Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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>Kr. 9 Dr. Btochs Wochenschrift. Weite 133 Die Religiosität der hiesigen Juden steht auch aus einer niedrigen Stufe. Es herrschen bei ihnen verschiedene Gebräuche, die mit der jüdischen Lehre nichts gemein haben und eher von den Heiden herstammen. Die krasse Unwissenheit, die Unkenntnis der jüdischen Lehre und der jüdischen Vergangenheit bringt es mit sich, daß schon mehrere zum Islam übergetreten sind. Auch das Passahfest macht bei den hiesigen Juden keinen besonderen Eindruck. Man ißt die alltäglichen Speisen, den Plow (Reis) und nur die Reicheren bereiten etwas „Mazza" vor und laden die Aermeren zum „Seder", wo ein jeder ein Stück „Mazzo" zu kosten bekommt. Das Familienleben der hiesigen Juden gleicht dem der Muselncannen, mit Ausnahme, daß'die Frauen der letzteren hie und da an religiösen Zeremonien teilnehmen, während die jüdischen Frauen davon ausgeschlossen sind. Es gibt überhaupt keine Frauenabteitung in der hiesigen Synagoge, da die Frauen durchwegs Analphabeten sind. — Die jüdische Frau spielt in der Familie eine untergeordnete Rolle; sie versieht die Wirtschaft und hat sich um das Tun und Lassen des Mannes nicht zu kümmern. Eine hervorragende Roll; ist ihr nur eingeräumt bei einer Totenfeier, wo sie die Klagelieder vorträgt. Das Heiraten wird dem Juden hier schwer genug gemacht. Frauen gibt es hier weniger als Männer, infolgedessen bleiben auch viele Männer unverheiratet, und das ist der Grund, daß die Gemeinde seit Jahren her sich nicht vermehrt, nur eher abnimmt. Wenn der Mann heiraten will, muß er sich zuvor ein Haus bauen. Inwohner gibt es nicht, jede Familie muß einen abgesonderten Hof haben. Der Vater der Braut bemüht sich, die Hochzeit immer zu verzögern, um von dem Schwiegersohn irgend welche Vorteile zu erhaschen. Es gibt da Mädchen, die schon über zehn Jahre verlobt sind und das dreißigste Jahr schon überschritten haben und dennoch zögert ihr Vater mit der Hochzeit. Er will vom Schwiegersöhne noch welche Vorteile erzwingen. Sollte der Mann von der Partie zurücktreten, dann kriegt er überhaupt in keiner Familie ein Mädchen. Die ganz armen Leute bleiben unverheiratet. Den Gottesacker (Friedhof) haben di; Juden außerhalb der Stadt auf einem freien Felde. Er darf nicht umzäunt werden. Die Gräber müssen aber festgestampft werden und darf kein Hügel das jüdische Grab kennzeichnen, geschweige denn ein Grabstein oder sonstiges Zeichen. Haben sie je versucht, einen Zaun anzulegen oder das Grab kenntlich zu machen, dann wurde es sofort von der fanatischen Horde zerstört. Es pflegten sogar Totenschündungen vorzukommen, die Gräber wurden aufgerissen und die frisch beerdigten Leichen hinausgeschleppt. Niemand ist imstande, die Fanatiker zu richten, wenn di; Mullahs das große Wort führen. Vor einigen Tagen am Abend haben zwei betrunkene Muselinannen vor den Mesched des Musahtaid (Oberpriester) Skandal gemacht, indem sie aus einem Revolver blinde Schüsse abfeuerten. Als sie von den Leuten des obgenannten verfolgt wurden, flüchteten sie in das jüdische Ghetto und von dort verschwanden sie. Der „Muschtaid" sandle zum Gouverneur um die Häscher, und begleitet von einer hundertköpfigen Menge, haben sie ein jüdisches Haus überfallen und das Familienoberhaupt unter ortsüblichen Mißhandlungen ins Gefängnis weggeschleppt. Daß nicht das ganze Iudenviertel geplündert wurde, ist einem besonderen Glücke zuzuschreiben. Gleich nach dieser Begebenheit begab stich der Rabbiner „Mulla Jacob" zum „Muschtaid" und hat versucht, ihn ins Gewissen zu reden, er soll: den unschuldigen Juden freigeben, er könne doch nicht büßen für muselmännische Missetäter; der „Muschtaid" erwiderte, die Juden sollten ihm die Missetäter bringen, die sich wahrscheinlich in ihrem Viertel versteckt hätten und dann erst wollte er den Juden freigeben. Natürlich wußten die Iudeic von nichts, der Eingesperrte mußte in dem schmutzigen Gefängnis bis zum folgenden Tags verbleiben. Erst über Intervention des hier amtierenden belgischen Steuerbeamten beim Gouverneur wurde der Mann freigelassen. Interessant ist, daß der Vorgänger des jetzigen Muschtaid, sein Vater nämlich, als er vor drei Jahren von den Revolutionären am Leben bedroht war, zu den Juden flüchtete, bei ihnen verborgen war und diese ihm in Frauenkleidern zur Flucht verholfen haben. So wird den Juden hier und überall Gutes mit Schlechtem vergolten. In dieser Provinz (Mazanderan) gibt es außer Barfrouche keine Iudengemeinden; dagegen etwa 30 Kilometer von hier, landeinwärts, ist ein großes Dorf, „Kio-Kale". Die Einwohner dieses Dorfes, rechtgläubige Muselmannen, sind alle Iudenstämmlinge. Vor einigen hundert Jahren, unter der Regierung des Schah Abbas, wurden sie von den Mullahs und der Bevölkerung zum liebertritt gezwungen. Trotzdem Hunderte von Jahren seither verflossen sind, haben sie ihre Abstammung nicht vergessen. Sie sind stolz daraus, von Juden abzustammen und brüsten sich bei jeder Gelegenheit damit. Wenn ein Jude dahin kommt, wird er mit herzlicher Gastfreundschaft ausgenommen, der Arme sogar gut beschenkt. Es gibt da alte Leute, die am Sabbat nicht arbeiten wollen. Auch der Typus ist ein rein jüdisch-semitischer, und wenn diese nicht vor der muselmännischen Bevölkerung Angst hätten, würden sie noch heute zum Judentum zurückkehren. Unweit vom Meeresufer liegt ein Dorf „Farchabad". Auch da finden sich von jener Zeit her viele Iudenstämmlinge, die ihre Abstammung nicht vergessen und nur zum Judentum Hinneigen. In der Stadt Astrabad, der Hauptstadt der benachbarten Provinz Astrabad, war einst eine Iudengemeinde, doch von der ist keine Spur mehr vorhanden; bloß in der Nähe im Walde findet sich eine Ruine der einstigen Synagoge, die mit einer Sage vertnupft ist, nämlich, daß dort an jedem Sabbat Abend Licht bemerkt wurde. Ich erkläre mir diese Sage damit, daß wahrscheinlich von gehermen Juden. an jedem Sabbat Lichter zum Andenken dort angesteckt wurden. Im Süden, 130 Kg. von hier, im Elbourgebirge, am Fuße des riesigen Gletschers „Demolvent", liegt die gleichnamige Stadt Demavent. Auch diese Stadt hat eine alte, aber kleine Iudengemeinde. Derzeit zählt sie zirka 200—220 Seelen. Sitten, Ge bräuche und Lebensweise sind so wie hier. In kultureller Hinsicht stehen sie zwar auch nicht viel höher als die Barfroucher Juden, doch die Nähe von der Hauptstadt Teheran (70 Kilometer nördlich), der rege Verkehr mit dieser, bringt es mit sich, daß sie materiell und geistig eine bessere Stellung einnehmen. Dort pflegt ein jüdischer Gelehrter, Talmudist, das Seelsorgeramt zu versehen; gilt auch als sehr unterrichtet. Eine allgemeine Schule tut auch dort not und ist zu wünschen, daß die „Alliance Israelite" in ihrem großen und edlen Bestreben, die verstoßenen, in Finsternis vegetierenden Juden als geistig vollwertige Menschen dem Judentum zuzuführen, auch dieser unglücklichen Splitter des jüdischen Vocksstammes sich erbarmend annimt. Barfrouche, im Jänner 1914. * * S. Hoschander. * Nachschrift der Redaktion! Vorstehender Art.kel ist uns per Post aus Nord-Persien in Begleitung eines hebr. Schreibeus des Herrn Rabbi Mulla Jacob aus Barfrouche zugekommen. IDom 3abrmark£ des Lebens. Vorläufiges Ende des Streites über das Technikum. Ueber die in der letzten Sitzung des Kuratoriums iu bezug auf das Technikum gefaßten Beschlüsse kommt uns nachstehende Meldung zu: Den Mitgliederlt des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung iit Palästina «Tech nikum Haifa) lagen in ihrer Sitzung am 22. Februar 1914 die Empfehlungen der amerikanischen Kuratoren vor. Auch auf Grund dieser Empfehlungen lvar es nicht möglich, zu einer Einigung über die Realschule zu ge langen. Um nicht das ganze Werk zu gefährden, wurde beschlossen, den Hauptstreitgegenstand zu beseitigen und von dem Plane, dem Technikum eine Realschule vorzu gliedern, überhaupt Abstand zu nehmen. Für das Technikum selbst ivaren größere Differenzen von vorneherein nicht vorhanden, da nach Lage der Verhältnisse in der ersten Zeit für die eigentlichen technischen Fächer eine andere als die deutsche Sprache nicht in Frage kommen konnte. Es wurden mit Bezug ans das Technikum unter ander e m bei Anerkennung der amerikanischen Empfehlungen als Grundlage folgende Beschlüsse gefaßt: § 1. a) Gleich von Anfang an werden Mathematik und Physik in hebräischer Sprache unterrichtet. b) In neu abzuschließenden Verträgen mit Lehrern wird ein Passus ausgenommen, laut dem sie sich verpflichten, vier Jahre nach ihrer Anstellung das Hebräische zu beherrschen. c) Nach Ablauf des ersten vierjährigen Kursus am Technikum wird das Kuratorium in Beratung treten, welche Gegenstände nach der derzeitigen Entwicklung der hebräischen Sprache und der hebräischen Unterrichtsmittel der hebräischen Sprache überwiesen werden können. § 2. Bei Anstellung von Lehrern müssen sämtliche Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses befragt werden. Die Entscheidung fällt mit Majorität. § 3. Ins Kuratorium werden statt der drei ausgeschiedenen Mitglieder drei andere Zionisten kooptiert, von denen zwei dem geschästsführenden Ausschuß angehören.