Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 191 zuruft, das Erzeugnis „eines beschränkten, habgierigen Pfaffen" geschmäht werden darf? Hat sich das Judentum im Laufe der Jahrtausende als kulturfördernder oder kulturhemmender Faktor bewährt? An die Beantwortung solcher Frage wagt sich unser Autor nicht. S. 134 zitiert er L. Beaulieu: „Der Jude habe immer den Geist über alle andercnn Fähigkeiten gehoben, deshalb seine große Intelligenz, die jeder, der viel mit Juden verkehrt, zugeben müsse. Sein Verständnis für das „Reale", seine Bewunderung für die Wissenschaft, den Gelehrten, geben ihm einen Vorsprung gegen viele arische Völker." Es wäre nun naheliegend, der Frage nachzuspüren, woher speziell diese Hochschätzung des Wissens bei den Juden? Seine semitische Abstammung teilt er mit dem Araber, den Türken und anderen Völkern des Orients. Somit verdankt der Jude seine spezifischen Qualitäten der 3000jährigen zivilisatorischen Zucht seiner Religion, welche unablässig den Bildungstrieb anspornt, zum Studium ermuntert, und das Wissen und die Erkenntnis als das höchste Gut preist. Seine Stellung zum Judentum definiert der Verfasser S. 27: „Der gebildete Jude kann sich heute unmöglich mehr mit den alttestamentarischen Wundergeschichten absinden. Die Wundererzählungen sind jedoch derart innig und unzertrennbar (?) mit allen Lehren und Grundgedanken des Alten Testamentes verwachsen, daß weder eine Scheidung derselben vom Wesen der Lehre, noch Außerachtlassung derselben, um eine rationalistisch-philosophische Reinigung des Wesens der jüdischen Religion durchzuführen, je möglich sein wird. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: entweder man trachtet, wie es die katholischen gläubigen Theologen tun, die wörtliche Wahrheit, Geschichtlichkeit der Wunder zu beweisen, oder man verwirft die Wunder als Mythen und poetische Erfindungen einer durch ihre natürliche Weltanschauung im Kindesalter stehenden Zeit. In diesem Falle sind aber auch alle mit den Wundern verfirüpften, durch diese Wunder begründeten und bezeugten Lehren und Bestimmungen nichtig." Wo und wann hat das Judentum die biblischen Wundererzählungen derart in das Zentrum gerückt? Wo hat es je ein jüdisches Konzil oder eine Rabbinersynode gegeben, welche den Glauben an die Wundererzählungen als Voraussetzung für die ewige Seligkeit des Juden erklärt hätte? Innerhalb der jüdischen Theologie wird den biblischen Wundern keinerlei entscheidende Bedeutung beigemessen, und einer der Autoren des Talmuds wagte den Ausspruch: „Mose ist nie in den Himmel emporgestiegen, ohne daß der Urheber dieses Satzes an seiner Seele Schaden genommen. Dr. Blum trägt auch hier christliche Auffassungen in das Judentum hinein." Nur vom Neuen Testament gilt das Wort des Universitätsprofessors Dr. G. Reinhold in Wien, in seinem streng katholischen Werke: „Der alte und der neue Glaube": „Dieser Gesichtspunkt nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Wunders, ist in der Tat die Stelle, wo die Entscheidung über das, was der geschichtliche Jesus war, grundgelegt ist und wo der Unglaube sich vom Glauben trennt. Ist das Wunder unmöglich, so sind die Evangelien ein ungenießbares Sammelsurium von unglaublichen und unmöglichen Geschichten. Ihre Verfasser sind dann Ignoranten oder unaufrichtige Tendenzler, Jesus selbst, entweder der ihnen zwar geistig weit überlegene und persönlich edle, aber doch mitten in den Vorurteilen seiner Zeit steckende Charakter oder aber ein phantastischer Schwärmer, der über sich selbst nicht im klaren, Hoffnungen erregte, die er nicht erfüllen konnte, die ganze Geschichte des Christentums und speziell der römisch-katholischen Kirche, ausgebaut auf Wahn und Irrtum." Dieser Gedankenganng ist natürlich auf Grundlage der katholischen Glaubenauffassung, deren Mittelpunkt die Gestalt des „Gottessohnes" bildet. Das Christentum ist unzertrennlich von der Bedeutung der Person Jesu. Das Judentum hat nie und nimmer irgend eine Persönlichkeit zur zentralen, alle Seligkeit allein ausstrahlenden Gewalt erhoben, selbst Moses war ihm nur ein sündiger Mensch, sein Grab kennt keiner, damit soll der Versuchung begegnet werden, mit dem Grabe einen Kultus zu treiben. Das biblische Schrifttum zeichnet uns große Menschen, allein mit menschlichen Gebrechen, das Neue Testament ist das Hohelied des Mensch gewordenen Gottes. Friedrich Nietsche sagt an einer Stelle: „Im jüdischen „Alten Testament", dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schrifttum ühm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleivseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich, wer selost nur ein dünnes, zahmes Haustier ist und nur Haustierbedürfnisse kennt (gleich unseren Gebildeten von heute, die Christen ves „gebilderen" Christentums hinzugenommen), der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrüven - der Geschmack am Alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht aus „groß" und „klein": vielleicht, daß er das Reue Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in ihm ist viel von dem rechten, zärtlichen, dumpfen Betbrüder- und Kleinen-Seelen- Geruch). Dieses Reue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks in jedem Betracht, mit dem Alten Testament zu einem Buch zusammengeleimt zu haben, als „Bibel", als „das Buch an sich": das ist vielleicht die größte Verwegenheit und „Sünde wider den Geist", welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat.' Ein ausführliches und inhaltsreiches Kapitel widmet unser Autor dem Christentum, um den Nachweis zu führen, daß seine Glaubenslehren und seine Weltaussassung die Ursache bilden, daß sich die „gebildeten Juden" nicht zur Taufe drängen. Daraus einzugehen, ist an dieser Stelle kein Anlaß. Tie Argumentation trifft mit einer alten Bemerkung des Philosophen Eduard von Hartmann zusammen, Eduard v. Hart m a n n sagt, daß die christliche Dogmatic es einem gebildeten Juden, der es mit der Wahrheit ernst nimmt, unmöglich macht, die christliche Religion anzunehmen. „Sollte das Christentum jetzt seinen Eroberungszug durch Europa antreten, so würde der Widerstreit zwischen der modernen Weltanschauung mit ben Grundlehren der Religion ihm unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen." . Richtige Bemerkungen enthält das Buch über die moralische Minderwertigkeit der Fahnenflüchtigen, welche Christen und Juden gleich unsympathisch und gleich verdächtig sind. Renegaten waren seit je gering gewertet, und schon, die alten Kirchenväter hatten von solchen „Bekehrten" eine geringe Meinung. So klagt der heilige Augustin: „Der eine wird Christ, weil sein Dienstgeber es befiehlt, der andere, weil er durch den Bischof einen Prozeß zu gewinnen hofft, der dritte wünscht eine Anstellung, ein vierter erhält dadurch eine reiche Frau." Schmerzerfüllt betrachtet Augustin diesen Tatbestand. lieber die „Konfessionslosigkeit" sagt der Verfasser S. 150: „Bei dem Juden wird Konfessionslosigkeit immer nur als verschämter, heimlicher Annäherungsverfuch an das Christentum ausgelegt. Auch die Erfahrung zeigt, daß die Konfessionslosigkeit niemals mehrere Generationen hindurch standhält, sondern unfehlbar in das Christentunl übergeht, so daß sie schließlich nur als Vorbereitungsschritt zur Taufe erscheint und meistens auch ist." Der Verfasser schreibt an einer Stelle: „Es ist ja überhaupt überraschen-, wie wenig der intelligente Jude über das Wesen des Judentums weiß und was für eine geringe Rolle die religiösen Probleme und Vorstellungen in seinem Leben spielen." Weit überraschender scheint uns, daß jemand, der über die „Tauffrage" schreibt, sich nicht über die betreffende Literatur, die bereits umfangreich