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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-10 · 39 (10.10.1919) · p. Seite 526

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
39 (10.10.1919)
Date
1919-10-10
Page
Seite 526 (sequence 2)
Language
German
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Seite 622 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 39 Anfang an zuni Aschenbrödel Verurteilt. * Jede der anderen Anstalten 'hat längst ihr stattliches Heim1. Die Wiener ist noch heute, nach 25 Jahren, aul ein Obdach1 aus Gnade angewiesen. An den anderen Anstalten sind von privaten Spendern Lehrstühle für besondere Disziplinen errichtet. Die Gemeinden betrachten es als eine Ehrensache, bei jeder finanziellen Verlegenheit einer solchen Anstalt an erster Stelle für die Deckung des Defizites sich1 einzusetzen. Die Kuratoren stehen mit den Dozenten nicht allein, sondern vielfach mit den Hörern in persönlichem Verkehr und lassen keinen Anlaß, vorübergehen, ohne für den Aufschwung ihres Seminars eine Lanze zu brechen. Jede dieser Hochschulen hat sich ihren Kreis von teihiehmendem Publikum, oft weit über die Stadtgemarkung hinaus, geschaffen. Die Budapester Anstalt wurde vom Kaiser Franz Josef mit einem Besuche beehrt. Mit einem Worte: Ueberall weiß man den Wert einer solchen Anstalt zu würdigen, überall, wo man für das Judentum und, damitin unlösbarem Zusammenhange, für die jüdische Wissenschaft Verständnis, Herz und offene Hand hat. Nur bei uns' in Wien ist diß Lehranstalt bis heute daä Veilchen, das im Verborgenen blüht. Es liegt nicht daran, daß sie keine ausgesprochene Partei vertritt. Auch persönlichen Um- oder Mißständen kann hier kein zu schweres Gewicht beigelegt werden. Wo die Sache in Frage kommt, muß das Persönliche in den Hintergrund treten. Nein, es. ist einzig und allein der Mangel an Teilnahme, an Wärme, an Ernst für die heilige Sache der jüdischen Wissenschaft, ja für große jüdische Fragen überhaupt, der wir die Schuld an dem armseligen Winkeldasein und Hinvegetieren der Lehranstalt beizumessen haben. Ganze Paragraphenkomplexe und Kapitel in unserem heiligen Schrifttum schärfen dem Juden Achtung vor der Thora und Fürsorge für ihre Lehrer ein. Diese Ehrerbietung vor der Wissenschaft, der jüdischen ganz, im besonderen, ist jedem wahren Juden eingeimpft- Wie. ist es' dann aber in Wien und nur lin Wien möglich, daß man Dozenten an der Israelitisch- Theologischen Lehranstalt vor Hunger sterben läßt? Daß man ihnen ein Jahres^ehalt zahlt, das' manchem derer, die für diese Zustände in erster Reihe die Verantwortung tragen,-nicht zur Bestreitung, eines Monatsbedarfes1 ausreichen, keinem' von ihnen für einige wenige Monate sein Auskommen bieten könnte! Daß man mündlichen wie schriftlichen Hilferufen dieser in ihrer leiblichen Existenz ernslestenS bedrohten Märtyerern unserer WisisenseWaft hartnäckig das Gehör versagt! Und welch eine Selbstüberwindung, welch eine Selbsterniedrigung, welch eine Verleugnung jedes berechtigten Stolzes, jeder tausendfach begründeten Selbstachtung spricht aus1 diesen .Gesuchen, die mit dem Herzblut unserer Besten geschrieben sind! Und dazu soll die Oeffentlichkeit schweigen?! / ' ' ' l Von diesen himmelschreienden Mißständen endlich einmal den 'Schleier zu ziehen, auf dieses unverzeihliche Unrecht hinzuweißen, das halte ich "für die Pflicht eines jeden, *dem die Ehre des Judentums, dem der Ruf der Wiener Judenschaft am Herzen liegt. Männer, denen die gesamte wissenschaftliche Welt, Christ wie Jud, redlich verdiente Huldigung darbringt, — Männer, die unser. Schrifttum1 durch' Werke bereichert haben, die durch ihren Umfang allein schon selbst den Verständnislosesten auf die Bedeutung der Verfasser hinweisen, ihn wenigstens zur Frage nach' der Bedeutung des Inhaltes anregen müßte, — Männer, die, von den Sorgen um die Notdurft des Tages befreit, unserem Judentum noch' weit wertvollere Früchte ihres schaffenden Geistes liefern könnten, — solche Koryphäen läßt man mit Weib und Kind b u c h! s* t ä b 1 i c h d a r b e n und fr i er enü Oder mutet man ihnen zu, daß sie im Nebenberuf Preistreiberei urid Valutageschäfte betreiben sollen? Oder verlangt man etwa für einen Professor an der Lehranstalt statt des1 wissenschaftlichen Befähigungsnachweises' die reiche Schwiegermutter oder den Erbonkel in Amerika? , Und dabei beten wir im Gotteshause beim A u shfeb en der Thora für uns selbst um Entlastung von den Sorgen um Brot und Gewand, damit wir freien Geistes1 im1 Gottesworte forschen -können! Und im Leben draußlen läßt es1 uns kalt, daß ein solches wirtschaftliches Verkümmern der Lehrer der Thora. zur Auf hieb ung Ihres Studiums', zur Lahmlegung wissenschaftlicher Thoraforschung führen muß? Oder sollten die erkorenen Vertreter der jüdischen Wissenschaft im1 Kuratorium selbst,*) die es doch zunächst angeht, und die sich mit einem Achselzucken abfinden, die Geschichte; von R. Garriliel und R. Josua so ganz- und gar vergessen haben? Der reiche R. Gamliel, so berichtet nämlich der Talmud, ließ sich eines Tages herbei, den armen Kollegen R. Josua in seiner Wohnung aufzusuchen. Er hatte ihm ein Unrecht abzubitten und überwand sich! "soweit, daß er R. Josua, der sich kümmerlich "als Nagelschmied ernährte, diesen Besuch abstattete. Entsetzen erfaßte ihn,', als1 er die Aermlichkeit des Hauswesens rdes großen R. Josua wahrnahm. „Wie lebst Du", fragte er ihn erstaunt, „wovon ernährst Du Dich?" Und R. Josua sprach die bitteren Worte: „Wehe dem Geschlecht, das in Dir seinen Führer sieht! Wehe, daß . Du nicht einmal darum Dich kümmerst, wie die Gelehrten/ wie Deine Fachgenossen "leben,, wovon sie' sich ernähren!" Ich' frage: wieviele von denen, die mit Wehig Mühe diesem1 beisipiellosen, Wien, ja das ganze Judentum tief beschämenden Geleh'rtenelend steuern könnten, wie viele von ihnen sind sich der schweren Schuld bewußt, die sie hiermit auf sich laden! Und wie wenige von denen, die dieses Wissen haben und kich darum dopjpelt und dreifach 'schämen müßten, haben je den Fuß über die Schwelle eines dieser Herrscher im Reiche des1 Geistes und jammervollen Sklaven im Bereich der praktischen Werte gesetzt! Und wenn sie es taten, dürf en s'ie sch'weigen, können sie das vor ihrem1 Gewissen, vor ihrer Pflicht als'-berufene Erhalter der Lehranstalt verantworten? Ein trauriger Epilog ist es', den ich hier dem ersten Abschnitt in der Geschichte unserer Lehranstalt halte. Wo aber alles1 schweigt, und, wie es scheint, Schweigen erzwingen will, da mußte ich reden. .; Könnt ihr die Anstalt nicht erhalten, dann sehet zu, daß sie nach Prag oder irgendeinen anderen Ort verlegt werde, wo man sie mit Freuden -und Ehren äumehmen wfürde! Sind wir denn in einem1 elenden und .beschämenden Materialismus aufgegangen? Hat uns1 der Ernst der Zeit noc¥ immer nicht ernüchtert? Ist noch immer nur für Ballette und Kinosensationen Interesse und Geld zu haben, und die jüdische Wissenschaft muß betteln gehn . . .? *) Iii Breslau Ih'at das Kuratorium der Anstalt erst jüngst, da Idie alten Honorierungen der Dozenten der Zeitlage nicht mehr entsprechen, eine Hilfsaktion veranstaltet, Mittel geschaffen, hinreichend die Männer der Wissenschaft vor Nahrungssbrgen zu schützen; Die Redaktion.

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