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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-09-07 · 35 (7.9.1917) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
35 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 577 Nr. 35 R. Eljahn Gntmacher wurde sehr jung Rabbiner. R. Äkiba Eger b>efahl ihm, sofort zu heiraten und das R.abbinat in Pleschen anzunehmen. Dort, in Pleschen, begann^ in Gntmacher jener Reinigungsvorgang, von dem ergeträunrt und den er sich zum Lebenszweck geflvählt hatte. >.Er unterdrückte in sich alle Leidenschast, und erlaubte sich Von der Welt nur soviel zu genießen, als er für die Fortdauer seines Körpers für notwendig erachtete. Wo er seiner Not, eines Unglücks bei einem Einzelnen oder bei einer Gemeinschaft gewahr wurde, eilte er als erster zu Hilfe und half Iber seine Kräfte. Seinen ganzen EHrensold verteilte er arr die Bedürftigen. Bei armen Kranken, bei notleidenden Kindbetterinnen saß er zu Hänpten, brachte ihnen Labrprg und erleichterte ihnen die schweren Augenblicke durch milde Tröstungen. Men mittellosen Waisen und Witwen water Vormund und Beschützer, jedem verbitterten.Herzen neigte er sich >zu und nahm sein Leid in sich auf. Um dem Nächsten zu helfen, schonte er nicht die eigene . Gesundheit, weder Unwetter noch weite Entfernungen hielten ihn zurück. Dabei machte^ er zwischen den Menschen keinen Unterschied- „Die Not — sagte er — ist allen MenscheNvWern gemeinsam, und gemeinsam muß auch die Hilfesein." Immer dünkte es ihn, daß all sein Tun noch allznwenig! sei, daß er hier und dort mehr Kraft Mwjenden, mehr Opfer bringen sollte. Er war deshalb mit sich nie zufrieden. Die einzelnen Musterungen dieser Unzufriedenheit pflegte ec jede Nacht vordem Schlafengehen irr eirrem Tagebuch aufzuzeichnen. In diesem Tagebuch schrieber nieder, was-.-er an jedem Tag an Guttaten voMracht, und fast immer schloß er das Verzeichnis mit einer Selbstr.üge und Selbstzüchtigung. Nach einem Tage vollen Wohltnns schlief er spät irr der Nacht ein mir den Worten nruf den Lippen: „Heute habe ich meine -Pflicht vor meiner Seele gar nicht erfüllt!" . Während' >Gutmächer selbst mit sich unzufrieden war und in sich Fehler -Wer Fehler fand, bewunderte ihn seine ganze Umgebung. In Pleschen .und der Umgegend kannte man ihn nicht anders als- „den Heiligen". Gutmacher hatte, in Pleschen eine Jeschiwa gegründet, wo 400 SchWer von nah und fern zusammenkamen, die er in seinem-Geiste erzog. Ec malte sich aus, diese SchMer würden der Kern sein, aus dem die Schar jener geläuterten Seelen entstehen würde, die die Erlösung herbeibringen sollten. Ueber 34 Jahre leitete er seine Jeschiwa zu Pleschen; in all diesen Jahren wurden dort viele Hunderte von jungen Leuten erzogen, aher sein Traum wgr in ihnen nicht verwirklicht. Das wirkte auf Gutmacher sehr niederdrückend. Er sagte sich und schrieb in sein Tagebuchs daß nur er selbst und kein anderer daran Schuld sei. Djenn er habe sich nicht genug vervollkommnet, um alZ Muster, füjr das junge 'Geschlecht gelten zu Wrfen. Damals verließ. Gutmacher Pleschen und wurde Rabbiner in Grätzi, in der Provinz Posen, an der russischpolnischen Grenze. Dort nrachte er neue Versuche zur Seelenreinigung: er verbrachte Stunden der Einsamkeit in der Nchur, diente Gott unter freiem Himmel, stand inmitten der Waldbäume und betete mit lautem, bitte-, rem Gewein. Zu jener Zeit war er schon über sechzig Jahre alt. Sein Mer verlieh ihm ein ehrfurch tgebd tendes Mußssre. Von hohem Wuchs, schlank, mit zwei großen schwarten Augen und einem langen schneeweißen Bart, hatte er ein herrliches, patriarchalisches' Aussehen. All das samt seiner ,asketischen Lebensführung führte dahin,, daß viele begannen, Gutmacher für einen göttlichen Mann zu halten, und im Volke verschiedene Legenden und Mlndergeschichten Mer ihn sich verbreitetem Diese Legenden Überschritten die Landesgrenze und übten ans die jüdische Masse in Polen eine besonders starke .Wirkung ans. W dauere nicht lange, bis von vielen polnischen Grenzstädtchen Menschen mit körperlichen Gebrechen, kinderlose Frauen und allerhand Bedrängte zu Gntmacher zu reifen anfingen, um dann sein Gebet oder seinen R,at zu erbitten. Gntmacher hatte dadurch viele Kränkung. Auf keinen Fall wollte er beim Volke als Wunderräbbi gelten. Anderseits aber brachte er es bei seinem guten, erbarnrnngsvollen Herzen nicht fertig, diese elenden Geschöpfe abzuweisen, ohne jedem das passende Trostwort zu sagen. Dies führte schließlich dazu, daß Hunderte.von Menschen zu ihm aus der Fremde kamen. Er mußte um ihrer willen seine Studien vernachlässigen, seine inbrünstigen Gebete, seine Absonderung aufgeben. Das konnte er nicht ertragen und er veröffentlichte in der hebräischen. Zeitschrift „Hamagid" einen Brief, wo er die Leute aufsorderte, die Wallfahrten zu unterlassen, denn er sei in Wahrheit ein einfacher Sterblicher» der sich selbst nicht zu helfen vermöge. „Sind meine Gebete wirklich Gort so genehm^, wie ihr glaubt — so schrieb Gntmacher im „Hamagid" —» so versichere ich euch, daß ich nicht für mich allein, sondern für die jüdische Gesamtheit bete." D>as schuf aber keine Abhilfe. Das Volk dachte, daß ein großer Bescheidener wie Gutmacher gerade so schreiben müßte, und hörte nicht auf» zu ihm zu pilgern. - Gntmacher reinigte seine Seele mehr und mehr, bis er anfing zu glauben, daß, wenn es viele seinesgleichen gäbe, die Stunde der Erlösung nahen würde. Wo aber jene Bielen herschaffen? Wie schafft man ein Geschlecht, das der Erlösung würdig sei? Einst war er der Ansicht gewesen, die Wische Erlösung /werde schließlich von selbst kommen, in diesem oder jenem Geschlecht. Jetzt aber meinte er, man müsst das Ende herbeiführen, man müsst veranlassen, daß die Erilösung geradezu im gegenwärtigen Geschlecht komme, sonst gehe alles verloren. Der Satan untergrabt im Galuth unsere heiligen Güter Tag um Tag, er verwandelt unsere Thora zu Asche, verschlingt unseren Geist, vernichtet unsere Gesittung. Verlieren wir diese, heiligen Dinge, so haben wir uns selbst preisgegeben. Es verstrich eine Zeit. Der Gedankengang Gutmachers entwickelte sich weiter, und zwar in einer ganz anderen Richtung. Es' wurde ihm Kar, weder der jüdische Körper noch die Wische Seele könne hier im Sump, des Galuth gesunden. Die Wische Seele kann ihre Auferstehung erst feiern, wenn sie zu ihrem Urquell zursückkehrt, zur Urstätte der heiligen Väter. Es. muß daher im Wischen Volksleben vor allem ein anderer Vorgang stattfinden, der Prozeß der Sekbstbefieiung- Wer wie und wodurch kann diese Befreiung verwirklicht werden? Eines Tages erhielt Gntmacher von seinem vieljährigen guten Freund, vom berühmten Rabbi Zwi Hirsch Kali sch er, eine briefliche Einladung, zu ihm nach Thorn zu kommen, um über eine chochwichtige Volkssache zu beraten. Das war die erste Versammlung jüdischer Notabeln und Rabbiner in Deutschland, die R. Hirsch Kali scher Ende 1860 einberieß um die Frage der Besiedlung Palästinas zu erörtern, und in der der Grundstein der Chibath-Zion-Bewegung gelegt wurde, btc. einen großen Teil der jjüjbtfc^eTt Orthodoxie Deutschland umfaßte und später von hier aus in andere Länder Übergriff. In Thorn wurde fstr Gntmacher mit einemMäl das ganze Problem der Wischen Erlösung beantwortet, mit dem er sich jahrelang befaßt hatte. Seine Augen strahlten in jugendlichem Feuer und sein schönes, patriarchalisches Gesicht leuchtete von großer Begeisterung, als er sah, daß sein Traum die besten Wischen Köpfe beschäftigte und die edelsten jüdischen Herzen ergriff. Bon jenem Wagen-

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