Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 525 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 39 Dr. Bloches Jahrgang XXXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums Postsparkassenamt Deutschösterreich: 810.976 Ungarn: 5.634 Tschecho-Slowak.: 10.976 oooo Redaktion and Administration: : Wien, H/1, Praterstraße 9 Telephon 45.359 Wien, 10. Oktober 1919 Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, 11/1, Praterstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse :Bloch's Wochenschrift Wien 'Bezugspreis: Halbjährig ... 15 Kronen Ganzjährig . . 30 Kronen Einzelexemplare 80 Heller Anzeigen: Die zweimal gespalten* Petitzeile 70 Heller Inhalt: Leitartikel: Was wird aus der IsraeMioch-Tneo.ogischeiu-Lehranstalt? — Monistische Märchen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte — Der Urgermane Vschetitscbka. — Deutachland macht es anders. — Das erwachende Ungarn. — Verhafte e »Judeans« in Palästina» — Die Wahrheit über den Stand der Palästinafra&e. — Vor dem Wandersturm. — Ein Aufruf des Verbandes der ungarischen Juden. — Ungarische Aristokraten als Kommunisten. — Korrespondenzen: Joint Distribution C<>mil6. — Bilder aus dem Wiener Elend jüdischer Kinder. — Die Zukunft Ostgalizien's. — Prag; — Professor Jakob Guttmann gestorben. — Vermischtes. — Feuilleton; Holländische Reiseeindrücke. — Inserate. Was wird aus der Israelitisch-Theologischen ^Lehranstalt? Ein Weck- und Mahnruf. Von Dr. Max Grunwald. Not auf See. Schwere Böen krachen ohne Pause aufdas stöhnende, ächzende Schiff herein, mit dem in grausiger \Vj>llust die wütenden Wogen Spielball treiben. Dröhnend stampfen die Maschinen. "Wie die letzten Atemzüge eines Sterbenden pfeift es durch Luken und Gänge. Schaurig, wie des Schofars Ruf, jammert das Notsignal. Keine Antwort, keine Rettung l „Mann über Bord!" Wer achtet des einzelinen, wo alles sich' zum Aeußersten, zum Sprung ins Rettungsboot rüstet? Das ist die Stimmung, das die Lage, in der uns das neue Jahr antrifft. Das Jahr mit der orakelhaften Zahl Fj''"^ "Wird" „nachlassen" das Unheil, unter dem wir dahinsiechen, oder aber der letzte Strohhalm1 der Hoffnung, an 'den wir uns klammern? „Wen Leiden heimsucht, der prüfe sein Tun." So mahnen unsere Weisen. „Für die Mißachtung der Thora habt Ihr zu büßen 1" ist der Grund^on aller geißelnden Prophetenrede. Wie wir uns an der Thora versündigt haben, was!wir in Mißachtung ihrer Träger, Lehrer und Verbreiter geleistet, das lehrt ein Blick auf das Judentum Wiens. Nirgends! }ie>gt es aber so klar und so 'jämmerlich traurig zutage, wie in dem Schicksalder Gründung, die als Zentralhebewerk für die Thoraversorgung Oesterreichs gedacht und dazu bestimmt war: unserer I s r a e Ii tisch- Theologisch en Lehranstalt. Ein Vierteljahrhundert besteht sj,e jetzt. In begeisterten Tönen hat man sie " kürzlich aus diesem Anlaß gefeiert. Wird sie ein zweites erleben? Wir alle erleiden jetzt in Oesterreich, ein Schicksal, dem unsere Alten glücklich ein Gleichnis fanden in einem „prächtigen Pavillon, der auf einer Schiffsbrücke errichtet 'ist". Löst man die Brücke und entzieht ihr die meisten und besten Schiffe, dann muß der Prachtbau natürlich zusammenstürzen. Es sei denn, man habe alles vorgekehrt, um ihn entsprechend zu verkleinern und die übrigbleibenden Schiffe zu entlasten, oder aber — ihn an einer anderen Stelle auf tragfähigerer Basis neu zu errichten. Dieses Los teilt mit Stadt und Staat auch unsere Kultusjgemeinde. Der politische und wirtschaftliche Zu,- sammenbruchj die Abwanderung nach Ost und West dürften uns' in kurzem' auf den Stand einer Provinzgemeinde herabgedrückt haben. Um sich zu behaupten, wird sie sich von manchem Ballast zu befreien haben. Nach dem Los, das bisher schon selbst in Friedenszeiten der Lehranstalt beschieden war, ist zu befürchten, daß man mit der Thora den Anfang machen wird, wie jener Jude im Seesturm, um das Schiff zu entlasten, — zuerst seine Tefillin über Bord warf. Und gerade Wien hätte vor allem die Pflicht gehabt, diese Lehranstalt, eine Hüterin unseres Palladiums, mit allen Mitteln und Möglichkeiten einer gedeihlichen- Entwicklung auszustatten. War es doch, von kleineren ähnlichen Versuchen in Padua und Metz abgesehen, hier, wo zum ersten Male der Gedanke einer jüdischen Hochschule auf modern-wissenschaftlicher Grundlage aufgetaucht ist. Merkwürdig genug, daß es gerade die österreichischeRegierung war, die — anfangs der Dreißigerjahte des vorigen Jahrjunderts — "die Judenheit der Monarchie dazu anregte, eine „israelitisch-theologische Lehranstalt" ins Leben zu rufen. Bereits im März 1838 trat denn auch' die Leitung der Wiener Gemeinde an deren Mitglieder mit der Aufforderung heran, um „ein Bedürfnis! aller Juden Oesterreichs und Deutschlands zu befriedigen", zu einer solchen Gründung Beiträge zu zeichnen. Wie es nun aber einmal bei uns zugeht: „sof maasse b'machaschawa t'chilla". Was bei uns zuerst g e p 1 a n t, wurde bei uns zulstzt ausgeführt- In- Breslau, Berlin, Budapest, wurdenPflanzstätten der jüdischen "Wissenschaft errichtet, bis wir endlich mit unserer Lehranstalt nachgehinkt kamen. Und welch ein Abstand zwischen dieser jüngsten Gründung und ihren älteren Schwestern! Sie war von