Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 391 Frau Wottitz und Frau Jda Frankl; b) Verteilung: die Damen F. Ratzersdors, Mina Fischer, Etelka Neurath und Herr Philipp Mayer; Kinderfürsorge: Oberleitung: die Damen Frau Primarius Dr. Jakob Fischer, Regine Samek, Eduard Adler mxb Anna Äufflec; Beaufsichtigung der Verköstigung: die Damen Frau Agnes Tausch, Frau Wasseroogel, Frau Dr. Somogyi, Fr. Adolf Brüll, Frau Dietz und Frau Dr. Samu Fischer, Jnspektorin Fr. Lina Herzfeld, Dir. Rübner und Rosa Schlenger; Schriftführerin: Frau Rosa Fleiichmann. Dieses unter Mithilfe des Revisors Herrn Mar Stein sozusagen über Nacht entstandene Hilfskomitee bewährte sich gleich am ersten Tage, als der Andrang der Hilfsbedürftigen am heftigsten war, so ausgezeichnet und zeigte sich allen Anforderungen gewachsen, daß die städtische behördliche Wohlsahrtskommission dasselbe als offizielles und selbständiges Organ der Hilfsaktion ekklärte, und es genießt das allgemeine unbedingte Vertrauen nicht nur der auf die Hilfeleistung angewiesenen Bevölkerungsschichten, sondern auch der Spender, was sich in dem unausgesetzten Zuströmen von Gaben an Wäsche, Kleidern und sonstigen Gebrauchsgegenständen sowie Lebensmitteln kundgibt. Die Verteilung der Naturalgaben geschieht ohne Unterschied der Konfession. — Da die weitaus überwiegende Zahl der Abbrändler (mehrere Tausend Seelen) der armen jüdischen Klasse angehört, welche durch die voraussichtliche Demolierung eines Teiles des Judenviertels auch der Kaufläden und sonstigen Erwerbsmöglichkeiten beraubt werden wird, tut weitere möglichst intensive Sammlung von Geldspenden und Naturalgaben aller Art sehr not. Dieselben werden in den Preßburger Lokalblättern sowie in den jüdischen Zeitungen dankend ausgewiesen und quittiert. * * * In seiner Predigt von Samstag, den 24., im großen Tempel der Leopoldstadt hat Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald einen warmen Appell an die anwesenden Gemeindemitglieder gerichtet, das Hilfswerk für die durch Brandunglück in sJlot geratenen Glaubensgenossen der altberühmten Prehburger Gemeinde kräftig zu fördern und zu unterstützen. Aus Baden wird uns gemeldet: Kaum wurde die verheerende Brandkatastrophe in Preßburg hier bekannt, als der Präsident-Stellvertreter der Badener ist. Kultusgemeinde, Herr Sigmund Rausnitz, — der Präsident Herr Moriz Lettner ist beurlaubt und verreist — den Kultusausschuß ad coe zu einer Sitzung einberies, der auch Se. Ehrw. Herr Robb. W. Reich zugezogen wurde. Die Ansprache, die derselbe an den Ausschuß richtete, gipfelte in der Aufforderung, sich kräftigst an der Hilfsaktion für die Abgebrannten zu beteiligen, was eine ungeteilte Zustimmung bei den Anwesenden auslöste. Die Mitglieder des Ausschusses zeichneten sofort insgesamt 250 Kronen, von der Chewra-Kadischa und dem israel. Frauenverein wurden ie 100 Kronen und von der Kultusgemeinde selbst 300 Kronen gewidmet. Zur Realisierung der Hilfsaktion wurde ein Hilfskomitee aus der Mitte des Anschusses und der Gemeindemitgtieder eingesetzt, das sich am 22. Mai konstituierte und eine Erekuttoe aus den Herren Rabbiner W. Reich, Obmann, Moriz Lettner, Sigmund Rausnitz, Anton Schneider, Simon Mandl und Schriftführer I. In,cid einsetzte, welche sich als permanent erklärte, um die Hilfseinnahmen aufs kräftigste zu fördern. Am Samstag beim Mufsafgedete hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner W. Reich eine flammmde, herzergreifende Predigt, in welcher er nicht nur das Eiend der abgebrannten Glaubensgenossen in Preßburg schildere, sondern auch von der weithin berühmten Jeschiwa dortselbst sprach, deren Lehrhaus niedergebrannt daliegt und die zahlreichen Thorajünger obdach- und mittellos umherirren, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollen. Die Anregung des Rabbiners fiel auf fruchtbarem Boden und in den folgenden Tagen wurden von allen Schichten der Kultusgemeinde größere und kleinere Beiträge gezeichnet, die in Summa ein für die Badener Judenschaft würdiges Zeichen ihrer Mildtätigkeit ausprägte. Auch in Marienbad hat Herr Rabbiner Doktor Diamant in der Synagoge vor einem zahlreich versammelten Kurpublikum eine inhaltsreiche Predigt gehalten, in deren Verlauf er das ungeheure Brandunglück der Preßburger Judengemeinde schilderte und zur Unterstützung der verunglückten Abbrändler aufforderte. Unter dem Eindruck der Predigt wurde unter den Kurgästen eine Sammlung eingeleitet; ebenso sollen die Tempelspenden vom nächsten Sonnabend diesem Zwecke zugesührt werden. Das Preßburger Ghetto. Nicht viele unserer Leser, selbst jene, welche die Stadt Preßvurg gesehen haben, kennen auch die jetzt abgebrannte Schloßgasse, unter deren Namen sich die alte „Judengasse" verbirgt. Nur sehr wenige dürsten sie in — wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf — ihrer Glanzzeit gesehen haben, als sie noch den Charakter der räumlich und sozial strengen Abgeschlossenhell trug. Und nur einzelne Fach-Historiker, Spezialisten aus diesem Gebiete, sind mehr oder weniger in Kenntnis der Geschichte dieses Stückes einer untergegangenen. der heutigen Generation ganz fremden Welt, Nun hat gerade dieses Preßburger Ghetto in letzterer Zeit seinen Geschichtsschreiber und Saiilderer gefunden. Siegmund Mayer nämlich hat seiner interessanten, viel gelesenen und viel besprochenen Autobiographie *) dieses Ghetto als Einführung vorausgeschickt, deren Inhalt wir hier, in Kürze zusammengefaßt, wiederzugeben versuchen wollen. 2m Mittelalter bis in das 16. Jahrhundert hinein saßen die Juden in der inneren Stadt, in der an der Bastei sich hinziehenden Hutterer-, heute nach dem bekannten Kompositeur, einem Preßburger Kinde. genannten Hummelgasse. Sie hatten damals, wie ihre Glaubensgenossen in fast ganz Europa, eine mehrhundertjährige schwere Leidenszeit hinter sich; vom Ausgange imb Zerfalle des römischen Kaiserreiches bis zum 13. Jahrhundert waren die Juden die alleinigen Warenhändler Mittel-, West- und ^>üd-Europas gewesen. Die von ungefähr 13.00 ab überall entstehende national-heimische Kaufmannschaft hatte sich sofort gegen den alten, erbgesessenen Konkurrenten gewendet und, bald mit Gewalt, bald mit Gesetzen, die noch ärger als die Gewalt waren, sie auch tatsächlich aus dein eigentlichen, dem Engros-Warenhandel hinausgedrängt. Dieser Kampf war Grund und Kern all jener Judenverfolgungen, die sich durch mehr als drei Jahrhunderte in ganz Europa abspielten und zu denen die religiösen Motivs hie und da wohl die Veranlassung, in den allermeisten Fällen aber nur die dekorative Decke bildeten. Das Hauptbestreben dieser Gegner der Juden war dahin gerichtet, die bisherigen Kaufleute aus den Städten zu vertreiben, sie hinaus auf die Dörfer, auf das flache Land zu stoßen, wo sie natürlich für ihren Handelsbetrieb wenig Boden finden tonnten. In jeder Stadt mußte ein anderer Vorfall dazu den Vorwand bieten. In Preßburg war es die Schlacht von Mohacs, 1525; das ungarische Heer war vernichtet, die türtischen Heeresmassen Ergossen sich wie ein reißender Strom, über? all vor sich her Schrecken verbreitend, über! den größeren Teil Ungarns. Alles flüchtete. Einige Hausbesitzer in der damaligen Judengasse taten das Gleiche. Das veranlaßte den Stadtrat, bei der Königin-Witwe Maria gegen die sämtlichen Insassen der Gasse klagend aufzutreten und von der Königin die Vollmacht zu erbitten, die Juden vertreiben und ihre Häuser zugunsten der Stadt konfiszieren zu dürfen. Die Königin willfahrte 1527 dem Wunsche der 'Bürgerschaft unter der Bedingung. daß der Erlös zur Ausbesserung der Bastionen und Festung stürme verwendet werde. Die Juden wurden tatsächlich vertrieben, ihre Häuser verkauft. Das Beispiel Preßburgs fand auch in Oedrnburg Nachahmung, dasselbe Schauspiel hat sich auch dort vollzogen. Und die beiden Städte hatten nur das getan, was in jener Zeit fast in allen deutschen Städten geschehen war — allüberall hatte man die Juden vertrieben. *) Sigmmid Mayer: Ein jüdischer Kaufmann 1831—1911. (Duncker u. Humblot, Leipzig 1912.)