Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 41 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 559 (sequence 3)
- Language
- German
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&r. 41 ör. BLOCH S WOCHENSCHRIFT Saite 645 selbst der strengsten Wisserischaftiichkeit nicht mehr glauben will, wenn sie ihr in der Schöpfung Zweckmäßigkeit nachweist. Und doch traten uns Zweck und Absicht unleugbar entgegen in der Organisation der einzelnen Individuen/ wie in ihren Beziehungen zu ihrer Umgebung. Es genügt der Hinweis auf die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Pflanzenreich1, den Austausch von Kohlensäure und Sauerstoff, auf die bewundernswerte Mannigfaltigkeit der . Organismen und die ihr angepaßte Systematik ihrer Organe. Ich erinnere Dich an die ganz-erstaunliche Kunst der Natur, beschädigte Gliedmaßen zu ergänzen, an die Mittel, mit denen dies Pflanzen die Insekten anlocken, die ihre Befruchtung vermitteln, an das „Hochzeitskleid" der Tiere, an den Nestbau der Vögel, an die Verlegung der Insektenbrut— oft auf den merkwürdigsten Umwegen— gerade in den ganz allein geeigneten Wirt, an das Leb^n der Bienen und Ameisen, an unser Nervensystem, vor allem an das Vollkommenste, d. h. dem höchsten Gebrauch Dienende, unser Seelenleben. Du stutzit vielleicht bei dem Worte „Seele"? ' Ich weiß ja, noch immer blendet das Bonnot, der Gedanke verhalte sich zum Gehirn, wie die Galle zur Gallenblase, wie der Speichel zur Speicheldrüse usw. Aber schon mit diesem Gleichnis von der Speichelabsonderung widerlegt der Monist sich selbst.« Pawlows Versuche mit dem Hundespeichel haben in dieser physiologischen Funktion eine so bewundernswerte Füile von zweckmäßig fördernden und hemmenden Faktoren nachgewiesen, daß Ableugnen eines geistigen Prinzipes tatsächlich nur auf einen Streit .um Worte hinausläuft. Alle diese Phänomene sollen ein Spiel des Zufalls sein? Wie kommt eine Kraft,- die ohne Vor- . stand ist, dazu, etwas, was sie nicht hat und nicht , haben" kann, den V e r stand zu schenken? Wie es so unübertrefflich in seiner Schlichtheit der Psalmist (94, 9) sagt: „Der'das Ohr gebildet, er sollte nicht hören, der das Auge gebildet, nicht,sehen?" Blinde Kräfte sollen Harmonien erzeugen, ohne es zu wollen und zu wissen,- bis endlich auf dem Gipfel der Schöpfung im Menschen Geist erscheint, um diese,Harmonien zu hören, die er nicht erzeugt hat?! > Solcher Kathederweisheit darf man noch heute mit Goethe zurufen: „Der Herr Professor ist eine Persönlichkeit, Gott ist keine 1" Ein Ueberlegenheitsdiiinkel, in dem jener.Kpnig Alfonso den naiven Ausspruch tat: „Halte Gott mich bei der We.tschöpfung um Hat befragt, so würde ich einen einfacheren Mechanismus angegeben haben." Solcher Selbst-berhebung steht unanfechtbar gegenüber unser „Schema Jisroel"! Gott ist einer, d. h. er ist Geist. Denn nichts ist eines auf Erden, außer dem Geist. . . Daß die Teleologie, die Frage nach Zwecken im Kosmos, von unserer Kathederzunft jetzt keiner Widerlegung, mehr gewürdigt, sondern als banausisch, idiotenliaft, im besten Falle als kindisch, höchstens noch mitleidig, belächelt wird, braucht Dich nicht zu. beirren. Kindisch ist vielmehr der Trotz, mit dem man die Augen schließt vor dem, was man nicht sehen will. Weil man die Macht, die in allem waltet, nicht mit den Sinnen erfassen kann, weil man _ bisher mit allem Wühlen und Forschen, mit allem Filtern und Bohren, allem Schürfen und Pürsehen nur einige Spuren ihres Wandels erspäht hat, weil sie in keine der Kategorien unseres Verstandes sich einfangen und einschachteln läßt, darum erklärt man sie einfach als' nicht vorhanden. Es steckt diesen Herren, ihnen selbst nicht bewußt, noch viel vom Amtsschimmel inr Blute. Was nicht polizeilich registriert-ist, existiert nicht. Quod non est in actis, non est in mundo. Oder wie es gewisse „führende" Blättchen halten: was ihnen nicht ins Konzept paßt, wird totgeschwiegen. Die Trauben hängen zu hoch! Es spricht auch ein gut Teil kindischer Furcb'fc mit. Vor dem großen Unbekannten, dem Geist, der überall seine Karte abgibt, aber von keinem Sherlok Holmes sich dingfest machen läßt. Er, der alkn Reagenzgläsern und Reinkulturen ein Schnippchen schlägt, er wird geradezu unheimlich. Und wie die Kinder, die sich im Dunkeln fürchten, laut zu singen anfangen, so der Lärm, mit dem so mancher vor der Welt den«-. Geist leugnet, vor dem ihm im geheimen graust. „Gotesfurcht ist der Weisheit Anfang", Geistes furcht ihr Grab. Ist das Wunder des G1 a u b e n s liebstes Kind, so ist im MaLeriaiismus der Wunsch der Vater des Gedankens. Und wie sollte der Professor, der kein Kolleg vorübergehen läßt, ohne dem Vortragenden im Nachbarsaal eines zu versetzen, wie soilte der einen Geist anerkennen, ider ü eh der ganzen Fakultä. überlegen zeigt! Wie Tatsach n, die nicht in sein Schema passen, die sein System über den Haufen werlenl Ausnahmen bestätigen die Regel! Gewiß! Aber woher die Ausnahmen? Wenn es ein physikalisches Gesetz ist, daß jeder K|rper mit abnehmender Temperatur an spezifischem Gewichte z u nimmt, warum nimmt ausnahmsweise, um diesen einen Fall herauszugreifen, beim Wasser, s.bdd die Temperatur unter 4 Grad über Null sinkt, das speziiischfe Gewicht ab? Jedem, der ohne Scheuklappen die Dinge betrachtet, muß es gerade an diesem Beispiel kiar werden, daß nicht „w.arum?", sondern „wozu?" zu fragen ist. Sobald nämlich die Oberfläche des Wassers die Temperatur von 4 Grad und damit ihre größte Dichte erreicht hat, sinkt sie auf den Gruner und dieser Prozeß setzt sich mit den nachfolgenden Schichten so lange fort, bis das ganze Gewässer 4 Grad aufweist. Nimmt die KäJte zu, so vereist die Oberfiächo, sie dehnt sich dadurch aus und damit nimmt ihr spezifisches Gewicht ab. Sie bleibt also oben und verhindert, da Eis ein schlechter Wärmeleiter ist, die weitere Abkühlung der tiei.eren wärmeren Wassersenichten. Auf diese Weise wird das Leben im Wasser vor dem Erfrieren geschützt. „Das Leben schützen", ist das nicht die Arbeit, die mit seiner so erstaunlichen Organisation und Geschicklichkeit in jedem Organismus von den Zellen verrichtet wird, daß sogar die Häckelianer selbst von einem Zellen staat reden? Das Kausalitätsbedür-nis selbst ist es1 somit, das uns bis an eine Grenze zurückführt, wo die Kausalität, in i1' inalität umschlägt, wo wir als Ursache eine nach Zwecken handelnde Intelligenz annehmen müssen. Das ist kein Refugium, kein Rückzug in ein Asylum ignorantiae, sondern ein durch die sonnenklare Vernunft gebotenes Umlernen. Gewiß sollen wir uns an der Kette der Kausalität durch das Dunkel, das uns auf Schritt und Tritt umgibt, von Wirkung zu Ursache forttasten, — soweit dieses Leitseil reicht. Nie dürfen wir aber vergessen, daß wir von dem wunderbaren Gewebe der Schöpfung nur die Rückseite .zu sehen bekommen. Wir entdecken hie und da .eilten Einschlag, einen Kettenzug, Nähte, abgerissen^Fäden, die Struktur des Musters. Hiernach über das' Werk selbst urteilen zu wollen, das hieße, als Maulwurf die Sonne kritisieren.;