Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Stite 132 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 9 ist und manche wichtige Gedanken enthält, gehörig informiert hat. In dem Werke „Beruria" von Rabbiner Dr. Max Grunwald*) hätte er ein ganzes Ziapitel dem Problem gewidmet gefunden, dabei auch ein merkwürdiges Schreiben des großen Alexander v. Humboldt an einen jüdischen Freund über die Tauffrage. Alexander v. Humboldt schreibt seinem jüdischen. Freunde: „In Betreff nun des zweiten Teiles Ihrer liebenswürdigen Zuschrift tut es mir unendlich wehe, Sie in einem so schweren Seetenkampfe zu wissen, der gl.ich schädlich Ihren Lebenszielen, wie Ihrem menschlichen Bewußtsein fein mutz. Um alles aber möchte ich Sie von dem Schritte abreden, Ihre Religion, noch die mit den Forschungen objettioer Wissenschaft am leichtesten zu vereinbarende, mit der in Ihrem Lande doininierenden Trinitas zu vertauschen. Harren ^-ie aus bei Ihren Brüdern, oie einen so merkwürdigen Märchengang durch die Jahrhunderte vo.laracht haben und jetzt an der Schwelle ihrer Freiheit stehen. Widmen Sie der Geistesarbeit ihrer tausendjährigen Geschichte Ihre Kräfte und Ihren Geist; der Erso-g kann und wird nicht ausbleiden, und die Resultate, di: Sie, junger Freund, aus dem Schachte freier Wissenschaft erringen, werden Sie für so manche trübe Erfahrung der nebelgrauen, vor Ausbruch des lichten Frriheilsmorgens stehenüen Gegenwart trösten und beruhigen. Ich habe die Ehre - zeichnen Ihr gewogener Freund Alexander v. Humbold 1.'° Und noch ein zweites Zitat möge hier aus der Zusammenstellung Tr. Grunwalds angeführt werden: „Das Judentum war und ist zur unwandelbaren Behauptung des reinen Monotheismus berufen. Rur diejenigen Juden können uns fördern, welche sich auf keine Transaktion einlasjen, mit ihrem Gewissen nicht kapitulieren, sondern den heidnischen und scholastischen Elementen des Christentums einen unerschütterlichen Widerstand leisten." So schreibt Geh. Justizrat Prof. Dr. Alb. Friedr. Bcrncr, Judentum und Christentum und ihre Zukunft, Leipzig 1891, S. 30. Gin Krirf aus Mord Werften. An die Redaktion von Dr. Blochs „Wochenschrift": Im Südosten des Caspisees liegt die persische Provinz Mazanderan. Ungefähr 35—40 Kilometer von der Küste entfernt, gegen das Elboursgebirge befindet sich die Hauptstadt der Provinz, B a r f r o u ch e, die zirka 70.000 Einwohner zählt und ülS beoeutendec Handels- und Stapelplatz gilt für alle Karawanen, die von und nach der Meeresküste ziehen. Hier in diesem, abseits von der Welt verworfenen Winkel, in der Stadt Barfrouche, existiert eine alte Iudengemeinde, die eine Vergangenheit von zirka 5—600 Jahren hat und im Umkreise von einigen 100 Km. die bedeutendste jüd. Niederlassung ist. Die Gemeinde zählt derzeit ca. 5OO—600 Seelen und lebt meist vom Kleinhandel, Hausieren in den Dörfern und von Branntweinerzeugung. Handwerk und Ackerbau ist den Leuten fremd. In früheren Zeiten pflegten si: von der hier sehr fanatischen muselmännischen Bevölkerung belästigt zu werden. Es sind einigemale Pogrome oorgekommen, die Opfer an Gut und Blut forderten. Seit dem Umsturz in Persien sind zwar die Juden von dem neuen Regime als vollberechtigt anerkannt, doch hier in dieser Provinz werden die Teheraner Befehle nicht respektiert. Das grotze Wort führen hier die Mullah's (Geistäche), und der älteste von diesen, der Muschtaid (Bischof), befiehlt dem Gouverneur. Unter solchen Umständen hat sich natürlich die politische Lage der Juden nicht gebessert und sie sind nach r:': vor der Willkür der fanatischen und reaktionären Geistlichkeit und Bevölkerung ausgeliefert, wie ein hier am Schluffe angeführter Fall beweist, der sich dieser Tage abgespielt hat. In früheren Zeiten befand sich diese Gemeinde in guten -N'.iLil'.',; Verhältnissen. Noch vor 16—17 Jahren zurück habe .4 '?r: reiche und wohlhabende Juden vorgefunden, die auch V r gebiert waren. Ich konnte mit vielen in der hebrä schen S.»<ach, konferieren. S^ pflegten jüdische Lehrer vom Süden zu beziehen, von? c't Hamedan (Schuschan Habira), dem Sitz der jüdischen Qtl-Ji) :sn, die ihre Kinder zwar schlecht, doch genug leidlich väterlich Sie lernten wenigstens gut beten und verstanden auch ' aenig das Hebräische in ihre Muttersprache, das Persische, zu übersetzen. Nun hat sich seither alles zum Nachteile geändert. Die Gemeinde ist materiell sehr gesunken und in der Folge auch geistig stark zurückgegangen. Die wenigen, etwas besser Situierten, *) Verlag Josef Schlesinger, Wien, I., Seitenstettengasse. sind nicht imstande, für die ganze Gemeinde zu sorgen und können also auch nicht eine gute Lehrkraft unterhalten. Das Lehrerami versieht meist ein hergelaufener Bettl:r voin Süden, der selbst nichts versteht. Da hocken ein Schwarm Kinder in einem schmutzigen Schupfen am Fußboden und der originell: Pädagog in ihrer Mitte und lernen die Gebete hersagen. Was Wunder, wenn da eine unwissende, wi-de Generation heranwächst. Das Amt eines Seelsorgers, der zugleich Schachet und Vorbeter ist, versieht freiwillig ohne Entgelt ein Gemeindemitglied, Mulla Jakob (Rabbi Iakow). Er ist zurzeit der einzige in der Gemeinde, der ein wenig jüdisches Wissen hat, und auch der einzige unter den Juden, der einen söiioen Handel führt mit LanoesK Produkten.. Auf sein Betreiben hin wurde der Bau einer Schule in Angriff genommen, zu dem seltsamerweise auch Musel,nanen bcigesteuert haben, in der Hoffnung, wenn diese errichtet wird, von der „Alliance Israelite" mit einer Lehrkraft versehen zu werden; a.l:in wegen Mangel an Mitteln konnte bis nun auch dieser winzige Bau nicht vollendet werden. Vor zwei Jahren habe ich in Teheran mit dem Leiter der Schule der „Pariser vtluau:c Israelite" gesprochen, ihn auf den Zustand der hie,igen jüdischen Bevölkerung aufmerksam gemacht und ihm ans Herz gelegt, an kompetenter Stelle sich dafür zu verwenden, datz die „Aluance" in Barfrouche eine kleine Schule errichtet, doch ist bi; nun n.chts geschehen. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, datz die „All.ance" Israelite", die hier in Persien, besonders in Teheran, für das Judentum „Großes" geleistet hat, auch sich der Barfroucher Iudengemeinde annimmt. Die hiesige Iudengemeinde hat von uralten Zeiten her zwei Synagogen, aber wie trostlos schaut es auch hier aus. In einem kaum zugänglichen Hof verborgen, stehen di: Gebäude, eher einer Heuscheune europäischer Landwirte gleichend, als einer Synagoge. Rohe, ungetünchte Wände von außen und innen. Anstatt Fenster in den Wänden offene kleine Löcher, ein Schilfrohrdach ohne Plafond, am Fußboden Strohmatten ausgebreitet, oben in der Oftwand eine Vertiefung, die die Bundeslade ersetzt, und nur der Vorhang vor derselben erinnert daran, datz dies ein jüdisches Gotteshaus ist. Weder Tisch noch Bank, bloß in der Mitte ein kleines Podium mit einem Betpult für den Vorbeter und Thoravorleser. Die ganze Gemeinde hockt auf dem Fußboden mit untergeschlagenen Beinen. In Sprache, Kleidung, Sitten und Gebräuchen unterscheidet sich der hiesige Jude in nichts von dem Muselmann. Haar, Haut und Nägel werden so wie bei diesem, mit der Farbe „Herma" bestrichen, di: das Haar schwarz färbt,. die Haut braun una die Nägel rot. Die Frauen gehen ebenfalls ganz verhüllt im „T,chadur" (großes, schwarzes Einhülltuch) und färben sich wie die Männer. Die hiesigen Juden, so auch in anderen persischen Städten, wohnen noch immer in ihrem Ghetto, da die fanatische muselmännische Bevölkerung ihnen außerhalb des Ghetto zu wohnen verwehrt. Da die ganze Stadt vom Schmutze strotzt, kann man nicht erwarten, gerade im Iudenquartier bessere Zustände zu finden, umsoweniger cus 90 Prozent der ganz armen Klasse angehören. Die Wohnstätten (denn Häuser im europäischen Sinne können wir das nicht nennen) der Vermögenden sind für unsere Begriffe schon etwas Unmögliches, geschweige die der armen Klasse. Jede Familie mutz in einem Hof abgesondert sein. Der Reichere umgibt sich mit einer Mauer von Ziegeln, während der Arme sich mit einer Lehmmauer oder Bambuszaun begnügt. Innen im Hofe sind die Wohnstätten. Der Arme chat eine winzige Lehmhütte und der Reichere deren mehrere aus Ziegel, sogar etagige. Das Sonderbarste darin ist, daß die Behausung nur drei Wände hat, ohne Tür und Fenster. Die Vorderwand fehlt und diese ersetzt Tür und Fenster. Die Reicheren haben vorne einen großen Leinwandvorhang, der vor dem Schlafengehen heruntergelassen wird. Mobilar gibt es keines. Am Fußboden Strohmatten, bei den Reichen auch Teppiche. In der Mitte des Raumes ist am Fußboden eine Vertiefung, darin steht ein Mangal (Feuerpfanne), über derselben ist eine große Steppdecke ausgebreitet, die den ganzen Raum überdeckt. Hier im Kreise schläft die ganze Familie und in der Winterzeit, in den kalten Regentagen, hocken sie auch am Tage unter der Steppdecke, wohin ihnen die in' dem Loch stehende Feuerpfanne Wärme zuführt. Wenn man sie fragt, warunr sie ihre Häuser nicht geschlossen bauen mit Tür und Fenster, meinen sie, sie wollen immer die freie Welt sehen. Bei solcher Lebensweise und der schwachen Nahrung ist es selbstverständlich, daß Krankheiten und Sterblichkeit vorherrschen, besonders bei kleinen Kindern. Hauptnahrungsmittel ist Reis. Der Arme genießt ihn trocken oder mit ein Stücken Rettich, init saurer Milch gilt schon als Leckerbissen. Der Reichere erlaubt sich schon ein oder zweimal in der Woche ein Huhn, besonders am Sabbat. Rinds- oder Schaffleisch können Juden sich nicht erlauben, da, wenn solches sich nach dem Schlachten als rituell „trefe" herausstellt, es dann kein Mensch kauft und vergraben werden mutz. Der Muselmann kauft keine Lebensmittel, die ein Jude berührt. Hie und da tun sich mehrere Familien zusammen und schlachten ein Schaf, aber auch das nur vor den Feiertagen.