Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-09-07 · 35 (7.9.1917) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
35 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3022248-3022284--26280-3051630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serk 576 Dr. Bloch's jungen Karchidaten am Herren, und Tag und Nacht beschäftigte er sich, mit dem Studium der verschiedenen Talnrud stellen uird Responsen, die Agunothfragen , zum Gegenstand Haben. Es wurde ihm zur Hauptfrage, Miltel und Wege ausfindig zu nmchen, um es dieser: schuldlosen, elenden Geschöpfen leichter zu machen, sich von den Fesseln zu befreien, die ihnen chr Wisches Los auserlegt hat. Trotz seinem vielen Suchen.und Grübeln fand er aber wenig Befriedigendes. Zuviel waren der Umzäunungen und Verhaue, zu stark' die pilpuliftischen Festungen, die im Wege standen. Er wuUe. daß inan in der Umgebung! R. Äkiba Egers keinesfalls von irgend welchen Kompromissen würde wissen wollen, wo es sich um ein Gesetz der Thora handelte. Gutmacher war der einzige in dieser Umgebung, der im Mlen den Schmerz des rabbinischen Frauenbeschützers mitfühlie. Sie wurden treue Kameraden, lernten zusammen, führten vertraute Gespräche, hauptsächlich über die Lehre, aber auch ein wenig Über weltliche Dinge. Es kam bisweilen vor, daß sie im Gespräch unwillkürlich!, wie von selbst, auf Fragen der Philosophie und Metaphysik zu sprechen Ulmen, sodann auf eine Untersuchung der Begriffe des Guten und Bösen. Ml das gemeiniglich auf dem reilren Boden der heiligen Thora. Es gab aber auch Stunden, wenn auch sehr seltene, da vvr ihnen gänzlich uuerwartet Probleme auftauchten, auf die sie in der Thora keine Auüvort finden konnten. - Das waren für beide sehr schwere, bittere Stunden. Und mochten sie sich beide noch so abm'ühen, ihnen auszuw eichen, so iviederh ölten sich doch. ähnliche Zufälle immer wieder. Wie ihrer Scheu zum Trotz stießen die Kameraden immer öfter gerade auf die verbotenen Fragen. Bald begann es in den Köpfen der beiden jungen RabbinatsUlndidaten zu gären. Sie fühlten sich unbefriedigt, bedrückt vpn der umgebenden Wirklichkeit, die ihnen zu eng erschien, und Veide zog es -in die-, mrbe-; stimmte Ferne. Bis der Tag kam. da chr chaotischer innerer Drang eure klare Gestalt gewann. Beide beschlossen fortzugehen, und gingen denn auch bald darauf. Aber nicht auf demselben Wege. Zuerst ging der Agunothverteidiger in die weite Welt: dort nahm er mit der ganzen Intensität seiner jugendlichen Seele die europäische Kultur aus und' wurde im Verlaufe der Zeit ein großer Fachgelehrter. Das war der nachmals berühmte Bibliograph und Altertumsforscher, der vieljährige Leiter der Judaica-Abteilung im Londoner British Museum: Josef Z ebner. Auch Gutmacher ging. Wer in eurer ganz andereir Richtung. Er begab sich za sich selbst. Indem er sich von' der Außenwelt gänzlich lossaghe und sich gegen alle äußerem Eirrdpstcke verschloß, konzentrierte er sein ganzes Wesen aus die innere Betrachtung. Hier hoffte er Licht Wjr alle Zweifel zu empfangen, Darin.kam ihm ein unerwarteter Zufall zu Hllfe. Eines Tages erblickte er in der Bücherei von R.. Miba Eger das Buch „Sohar". Ms er es aufschlug, fand.er den Rand fast'aller Seiten mit eigenhändigen Glossen des Meisters beschrieben. Dies fiel Gutmacher besonders auf, weil es verlautete,, R. AMa Eger sei ein-entschiedener Gegner der Kabbala und der Kabbalisten. Schon die ersten Benrerknngen aber zum Sohar überzeugten Gutmacher, daß der Meister nicht allein kein Gegner, sondern ein Freund der Kabbala war. Gutmacher .stand vor' einem Rätsel: wie war e§ zu verstehen, daß der Meister seine SympaMe ünterDMkte und unbdgründete Gerüchte über seine AnschaMngM gewähren ließ? EresuchtedasRätsel -f# zu lösen, daß wohl in der Angelegenheit ein höherer Sinn stecke, den ein gewöhnlicher Mensch mit seinem gewöhrmchen Verstand nicht begreifen könne: - Er erstand ein a^ws Memplar und Ägann mit großem Interesse M leW. Da HvmÄe es ihm mit einemMal hell. Der Sohar - Wochenschrift Nr- 35 erschloßihm neue Horizonte, offenbarte, ihm Strahlen der reinen göttlichen Wahrheit. Im Sohar fand er tzas,' was er so lange entbehrt und gesucht. hatte — GemMs-befreiung. und Seelenruhe. Erst durch den Sohar lernte er verstehen, was Mensch heißt und was-In de heißt. Indem er sich in den Gedankengang des Buches versenkte, wurden seine, Vorstellungen von der gesamter: Weltordnun-g, und von dem Wischen Wesen in: besonderen von Grund ans' verwandelt. Klar erstanden vor seinem Geist Richtlinien fruchjtbringender menschlich-nationaler Arbeit. Jetzt erst' glaubte er zu begreifen, wozu er lebte. . Auf den Gedanken des Sohar baute sich Gutmacher eine mystijche Philosophie auf. Nach dem ursprünglicher: Schöpfungsplan sollte der Mensch das . Ebenbild des Unendlichen sein. Da kan: -aber die Schlange und ver-- leitete ihn'tzUm Ssüjüdenfall. Der Mensch verlor die göttlichen Attribute, das himmlische Licht war dem Verlöschen nahe, das Weltall wollte ins Chaos zurücksinken.' Da erschien der Jude mit seiner Sinailehre, und wieder strahlte, im Menschen die Gottheit ab. Der Jude, die Thora und die Gottheit schmolzen ineinarürer und bildeten eine einheitliche, - untrennbare Substanz. Mer der Satan machte es sich zum Zweck, den Juden in fetit Sündennetz zu fangen, damit die dunklen Kräfte wieder die Herrschet bekämen.- Lange stellte er dem Juden Hindernisse in der: Weg!, aber vergeblich: die Drei-SubstaNz bliÄb vereinig. Der erste Riß in der Dreiheit' war die Sünde um das.gjoldene Kalb. Mer die vierzigjährige Wanderschaft in der Wüste,wardem Juden eir: Schmelztieg'el, in dem seine Seele sich! läuterte; -rein kam sie nach dem Heiligen Lande. Die Dreiheit war hier wieder eins./Israel und die Schechzina vermählten sich unter, dem Himmel des gelobten Landes. Hier. entstand jener Geist, der der Well die großen Propheten, die evslln'Schöpfer' und-'TläAEEmenWichtzr'-WülüW und. allmenschlichjen 'Ethos schenkte. Palästina wurde zun: Bremrpunkte des' Weltalls. Aber die Schechftra wollte die Treue Israels auf die Probe stellen. Der Satan mischte sich ein und brachte den Juden zum Fäll- Der Jude fiel von Stufe zü Stufe. Er verleugnete seine Art, er verriet die Ideale der Thora. Die Schechsna -erzürnte ob des' Treubruchs und verjagte Israel von ihrer heiligen Erde, stieß es von Land Kn Land^ vvn eWr Fremde in die andere. Dek UMermensch berschMnd, es blieb > nichts als', die nackte, in der Unterwelt der Sünde umherirrende jüdische Seele. Soll man diese Lage mit ewiger Verzweiflung betrachten? Hat der Satan wirklüh! schon den vollen Sieg über das Voll Israel errungen? Gibt es' wirllich .keine Rettung mehr für die Wische Seele? Nein! 'Wohl hat ein Glied der Drei-Substanz! sichihr enthoben,- die Schechina. Das zweite Glied aber, die Thora, blieb bei uns; die Thora ist mit uns> im Galuth. sie geht Schritt um Schritt mit :m§'. Wohl ist der Mdische Geist niedergehalten und gebannt, aber seine Funken glimmen noch unter der Asche des' ' Galuth, unb wo 'sich nur ein Fünkchen der Wischen Lehre und Gesittung findet, dorthin muß und wird auch die Schechina kommen: Wenn nicht in diesem Geschlecht, so doch im nächsten, in dem Geschlecht, das ihrer würdig ist. Und sie wird mit. sich die Erlösung bringen. . . . /. ." Wie und wodurch kann das Geschlecht der Erlösung < würdig werden? Dias' hängt eher vom Einzelnem als" von der Gesamtheit M Der EiUelne muß alle seine - Kräfte einsetzen, um seine Seele reinzumachen. - Die- Seele aber kann allein gereinigt w erden durch: Selbst- - *' entäußerung, - durch Hmgckbe an dB Jdeall^'der Thorau und durch Gebete. Je größer die Zahl solchjer - gereinigten ' Seelen/ um so näher ist die Stunde der Erlösung.;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.