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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 392 Dr. Vlochs Wochenschrift. M.W2 Eine ganz merkwürdige psychologische Illustration zu dem, was sich auf diesem Gebiete vor mehr als 500 Jahren vollzogen hat, geben gewisse Vorgänge, die sich jetzt in Galizien abspielien. Dort haben d!ie Juden noch bis heute zumeist den Handel in ihren Händen, aber in der ganzen „Gesellschaft" herrscht, seitdem sich in den galizischen Städten angefängjrn hat, eine Bürgerschaft herauszubilden, das systematische Bestreben, sie durch christliche Organisationen, wie bfie Kolka rolnice usw., aus dem Handel zu verdrängen. Auch in Preßburg hatte sich um jene Zeit dieser Prozeß vollzogen, sie waren wie in ganz Deutschland um ihre kommerzielle Bedeutung vollständig gebracht worden; man hatte ihnen den Haüdssl mit Gewalt genommen, sie auf das Geldgeschäft allein gedrängt; mit ihrer Vertreibung hatten sie natürlich auchdiesen Erwerb verloren. Sie waren auf die tiefste Stufe gesunken, Hausierer und kleinste Krämer geworden. In Deutschland aber hatten die Juden sichnach kurzer Zeit vielfach in irgend einem Dorfe vor den -Mauern der Stadt, die sie hatkm verlassen müssen, angesiedelt, von wo aus sie wählend des Tages — wenn auch scheu und ängstlich — in die Stadt gelangten, um ihren Handel zu betreiben. . Das geschah, wenn auchin eigener Weise, in unserem Preßburg. Hart an eßner Seihe der Stadtmauer! begann das Gebiet des fürstlich Palffy'schen Majorats, welches sich bis zur Höhe des Schloß berges hinaufzog. Der Fürst gewährte den Juden Aufnahme und Schutz; dort siedelten sie sich an und bauten an der Berglehne eine Häuserzeile, von denen sich nur mehr sehr winzige unter den jetzt verbrannten befinden können, denn sie waren schon früher nahezu sämtlich einem großen Brande zum Opfer gefallen und durchdie jetzt zerstörten ersetzt worden. Im 18. Jahrhundert, wahrscheinlich noch in der ersten Hälfte desselben, wurden rings um die Stadt die Befestigungsmauern niedergelegt, der Stadtgraben ausgefüllt. Auf der der Ghettozeile gegenüber liegenden Strecke bauten die Juden eine zweite Reihe von Häusern; das letzte derselben in den 20 er Jahren des 19. Jahrhunderts (auf diese Weise entstand die zweite Seite der Judengasse). Die neue Zeile stand also nicht mehr auf Ghetto-, sondern auf städtischem Grund, auf welchem dem Gesetze nach die Juden nicht hätten wohnen dürfen; aber um -diese Parzellen rascher und besser verwerten zu können, konzedierte der Stadtrat den Juden das Recht, in diesen Häusern nicht nur zu atmen, sondern auch ihren Handel zu treiben. Die Gasse zeigte daher bis zum Jahre 1848 die merkwürdige Anomalie auf, daß die eine Seite derselben unter fürstlich Pallfy'scher, die andere unters städtischer Oberhoheit stand; was beispielsweise zur Folge hatte, daß alle jüdischen Handwerker nur auf Palffyscher Seite wohnen durften, da auf städtischer für das Handwerk der strengste Zunftzwang galt. Die Stadt Preßburg war damals zur Zeit der Neuvmsiedlung der Juden aus einer wirtschaftlichgünstigen in eine wirtschaftlich schlechte Lage gelangt; sie war jene Stadt, welche der aus ungarischer Kriegszeit stammenden, rein fiskalischen Zwischenzollinie zunächst lag und der stärksten Einbruchstelle nach- Ungarn und hatte darum einen stärken Transithandel aus und nach den Erblanden, den Import österreichischer Waren, den Erporü ungarischer Rohprodukte gichabt. Infolge der ständigen Türkenkriege und der fortwährenden Aufstände unter den beiden Rakoczy's und Tököly's lag der Handel, welcher vor allem der Sicherheit bedarf, in ganz Ungarn dar'-- nieder und war namentlich jener Preß bürg s ganz unterjgegangen. Die neu angesiedelten Juden begründeten als Ersatz einen anderen. Sie versorgten nicht nur die Stadtbevölkerung mit den Erzeugnissen der böhmischen,- mährischen und schlesischen Weberbezirke und der in Wien neu geschaffenen Tertilindustrije, sondern sie schafften auch einen Engroshandel,»indem sie die Kleinhändler, Krämer und Hausierer innerhalb eines sehr großen Kchises, der sich im Norden bis zu den Bergstädten, gegen Süden bis nahezu vor die Tore Pests, welches damals noch nicht die überragende Bedeutung hatte, und über die Donaü bis Qedenburg, zu ihren Kunden machten; Preßburg wurde wieder ein Handelsplatz, welcher für die österreichischen 'Fabriksplätze nicht ohne Wichtigkeit war. Mit dieser kommerziellen Bedeutung standen die lokalen und sozialen Verhältnisse im Judenviertel in starkem Kontrast. Dieses Ghetto, eine Mustertype für alle, bestand aus einer langen Gasse mit einigen winzigen Nebengäßchen, die an die Berglehnen hinauf stiegen. Dieselbe wurde noch jeden Abend auf beiden Seiten von der Polizei durch schwere eiserne Gitter abgespessct und konnte des Nachts, ohne daß letztere durch die Wächter geöffnet wurden, nicht verlassen werden. In dieser Gassenenge, der das Gesetz keine Erweiterung gestattete, waren ungefähr viertausend Menschen in schlechten, sanitätsWidrigen Häusern zusammengepfercht; in diesem engen Raume mußten sie leben, wohnen, sterben. In dieser Gasse, wo, um mit dem Dichter zu sprechen, „trübe und schwer der Himmel auf meinen Scheitel sich senkte", wurde nur gearbeitet^ Md' gesorgt, kannte man nicht das, was ein Leben voll Sorge und Arbeit allein erträglich macht, die stellenweise Unterbrechung des grauen Daseins durchzeitweilige Heiterkeit und 'Frohsinn. In dieser Gasse wurde nicht gelacht, selbst nicht von den Kindern. Diese Atmosphäre ging natürlich und hauptsächlich von den Verhältnissen in diesem Ghetto aus. Durch die Unmöglichkeit der Erweiterung gegenüber dem Anwachsen der Bevölkerung waren die Mietverhältnisse so unerträgliche geworden, daß schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts sämtliche Gemeindeglieder sich in einem Akte der Verzweßflung zusammengetan und einen Revers — man hieß ihn die „Chasoka" — unterschrieben hatten, daß es keinem Juden innerhalb der Gemeinde gestattet sein solle, eine Wohnung oder ein Geschäftslokal zu beziehen, das der frühere Mieter einer Zinssteigerung wegen hatte verblassen müssen. Die Verhältnisse waren aber stärker als dieser! papierne Schutz, der seine Kraft bald verlor und diese stete Angst des Ghetto-Insassen, wo er und seine Angehörigen ihre Häupter hinlegen oder seinen Erweich betreiben werde, waren unaufhörliche Sorgen, welche sich breit auf seine Stirne hinpflanzten und auf seine Gemütsverfassung den schlimmsten Einfluß ausüben müßten. Die Zustände innerhalb der Judenviertel in all diesen königlichen 'Freistädten — auf dem flachen Lande saßen die Juden unter den Bauern —, waren geradezu, unhaltbar geworden und hatten die Aufmerksamkeit aller Wohldenkenden, vor allem Franz Deük's, des damaligen 'Führers der liberalen Parstei, erregt. Er beantragte, daß den Juden aus unabweisbaren sanitären und sozialen Motiven gestattet sein solle, auch außerhalb des Ghetto zu wohnen; mit ihren Geschäftsbetrieben sollten sie weiter im Ghetto verbleiben. Aber auch schon diese gewiß sehr zahme Reform -erregte eine heftige Opposition. In der entscheidenden Sitzung des Landtages war ein Bsschof aufgestanden: „Wir können," sagte er, „den Juden überhaupt keine Konzession machen, weil die erste notwendig weitere Konzessionen hervorüufen wird!, bis diese Juden verlangen werden, Bürger des Landes zu fein, während sie nochimm'er in ihren Gebeten auf den Messias warten, der si!e nach Palästina zurückführen soll/

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