Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 528 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 624 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Kr. 89 rechte Monist, auch' Du Dich berufetI Sein ganzes System, das er nicht ohne Grund und Ab- ■sicht „Ethik" nennt, ist es nicht der Ueberzeugung entsprungen, daß letzter Einsicht alles Wissen von den Dingen ethisch ist? Was wir mit Hebel und mit Schrauben unseres - Verstandes der Natur abringen, es bleibt an ihrer Schale haften. Es führt uns nur näher dem großen Lichte, an dem gemessen, .unser Wissen zum Leuchtjen des Glühwurms verblaßt, — näher dem Spiegel, in dem das wirre Allerlei unseres Weltbildes als aliumfassende und alldurchdringende Einheit erscheint. Zur Vereinheitlichung alles Seienden drängt die wissenschaftliche Erkenntnis, und wir dürfen uns die Hoffnung auf eine fortschreitende Erweiterung unseres Wissenshorizontes und den Drang, im Forschen fortzuschreiten, durch nichts verkümmern lassen. Man darf nicht auf den Gebrauch der Füße verzichten und in Trägheit vergehen deshalb, weil es tn Flügeln zum Fluge fehlt. Andererseits dürfen wir aber keine Sprünge machen, uns nicht -naturphilosophisch mit einem Salto in das Zentrum alles Seins versetzen wollen, zu dem wir derzeit nur ethisch einen Zugang offen haben. Unsere Natuferkenntnis kann mit dem „Erkennen Gottes" im biblischen, ethischen Sinne noch nicht gleichen Schritt halten. „Wir können Gott mit dem Verstände suchen, aber finden können wir ihn nur mit dem Herzen." (Eötvos.) . Spinoza wagte den kühnen Wurf. Er versuchte es, sich in das Zentrum' der Welt zu stellen und so aus der Vogelperspektive mit dem Auge der exakten Forschung das' All anzuschauen. Alles Sein, so meinte er, müsse von diesem heliozentrischen Ausblick aus nach mathematischer Methode sich' aus dem Weltenkern (Deus- Natura - Substantia) deduzieren lassen. Sein Wagnis mußte aber, wie jeder Versuch, die Welt mechanistisch zu erklären, schon an dem Problem des Lebens scheitern. Als Grund und Folge mag wohl einem übermenschlicrren Geist sich darstellen, was wir durch unser induktives Denken"nur als Ursachen und Wirkungen erkennen. . Für unsere Erkeiintni s sind vorläufig Logik •■ und reales Leben eines vom anderen noch himmelweit verschieden. Spinoza stößt deshalb auch auf ganz ähnliche Schwierigkeiten, wie die modernen Monisten. Seine natura naturans mit der natura naturata in eins zu setzen, ist genau so willkürlich, wie einen Unterschied zwischen Organischem und Anorganischem zu leugnen. Sollte wirklich Bergsons geistvolle Unterscheidung von Extension und Intention die Kluft überbrücken? Wie aus Spinozas unendlichen Attributen die endlichen Modi abgeleitet werden sollen, ist ebenso unerfindlich, wie die Herleitung all er Arten — Rose und Elefant, Tintenfisch und Mensch — aus dem1 Protoplasma. Seine Erklärung, Denken und Ausdehnung seien, obwohl untereinander vollständig disparater Natur," gewissermaßen nur zwei verschiedene Betrachtungsweisen für denselben Gegenstand,etwa einen Kreis, von dem je nach dem Stand.- punkte der eine die konvexe, ein anderer die konkave. Seite sieht, oder derselbe Begriff, in zwei verschiedenen. Sprachen ausgedrückt, — sie steht an Erkehhtniswert nicht viel höher als die Aufstellung, Geist sei nur eine Funktion der Materie Der Unterschied zwischen Spinoza und unseren Monisten besteht allein im Ausgangspunkt. Der Materialismus verlegt die mystische Einheit alles Seins in die Monere, das Niederste, S p i n o z a in das Höchste, die Substanz. Wertvoll bleibt immerhin das eine an ihm, daßrer von u nendlichvielen unendlichen Attributen der Substanz spricht, von denen in uns und der uns zugänglichen Welt nur zwei, Ausdehnung und Denken, vertreten sind. Hieraus ergibt sich, daß das, was wir begrifflich von der Gottheit erfassen können, eben nur dementsprechend ganz beschränkte und einseitige Geltung hat. In Spinozas Spräche etwa ausgedrückt: ein Dreieck würde, wenn es eine Gottesk idee hätte, diese so sicher seiner Dreiecksnatur entsprechend fassen, wie wir als Menschen die unsere. Oder mit Goethe zu reden: „Du gleichst dem Geiste, den du begreifst", oder wie Lichtenberg sagt: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebembilde." Was bedeuten — dieser eine Hinweis genügt — die paar Billionen Molekül Schwingungen,, die wir als Farbe, als Ton mit unseren'Sinnen aufzunehmen vermögen, gegen den Ozean des Seins, der uns .lunflutet!; x Als jüdischen Philosophen, in edm Sinne, wie Du es meinst, kann man Spinoza nicht gelten lassen. Ein Mann, der an unsere Heilige Schrift mit dem Zentimetermaß herantritt., wie er es in seiner Bibelkritik tut, der zeigt, daß: ihm der tiefste Gehalt des Judentums Geheimnis geblieben ist. Leicht möglich, daß ihm seine persönlichen Erfahrungen den Bück für das Judentum als kultujrelleii Faktor wie als historische Erscheinung . getrübt haben. Aber selbst ein Hiob bleibt in seinem „Judentum", wenn ich so sagen darf, unerschüttert Und erst dieser Tage rührte mich einer meiner Bekannten mit der- Frage: „Wie kommt es nur, daß bei allem, was mir diese Juden antun, ich dennoch mein Judentum so liebe?" So spricht ein wahrer Jude! Ich dachte an Spin.oza, der mit seinen gehässigen, ja, was noch weit ärger, höhnischen und boshaften Ausfällen gegen seinen eigenen Stamm, mit seiner unverkeimbaren Absicht, unser Schrifttum der Lächerlichkeit preiszugeben, für den hohlen Ueberlegenhe'.tsdiünkel unserer literarischen Judenfeinde den Ton angegebenhat und von ihnen noch immer als Kronzeuge gegen uns aufgerufen wird. Jude aber ist er in dem einen großen Zuge seiner Philosophie,^ den man mit Recht als Akosmismus bezeichnet hat. Gott ist alles! Außer ihm kein Sein! Die Welt der Erscheinung nur der Gottheit „lebendiges Kleid", wie es der Psalmist (102, 26) sieht Selbst das Licht nur seine Hülle! Daß Spinoza von Gott so wenig spricht, ihn nur als - Gleichung für „Natur" gelten läßt?. Du weißt, man' trug einst Bedenken, das Buch Esther in den biblischen Kanon aufzunehmen, weil sich darin auch nicht einmal das Wort „Gott" finde. Dafür spricht der Inhalt des Buches, diese soganz natürli che -Entwicklung der Handlung um .so eindrucksvoller von dem Walten einer "sittlichen Macht, einer vergeltenden Gerechtigkeit. Auch hier sieht man nicht den Deus ex machina. *Man fühlt den Deus sive natura. Wirklich1 ist, was wir'ky Die Heilige Schrift : selbst bezeichnet ja das höchste Wesen als den „Gott, der im Dunkel thront". Er leitet die Natur nach einem Gesetz, so unverbrüchlich, daß, wie unsere alte jüdische Weisheit betont, „auch das gestohlene Weizeiv korn genau so Frucht trägt, wie jedes' andere'!. Die Sünder - werden von unseren Lehrern als Münz-