Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 40 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 644 Nr. 40 Tr-. BLoch'S putierten in einer Kommission einen Gesetzentwurf ein, dessen erster Absatz lauten sollte: „Es gibt in Rumänien keine rumänischen Juden und hat nie welche gegeben!" Aber dieser Entwurf wurde von der. Negierung a limine (Ctls ganz undiskutierbar gbgewiesen, ^da er den Zorn und das Hohngelächter von ganz Europa erregen würde": er ist denn auch nicht einmal auf die Tagesordnung gekommen. Aber es erregte nicht den Zorn und das' Hohngelächter Europas, daß, in Rumänien nach diesem stillschweigens angenommenen Grundsatz ein halbes Jahrhundert lang regiert werden konnte! Wir haben vor uns den unglaublichen Kall, daß ein europäischer Staat unter den Augen der ganzen zivilisierten Welt eine Viertelmillion seiner Staatsangehörigen völlig entrechten und als heimatlos erklären durfte, nicht mittels eines verfassungsmäßig durchberatenen und verabschiedeten Gesetzes, sondern durch die willkürliche Handhabung einer vernunftwidrigen und empörenden juristischen Fiktion. Wie das möglich geworden ist, muß man in dem vorliegenden Buche Nachlesen. Man begreift es nur im Zusammenhang mit der ganzen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Rumäniens in den letzten fünfzig Jahren, die der Verfasser allseitig beleuchtet. Das Buch liest sich! wie ein spannender Roman, bietet aber eine reiche Mlle aus erster Quelle geschöpften Materials zur Kenntnis her sozialen und politischen Verhältnisse des Landes. Der Abschnitt „Das alte und das neue Rumänien" entwirft mit warmer Sympathie ein in großen Umrissen gezeichnetes Bild des rumänischen Volkscharakters und der Landeskultur. Die Entstehung des Nationalismus und der Kaste von Berufspolitikern wird eingehend erzählt. Was wissen wir z. B. von den Parteikämpfen in Rumänien? So gut wie gar nichts. Wir hören die. Schlagworte „konservativ", „liberal";: „radikal" und ahnen nicht, daß diese Bezeichnungen etwas ganz .anderes decken als. bei uns — das diplomatische Räntespiel auf dem Balkan, besonders zwischen der rumänischen Regierung und ihren SchutzmächLen, in dem Zeitraum vor dem russisch-türkischen Kriege wird an der /Hand der diplomatischen Urkundensammlungen eingehend geschildert und wirkt stellenweise wie eine humorvolle Satire auf alle Geheimdiplomatie. Die Schilderung des Kampfes der rumänischen Staatsmänner gegen hen Berliner Vertrag gewährt einen tiefen Einblick in das Wesen der rumänischen Diplomatie und macht erst die Vorgänge der letzten Jahre recht verständlich. Wer immer für Land unch Leute in Rumänien Interesse hat, aus politischen, wirtschaftlichen oder kulturgeschichtlichen Gründen, möge nach! dem vorliegenden Buche greifender wird auf seine Rechnung kommen. Die volle Anteilnahme des Verfassers gehört dem rumänischen Volk, welches er als gutartig, arbeitsam, entwicklungsfähig schildert — nur geknechtet und. korrumpiert von einer gewissenlosen, feilen, moralische verkommenen Politikerkast.e mit der „Dynastie Bratiänu" an der Spitze, unter deren Anhang Take Jonescu .eine hervorragende Stelle einnahm. Das waren aber auch dieselben Elemente, die die rumänische Jüdenpolitik geschaffen und ausgebaut hatten und über deren unversehrte Aufrechtekhaltung wachten. Wenn Herr Marghiloman, um sein Vaterland einer besseren Zukunft entgegenzusühren, mit dieser Vergangenheit gründlich aufräumen will, muß er auch in der Judenfrage vollkommen reinen Tisch machen und die ebenso sinnlose wie empörende Fiktion von der Staatenlosigkeit der Juden radikal beseitigen. W. W. Wochenschrift MtsdZeaKfb«des KKSpsidstadLsr TsmpM, Am 1. Oktober 1913 fand, eine zahlreich besuchte Vollsitzung des Aktionskomitees zum Wiederaufbau des; Leopoldstädter Tempels statt. Entschuldigt haben 'sich; mehrere Mitglieder, darunter Ehrw. Herr. Dr/ Max Grunwald, Herr Gremialrat Heinrich Neurath, Herr» Schulrat Professor Dr. Moritz Tschiaßny, Herr Philipp Kohn u. g. nk. Die Tagesordnung enthielt: 1. Bericht des Arbeitsausschusses; . 2. Beratung über die Frage, ob mit Rücksicht auf das säumige Verhalten des Kultusvorstandes, betreffend des'Wiederaufbaues, bezw. -der provisorischen Herstellung des Leopoldstädter Tempels eine Protestversammlung unter Vorlage einer denk Kultusvorstande vorzulegenden Resolution einzuberufen sei; 3. Kooptierung eines Komiteemitgliedes in den Arbeitsausschuß: 4. Eventuelles. Zum Punkte 1 berichtet ^>er Vorsitzende Herr Dr. Theodor Gutmann, daß durch die Sommerferien eine Verlangsamung in der Aktion eintrat und eine Einberufung des Komitees während der Sommerzeit nicht möglich war, wiewohl durch das Verhalten des. Kultusvorstandes eine Beratung der Lage seitens des Komitees nötig erschien. Die Sammlung hat bisnun einerfreuliches Resultat ergeben, und zwar sind in barem 979.524 K., in Wertpapieren 3200 K., zusammen 982.724 K. eingelaufen. Durch den Zinsenzuwachs und einige knapp vor 'dem Sitzungsbeginn eingelaufenen Beträge wird wohl eine Million Kronen bereits erreicht sein. Zum Punkte 2 der Tagesordnung, referiert der Vorsitzende. Während, der Sommerzeit fanden mehrfache Sitzungen im Vertreterkollegium' unter Vorsitz des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern statt, welchen laut Zusage des letzteren das Aktionskomitee zugezogen wurde. Das Aktionskomitee hat das Komiteemitglied Herrn Baumeister Viktor Schwadron als Experten zu diesen Beratungen zugezogen, welcher entgegen den Ansichten der von der Kultusgemeinde zugezogenen Architekten die Möglichkeit der provisorischen Herstellung in sichere Aussicht stellte. Ein vom Komiteemitglied Herrn Dr. Winternitz außerhalb dieser Sitzungen vorgeschlagener Experte sprach sich in gleichem Sinne aus. Der Präsident des Kultusvorstandes schloß die zweite Sitzung mit der Zusage, er werde sofort beim Stadlbauamte um Bewilligung einschreiten, die Verhandlungen mit Baumeistern nach herabgelangter Bewilligung pflegen und sohin werde an die provisorische Herstellung geschritten werden. Diese Beratung fiel in den Monat Mai d. I. Nachdem das Komitee keinen Einblick in die betreffenden Akten der Kultusverwaltung zu nehmen in der Lage ist, war es demselben nur durch- Umfragen im Sekretariate möglich, vom Stande der Dinge Kenntnis zu erhalten, und durch diese Umfragen wurde in Erfahrung gebracht, daß die Eingabe an das Stadtbauamt wohl bald nach der Sitzung eingebracht wurde. Wir erfuhren ferner, dies .jedoch. nicht durch das Sekretariat, daß nach Verlauf einiger Monate ein vorläufig abweisender Bescheid mit der Motivierung herablangte, es fehlen die Pläne, auf Grund deten die Bewilligung oder Ablehnung zu erfolgen hätte. Es wurden sohin die Pläne vom Bauamte der.Kultusverwaltung ausgearbeitet, dem Stadtbauamte vorgelegt, und es soll bald darauf eine kommissionölle Besichtigung stattgefunden haben und die Bewilligung zum Bau erteilt worden sein. Inzwischen fand eine beratende Sitzung unter Leitung des Herrn