Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 017 Herzen und macht einen Jndifferentismus gegen ihre Ehre zur Anmöglichkeil. Nur böse Willkür kann sie verdächtigen. .Die Jüdin von Toledo ist ebenso wenig wirkliche Jüdin, wie Shylok im Kaufmann von Venedig je wirklich Jude gewesen ist. Shakespeare hat diese unsaubere Rolle einem Juden aufgehalst, obwohl eigentlich der gut christliche Gläubiger Paula Maria Secchi es war, der darauf bestand, daß ihm sein jüdischer Schuldner Simon Ceneda für das ihm geliehene Pfund Gold ein Pfund seines Herzensblutes hergebe (cf. Schmiedl, Sansinim zu Aclire motii). Beiden, Shakespeare und Grillparzer, fehlte eben mehr oder weniger die Objektivität, wenn es galt, die Menge zu ergötzen, bezw. wenn es sich um Juden handelte, und der absolute Rechtssinn eines Lessing war ihnen nicht eigen. Auch Schiller, der deutsche Lieblingsdichter der Juden, war nicht ihr Freund. Gleichwohl mag sein Wort den jüdischen Mädchen und Frauen zum Tröste gereichen: „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen, Und das Erhaben in den Staub zu ziehn; Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen. Die für das Hohe, Herrliche entglühn. Den lauten Markt mag Momus unterhalten; Ein edler Sinn, liebt edlere Gestalten." (DaS Mädchen von Orleans.) Denn wahrlich!, es fehlt auch nicht im Lager der Christenheit an edlen Rittern, die mit ihrem blanken Schild die Ehre der Jüdin und die jüdische Sittlichkeit gegen Verunglimpfung zu verteidigen bereit sind. Es sind ihrer allerdings wenige. Allein: „Wa, s?st die Mehrheit? Mehrheit ist der Ansinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen", sagt der Lieblingsdichter der Juden. Schließlich: Woher hat das jüdische Volk seine Zähigkeit? Wir glauben: Nicht so sehr in der Rasse, auch nicht in der Geldmacherei und Akklimatisationsfähigkeit liegen die starken Wurzeln der Kraft unseres Volkes, sondern — nächst der Religion — in beirr Keuschheit und Sittlichkeit seiner Mädchen und Frauen. War je das jüdische Volk krank, blutete es aus tausend Wunden, seine Frauen waren die Aerztinnen, die ihm den heilsamen Trank bereiteten, sie die Pflegerinnen, die an seinem Krankenbette wachten und die Gesundheit ihm Wiedergaben. Wer keine Frau hat, so meinen einige Talmudlehrer, ist ohne Glück und Hilfe, ohne Freude und Segen, ohne Frieden und sogar ohne Leben. Die jüdischen Männer haben in den grausigsten Leidenszeiten nie verzagt, weil sie immer Frauen hatten, die sie zum Ausharren ermunterten und ihnen in allen idealen Bestrebungen getreulich zur Seite standen, sie förderten und zu allem Guten anspornten. Das jüdische Volk ist stolz auf seine Mädchen und Frauen, denn sie sind die Verkörperung des Bibelsatzes (Prov. 18, 22): „Wer ein braves Weib gefunden, hat einen Schatz gefunden und wird Wohlgefallen erlangen vor dem Ewigen." Max Grunwald: „Samuel Oppenheimer und sein Krei s.“ (Ein Kapitel aus der Finanzgeschichte Oesterreichs.) Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1913. Die historische Kommission der israelitischen Kultus - gemeinde in Wien hat sich durch diesen neuen (fünften) Band ihrer „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutschösterreich“ ein bedeutendes Verdienst um die Ei’kenntnis der österreichischen Wirtschaftsgeschichte erworben und dem Verfasser ist durch Verleihung eines Preises für seine mühevolle und aufschlußreiche Arbeit eine Ehrung zuteil geworden, der jeder objektive Beurteiler gerne beistimmen wird. Das Buch Grunwalds bedeutet aber noch mehr als eine bloße Bereicherung der österreichischen Finanzgeschichte und der Geschichte des Judentums in Oesterreich; es ist ein schätzenswerter Beitrag zur Erkenntnis der Großmachtbildung Oesterreichs. Denn Samue, Oppenheimer, dessen Person und Geschäfte das Hauptinteresse in Anspruch nehmen, war der bedeutendste „Hoffaktor Kaiser Leopolds I„ und er hat als solcher nicht allein dem Kaiserhofe immer wieder reichliche Geldmittel und allen möglichen sonstigen Bedarf geliefert, er ist auch der nie versagende Lieferant der Armee und der größte Bankier und Gläubiger des Staates gewesen. Ohne seine Wirksamkeit wären die Kriege gegen Ludwig XIV., die Türkenkämpfe, der spanische Erbfolgekrieg tatsächlich zeitweise gänzlich ins Stocken geraten. Die Geschichte seiner Familie, die lange Leihe seiner geschäftlichen Transaktionen -bis zum Einbruch des Pöbels in sein Haus und zum Tode Samuels (1703) hat Grunwald auf Grund eines äußerst umfangreichen Aktenmaterials, das größtenteils im Hofkammerarchiv ruht, zum erstenmal aufgerollt. Das Urteil über Oppenheimer, dessen ganzes Wirtschaftsleben aui Kredit aufgebaut war und der, „jahrelang am Abgrunde taumelnd“, vor den kühnsten Spekulationen una vor offen* sichtlicher Benachteiligung des Staates, namentlich in den. Armeelieferungen, nicht zurückschreckte, hätte vielleicht schärfer gefaßt werden können, als es der Verfasser getan hat. Immer aber wird man den Wagemut Oppenheimers und die erstaunliche Ausdehnung seiner Unternehmungen imponierend finden müssen. Unter den vielen Bankiers und Händlern, die in Grunwalds Werk noch auf treten, kommt Simson Wertheimer, dem Hofbankier Kaiser Karls VI., einem gediegenen und vorsichtigen Fiuanzmami, die erste Stelle zu. Diese wenigen Zeilen mögen genügen, um das Interesse weiterer Kreise auf Grunwalds sehr beachtenswerte Leistungen zu lenken. Universitätsprofessor Heinrich Ritter v. S r b i k. (»Neue Freie Presse« vom 7. Dezember 1913). Archiv für jüdische Familienforschung. Kunstgeschichte und Museumswesen. Wien, 111., Estegasse 7. Jährlich 6 Hefte, Abonnement K 8.—. D e Wichtigkeit der Familien! »rschung für viele Gebiete der Wissenschaft zeigt sich immer deutlicher, daher ist es als «roß r Fortschritt zu betrachten, daß von nun an ein eigenes Organ für jüdische Familienforschung gegründet wurde. In dem Geleitworte wird darauf hingewiesen, daß vor al em die jüdische Geschichtswissenschaft von einer eingehenderen B-schä!i ung mit der Genealogie viel Aufs hlüsse zu erwarten habe, umsomehr,, da David Kaufmann, der die exake genealogische Forschung wieder zu Ehren brachte, Schulgemacht hat und es unter den heutigen jüdischen Historikern schon manche gebe, die Wertvolles auf diesem Gebieie leisten. Die nee Zeitschrift soll nicht nur das einschlägige M terial sammeln und veröffentlichen, sondern auch die Bearbeitung dieses Rohstoffs in Angriff nehmen; insbesondere soll die für das Problem der Leben-fä-igket des Judentums so wichtige Frage der Mischehe und der In zucht eingehend erörtert werden. Ferner wird auf die großen Verluste hingewiesen, didas Judentum durch zwangsweisen und freiwilligen Abfall im Laufe der Jahrhunderte erlitien ha'. Die Nachkommenschaft solcher Täuflinge — wenigstens für die letzten 2—30<> Jahre — zu ermitteln und in Evidenz zu führen, ist trotz vielfacher Schwierigkeiten möglich und eine dankenswerte Aufgabe der Familienforschung. Vor allem können wir dann mit wissenschafilicher Genauigkeit feststellen, ob und welchen Verlust das Judentum durch den Abfall erlitten hat, wenn man sich die Le stungen der Convertiten und ihrer Nach; ommenschaft vor Augen hält. Und we ter versprechen wir uns von dieser Evidenzhaltung der Täuflinge auch einen heilsamen Einfluß auf diejenigen, die heute auf dem Sprunge zum Abfall stehen. D nn gar mancher wird erkennen, daß seine Absicht, für sich und seine Nachkommen dem Judentum zu entrinnen, vergeblich ist, da die genealogische Forschung diese Absicht vereiteln kann, wie sie es bei den Marannen früherer Zeiten getan hat. Das »Archiv« bringt auch Aufsätze über Kunstgeschichte und Museumswesen, so daß nebst den Kunstliebhabern auch die jetzt schon zahlreichen jüdischen Museumsgesellschaften viel Förderung dadurch erfahren werden Dem Herausgeber ist es gelungen, die bedeutendsten Fachgelehrten als Mitarbeiter zu gewinnen. In Nr. 1 veröffentlicht Dr. Max Grunwald einen Aufsatz zur Geschichte der Familie Teixeira, sowie eine Desceudententafe.l der Familie Isak Wertheimers. In Nr. 2 t-ilte Doktor Bernhard Wachstein das Testament der Baronin Leonore Wetzlar mit, die als einzige ihrer Familie dem Judentum treu blüh und es wohl verdient hätte, daß man heuer, di sich ihr Todestag zum hundertstenmaljährt, ihr Andenken öffentlich geehrt hätte. Ihre und ihres Gatten Karl Abraham Freiherrn v. Wetzlar sämtliche Nachkommenschaft festzustellen, wird in einem anderen