmäßig vorgefaßter Meinung. Gerade weil iwir an all diesem Ballast so lange zu tragen hatten, darum steckt unsere Erkenntnis der Natur noch! heute in den Kindjerschuhen. Was1 wissen wir von ihr.mehr, als' stielende Kinder vom! Ozean, wenn sie am Meeresstrande mit ihren Zwergs chauf ein Kanäle in den Sand graben und staunend betrachten, was die Flut hineinspült? Nie wäre es einem unserer jüdischen Klassiker eingefallen, die Göttlichkeit der Heiligen Schrift in der Uebereinstimmung ihrer Naturanschauung mit irgendeinem1 zeitgenössischen System zu erblicken. Der Jude schwört nicht.auf Ptoleniäus;, nicht auf K o p - pernikus' noch auf dessen Widerleger, die unserer Zeit so gewiß als „die Wahrheit" gelten, wie dem ganzen Mittelalter Aristoteles1. So .körntet man leicht dazu, über die Bibel im ganzen den Stab: zu brechen und wie jener Franzose zu folgern: Da Gott nur die Wahrheit sprechen kann und dies und Idas1 in jder jBibel mit den Aussprüchen unserer Wissenschaftler nicht ^übereinstimmt, sO ist damit erwiesen, daß sie kein göttliches1 Buch ist. Da hat S ch'iller tiefer geblickt, wenn er sagt: „Göttlich! 'muß eine Lehre sein, für die stf freudig gestorben werden kann." Die Göttlichkeit unserer Heiligen Lehre spricht aus1 der Kraft, mit der sie das Herz eines jeden ergreift, der sie zu lesien versteht Sie spricht nicht aus dem, was1 die Bibel (über Himimel und Erde, sondern aus dem, was sie über Gott und den Menschen aussagt. Diese Göttlichkeit erkennen wir nicht, SvjenSn wir den Buchstaben der Thbra unter die Lupe der Kritik bringen und vergleichen mit dem, was' uns' Teleskop und Mikroskop berichten- Sondern, wenn wir statt der Außenwelt unsere : Innenwelt ableuchten und teleskopisch betrachten, statt . konkreter Tatsachen unsere Taten mikroskopisch untersuchen und da an der Hand unseres Gewissens1 zu Ergebnissen gelangen, gewiß nicht minder sicher, als1 die Resultate der Wissenschaft. Zu Erkenntnissen, die in jenem' uralten Buchte längst als1 Offenbarungen verkündet .sind. Man muß vieler Lande Schönheit gesehen haben, um die schlichten Reize der Heimat zu würdigen. Man muß sich in der Fremde mit Mineralwässern gequält haben, um' mit dem rechten Genuß wieder ein Glas frischen Hochiquellenwassers zu trinken. Nur auf weitem1 UmiwJeg -kommt man ins Heilige Land, nur durch wahre Wissen sich af t zur richtigen Wertung des Bibelwortes^ das in seinem Kern von allen Zweifeln des kritischen Verstandes' unberührt bleibt. Gott als der üher allem' Vergäjügliöhen sitehende Schöpfer, EThalter und Leiter der Welt, dieser seehsch-sitüiehe Urbesitz des Juden, er war für den Griechen unfaßbar, dessen Götter mit der Welt zugleich entstanden waren. Der Jude von einst schwor beim1 „Lehen des Ewigem" wie ja auch' Gott sjelbst in der Heiligen Schrift bei seinem! Lehen, nicht wie; die Götter von Hellas bei Himimel, Erde und Styx (!) schwört. Er allein ist das! Bleibende im' Wechsel, er der Ausgang und das! Ziel. Der Schöpfer steht über der Schöpfung, der „1 ehe nidi g e Gott" übler sterbliche ml Meinen, über Wahrheiten,, die, wie Jona's Kjkajon, über Nacht entstehen und über Nacht vergehen. Wie die Welt einst geschaffen wurd e, für den Juden verliert diese Frage an Gewicht neben der A u f - gäbe, daß, wie der Psalmist sagt, „eine Welt aus Liebe erbiaut. werde"., Nicht so sehr das1 Forschen nach den Mittel Ursachen, als vielmehr das Erkennen der Zwecke lag dem! Juden am Herzen. Auch die Schöpfung ist für ihn weit mehr, denn ein Faktum, eine Realität. Sie bildet für ihn ein Postu lat, ein Ideal.;; . Berthold A'uerhach behauptet einmal, „daß die Astronomie der Altgljäuhigkeit das; J), a c hj (über dem Kopfe abgehoben und die Geologie ihr den Boden unter den Füißen weggenommen" habe. Für die; Gläubigkeit, die sich hei aller Treue gegen den angestammten Gott den Sinn fjür die Fortschritte der Wissenschaft offen hält und beides in Harmonie zu bringen weiß, für sie gilt dieses Wort nicht. „Wie einer liest in der Bibel, so stehlt am Hause. SßM .Giebel." _ (Wird fortgesetzt.); Arnold Zweigs „Kitualinord in Ungarn". Von Dr. Max Grunwald. Die Aufföhrung, die (uns die „Neue. Wiener Bühne" bot, war eine Ue'berraschung. Bis auf die eines! Teiles des Publikums war sie musterhaft. Wirksam; bisl zu restloser Illusion. Ulm!, so ..anerkennenj^e4er bei «Jen;'. .zaMreicKleh' ''imiys^s'dhferi und symboiischen Partien. Schon Beiwerk, Rahden,. „Aufmachung" stempelten sie zum geseÜSchaftlichjen, wenn nicht gar po Ii ti s chen Ereignis'. Eine Theatervorstellung als Paragraph 2nVersammlung, Einlaß nur gegen Einlädung, Polizeiverbot, inletzter Stunde aufgehoben. Starker Wacheaufmarschs Durch Pogromwitterung gesteigerte Spannung. Ueber allen Wipfeln, Lechzen gequälter Nerven: nach Sensation. Wenige Straßen weiter, in Schwarzeln; Geiwimm'el Andrang zum! Hilsher-Filmv „Taacobs' Traum'" noch in frischer Erinnerung. Stephap, Zweigs „Jeremias"- Premiere. Die Stimmung somit vorbereitet. Für ein Judenstück sowohl, wie für ein Ritualmörd-Drama., Alles1 Erwarten überstieg trotzdem diese Darbietung. Uns war sie mehr, als Ereignis. Als! Erlebnis! ging sie aufrüttelnd über unsere Herzen. Aufrüttelnd, das Tiefste rührend in jedem! Juden. Was andere dabei .empfanden, wenn deren zugegen waren? Wohl kaum; Störendes1.*) Denn, wasi hier im Ueb'erschänmen kochender Ziornesglut aus' j ü d i s c hj e mi Herzen quillt, ist es nicht das! getreue Echo des patriotischen Aufschreies, mit dem! idam'als> in den Tagen des Trauerspieles1 zu Tisza-Eszlar, ausi äeinemi Turiner Exil Kos's'uth seine verblendenden Ungarn aus der Hyplnos'e unseligen Hasses riß? Sagt hier der *) Die „Reichspostf belehrt .uns soeben eines anderen. Von Ton und Tendenz ganz abgesehen. WoÜ&r nimmt, man die Stirn, von w o e"h! e n langer Kerkerhaft der unschul-T digen Opfer zu sprechen, die doch ein Jahr, zum' Teil darüber hinaus, in qualvoller. Gefangenschaft! gehalten wurden! ."Will man wiederholen, was über, unsene Affäre nicht zur Bereicherung seines Ruhmes vor genau ^ei Jahrzehn-J ten der „schwarze Prinz", aufzutischen den traurigen Mut hatte?! ,j:t