Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 35 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, >35 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite' 575 der junge Student zuerst dem Spezialfach der Physiologie unter Anleitung Professor Lxners, später der Dermatologie zu und wurde nicht nur der bevorzugte Schüler Professor Raposis, sondern auch dessen allerorts unerkannter Nachfolger. In beiden Spezialgebieten bereicherte er die Fachliteratur mit bedeutenden Arbeiten; in der letzten Zeit widmtzte er sich unter anderen Arbeiten vornehmlich der Erforschung der Krebskrankheit. Unterdessen war auch feine ärztliche Praxis oft ins Unglaubliche gestiegen und jedem, der sich an ihn wandte, wendete er seine vollste Aufmerksamkeit und Arbeitskraft zu, ohne nach dem Stande und Bezahlung zu fragen. Jeder Patient war für ihn ein individueller Fall, dem er sich ganz «widmete und nicht ruhte, .'bis er die Krankheit vollends erfaßt und geheilt hatte. Nie verdroß ihn die viele Mühe und Arbeit, und er konnte bis spät in die Nacht hinein sich seinen Patienten widmen, vergaß in solchen Momenten ganz auf sich und seine Ruhebedürftigkeit. Den Patienten aus allen Gesellschaftskreisen, von den höchsten bis zu den Mitgliedern der Krankenkassen, war er aber nicht nur Arzt, er war ihnen auch Berater und wußte in anregenden Gesprächen sie ihre Leihen vergessen zu machen, so daß sie vergaßen, daß sie als Kranke herkamen und erfreut auf die ihnen winkende Viertelstunde der Unterhaltung und Behandlung oft geduldig stundenlang im Empfangszimmer warteten. Weder die viele Arbeit und das Studium — es gab kein Wissensgebiet, das ihn nicht anzog, die klassische Antike, die moderne Literatur und die Zeitschilderungen nicht weniger als die neuesten Forschungen auf jeglichem ,Gebiete —, noch die Anerkennung der Gelehrtenwelt des kaum 40 jährigen Universitäts-« Professors ließön ihm jemals feine Abstammung und die altjüdische Faimlientradition vergessen. Wie einst bei seinem Vater an jedem Festtage in patriarchalischer Weise die ganze Familie sich versammelt hatte und auch die in der Fremde studierenden Söhne die Beschwerden der weiten Reise nicht scheuen dursten, liebte es auch der Professor, seine Familie, auch die weitere, an solchen Tagen bei sich zu sehen, um die Tradition wachzuerhalten und seinen Kindern und den jüngeren Familiengliedern eine Erinnerung einzuprägen. Von all der Arbeit suchte der Gelehrte Zerstreuung bei der Bibel, welche sein Lieblingsbuch blieb; sie war ihm die Bibel des Lebens und eine Fundgrube und Anregung zu allem Schönen. Aus ihr suchte er seine Religion im Einklang mit der Moderne zu bringen, mit ihr erklärte er feinen Sozialismus und Zionismus, obwohl er nicht liebte, in politischen Dingen an die Oeffentlichkeit zu, treten; aus ihr schöpfte er seine grenzenlose Liebe zur Menschheit und seine Hoffnung auf dieselbe. Sein Stolz war, es, von großen Hebräern als Vibelkenner geschätzt zu werden, manche ihrer Sätze verteidigte er oft hartnäckig selbst gegen seinen heißgeliebten und verehrten Vater, welcher vom Orthodoxismus zum extremsten. Liberalismus und Sozialismus abgeschwenkt war. Oft ließ er es sich nicht nehmen, auch manchen Patienten, die verzweifeln wollten, ganze Kapitel der Bibel vorzulesen. Sein größter Stolz war aber seine alte Abstammung, und seinem Bruder, den Bukowinaer Landtagsabgeordneten und Wiener Advokaten, ließ er auf dem Leichenstein den Stammbaum in hebräischen Leitern einmeißeln. Das Ideal seiner Zukunft war, eine Verständigung der einzelnen Judengruppen Nach dem Kriege herbeiführen zu Helsen, denn gerade durch die vielen Leiden des Krieges kam leider oft, so klagte er, der Gegensatz und die Ueberhebung der Juden einzelner Gegenden gegen andere viel zu kraß zum Vorschein. Mit unendlicher Liebe hing er an seine Familie, auch im weiteren Sinne, an seine Heimat und . seine von Land und Haus verjagten Maubensbrüder. Schon früher hatten die Bukowinaer stets an ihn einen Freund und Beschützer gefunden, wenn sie Krankheit und Not nach Wien verschülgen, und erst während den Invasionen hatte er. reichliche.Gelegenheit, sich im stillen zu betätigen. Was er unternahm und was er war, das war sein Stolz, war er ganz und bei allem inst seinem ganzen Herzen und Wesen dabei. Nun. hat seinem reichen Wirken der Tod . ein Ziel gesetzt und . an seinem Grabe trauert außer der Familie und den Freunden die Wissenschaft und tausende Patienten und Bukowinaer, sowie die ganze leidende Menschheit, deren Leid in den letzten Jahren sein noch junges Herz mit Weh erfüllt und gebrochen hatte. Tr bleibt in unserem Andenken, als Mensch, Arzt und Jude. Pr. K. Austritte aus dem Judentum vom 26. August bis 1. Sept. Bennisch Walter, Bankbeamter, geb. 3. Juli 1884, Wien, 2. Bezirk, Taborstraße 29. Cohn Otto, Betrkebsassistent, geb. 2. März 1895, Wien, 9. Bezirk. Sechsschimmelgasse 22. . Fein Adohine, geb. 11. November 1896, Boskowitz (Mähren)«, 6. Bezirk, Gumpendorferstraße 109. Grünspan Hans' Josef, Hochschüler, geb. 14. Juli 1896, Wien. 4: Bezirk, Starhemberggasse 39. Grünspan Richard, Student, geb. 15. Oktober 1900, .Wien, 4. Bezirk; Stärhemberggasse- 39. Hetz, geb. Okorvski, geb. 9. Mai 1866, Jglau, 1. Bezirk, Rosenbursenstriaße 8. Hetz Cssar, Kaufmann, geb. 28. Februar 1853, Hainburg, 1. Bezirk, Rosenbursenstraße 1. Hirsch Heinrich, Bürgerschüler, geb.' 22. Mai 1903, Wien. (Laut Zuschrift Rabb. Graz, den 27. August 1917. Int. d. Stadtmagistrat, Klagenfurt.) Hojfer Adele, geb. 17. November 1865, Nagyckikinda (Ungarn), 5. Bezirk, Schönbrunnerstraße 106. Kugek Hans, Exporteur, geb. 15. Februar 1883, Wien, 7. Bezirk, . Schottenfeldgasse 55. Pick Irma, geb. Landau, geb. 6. Februar 1887, Wien, 17. Bezirk. Neuwaldeggerstraße 24. Stolper Tr. Gustav, Schriftsteller, geb. 25. Januar 1888, Wien, 19. Bezirk, Silbergasse 36. Stolper Pauline, geb. 29. Juni 1883, Wien^19. Bezirk, Silbergasse 36._ Feuilleton. Kabln Glfäljrr Girtmachev (1796-1874) Die moderne zionistische Bewegung hatte ihre Vorläufer in einigen wenigen orthodoxen Rabbinen Deutschlands, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von der Wiederaufrichtung Palästinas die Lösung ökonomischer und religiöser Probleme des jüdischen Volkes erhofft haben. Eine der vornehmsten Gestalten unter diesen romantischmystischen Palästinasreunden war Rabbi Eljahu Eutmacher, voy dem im Doppelheft 5/6 des „Juden". Herr S. L. Zitron auf Grund verschiedener historischer Quellen nachstehende Schilderung entwirft.. In seiner svühesterc Jugend war er ein ausgesprochener Mönchstypus; immer abgesondert, immer allein. Von seiner Kindheit an wunderte er in Schlesien von Jeschiwa zu Jeschiwa, überall Thora lernend, überall Gott dienend, sich in der Mo da übend. $Cu? seinen Wanderungen studierte er die Leute, lernte das Leben kennen und bemühte sich, es zu begreifen. Dieses Studium wirkte auf den jungen Gutmacher zwiefach: einerseits machte es ihn weiche und zugänglich für menschliche Leiden, anderseits stieß es ihn von der Menschheit ab. indem er zur Erkenntnis kam, der größte Feind und Bedrücker des Menschen sei niemand anders als der Mensch. Das führte dazu, daß er nicht suchte, Freunde zu erwerben, daß er der Gesellschaft von Bekannten mögflichst auswich, die Einsamkeit liebgewann, die Menschen floh und sich nur mit der eigenen Seele unterredete. Achtzehn Jahre alt, kam Gutmacher nach der Stadt Posen. Dort studierte er auf der Jeschiwa des weltberühmten Rabbi Akiba Eg e r. Rabbi Akiba erkannte gleich beim ersten Gesprächs daß dies kein gewöhnlicher „Wohllerner" von jenem Schlag der Jeschiwajunger war, die er bis dahin zu sehen bekommen hatte. Er machte ihn zu seinem ersten Schüler und erwies ihm besondere Gunst. Die Umgebung von R. Akiba Eger, die voll. Thora, Gottesfurcht und Wohltun erfüllt war» machte aus Gütmacher einen starken Eindruck. Die Kleinstadtrabbiner, die jungen und die alten, denen er in diesem Milieu begegnete,, gewannen ihm Achtung ab durch ihre bescheidene Frömmigkeit und ihre unbegrenzte Menschenliebe.' Mehr als alle anderen zog Gutmacher ein ganz junger und sehr begabter Rabbinatskandidat an. Dieser Kandidat hob sich unter seinen Kollegen dadurch hervor, daß er nicht aufgehört hatte, sich für die schwere Lage der unMcklichen Wischen Töchter, der sogenannten „Agunoth",*) zu interessieren. Das Schicksal voll Tausenden junger verwelkender Fraueuwesen lag dein *) Frauen, deren Gatten sie ohne Ehescheidung verließen und vermißt werden; diese Frauen dürfen keine andere Heirat eingehen, bis sie geschieden werden oder der Tod der Männer authentisch festgestellt wird.