Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 527 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.: 39 Dr. BLOCH'S WOCHEN SCHRIFT Swte *i2S Etwas, mtißi 4ner geschehen. Wandel muß ge schaffen werden. Kein Jude darf ruhig essen und Schlafen,, fwährenfdj man Leuchten unserer Wissen-, Schaft erbarmungslosv dem bittersten Elend preisgibt! Solange noch ein Judejn Wien lebt, muß er sich sagen: es «geht nicht an, daß man. für. tausend Alfanzereien Geld in Hülle und Fülle übrig hat, wahrend die Träger der jüdischen Wissenschaft vef- Ih'ungern! JawoM, — Hunger leiden! Die Zeit des Schweigens ist jetzt vorbei! Monistische Märchen. \j Aus einem Briefwechsel. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) All-Eins. Der Affenmensch ,spukt Dir, wie ich sehe, noch immer im Kopfe herum. Sagen doch auch die Eingeborenen auf Sumatra vom Menschenaffen, er tachaniere. Der Orang-Utang sei in Wahrheit ein verkappter Mensch, simuliere Affentum und spreche nur darum nicht, um nicht als Mensch — arbeiten zu müssen, was' sie selbst nämlich auch mit Vorliebe vermeiden. Anatomischen Unterschieden willst Du kein besonderes1 "Gewicht beilegen und Virchow ins alte Eisen werfen? Es wird Dich überraschen, zu hören, daß diese Skepsis der Anthropologie gegenüber ihren Vorläufer in einem1 Manne hat, dessen Name Dir sehr wohl bekannt ist. Es ist Hillel, der bereits anatomische Merkmale, wie die Brachiokephalie der Babylonier, ganz modern aus dem Verfahren der dortigen Hebammen, die Schlitzaugen der Palmyrener, die Plattfüße afrikanischer Völker nach dem Prinzip der Anpassung erklärt (b. Talm., Schäbb. 31a). Auch für die Entwicklungshypothese kannman mit einiger Phantasie einen Vertreter in Rabbi Berachja erblicken, der, nach dem Midrasch, auf die Frage, womit sich die Gottheit beschäftige, die Antwort erteilte, Gott mache „Leitern" (sulamoth). Also etwa Stufen von einer Art zur nächst höheren? Außer anderen Spuren von Darwinismus in unserem alten Schrifttum hat man auch in unserem Schöpf ungsbericht einen Hinweis auf den Uebergang vonWasserzu Landtieren entdecken wollen. )Vielleicht gibt Dir der Fortschritt der Biologie recht. Lassen wir aber alle Zukunftsmusik und halten wir uns streng an das Votum', das uns die Wissenschaft der Gegenwart abgibt! Du meinst freilich, den Kern der Sache zu treffen, wenn Du sagst: für den Monisten aus der Schule Hiäckels gibt es kein Welträtsel, für die exakten Naturwissenschaftler mehrere, für den Th'eisten nur eines1: Gott! Gewiß!. Könnten wir unseren Standpunkt restlos in Gott nehmen, so würde sich uns auch restlos das Rätsel der Welt lösen. Wir wüßten die Grundformel der Schöpfung. Solange aber unser Geist an die Erde gebannt ist, kann er nur Splitter eines Spiegels wahrnehmen. Der Spiegel als Ganzes1 liegt jenseits unseres Erkenntnisvermögens. Blitze leuchten uns in der Finsternis und lassen uns' Zusammenhänge ahnen, die sonnenklar nur vor dem' Auge liegen, dem das ewige Licht leuchtet. Unser Verstand erkennt nur Beziehungen zwischen Erscheinungen, Eigenschaften von Dingen. Von den Dingen selbst weiß kein geschaffener Geist.. Von sich selbst weiß er auch nur, daß er ist. Er fühlt sich als! etwas Eigenes, etwas Freies. Nur in den Beziehungen zu anderen erkennt er sich. Wa's' er ist, bleibt ihmverborgen. Wenn nun aber die Heilige Schrift vom „Erkennen Gottes" spricht, es; uns sogar zur Pflicht macht, also eine Erkennbarkeit Gottes voraussetzt, so läßt sie uns1 nicht im Zweifel darüber, daß sie hierunter nicht ein sinnliches Wahrnehmen noch ein begriffliches, verstandesmäßiges' Erkennen, sondern ein „Wandeln auf den Wegen Gottes" versteht. Die hebräische Bezeichnung hierfür „j a d a" bedeutet nicht allein „ein Ding wahrnehmen", sondern „eines Dinges wahrnehmen", sich darum kümmern, daher bei Gott, „ihn lieben, verehren". Ganz ähnlich wird das Wort „darasch", im Psalm 9, 11, sogar mit „jada" parallel, gebraucht. „Darasch" heißt „zu erkennen suchen", im Syrischen „einen Weg bahnen"; „jada": „erkennen", in bezug auf Gott „auf deil Wegen Gottes wandeln". So wie unser Verstand sich Bahnen bohrt in das Reich der uns umgebenden Sinne n#v e 1t und dadurch Ausblicke gewinnt auf die Macht, Weisheit und Schönheit, die sich in der Schöpfung offenbart, so soll unsere sittliche Tat Wege bahnen durch das Dickicht der Sinnlichkeit in uns und um uns, um sie zu beherrschen und damit jenen Gottesdienst zu verrichten, der in der Betätigung der Gerechtigkeit und Liebe gegep. die Menschen besteht. In der wissenschaftlichen Erkenntnis olfenbart die Schöpfung uns die Gottheit, in der sittlichen Tat lassen wir die Welt Gott erkennen, projizieren wir den Gott in uns hinaus in die Welt um uns. Die eine kommt uns von außen, die andere aus" unserem Innersten. Die Naturerkenntnis beruht auf unserer Rezeptivität, unsere sittliche Erkenntnis, unsere Liebe zur Sittlichkeit, auf unserer Produktivit ä t. Im Anfang der geistigen Erfassung der Materie steht der Sinnenreiz; die Erkenntnis der sittlichen Weltordnung geht von unserer moralischen Grundanlage, unserem moralischen Impuls aus. Der Verstand reagiert auf die Dinge um uns durch den Begiiff, unsere Vernunft durch die sittliche Tat. Durch sie bekunden wir, daß wir „wissend sind urri das Gute und das Böse", indem wir ja das letztere ablehnen und das erstere wählen.. Wie sagt doch aber, die Schlange in der Genesis 3, 5? „Ihr werdet sein wie Gott, wissend um das Gute und das Böse!" i Das ist der zentrale Grundgedanke des ganzen Juden tums! Die sittliche Tat beweist unsere Gottähnlichkeit. Der sittlich Handelnde steht in Gott, im Mittelpunkt der Welt. Nicht seinem Vers t a n d e, seinem H e rzen erschließt sich das tiefste Geheimnis, der Kern der Schöpfung, deren Ziel und Zweck das Gute, deren Verderben und Tod das Böse ist. Zwischen diesen beiden Polen schwingt das bunte Leben. Der eine ist der eigene Drang aus uns heraus, der andere die Macht der U m w e 11 über uns. Ein Konflikt, der, wie in unserem Mikrokosmos, im Großen des Makrokosmos die Kräfte in Spannung hält. Wem sich so durch die eigene sittliche Tat G o 11 offenbart, für den hat sich die Welt alles Rätselhaften, aller Schleier entkleidet. Füv ihn gibt es, freilich in ganz anderem Sinne; als m dem H ä c k e 1 s, — kein Weltrjüsel. Du wirst mir entgegnen: „So spricht der Theo- ..log, der Ethiker!" Ich antworte Dir darauf; So spricht ja auch Dein Spinoza, auf den, wie jeder